Beiträge von Riegel

    Der Turmbrand von St. Lorenz 1865


    St. Lorenz Turmbrand 1865

    1902 gelaufene Ansichtskarte, H. Martin, Kunstverlag, Nürnberg.

    In den allgemeinen Baugeschichtsbeschreibungen über St. Lorenz findet man selten einen Hinweis darauf, dass der Aufsatz des Nordturms am 6. Januar 1865 infolge eines Blitzeinschlags Feuer fing. Die Glockenstube blieb zum Glück unversehrt, und der Turmhelm wurde unverändert rekonstruiert.

    Zwei für die damalige Zeit typische, ausführlichste Beschreibungen findet man hinter folgenden beiden Links:

    http://frankenland.franconica.uni-wuerzburg.de/login/data/1960_13.pdf

    Die Bezüge zu Bauhaus und Zwischenkriegszeit sind aber nur für den Kenner offensichtlich, bei beiden Beispielen. Die typischen Elemente mit abgerundeten Balkonen und Sichbacksteingliederungen sind zurückhaltend angewendet worden, und dadurch erscheint die Architektur gemässigt und einfach als 'normal und gewohnt' - weder schreiend modern noch konservativ, investorenmässig oder kurzlebig. Nur die Form des Baukörpers wurde leider zu wenig berücksichtigt und ein Dach überm Kopf fehlt. In Frankfurt ist es viel mehr eine 'Burg' anstatt eine platzbildende Bebauung. Jedenfalls würde es mir gefallen, wenn sich die moderne Architektur weiter in diese Richtung entwickeln würde anstatt in die zur Zeit herrschende Investorenarchitektur und Selbstdarstellungsarchitektur.

    Ihnen ist dort doch weitestgehend auch klar, dass das eher eine Vision ist, die eher unsere Enkel, wenn nicht gar Ur(Ur)Enkel. umgesetzt bekämen

    Im Moment zielen die Gedanken aber eher daraufhin ab, dass man sich diese Möglichkeit für die Zukunft nicht verbauen soll. Nur denke ich, dass eine Rekonstruktion des Venezianischen Hauses nicht die geleichen Cancen hat wie das Narrenhäusel, da es

    - nur wenigen Insidern bekannt ist
    - an eine Stelle zu stehen käme, wo im Moment rundherum einfach nur nichts steht (Busparkplatz), ausser zwei Plattenbauten in der Nähe.

    Das Narrenhäusel steht zudem an der Verbindungsachse von der Altstadt zur Neustadt, was beim Venezianischen Haus nicht der Fall wäre. Von daher denke ich nicht, dass dort in den nächsten Jahrzehnten überhaupt Gedanken zu einer städtebaulichen Verdichtung/Rekonstruktion aufkommen werden.

    "Umwschwung"

    Was ist das? Umgriff?

    'Umschwung' wollte ich schreiben. Wir benennen so die Freiflächen einer Liegenschaft, also Vorgarten, Garten, Hofraum, Waldfläche, Anteil am Bachufer (und auch privater Tennisplatz und Helikopterlandeplatz :wink:).

    Den Fachwerkoberbau könnte man 1 : 1 an den Brüderweg 7 in Halle setzen,

    Wobei ich gesehen habe, dass Halle in Luftlinie doch 150 km weit entfernt liegt, und eine Stadt kann kein Freilichtmuseum für Bauten aus andern Regionen sein. Mir ist einfach die ähnliche Grösse und das Erscheinungsbild des Fachwerkteils beider Bauten spontan in den Sinn gekommen. Ob sie aber 'fachwerkbaugeschichtlich' zusammenpassen, weiss ich nicht.

