Beiträge von Riegel

    Diese Ansicht ist insofern speziell, weil es sich um eine sehr frühe Ansichtskarte aus dem Jahr 1897 handelt. Erst ab etwa 1896 setzten sich Ansichtskarten in Deutschland durch. Bei diesen frühen Ansichten waren neben Lithographien auch Mondscheinansichten sehr beliebt. Ansichtskarten findet man vor allem ab dem Jahr 1899, Karten davor sind Raritäten.

    Ungewöhnlich ist auch das Format von 9.0 x 13.0 cm, weshalb ich überhaupt auf diese Karte aufmerksam wurde. Zuerst dachte ich, dass sie beschnitten ist, was aber kaum der Fall ist. Üblich war damals das Postkarten-Kleinformat von 9.0 x 14.0 cm, und erst ab den 1930er Jahren kam das heute übliche Format von 10.0 x 15.5 cm auf.


    Ak Burg Mondschein Schnee 1897

    Kaiserburg und Tiergärtnertorturm. 1897 gelaufene Mondscheinkarte, Verlag 'Albrecht Nürnberg'..

    Eine einfältige und primitive Architektursprache, wie sie heute DER Standard ist. Zur Auflockerung der gerasterten Fassade noch ein paar horizontal liegende, versetzte Fenster hinzufügen sowie einen stumpfen Winkel im Grundriss der Dachaufbaute. Wenn man die weiteren Bilder der Galerie anschaut, sieht man auch die modisch amorphen Beeteinfassungen, Ringlampen, Treppen mit Sitzstufen... alles gängige Elemente, damit man heute einen Wettbewerb gewinnen kann. Die 'Taucherbrille' rechts oben auf dem Altbau ist ein modisches Element aus den 1990er-Jahren, von dem heutige Architekten Mühe haben, sich loszureissen.

    Wäre ich im Preisrichtergeremium gesessen, hätte dieser Entwurf sicher keinen Preis gewonnen, da die obligatorische Wasserpfütze auf dem Vorplatz fehlt.

    Der Bau der Gottfried-Keller-Strasse von 1906 bis 1908:


    Während an der östlichen Tobelflanke die 1847/48 erstellte St. Georgen-Strasse den Weg anstatt über die Mühlenstrasse nach St. Georgen hinauf erleichterte, blieb die westliche Tobelflanke bis 1906 frei. Einzig die in den 1880er Jahren erstellte Fluhstrasse erforderte einen kleinen Felsabtrag. St. Georgen erlebte ab 1900 eine enorme Wohnbautätigkeit, während die ab dem frühen 19. Jahrhundert sich dort etablierte Industrie aufgrund der Lage abseits von wichtigen Verkehrswegen und Bahnanschluss an Bedeutung verlor. 1904 waren bereits Vorplanungen für eine Strasse zwischen St. Georgen und dem Bahnhofquartier im Gange, wobei nur der Weg durch die Westflanke des Tobels in Frage kam. Realisiert wurde schliesslich die Gottfried-Keller-Strasse mitten in der steil abfallenden Nagelfluhwand. Hierzu waren massive Felsabträge nötig und auch der Bau eines Lehnenviadukts (Hangviadukt). Bei Mühlegg mündete die neue Strasse schliesslich in die St. Georgen-Strasse. Gleichzeitig erfolgte auch die Verlegung und der Ausbau der Berneggstrasse sowie eine Korrektur der Felsenstrasse.


    1907 war das Strassenbauvorhaben im Wesentlichen vollendet (in der Literatur 'INSA 1850-1920' und 'St. Gallen. Ortsbilder und Bauten' wird als Bauzeit jeweils 1907/08 angegeben):

    Ak Gottfried Keller Strasse Mülenen 1908 Umiker 1287Blick von der St. Georgen-Strasse auf die neue Gottfried-Keller-Strasse mit dem Lehnenviadukt. 1908 gelaufen Fotoansichtskarte, C. Umiker, Sammlung Riegel.


    Ak Gottfried Keller Strasse Mülenen 1909 Umiker 1286
    Blick auf den Lehnenviadukt. 1909 gelaufen Fotoansichtskarte, C. Umiker, Sammlung Riegel.


    Ak Mühlentobel Gottfried Keller Strasse Photoglob rotrandig
    Blick auf den Lehnenviadukt und ins Stadtzentrum hinunter. Ungelaufene Kunstkarte um 1916/20 auf Grundlage einer älteren Fotografie, Photoglob Zürich, Sammlung Riegel.


    Bei grösseren Bauvorhaben war es früher üblich, den am Bau beteiligten Planern und Baufirmen zum Dank und zur Erinnerung ein Bild des Bauwerks oder auch einer Gruppe von Personen zu schenken. Ein solches Bild entdeckte kurz vor Weihnachten ein Bekannter von mir in einem Brockenhaus - mitten in hunderten von Bildern, die vergeblich auf Käufer warteten. Sein spontaner Gedanke war, dass dieses Bild in meine Sammlung gehört und er mich daraufhin mit einem frühen Weihnachtsgeschenk überraschte:

    Lehnenviadukt im Bau 1906:07
    Bild mit sieben Teilansichten vom Bau der Gottfried-Keller-Strasse und der Berneggstrasse sowie von der Verbreiterung der Felsenstrasse, 1906/07. Rahmenaussenmasse 89 x 72cm. Sammlung Riegel.


