Obere Krämersgasse 1
Obere Krämersgasse 1 ist ein kleines, dreigeschossiges Hinterhaus von Burgstr. 19. Vom Vorderhaus ist es durch einen Hof getrennt und gegen Westen mit Nr. 3 zusammengebaut. Bemerkenswerterweise steht es zwischen zwei historischen Brandmauern. Während das massive Vorderhaus mit halbem Blendarkadengiebel (siehe diesen Beitrag) im 2. Weltkrieg unterging, überdauerte das Hinterhaus bis heute. Es besteht aus einem gemauerten Erdgeschoss, zwei Obergeschossen aus Fachwerk und einem Pultdach.

Obere Krämersgasse 1 im September 2009.
Eintrag in der Bayerischen Denkmalliste:
[...] zugehörig Handwerkerhaus, dreigeschossiger Traufseitbau mit Pultdach, Erdgeschoss massiv verputzt, Obergeschosse Fachwerk, dendro.dat. 1387, Veränderung der Nordfassade dendro.dat. 1822; rückwärtig in der Oberen Krämersgasse.
1387 ist natürlich ein sensationell hohes Alter für ein immer noch existierendes Fachwerkgebäude. Doch stammt die heutige Fassade auch noch aus dieser Zeit? Offensichtlich wurde das 1. Obergeschoss stark umgebaut und mit klassizistischen Fensteröffnungen versehen, was wohl mit dem erwähnten Dendrodatum 1822 zusammenhängt.
Nun gibt es noch ein Gemälde von 1641, welches das Hinterhaus ziemlich exakt wiedergibt:

Burgstr. 19 und rechts das Hinterhaus an der Oberen Krämersgasse. Zeichnung von 1641 im Stadtarchiv.
Es ist bemerkenswert, dass das Haus schon damals zwei Brandmauern aufwies, was sich mit dem heutigen Bestand deckt! War es vielleicht als Lagerhaus genutzt worden und zum besseren Schutz der gelagerten Güter mit zwei Brandmauern versehen worden? Mindestens das 1. Obergeschoss sieht aber vielmehr nach einem Wohnraum aus.
Nun folgt wieder eine Analyse nach Geschossen:
Erdgeschoss
Dieses weist heute zwei rundbogige Öffnungen mit Gewändeprofilen auf, wie sie vom 16. bis 18. Jahrhundert üblich waren. 1641 bestanden offenbar nur kleine Lüftungsöffnungen. Entscheidend ist nun die Mauerschwelle, auf der die Erdgeschossbalkenlage aufliegt. Während Fachwerkerdgeschosse aus dem 15. Jahrhundert wegen der weiten Pfostenabstände jeweils sehr kräftige Rähme aufweisen, ist hier nur eine dünne Mauerschwelle vorhanden. Bei einem Ersatz des Fachwerks durch Mauerwerk beliess man im Allgemeinen die originalen Rähme, da der Einbau einer neuen, schlankeren Mauerschwelle nur schwer zu bewerkstelligen war und keinen Vorteil bot. Ich gehe deshalb davon aus, dass das Erdgeschoss gleich alt wie die Fachwerkgeschosse darüber ist. Es ist auch denkbar, dass die Erdgeschosswand beim Bau des Hauses 1387 bereits als Hofmauer bestand.
Für die Betrachtung der beiden Obergeschosse habe ich die Fassadenansicht entzerrt und zur besseren Sichtbarmachung der Balkenoberflächen aufgehellt:

Obere Krämersgasse 1, entzerrte Ansicht der beiden Obergeschosse.
1. Obergeschoss
- In der Schwelle und in beiden Eckpfosten fallen die Blattsasse von angeblatteten Fussbändern auf. Diese wurden infolge der Fensterteilung von 1822 entfernt. Aufgrund ihres normalen Querschnitts bestanden wohl schon ursprünglich keine Bohlen, die breitere Fussbänder zur Folge gehabt hätten.
- Oben fallen an beiden Fassadenkanten die Blattsasse doppelter Kopfbänder auf. Solche kommen in Nürnberg nur noch an Bergstr. 10 von 1407 vor.
- Während die Schwelle gerade ist, hängt der Rähm durch. Es muss also einmal zu einer Stauchung der Wand gekommen sein.
- Darüber liegt eine enggelegte Balkendecke, was auf einen beheizbaren Raum hinweist.
- Die Ansicht von 1641 zeigt keine Bänder, dafür aber zwei Reihenfenster. Die enggelegte Balkendecke fehlt.
2. Obergeschoss
- Das 2. Obergeschoss zeigt keine wesentliche Änderungen am Fachwerk.
- Verstrebt wird es einzig durch eine angeblattetes langes Fussband.
- Die Pfosten und Stürze der beiden äusseren Fenster weisen einen Falz zur Aufnahme von Fensterläden auf. Ihre Kloben sind anhand der Löcher in den linken Fensterpfosten nachzuweisen. Infolge Haussetzung links ist das rechte Fenster nachträglich auf die gleiche Höhe wie das linke Fenster tiefergesetzt worden.
- Das mittlere Fenster ist nachträglich ausgebrochen worden. Anstelle eines Fensterpfostens und eines Sturzriegels zeigt es nur ein Gewände aus Brettern.
- Das Balkenbild stimmt mit Ausnahme der Verstrebung und des mittleren Fensters mit der Ansicht von 1641 überein.
Historische, vorfotografische Ansichten zeigen jeweils nur selten das balkengerechte Fachwerkbild einer Fassade und dürfen nicht 'wörtlich' analysiert werden. Oft kann wenigstens aber auf den 'Fachwerkstil' geschlossen werden. Die Ansicht von 1641 stimmt aber erstaunlich weit mit den Befunden überein.
Rekonstruktion:
Beim 1. Obergeschoss stellt sich die Frage, ob hier ursprünglich überhaupt ein Fenstererker bestand. Solche kommen nicht nur vor Bohlenstuben vor, sondern auch an ausgemauerten Fachwerkgebäuden bis ins 16. Jahrhundert. Die Ansicht von 1641 gibt keine Hinweise darauf. Aufgrund des stark durchhängenden Rähms und der gerade liegenden Schwelle gehe ich aber davon aus, dass hier schon ursprünglich keine tragenden Fensterpfosten bestanden. Bei einem Fenstererker lägen die Pfosten in der Erkerebene und nicht in der Ebene der tragenden Aussenwand, was einen Durchhang ermöglichen würde. Ohne Untersuchung am Bauwerk selber kann die Frage nach einem Fenstererker aber nicht schlüssig beantwortet werden.
Wichtig ist noch der Hinweis auf die Konstruktion der Fensterstürze an Bergstr. 10, wo die ursprünglichen Sturzriegel sehr wahrscheinlich zwischen die Eck- und Bundständer eingespannt waren. In Nürnberg war es im Gegensatz zum alemannischen Fachwerkbau üblich, die Fensterstürze zwischen die Fensterpfosten einzuzapfen. Es ist möglich, dass in Nürnberg ein Wandel in der Konstruktion der Fensteröffnungen um 1400 stattfand. Für die Rekonstruktion zeichnete ich nun einen Fenstererker, bei dem die doppelten Kopfbänder verdeckt werden.
Am 2. Obergeschoss ist nur das mittlere Fenster geschlossen und das rechte Fenster wieder höher gelegt worden.
So gewinnt man eine Vorstellung des Aussehens der Fassade nach deren Erstellung 1387, mit dem am Anfang bereits geschriebenen Vorbehalt, dass sie nie vollumfänglich ersetzt worden ist. Auch die Gleichzeitigkeit des 2. Obergeschosses ist durch eine reine Fassadenbetrachtung nicht belegbar.

Obere Krämersgasse 1, Rekonstruktionsversuch im Zustand von 1387.