    'Denkmalpflegepolitisch' wäre eine Versetzung nach Halle wahrscheinlich auch nicht klug, da dort das Thema Rekonstruktion ins Lächerliche gezogen werden könnte, so quasi als Mix von Rekonstruktion und Freilichtmuseum - für manche Leute gerade zwei Schimpfwörter. - Die sollen dort den Investor nur mit einer Rekonstruktion plagen. :smile:

    Um die Verhältnisse in Dankmarshausen zu kennen und etwas bewirken zu können, müsste man wirklich aus der Region sein. Von ausserhalb findet man in solchen Fällen nur eine Handvoll Unterstützer, mehr nicht. Da müsste wirklich spontan noch ein Idealist mit angemessenem Kapital erscheinen.

    Zuerst öffnete ich blueketz's Link, und dann dort weiter den Link 'Dokument anzeigen'. Dort kann man in einer Bilderreihe die Stellungnahme der Kirchgemeinde lesen. Irgendwie nachvollziehbar, wie alle Bemühungen erfolglos blieben. Ich dachte da halt ans Los vieler abgelegener Ortschaften.

    Dann versuchte ich über Google Maps mehr Ansichten der Umgebung zu finden und begann einfach zufällig mal bei 'Unterm Berg'. Viele idyllische Häuser mit Gärten, schön gelegen... nach zwei Rechtsabbiegungen landete ich dann auf dem zentralen Platz, der voll von gleichartigen Gebäuden besetzt ist und an dem auch das gesuchte Pfarrhaus steht. Wo ist aber der Haken, dass dieses Haus keinen Interessent gefunden hat? Fehlenden Umwschwung könnte man doch vom rückliegenden Garten des Gemeindesaales abtrennen. Oder ist die Lage neben einem Friedhof ein Problem?

    Platzansicht: Google Maps

    Rückansicht (links, mit verkleideter Giebelwand): Google Maps

    Den Fachwerkoberbau könnte man 1 : 1 an den Brüderweg 7 in Halle setzen, wo infolge Vernachlässigung vor einem Jahr ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus auf Anordnung der Stadt abgerissen wurde.

    Halle (Saale) - Architekturforum Architectura Pro Homine
    Hallo! hier ein kleiner Beitrag auf einen sehr grossen Misstand im Hinblich auf historisches Bauen: die Stadt Halle war die wohl am wenigsten vom Bombenkrieg…
    stadtbild-deutschland.org

    Es fällt auf, dass der Sockel und die Steinpfeiler aus kleinen Kacheln bestehen. Auf Google maps kann man den Glanz besser erkennen. Für unser gewohntes Auge mag so eine feingliedrige Struktur eigenartig wirken, wenn sie gekachelt ist und glänzt, aber im Hinblick auf langfristigen Unterhalt und Ansehnlichkeit war das keine schlechte Wahl. Auch wenn um 1900 Graffitis noch unbekannt waren, war Verschmutzung schon damals ein Problem.

    Nein, ich habe keine Ironie bemerkt, jetzt musst Du mich mal aufklären :wink:

    Dein Vorschlag stiess aber nicht auf Gegenwind. Herr Herrmann kommentierte ihn einfach und fügte noch hinzu "Aber gut, wer das RZGebäude von innen noch nicht kennt, kann ja diese Führungen mal mitmachen um sich ein persönliches Bild vor Ort zu machen." Und Andersdenkender wies darauf hin, dass von den Befürwortern des Erhalts eine solche Führung wohl benutzt werden wird, um ihre Argumente auch dort zu verbreiten.

    Nicht-existente Gebäude

    Das ist ein guter Begriff, der in der Fachwelt eigentlich Eingang finden sollte. Vielleicht kann man ihn noch ergänzen mit 'besser nicht-existente Gebäude'.

    Aber allen Ernstes frage ich mich, wie solche Entwürfe mit grobschlächtigster Rasterung überhaupt noch geduldet werden, und das an zentralsten Lagen. In Dresden haben wir in den Foren solche Bauten gesehen, sogar in Konstanz drei mal auf Altstadtgebiet, Freiburg, Innsbruck, und und und. Und dann schwafelt die Presse noch 'planen den Bau hochwertiger Gebäude' oder betiteln sie mit 'neues Highlight'.