    Auch die Projektpläne sind im Archiv der städtischen Bauverwaltung noch vorhanden:

    Gottfried Keller Strasse Lehnenviadukt 1905 AusschnittxProjektplan mit Ansicht des Lehnenviadukts (Ausschnitt), 1905. Archiv der städtischen Bauverwaltung.

    Von drei vorgesehenen Trottoirausbuchtungen wurde nur eine realisiert, dafür aber weiter oben. Ebenso fielen auch die Leuchtkandelaber weg, und die Trottoirbrüstung wurde schlichter ausgeführt. Diese Vereinfachungen empfinde ich als positiv, da sie die Monumentalität des Bauwerks milderten. Die massiven Felsabtragungen waren schon ein genügend grosser Eingriff ins Mühlentobel.


    Gottfried Keller Strasse Berneggstrasse Planauflage 1905 BA
    Auflageplan für das Strassenprojekt Gottfried-Keller-Strasse und Berneggstrasse, 1905. Am rechten Bildrand ist das Mühlentobel angeschnitten. Archiv der städtischen Bauverwaltung.

    Strassenneubauten am Bernegg-, Freudenberg- und Rosenberghang erforderten jeweils grosse Aufschüttungen und auch Felsabtragungen. Ein Jahr später erfolgte auch die Auflage für die Schneebergstrasse, für die links unten bereits der Anschuss vorgesehen wurde.


    Mühlegg Projekt Kreuzung 1904 BA
    Projekt für eine kreisförmige, sechsarmige Kreuzung bei Mühlegg, 1904 (nicht ausgeführt). Archiv der städtischen Bauverwaltung.


    Ak Gottfried Keller Strasse Aussichtskanzel 1922
    Aussichtskanzel bei Gotttfried-Keller-Str. 2 mit Blick über die Mülenen auf den östlichen Rosenberg und Peter und Paul. 1922 gelaufene Ansichtskarte ohne Verlagsangabe, Sammlung Riegel.

    Wie man auf den Baustellenfotos oben (und auch andern zeitgenössischen Fotos) sehen kann, erhielt die Strasse eine gekieste Oberfläche mit breiten Seitenrinnen aus Pflastersteinen. Die Trottoirs waren mit breiten Randsteinen abgesetzt und mit einem feinen Sand-/Kiesbelag gewalzt.

    Eine Fotoserie mit Strassenbauarbeiten in den 1920er/30er Jahren zeigt unter anderem auch die Gottfried-Keller-Strasse auf Höhe der Häuser Nr. 1 bis 5 bergwärts. Damals erhielt sie erstmals eine feste Oberfläche mit Rollsplitt. Dazu wurde an Ort erhitztes Bitumen auf die Strasse gespritzt und gleich darauf Rollsplitt gestreut und festgewalzt. In St. Gallen wurden Quartierstrassen noch bis in die 1980er Jahre hinein mit dieser Methode saniert:

    Gottfried Keller Strasse 3 Strassenbau
    Gottfried-Keller-Strasse auf Höhe Nr. 1 - 5 beim erstmaligen Auftragen einer befestigten Strassenoberfläche. Im Hintergrund die Kurve vor dem Mühlentobel. Fotografie um 1930, Sammlung Riegel.

    Ein verspäteter Neujahrsgruss...

    Kurz vor Neujahr entdeckte ich das Angebot einer Karte mit einem unbekannten Haus. Geschrieben 1936? (letzte Ziffer unleserlich) in St. Gallen Ost, abgestempelt in St. Gallen Zentrum, verlegt von Foto Gross in St. Gallen - St. Fiden... doch diese Angaben sind keine Gewähr, dass sich das Sujet ebenfalls in St. Gallen befinden muss. Insbesondere Neujahrskarten zeigen oft idyllische Schneelandschaften von irgendwo.

    Links erkennt man aber ein Tal, rechts wird es wohl hinter den Baumkronen auch hinuntergehen, und vor dem Haus verläuft ein gebogener Weg. Eine mir irgendwie bekannte Konstellation - Ein Blick auf ein anderes Bild des vermuteten Hauses gab mir dann Gewissheit.


    Ak Buchstr. 9 1936? Gross
    Buchstr. 9 von Osten. Neujahrskarte vom 31.12.1936(?), Foto Gross, Sammlung Regel.

    Hier der Link zum Beitrag mit der Ansicht von Süden, wo ich mehr über das Haus schrieb. Auf der Wiese im Vordergrund steht heute der Wohnblock Buchstr. 10, Teil der Kronberg-Genossenschaftssiedlung aus den späten 1940er Jahren.