    Im diesem Artikel vom 2.8.2024 hiess es:

    "Das neue Rathaus soll über 3 Millionen kosten und wird in den nächsten Jahren die größte Investition der Gemeinde sein. In diesem Zusammenhang gibt es bis zu 50 Prozent Förderung."

    Ich nehme nicht an, dass diese 3 Millionen der ursprünglichen Baukostenberechnung entsprechen, sondern dass das so zu verstehen ist, dass bei einem Bauvorhaben von mehr als 3 Millionen bis zu 50 Prozent gefördert werden.

    Chaos vorprogrammiert - bei hundert Kässelis dürfen auch hundert Leute mitreden und werden hundert Tonnen Papier produziert.

    In diesem Artikel könnte man fast zu jedem dritten Satz etwas schreiben... Wurde da nicht bereits schon über Abbruch und Neubau abgestimmt? Weiss jemand, welche Baukosten damals angegeben wurden? Kein Wort davon im Artikel. Das alte Rathaus wurde im August 2025 abgerissen... Und jetzt, wo der Abriss schon bald ein Jahr her ist, kommt man mit Forderungen nach Einsparungen und Raumprogrammänderungen. Ich bin schon fast geneigt, dies als Retourkutsche für die Ablehnung des Erhalts des Dachreiters zu werten. Einige Worthülsen:

    "Ziel soll es sein, mindestens 35 Prozent der Gesamtkosten einzusparen."
    [zweimal wird im Artikel auch 25 Prozent erwähnt]

    "... das geforderte 25 Prozent Einsparziel so umsetzen zu können."

    "Auch das Raumprogramm ist nicht beliebig veränderbar."

    "Mittel aus dem Klimaschutz, diese werden erst gewährt, wenn die Baugenehmigung eines Vorhabens erteilt ist."

    "Die Mittel aus der Stadtsanierung stehen bis April 2027 gesichert zur Verfügung."

    "der Sitzungssaal wird keine Versammlungsstätte im Sinne der Landesbauordnung, damit gehen zum Beispiel erhebliche Kosteneinsparungen beim Aufzug einher. Diesen benötigt man zur Barrierefreiheit, jedoch nicht in der Dimension, die man aus Krankenhäusern kennt."

    "Schließlich bestehen sicherlich auch bei der Auswahl von Materialien weitere Einsparpotentiale. Diese möchte ich, wo vertretbar und möglich, im Zusammenwirken mit dem Gemeinderat und meinem Rathausteam verantwortungsbewusst umsetzen."

    "Die Verantwortlichen des Bürgerbegehrens und die Bürgerschaft müssen wissen, eine Änderung im Sinne des Bürgerbegehrens produziert Zusatzkosten bei der Planung, davon ist im Bürgerbegehren nicht die Rede. Ebenso übersehen die Initiatoren des Bürgerbegehrens zusätzlich anfallende Mietkosten im Interimsrathaus. Und letztlich kennt jeder in Deutschland die derzeit wieder anziehende Inflation. Alles Gründe zeitnah Klarheit in der Umsetzung zu haben. Ebenso die Kosten eines Bürgerentscheides selbst."

    Schlusssatz:
    "Gelegentlich wurde moniert, dass Angaben zu Kosten fehlen, doch genau dies war vor dem 18. März einigermaßen belastbar nicht möglich."

    Beste Voraussetzungen wie beim BER, Elbphilharmonie, Stuttgart 21... aber einfach auf dem Lande und im Massstab 1:87, wo Mauscheln noch einfacher ist. Ich bin gespannt auf den Eröffnungstermin und die Bauabrechnung. Auch diese ganze europaweite Quersubventioniererei aus x Kassen und Kässelis und europaweite Ausschreibungspflicht sind nicht fördernd für Bauvorhaben.

    Ich verschaffe mir immer zuerst einen Überblick mit Google Maps. Den Anstoss dazu hattest Du mir mit deiner Aussage gegeben, ob es wohl der Bahnhof selbst sei oder das Direktionsgebäude. Aus Erfahrung sind oft Bahnhofensembles vorhanden, und nicht nur ein Empfangegebäude allein. Meistens stehen Direktionsgebäude frei und sehen eher nach Wohnhaus aus, so wie ein Direktionsgebäude einer Fabrik. Der Begriff 'Alte Direktion' erschien dann aber erst bei sehr nahem Heranzoomen.

    Google Maps zeigt bei näherem Heranzoomen südwestlich des Bahnhofgebäudes die 'Alte Direktion' an. Es wird sich um dieses Gebäude handeln, und nicht um den Bahnhof selbst. Dort ist offenbar eine Bausparkasse und ein Veranstaltungsraum drin. Bei der folgenden Einstellung sieht man im Hintergrund das Empfangsgebäude:

    Street View-Ansicht von „Alte Direktion“ · Google Maps
    Bürgermeister-Tretow-Straße 13, 17139 Malchin, Deutschland
    maps.app.goo.gl

    Die Pressemitteilung stammt vom Ministerium für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt - also nicht von einem Amt, das für das Gebäudemanagement zuständig ist. Nicht-Bausachverständige können eben nicht zwischen Empfanggsgebäude, Direktionsgebäude etc. einer Bahnhofanlage unterscheiden :wink:. Umgangssprachlich meint man mit 'Bahnhof' oder 'Bahnhofgebäude' das Empfangsgebäude, und sicher nicht ein Direktionsgebäude. Insofern ist der Titel der Pressemitteilung unglücklich gewählt.

    Hier noch der Blick durch das gotische 'Kalensches Tor' auf die Seitenfassade des Direktionsgebäudes:

    Street View-Ansicht von „Alte Direktion“ · Google Maps
    Bürgermeister-Tretow-Straße 13, 17139 Malchin, Deutschland
    maps.app.goo.gl

    Zum Abschluss folgt eine Bilderreihe, welche das Haus im Zustand seit seiner Entstehung bis heute zeigt:


    1. Hälfte 15. Jahrhundert:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Nordfassade Westfassade 15.Jh
    Rekonstruktionsversuch bei einem hypothetischen Kernbau aus dem 15. Jahrhundert für die Nord- und Westfassade.

    So etwa hätte das Haus ausgesehen, wenn die unteren drei Geschosse effektiv älter als 1523 wären. Aufgrund des doppelten Rähms (hier verdeckt durch die ausladende Dachtraufe) gehe ich von einer Bauzeit in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus, als die Dächer normalerweise einen Neigungswinkel von 25 - 30 Grad aufwiesen und mit Brettschindeln gedeckt waren. Der letzte Stadtbrand vom 20. April 1418 und das häufige Aufkommen von steileren Dächern mit 40 - 45 Grad Neigungswinkel ab 1450 mit gleichzeitigem Verschwinden der doppelten Rähme grenzen den Zeitraum ein. Ein um 90 Grad gedrehtes Satteldach, wie man es bei diesem Bautyp eher erwarten würde, kann ausgeschlossen werden. Der doppelte Rähm dient als Auflager für die Rafen und zeigt somit die Traufseite an.


    1523:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Nordfassade Westfassade
    1. Rekonstruktionsversuch für die Nord- und Westfassade im Zustand von 1523.

    Aus allen bisher beschriebenen Details resultiert nun dieser Rekonstruktionsversuch für beide Fassaden im Zustand von 1523. Für die genaue Fensteranordnung gibt es im jetzigen Zustand keine Hinweise, aber sie wurden aus analogen Fachwerkbauten in der Stadt übernommen. Insbesondere in der linken Hälfte der ersten beiden Obergeschosse sind die Einzel- und Zwillingsfenster nur eine Annahme und können variieren. Jedenfalls stammt die heutige axiale Fensteranordnung mit hochformatigen Einzelfenstern, welche die originalen Brustriegel durchschneiden, erst aus dem 19. Jahrhundert.