    Schon im Frühling 2024, als ein Zaun erneuert wurde, rückte die Gartenlaube für kurze Zeit ins Blickfeld von der Strasse her. Infolge Beschattung wucherten die Pflanzen hier nicht so stark, aber das Holz nahm dennoch Schaden des undichten Daches und der Bodenfeuchte wegen:

    stj 10 07.05.2025 cr JFDA3269x


    Nach der Entrümpelung wurde die Gartenlaube 'stilgerecht' bereits wieder als Orangerie für den Winter 2024/25 eingerichtet. Erstmals kamen so die Schönheit der Architektur und die Lichtstimmung im Innern wieder zur Geltung. Sogar ein alter Gartenstuhl steht für die Meditation in den kalten Vollmondwinternächten bereit... :wink: Die Stimmung früher an heissen Sommertagen muss sehr angenehm gewesen sein, denn durch die filigranen Ziergitter und die beweglichen Jalousien war dauernd Licht, Schatten und auch leichter Durchzug vorhanden:

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    Blick nach Osten.


    So sehr man sich am wiedergewonnen Raum zuerst mal freuen sollte, so war mein Kopf bereits bei der Untersuchung und Dokumentation von Spuren des einstigen Sockels und von Farbkonturen verschwundener Bauteile, wie hier zum Beispiel links am Türpfosten und entlang des Sockels, wo sich einige wenige ursprüngliche Farbkonturen entfernter Holzteile finden liessen:

    stj 10 10.11.2024 cr KMZG6288
    Blick nach Westen.

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    Sockelpartie an der Nordseite.


    Die Grundform der Laube besteht aus einem länglichen Baukörper unter Satteldach mit zwei Quergiebeln, die sich in der Mitte in einem Kreuzfirst treffen. Die Firstpfette in Längsrichtung ist bei einem Querschnitt von 9 x 9 cm und 3 m Länge unterdimensioniert, insbesondere weil sie auch die beiden Quergiebel mittragen muss. Mithilfe der Dachschalung und der Kehlsparren entstehen aber ausgesteifte Flächen, die das Dach stabil in Form halten - aber nur so lange die Schalung intakt ist...

    stj 10 27.11.2025 5292Blick nach Osten.

    stj 10 27.11.2025 5293
    Blick nach Osten.


    Am Kreuzungspunkt muss sich ein gedrechselter Knauf befunden haben, der aber nicht mehr vorhanden ist (auf den letzten drei Bildern durch den Spriess verdeckt). Im Innern hat sich wohl auch der originale Farbanstrich erhalten - als Grundfarbe besteht ein blasses Türkis, und die Laubsägetafeln in den Giebeln sowie die Jalousieläden sind mit einem mittleren Grün hervorgehoben. Mindestens die Randleisten der Diagonalgitter sind ebenfalls in einem mittleren Grünton gestrichen. Aussen sind mindestens zwei Grünanstriche auszumachen. Eine weitere Farbuntersuchung steht noch bevor.

    stj 10 12.04.2025 4015Farbnegativ eines früheren gedrechselten Knaufs.

    stj 10 12.04.2025 4016xMassiver Wasserschaden bei der südöstlichen Kehle.

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    Intakte Kehle an der Nordwestecke.

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    Blick nach Süden. Die dreieckigen Zierfüllungen, die Jalousieläden und mindestens die Randleisten der Diagonalgitter sind mit einem mittleren Grünton vom blasstürkisfarbenen Grund hervorgehoben.

    Bevor eine Bestandsaufnahme gemacht werden konnte, musste die Gartenlaube zuerst von allem Efeu befreit werden. Auf dem angerosteten Blechdach hatte sich ein Berg von Humus gebildet, und bei einem Blick auf den Sockel war unklar, ob die Laube allmählich in den Boden versunken war, oder ob durch Gartenumgestaltungen der Boden allmählich ein höheres Niveau erhalten hatte.

    Das jahrzehntealte Efeugeäst hatte sich um die Balken und Ziergitter förmlich herum- und hineingewunden, sodass das Efeu nicht wie bei einer Hausfassade einfach heruntergerissen werden konnte. Innen als auch aussen mussten zahlreiche Äste durchsägt und herausgefädelt werden, um die Originalbausubstanz grösstmöglich zu schonen. Parallel dazu folgten bereits einige Sicherungsarbeiten am Sockel. Ein solcher war eigentlich gar nicht mehr erkennbar - die tragenden Pfosten waren alle von unten her angefault und immer wieder lose Steine und Ziegel unterschoben worden. Reste von horizontalen und vertikalen Brettern könnten noch dem Originalbestand angehören, wobei ich mir zu jenem Zeitpunkt noch kein Bild des ursprünglichen Sockelaufbaus machen konnte.

    All diese Vorarbeiten bescherten dem Eigentümer und mir im November 2024 zwei lange, feuchtkalte Samstagnachmittage Arbeit! Der wilde Pflanzenbewuchs hatte zwar auch seine reizvolle Seite, und so tat es weh, in diesen einzugreifen. Ursprünglich beabsichtigten wir ein paar wenige Hauptstämme zu belassen, wobei aber schnell klar wurde, dass aus diesen kein schöner Bewuchs mehr austreiben würde und sich das Wurzelwerk zu grossen Teilen im Bereich des Sockels erstreckte. Egal wie sich die Renovation ergeben würde - ein stabiler Sockel war unabdingbar, sodass wir schliesslich auch die Hauptstämme entfernten.


    stj 10 24.09.2024 cr VIOP4182x
    Das Geäst wand sich teilweise durch die Ziergitter und in die Zapfenverbindungen des Fachwerks hinein, dessen Balken dadurch auseinander getrieben wurden.