    1800 bis 1899:

    Spisergasse Turmgasse Brunnen 1886 Rietmann KB VSRG 73554 Ausschnitt
    Turmgasse 6 in einem Ausschnitt aus einer Fotografie von 1886. Foto O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Turmgasse 6 west
    Turmgasse 6. Bild auf einer Reklamepostkarte von 1900, Sammlung Riegel.

    Die Fassaden waren 1886 noch nicht verputzt, sondern geschlämmt, wodurch das Fachwerk in seiner Struktur sichtbar blieb. Die Fensteröffnungen aus dem 19. Jahrhundert zerschnitten die originalen Brustriegel. Der Halbwalm wurde um 1870 beim Neubau des Nachbarhauses abgeändert.


    1900 bis 1965:

    Ak Turmgasse 6 Zumbühl
    Turmgasse 6 im Zustand von 1900 bis 1965. Ansichtskarte um 1940/50, Fotograf A. Zumbühl, Sammlung Riegel.

    Der Umbau von 1899/1900 gab den bis dahin immer noch spätmittelalterlich anmutenden Fassaden ein historistisches Erscheinungsbild, wobei die Balken mit Brettern aufgedoppelt und das Balkenbild stellenweise verändert und vereinheitlicht wurde. Das Erdgeschoss erfuhr eine weitgehende Erneuerung samt Tieferlegung des Bodens.


    Ab 1966 bis heute:

    turmgasse 6 30.09.2016 2007


    turmgasse 6 27.08.2025 4698

    Beim Umbau von 1965/66 wurde das Haus 'Hinterm Turm' zum Annexbau des benachbarten Schulhausneubaus degradiert, nachdem es während rund 500 Jahren als Wohnhaus gedient hatte. Die Zusammenlegung beider Bauten und der Einbau eines Treppenhauses führten vor allem im mittleren Bereich zu einem grossen Substanzverlust.

    Die Fassaden erfuhren teilweise Vereinfachungen, die ihren historistischen Ausdruck ein bisschen abmilderten. Insbesondere am 3. Obergeschoss wurden dafür die beiden Reihenfenster der Bohlenstuben rekonstruiert. Die gegenüber den Balken zurückliegenden Putzflächen wurden balkenbündig neu verputzt, sodass das Fachwerk seither beinahe wie eine Tapete wirkt.


    Ich möchte damit die baugeschichtliche Betrachtung von Turmgasse 6 abschliessen. Auch wenn die Baugeschichte nicht so interessant ist wie jene anderer Bauten in der Altstadt (Schwertgasse 23 beispielsweise birgt fünfzehn Bauetappen!), so ist dieses Haus für die Bauforschung wichtig, da es viele interessante, teilweise noch unveränderte Bauteile innerhalb eines Objekts birgt: Wandständerkonstruktion, Auskragungen, Bohlenstuben, Halbwalmdach, Pultdach, Aufzugsgiebel. Auch das hohe Alter und die reichhaltige Dokumentation - auch wenn verstreut - zeichnen Turmgasse 6 als Forschungsobjekt besonders heraus.

    Amtsdeutsch vor 500 Jahren:

    Es folgt nun ein Transkript des Spruchbriefs von 1523. Einige Wörter sind unsicher zu entschlüsseln und zur Kennzeichnung unterstrichen. Satzzeichen wurden nur spärlich verwendet und sind so belassen worden. Die Gross- und Kleinschreibung ist der heutigen Grammatik angepasst worden.

    Und... es ist Schriftdeutsch und kein Schweizerdeutsch :wink:

    [...] Ich hoffe, dass hier der Spruchbrief von 1523, der vom Neubau des Hauses handelt und die künftige Benutzung der gemeinsamen Haustrennwand mit dem Nachbar regelte, weitere Informationen enthält. Oft ist es eine Interpretationssache, ob von einem Neubau oder Umbau/Aufstockung gesprochen wird. [...]