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    Westliche Schmalseite mit Eingang.

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    Immer wieder zusammengeschusteter Sockel rechts von der Eingangstüre.

    stj 10 08.11.2024 cr 141413255Dachuntersicht an der Nordwestecke.


    Auf allem vier Seiten bestehen Giebel mit Füllbrettern, aus denen Drachenpferde ausgesägt sind. Alle acht Elemente sind identisch. Lediglich eine kleine Krabbe fehlt - sonst sind sie noch in tadellosem Zustand:

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    Längsseite gegen Norden mit Schwebegiebel.

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    Fusspunkt des Schwebegiebels.

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    Schmalseite gegen Osten.

    Die Öffnungen waren nie mit Fenstern verschlossen, sondern nur mit Jalousieläden. Diese sind teilweise in einem bedenklichen Zustand und offenbar schon früher einmal repariert worden. Meinem scharfen Auge ist natürlich nicht entgangen, dass beim Ladenpaar oben drei Lamellenbrettchen unsachgemäss ersetzt worden sind. :smile:


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    Innenansicht gegen Norden.


    Auf dem Dach hatte sich eine dicke Humusschicht gebildet, die durch feines Wurzelwerk zu einem grossflächigen Teppich zusammengewachsen war:

    stj 10 08.11.2024 3311x

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    Nach Beendigung der Rodungsarbeiten und einer kalten Dusche.

    stj 10 13.11.2024 cr GBVS3436xReste des wohl originalen Sockels ragten nur noch knapp aus dem Boden.


    Mit dem winterfesten Eingepacken des Daches erfolgte auch eine Sicherung im unteren Bereich der Wände mittels Spanngurte. Diese hatten den Zweck, die auseinandergedrifteten Pfosten und Riegel zusammenzuhalten, da weder ein richtiges Fundament noch ein Schwellenkranz vorhanden waren. Doch vorher mussten die Pfosten und Riegel wieder zusammengefügt werden, wozu alle Zapfenlöcher von Verunreinigungen und eingewachsenen Ästen befreit werden mussten. An einer Ecke wollte dieses Zusammenziehen einfach nicht funktionieren, und nach jedem Schlag federte der Pfosten wieder in die Ausgangslage zurück. Der Widersacher verbarg sich schliesslich versteckt hinter einer Leiste in Form eines Astes, der sich zwischen ein Ziergitter und den Eckpfosten drängte und diese allmählich auseinanderdrückte:

    stj 10 27.11.2024 3452

    stj 10 13.11.2024 cr FZWD7538x

    Ja, es gibt sie noch - Lost places mitten im Zentrum einer bewohnten Stadt.

    Ich werde hier über einen solchen Ort berichten, der wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt werden soll. Er befindet sich in einem gepflegten Anwesen im Zentrum der Stadt, das nunmehr von der vierten bis sechsten Generation einer St. Galler Familie bewohnt wird. Versteckt unter einem 'Efeubusch' und einer Eibe schlummert dort eine historische Gartenlaube aus dem 19. Jahrhundert. Mit der Zeit nur noch als Abstellraum für allerlei Gartenutensilien benutzt und von Efeu überwuchert, geriet das einstige Schmuckstück langsam in Vergessenheit.

    Als Einleitung vier Bilder, so wie ich den Ort im Herbst 2024 angetroffen hatte:

    stj 10 08.11.2024 3288
    Ansicht von Nordwesten.

    stj 10 08.11.2024 3291
    Ansicht von Norden auf die Längsseite.

    stj 10 08.11.2024 3292
    Ansicht von Südosten.

    stj 10 24.09.2024 cr WOWM1428
    Blick nach Osten auf die Schmalseite.

    Spittlertorgraben 1972 Andres Hamburg

    Nein, das ist kein missratenes KI-Bild, sondern eine effektiv 1972 gelaufene Ansichtskarte (Verlag Andres, Hamburg). In Bildmitte sieht man den Spittlertorgraben, der anstelle des ruinösen Hauses heute via die Dennerstrasse (im Vordergrund) zum Plärrer führt. Offensichtlich handelt es sich um eine sehr stümperhafte Fotomontage, denn man hätte die Dennerstrasse kaum inklusive Strassenmarkierungen so nah an dieses Haus herangeführt und es später dann abgebrochen. Auch das Haus am rechten Bildrand steht heute nicht mehr und wurde durch diese 'Schönheit' im Alt-Nürnberger Stil ersetzt (sie weist schliesslich die Farben von beigem und rotem Burgsandstein auf!).