    Turmgasse 6 Spruchbrief 1523 Ausschnitt


    Turmgasse 6 Spruchbrief 1523
    Spruchbrief von 1523, Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

    Zitat

    Wir Bürgermeister und Räte der Statt zu Sandt Gallen thund Kundt allermemgklich mit diesem Briefe, als sich denn etwas Spenn und Irrungen erhept und gehalten habend zwüschen den wirdigen from und ersamen Herren Ulrichen Gyrtanner Priester und Caplan Sandt Francisten Altars in unnser Pfarrkirchen zu Sandt Lorenzen hie zu Sandt Gallen an ainetn und Frow Madalena Kromin wylent dess ersamen und wysen Hannsen am Graben unsers Bürgers selige elich nachgelassner Wittwen und Petern Grafen unnserm Ratsfründ irem rechtgeordnetten Vogt am anndern Thaile. Da sich dann bemelter Herr Ulrich Girtanner beclagt wie die bemelt Frow am Graben ir Egghus hinder bemelter Sandt Lorenzen Pfarrkirchen nechst an seiner Pfrundhus gelegen nidergebrochen und damit im auch etlich Wand an seinem Pfrundhus dannen gethon und ain anders wider uffzeführen und dasselbig uff die gemainen Mur so zwischen iren Hüser ist zesezen wollen hett, da er nu achte das sy an dem und uff söllicher Mur gegen seinem Hus zeserr faren wolt das er uss Pflichten so er seiner Pfrund verbunden were, zugestatten oder nachzulassen nit Macht hette, sonder zubesorgen wo die Frow am Graben irem Anclag nach bis in das Thach hinuf faren wurd es gedachtem seinem Pfrundhus in den obern Gemachen noch mer Abbruch geperen und legt damit zünerlesen dar ainen alten pirmenten besigelten Briefs von den Inhabern obberürter irer baider Hüser ufgericht begerende by demselben und sins Hus Gerechtigkeit zebeliben und gehanthapt zewerden, dargegen aber die Frow am Graben sampt irem Vogt vermaint das sy annders nit zebuwen understanden denn sy nach Innhalt beriirts Briefs wol fug und Macht het söllicher Buw wurd auch Herr Ulrichs Pfrundhus dehain schaden sonnder Nutz bringen, als sy hoffte so der Buw ufgefüret wurd man söllichs erstechen mit Beger das man sy mit söllichem Buw fürfaren wölte lassen so das gesthech und der Buw volstreckt und denn besichtigt wölte sy erwarten was denn mit recht erkent wurd hieruf und nachdem sollicher buw volstreckt ist worden habend wir unsern Buwmaister sampt etlichen unsern Radtsfründen und den geordnetten zu den Buwen besthanden uff die Stöss zegen mit benelh die aigentlich zebesichtigen, auch baid Tail in irem Fürtrag auch Brief und annder Gwarsam was Not ist Feuerhören und darauf die Parthien söllichs Spans in unnserm Namen zeentscheiden das sy geton und uff Besichtigung des Spans verhörung obangezaigs Briefs und allen Fürtrag zu Recht erkennt habend das Herr Ulrich Girtanners Brief in Krefften beliben dargegen so sölle die Frow am Graben by der Wand wie sy die in nuw Sul gewandet hatt beliben doch das die Wand gemein sin also das Herr Ulrich ald wer sin Hus inhat in sölch Wand ouch nülten und naglen mögen nach ir Notturfft von der Frowen am Graben und wer ir Hus innhat ungesumpt und ungeirrt in all weg, des zu erkund habennd unnser Statt se.... Insigel doch uns gemain unnser Statt und Nachkomen unschedlich offen...ch lassen hemken an disen Brief der geben ist uff Donstag vor dem hailigen Pfingstag nach Cristi gepurt gezalt fünffzehenhundert zwanzig und drei Jar.

    Der Inhalt solcher Spruchbriefe und auch Urkunden ist oft nur schwer verständlich und mit vielen Floskeln 'garniert'. Dann ist Interpretation gefragt. Zuerst muss aber überprüft werden, ob sich der Spruchbrief überhaupt auf die heutigen Häuser Turmgasse 6 und Kugelgasse 17 bezieht.

    Der Spruchbrief ist wohl zusammen mit andern Briefen direkt von der Familie Schlatter ans Stadtarchiv übergegangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass über Jahrhunderte hin in einer Familie ein Brief eines andern Hauses aufbewahrt worden wäre. Aufgrund der Namen und Ortsangaben darf man daher ausgehen, dass mit dem erwähnten Gebäude wirklich Turmgasse 6 gemeint ist. Hinter St. Laurenzen gibt es einzig die Kreuzung Turmgasse / Kugelgasse mit folgenden Eckhäusern:

    • Turmgasse 6
    • unter gleicher Nummer der Schulhaustrakt von 1965/66 anstelle des Vorgängerbaus Kugelgasse 17. Dieser wiederum ersetzte um 1870 im Norden das Pfrundhaus und im Süden eine Apothke. Das Pfrundhaus soll 1813 gemäss Spruchbrief von 1819 neugebaut worden sein. Das Pfrundhaus wird in mehreren Urkunden in nachbarrechtlichen Angelegenheiten erwähnt, weshalb seine Lage als gesichert gelten darf.
    • Kugelgasse 16, schon vor dem 1878/79 erfolgten Neubau von Spisergasse 12 mit seiner vorspringenden Ecke ein Eckhaus. Erst der Neubau von Spisergasse 12 machte Kugelgasse 16 zu einem wirklichen Eckhaus, weil damals die Kugelgasse, die bis dahin hier nur ein schmaler Personendurchgang war, verbreitert wurde und die alte Rückfassade von Spisergasse 12 entlang der Turmgasse weiter zurück stand. Eine Verwechslung des im Spruchbrief erwähnten Eckhauses mit Kugelgasse 16 kann ausgeschlossen werden, da dessen Besitzergeschichte weit zurück bekannt ist.


    Turmgasse 6 2026 1863Stadtplan 2026: Die doppelt gestrichelte Linie unterhalb der Ziffer '6' ist die Haustrennwand, von der im Spruchbrief die Rede ist. Grün sind die historische Baufluchten von Spisergasse 12 bis 1878. Stadtplan 1863: Nr. 780 ist Turmgasse 6, Nrn. 781 (Pfrundhaus) und 782 sind die um 1870 abgebrochenen Vorgängerbauten von Kugelgasse 17.

    Mich interessiert nun aber besonders, ob es sich bei der Streitsache von 1523 um einen Neubau oder eine Aufstockung gehandelt hatte. Den Inhalt des Briefs zusammengefasst und in verständlicheres Deutsch gebracht:

    "Der Bürgermeister und Rat der Stadt St. Gallen verkündet, dass sich einerseits zwischen Herr Ulrich Girtannner, Priester und Kaplan zu St. Laurenzen, und andererseits Magdalena Kromm, Witwe des Hans am Graben, verbeiständet durch unseren Ratsfreund Peter Graf, Streitigkeiten ergeben haben. Herr Girtanner beklagt sich, weil Frau am Graben ihr Eckhaus hinter der St. Laurenzen-Pfarrkirche, neben seinem Pfrundhaus, 'niedergebrochen' und etliche Wände entfernt hatte, und ein anderes wieder aufführen und auf die gemeinsame Mauer zwischen ihren Häusern setzen wollte. Er achte (oder beobachte) nur, dass sie an und auf dieser Mauer zu sehr(?) abstützen(?) wollte, und dass er aus Pflichten aus seiner Pfrund nicht die Macht habe, das zu gestatten, sondern besorgt sei, dass Frau am Graben bis ins Dach hinauffahren möchte und es dann in seinem Pfrundhaus noch mehr Abbrüche geben wird. Er legt einen Siegelbrief vor, der die Inhaber beider Häuser verpflichtet, die Rechte des einen und andern Hausbesitzer zu wahren und anzuwenden. Frau am Graben samt ihrem Vogt vermeint aber, dass es nicht anders geht. Der Bau würde dem Pfrundhaus nicht schaden, sondern Nutz bringen. Sie hoffe, man solle nach Fertigstellung und Besichtigung des Baus feststellen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Nach Vollendung des Baus besichtigte der Stadtbaumeister und weitere Ratsherren und Baubeigeordnete offenbar das Haus und stellten schliesslich einen Vertrag aus, dass Girtanners alter Brief in Kraft bleiben und die neue Wand beiden Hausbesitzern und ihren Nachfolgern gehören soll. Donnerstag vor Pfingsten 1523."