    Jetzt erinnere ich mich gerade, dass in der Wikipedia unter 'Fenster' auch die Fensterläden angesprochen werden. Dafür werden verschiedene regionale Bezeichnungen angegeben, z. B. für Österreich 'Balken'. Der Begriff stammt von daher, dass Tore und Läden früher von innen mit einem Balken verriegelt wurden. Allerdings gibt es diese Bezeichnung nicht nur in Österreich. Meine Grossmutter mütterlicherseits ist in Chur (Kanton Graubünden) aufgewachsen, mit einem schönen italienisch- oder rätoromanisch klingenden Familiennamen. Sie sprach bis an ihr Lebensende nur von Bälken (mit ä!), und nicht von Läden.

    Ja, in etwa. Die älteste Form eines Fensterabschlusses waren einfach Holzläden. Später wurden dann in die Öffnungen entweder Tierhäute, Pergament oder mit Öl getränkte Leinwand gespannt. Aber Fell ganz sicher nicht, das ist ein weitverbreiteter Mythos.

    Die Fenster selber habe ich natürlich nur angedeutet, denn mir geht es ja vielmehr um das Fachwerk. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Holzrahmen meistens naturfarben, solange Bleiverglasungen mit Butzenscheiben üblich waren. Aus Butzenscheiben kann man relativ grosse Tafeln schaffen, weshalb ich nur einen Kämpfer in der Höhe annahm.

    Glas- resp. Butzenscheiben kamen in Mittel- und Westeuropa im 12./13. Jh. auf, aber erst im Lauf des 16. Jahrhunderts setzten sie sich auch an städtischen Wohngebäuden durch. Im Verlauf des 18. Jh's. kam dann Klarglas auf, das nicht mehr mit Bleistegen zu Tafeln zusammengelötet werden musste, sondern direkt in die Fälze der Holzrahmen eingesetzt und verkittet wurde. Das Verkitten erforderte aber einen Anstrich, weil der Ölkitt sonst zu schnell austrocknen und spröde würde. Butzenscheibentafeln wurden jedoch in Schlitze in den Holzrahmen eingeschoben und erforderten keinen Kitt. Im APH gibt es einen Strang über historische Verglasungen in Nürnberg mit vielen Abbildungen.

    In der Ansicht von 1641 oben erkennt man an beiden Häusern die Butzenscheibenfenster mit nur einem Kämpfer in der Höhe.

    Obere Krämersgasse 1


    Obere Krämersgasse 1 ist ein kleines, dreigeschossiges Hinterhaus von Burgstr. 19. Vom Vorderhaus ist es durch einen Hof getrennt und gegen Westen mit Nr. 3 zusammengebaut. Bemerkenswerterweise steht es zwischen zwei historischen Brandmauern. Während das massive Vorderhaus mit halbem Blendarkadengiebel (siehe diesen Beitrag) im 2. Weltkrieg unterging, überdauerte das Hinterhaus bis heute. Es besteht aus einem gemauerten Erdgeschoss, zwei Obergeschossen aus Fachwerk und einem Pultdach.

    obere kraemersgasse burgstrasse 19 15.09.2009 3230
    Obere Krämersgasse 1 im September 2009.

    Eintrag in der Bayerischen Denkmalliste:

    [...] zugehörig Handwerkerhaus, dreigeschossiger Traufseitbau mit Pultdach, Erdgeschoss massiv verputzt, Obergeschosse Fachwerk, dendro.dat. 1387, Veränderung der Nordfassade dendro.dat. 1822; rückwärtig in der Oberen Krämersgasse.

    1387 ist natürlich ein sensationell hohes Alter für ein immer noch existierendes Fachwerkgebäude. Doch stammt die heutige Fassade auch noch aus dieser Zeit? Offensichtlich wurde das 1. Obergeschoss stark umgebaut und mit klassizistischen Fensteröffnungen versehen, was wohl mit dem erwähnten Dendrodatum 1822 zusammenhängt.

    Nun gibt es noch ein Gemälde von 1641, welches das Hinterhaus ziemlich exakt wiedergibt:

    Burgstr. 19 1641
    Burgstr. 19 und rechts das Hinterhaus an der Oberen Krämersgasse. Zeichnung von 1641 im Stadtarchiv.

    Es ist bemerkenswert, dass das Haus schon damals zwei Brandmauern aufwies, was sich mit dem heutigen Bestand deckt! War es vielleicht als Lagerhaus genutzt worden und zum besseren Schutz der gelagerten Güter mit zwei Brandmauern versehen worden? Mindestens das 1. Obergeschoss sieht aber vielmehr nach einem Wohnraum aus.

    Nun folgt wieder eine Analyse nach Geschossen:

    Erdgeschoss
    Dieses weist heute zwei rundbogige Öffnungen mit Gewändeprofilen auf, wie sie vom 16. bis 18. Jahrhundert üblich waren. 1641 bestanden offenbar nur kleine Lüftungsöffnungen. Entscheidend ist nun die Mauerschwelle, auf der die Erdgeschossbalkenlage aufliegt. Während Fachwerkerdgeschosse aus dem 15. Jahrhundert wegen der weiten Pfostenabstände jeweils sehr kräftige Rähme aufweisen, ist hier nur eine dünne Mauerschwelle vorhanden. Bei einem Ersatz des Fachwerks durch Mauerwerk beliess man im Allgemeinen die originalen Rähme, da der Einbau einer neuen, schlankeren Mauerschwelle nur schwer zu bewerkstelligen war und keinen Vorteil bot. Ich gehe deshalb davon aus, dass das Erdgeschoss gleich alt wie die Fachwerkgeschosse darüber ist. Es ist auch denkbar, dass die Erdgeschosswand beim Bau des Hauses 1387 bereits als Hofmauer bestand.

    Für die Betrachtung der beiden Obergeschosse habe ich die Fassadenansicht entzerrt und zur besseren Sichtbarmachung der Balkenoberflächen aufgehellt:

    Obere Krämersgasse 1 entzerrt hell
    Obere Krämersgasse 1, entzerrte Ansicht der beiden Obergeschosse.

    1. Obergeschoss
    - In der Schwelle und in beiden Eckpfosten fallen die Blattsasse von angeblatteten Fussbändern auf. Diese wurden infolge der Fensterteilung von 1822 entfernt. Aufgrund ihres normalen Querschnitts bestanden wohl schon ursprünglich keine Bohlen, die breitere Fussbänder zur Folge gehabt hätten.
    - Oben fallen an beiden Fassadenkanten die Blattsasse doppelter Kopfbänder auf. Solche kommen in Nürnberg nur noch an Bergstr. 10 von 1407 vor.
    - Während die Schwelle gerade ist, hängt der Rähm durch. Es muss also einmal zu einer Stauchung der Wand gekommen sein.
    - Darüber liegt eine enggelegte Balkendecke, was auf einen beheizbaren Raum hinweist.
    - Die Ansicht von 1641 zeigt keine Bänder, dafür aber zwei Reihenfenster. Die enggelegte Balkendecke fehlt.

    2. Obergeschoss
    - Das 2. Obergeschoss zeigt keine wesentliche Änderungen am Fachwerk.
    - Verstrebt wird es einzig durch eine angeblattetes langes Fussband.
    - Die Pfosten und Stürze der beiden äusseren Fenster weisen einen Falz zur Aufnahme von Fensterläden auf. Ihre Kloben sind anhand der Löcher in den linken Fensterpfosten nachzuweisen. Infolge Haussetzung links ist das rechte Fenster nachträglich auf die gleiche Höhe wie das linke Fenster tiefergesetzt worden.
    - Das mittlere Fenster ist nachträglich ausgebrochen worden. Anstelle eines Fensterpfostens und eines Sturzriegels zeigt es nur ein Gewände aus Brettern.
    - Das Balkenbild stimmt mit Ausnahme der Verstrebung und des mittleren Fensters mit der Ansicht von 1641 überein.

    Historische, vorfotografische Ansichten zeigen jeweils nur selten das balkengerechte Fachwerkbild einer Fassade und dürfen nicht 'wörtlich' analysiert werden. Oft kann wenigstens aber auf den 'Fachwerkstil' geschlossen werden. Die Ansicht von 1641 stimmt aber erstaunlich weit mit den Befunden überein.


    Rekonstruktion:

    Beim 1. Obergeschoss stellt sich die Frage, ob hier ursprünglich überhaupt ein Fenstererker bestand. Solche kommen nicht nur vor Bohlenstuben vor, sondern auch an ausgemauerten Fachwerkgebäuden bis ins 16. Jahrhundert. Die Ansicht von 1641 gibt keine Hinweise darauf. Aufgrund des stark durchhängenden Rähms und der gerade liegenden Schwelle gehe ich aber davon aus, dass hier schon ursprünglich keine tragenden Fensterpfosten bestanden. Bei einem Fenstererker lägen die Pfosten in der Erkerebene und nicht in der Ebene der tragenden Aussenwand, was einen Durchhang ermöglichen würde. Ohne Untersuchung am Bauwerk selber kann die Frage nach einem Fenstererker aber nicht schlüssig beantwortet werden.

    Wichtig ist noch der Hinweis auf die Konstruktion der Fensterstürze an Bergstr. 10, wo die ursprünglichen Sturzriegel sehr wahrscheinlich zwischen die Eck- und Bundständer eingespannt waren. In Nürnberg war es im Gegensatz zum alemannischen Fachwerkbau üblich, die Fensterstürze zwischen die Fensterpfosten einzuzapfen. Es ist möglich, dass in Nürnberg ein Wandel in der Konstruktion der Fensteröffnungen um 1400 stattfand. Für die Rekonstruktion zeichnete ich nun einen Fenstererker, bei dem die doppelten Kopfbänder verdeckt werden.

    Am 2. Obergeschoss ist nur das mittlere Fenster geschlossen und das rechte Fenster wieder höher gelegt worden.

    So gewinnt man eine Vorstellung des Aussehens der Fassade nach deren Erstellung 1387, mit dem am Anfang bereits geschriebenen Vorbehalt, dass sie nie vollumfänglich ersetzt worden ist. Auch die Gleichzeitigkeit des 2. Obergeschosses ist durch eine reine Fassadenbetrachtung nicht belegbar.