    (Das Pfingstwochenende steht ja gerade bevor, womit dieser Spruchbrief genau 503 Jahre alt wird. Ich habe jedoch noch keine verlässliche Datumsberechnung gefunden, aber es muss der 21. oder 24. Mai 1523 gewesen sein.)

    So ganz eindeutig klar ist der Inhalt immer noch nicht. Wichtig ist folgende Passage:
    'wie die bemelt Frow am Graben ir Egghus hinder bemelter Sandt Lorenzen Pfarrkirchen nechst an seiner Pfrundhus gelegen nidergebrochen und damit im auch etlich Wand an seinem Pfrundhus dannen gethon und ain anders wider uffzeführen und dasselbig uff die gemainen Mur so zwischen iren Hüser ist zesezen wollen hett'

    damit zwingend ein Neubau gemeint sein, oder könnte es sich auch um eine Aufstockung handeln, für welche vorgängig der alte Dachstuhl entfernt wurde? Weiter heisst es:

    'sonder zubesorgen wo die Frow am Graben irem Anclag nach bis in das Thach hinuf faren wurd es gedachtem seinem Pfrundhus in den obern Gemachen noch mer Abbruch geperen'

    Offenbar wollte sie den Neubau höher bauen lassen, was aber bei einer Aufstockung auch der Fall gewesen wäre, und Girtanner befürchtete noch weitere Abbrüche. Auch nach mehrmaligem Lesen des Spruchbriefs wird nicht klar, ob von einem Neubau oder einer Aufstockung geschrieben wird, obwohl der Wortlaut eher auf Ersteres hinweist. Insofern ist es also verständlich, dass Salomon Schlatter aus diesem Spruchbrief ableitete, dass das Haus 1523 neu gebaut wurde und spätere Autoren diese Meinung übernahmen.

    Wenn man aber Kenntnisse über andere Spruchbriefe, Bauprotokolle etc. und vor allem über deren Formulierungen hat, liegt eine Aufstockung anstelle eines Neubaus immer noch im Raum. Gerade beim kompletten Ersatz von bestehenden Bauten, was bis vor 150 Jahren eher die Ausnahme war, ist im Allgemeinen die Formulierung 'von Grund auf'üblich, was bei Turmgasse 6 nicht der Fall ist.

    Jedenfalls bleibt es spannend, bis eine allfällige Dendrodatierung von Turmgasse 6 Klarheit über die Baugeschichte geben wird. Vorläufig sind aber keine Umbauabsichten bekannt, bei der das Balkenwerk für Probenentnahmen freigelegt wird, aber ich hoffe, dass Turmgasse 6 nicht ewig als Dependance für ein Schulhaus herhalten muss.

    Ja, das stimmt. Ich frage mich, wie der Begriff 'Estrich' in unserem Sprachgebrauch für Dachboden gekommen ist. Estrich als Unterlagsboden ist seit jeher bekannt, auch bei den Griechen und Römern mit ihren Mosaikböden, die ebenfalls in einen Estrich gelegt sind. Bei bauhistorischen Untersuchungen kann man aber oft feststellen, dass Dachböden bis ins 18. Jahrhundert oft mit Tonplattenböden belegt wurden. Insofern gab es also im Dachboden oben einen Estrich als Bodenbelag. In der Schweiz hört man oft als Synonym für Estrich 'd'Windi' (die Winde), also der Raum mit der Aufzugswinde.