    Obere Krämersgasse 1 Rekonstruktion
    Obere Krämersgasse 1, Rekonstruktionsversuch im Zustand von 1387.

    Obere Krämersgasse 3 und Untere Krämersgasse 18 im Zustand nach 1477

    In diesem Beitrag werde ich vor allem die Statik des Kernbaus betrachten.

    Nun habe ich die Rekonstruktionsansicht von Obere Krämersgasse 3 mit der entzerrten Ansicht der Nordfassade von Untere Krämersgasse 18 aus diesem Beitrag zusammengefügt. Beide hatten ja einen gemeinsamen, dreigeschossigen Kernbau, von dem jedes Geschoss in vier unterschiedlich breite Räume unterteilt war. Seine Erdgeschosspfosten standen wahrscheinlich ohne Schwelle direkt auf Steinfundamenten und waren mit langen Kopfbändern ausgesteift. Die Obergeschosse waren mit angeblatteten Fuss- und Kopfbügen verstrebt. Das 1. Obergeschoss besass an beiden Enden Bohlenstuben. Das Dach war ein gegen die Obere Krämersgasse hin abfallendes Pultdach.

    Die nicht mehr vorhandenen ursprünglichen Pfosten und Streben am Erd- und 1. Obergeschoss von Nr. 18 sind rot eingetragen:

    Untere Krämersgasse 18 Obere Krämersgasse 3
    Dreigeschossiger Kernbau von 1454 und Aufstockung von 1477.

    Die Trennung in zwei Liegenschaften muss nicht im Zusammenhang mit der Aufstockung erfolgt sein. Sie kann auch viel später stattgefunden haben. Gründe für eine Aufstockung von nur drei Vierteln des Hausgrundrisses kann es mehrere gegeben haben: nachbarrechtliche oder auch bautechnische, indem eine Aufstockung des ganzen Hauses ein sehr hohes Satteldach zur Folge gehabt hätte (einen Grund für eine Drehung des Daches um neunzig Grad muss es bei der Aufstockung ja gegeben haben).

    Bemerkenswert ist nun die Statik des Fachwerkgerüsts. Das linke Feld des Erdgeschosses ist mit einen zusätzlichen Pfosten (nur mit einem Kopfband) versehen, der vom Wandfeld wohl eine Türöffnung abtrennt. Der Pfosten ist also nicht Teil des Hausgerüsts, sondern dient nur einer Unterteilung eines Wandfelds. Zugleich trägt er aber die Ecke der Bohlenstube darüber, die kleiner als der darunterliegende Raum ist. Das 'Stapeln' von unterschiedlich breiten Räumen übereinander ist ein Merkmal des alemannischen Fachwerkbaus, und zugleich auch einer seiner Schwachpunkte, wie man gleich sieht.

    Über dem dritten Erdgeschosspfosten von links steht also keine Querwand mit Pfosten. Die Last von oben wird also auf den zweiten Erdgeschosspfosten abgeleitet.

    Der linke Raum im 2. Obergeschoss ist wieder grösser als die Bohlenstube darunter. Der zweite Pfosten des 2. Obergeschosses liegt also über dem zweiten Wandfeld im 1. Obergeschoss. Man bemerkt es jetzt im Plan leicht, dass das zweite Wandfeld im 1. Obergeschoss förmlich zusammengedrückt wurde (markiert mit grünen Pfeilen). Zusätzlich kam dann 1477 noch die Last der Aufstockung hinzu, die just mit der linken Ecke über diese Schwachstelle zu liegen kam. Genau in dieser problematischen Zone wurde das Haus dann auch noch in zwei Liegenschaften aufgeteilt.

    Das zusammengedrückte Wandfeld muss also repariert worden sein, weshalb es jetzt nur noch zwei eingezapfte Fussbänder anstelle von angeblatteten Fussbändern aufweist. Zudem wurde der durchgehende Brustriegel abermals durch einen solchen ersetzt (fehlende Aussparungen für die ehemaligen Fussbänder). Die Ausbauchung sehe ich nicht als Folge der Last nur des 2. Obergeschosses an, sondern als Folge der Aufstockung. Das Nicht-Einbauen eines geschosshohen Pfostens am Schwachpunkt sehe ich weiter als Indiz dafür, dass das Haus bei der Reparatur des Wandfelds noch nicht geteilt war. Bis heute besteht hier noch kein durchgehender Pfosten, obwohl hier die Gebäudegrenze liegt!

    Rekonstruktionsversuch

    Nun habe ich mich an eine Rekonstruktion des Kernbaus herangewagt, auch wenn viele Details wie Fensterformen und Verstrebung am 2. Obergeschoss nicht bekannt sind. Da der Kernbau mit jenem von Untere Krämersgasse 18 ursprünglich eine bauliche Einheit bildete, kann man die Unbekannten von dort her ableiten, da bei Nr. 18 noch sehr Vieles original erhalten ist.

    Vom Erdgeschoss zeugen nur noch das Rähm mit seinen Blattsassen von sehr langen Kopfbändern. Lange Kopfbänder machen nur dann einen Sinn, wenn keine Fussbänder vorhanden sind. Deshalb nehme ich ein schwellenloses Erdgeschoss an. Lange Kopfbänder beeinträchtigen auch die Anlage von Türen und Fensteröffnungen. Gerade bei Nr. 3 vermute ich schon eine ursprüngliche Türöffnung beim heutigen Hauseingang. Dies geht aus der Lage des Kopfbandsasses hervor: von links her zwei schlankere, gegenläufige Blattsasse, zwischen denen sich wohl ein Fenster befand. Gleich darauf folgt ein weiteres, breites Blattsass. Dieser kleine Abstand könnte durch die Tür verursacht worden sein. Die gleiche Abfolge von Blattsassen besteht auch an der Westseite von Untere Krämersgasse 18 (siehe letztes Bild in diesem Beitrag). Das Gassenniveau lag im 15. Jahrhundert wohl tiefer.

    Am 1. Obergeschoss nehme ich aufgrund von Analogien einen Fenstererker im Bereich der ursprünglich kleineren Stube an, auch wenn es keine baulichen Hinweise dazu gibt. Die nachgewiesenen Kopfbänder werden durch ihn verdeckt und sind deshalb nur schwach eingezeichnet.

    Das 2. Obergeschoss ergänzte ich entsprechend der drei Wandfelder bei Nr. 18. Wegen der Breite des Feldes zeichnete ich ein Brüstungspföstchen, auch wenn solche am 2. Obergeschoss von Nr. 18 nicht vorkommen.


    Obere Krämersgasse 3 Rekonstruktionx
    Obere Krämersgasse 3 und rechts angeschnitten Untere Krämersgasse 18, Rekonstruktionsversuch im Urzustand von 1454 mit Fachwerk-Erdgeschoss und zwei Obergeschossen. Farblos die 1477 aufgestockten Geschosse von Untere Krämersgasse 18.

    Vor der Analyse des 2. und 3. Obergeschosses folgt ein Hinweis auf zwei Umbaudaten:

    - In den Nürnberger Altstadtberichten 2023 gibt es ab S. 42 einen Bericht von Michael Taschner über 'Die historischen Pultdachhäuser der Nürnberger Altstadt'. Darin kommt auch Obere Krämersgasse 3 mit seinem Pultdach vor (S. 60). Gemäss einer Dendrodatierung ist das 3. Obergeschoss 1621 aufgestockt worden und es soll K-Fachwerk aufweisen.
    - Auf der weiter oben bereits verlinkten Webseite der Altstadtfreunde heisst es, dass nach 1525 ein Umbau erfolgte und auch ein dritter Stock eingefügt geworden sei.

    Das Datum 1525 kann ich mangels genauerer Kenntnisse hier noch keiner Bauphase zuordnen.


    Nb IMG 2867[1] bearbeitet noricumObere Krämersgasse 3, 2. und 3. Obergeschoss. (Bild: noricum)

    Das 2. Obergeschoss zeigt von der Schwelle bis zum Rähm ein ungestörtes, einheitliches Fachwerkbild. Zwei Wandfelder werden durch eingezapfte, 2/3-geschosshohe Fussstreben ausgesteift. Ausschliesslich mit solchen Streben ausgesteiftes Fachwerk kommt zeitgleich mit dem K-Fachwerk vor. Im Rahmen von zwei Beiträgen (Der Wandel von der X-Verstrebung zur K-Verstrebung und Bauten mit eingezapften K-Streben) benannte ich diese Form der Verstrebung "einfachere Ausführung einer K-Verstrebung nur mit einer Fussstrebe", also ohne Kopfstrebe. Auch wenn der Begriff nicht gerade wissenschaftlich tönt, möchte ich damit die Gleichzeitigkeit mit dem K-Strebenfachwerk andeuten. K-Streben kommen hauptsächlich im 16. und 17. Jahrhundert vor, konnten sich aber in konstruktivem Fachwerk bis ins 19. Jahrhundert halten.

    Bemerkenswert ist die horizontale Lage der beiden Brustriegel und des Rähms darüber, obwohl die Schwelle schräg liegt. Wie wir bereits bei der Beschreibung des 1. Obergeschosses gesehen haben, wurden das Rähm des 1. Obergeschosses und die darüber liegende Schwelle ersetzt und mussten wegen der schräg liegenden Bohlen/Balkendecke auch wieder schräg eingebaut werden. Hier wurde also in einem Zug ein ganzes Wandfeld 'auf neuer schräger Basis' erneuert. Eine Gleichzeitigkeit mit den Veränderungen am 1. Obergeschoss nehme ich deshalb an. Die Balkenlage darüber ist wohl wieder jene des Kernbaus von 1454, die in der Höhe leicht korrigiert wurde.

    Kommen die Ziegel raus und werden durch Lehmausfachungen ersetzt, oder verschwindet alles wieder unter Putz?

    Auch die Gefachausmauerungen am 1. und 2. Obergeschoss haben einen identischen Charakter und sind wohl zeitgleich mit der beschriebenen Fachwerkauswechslung entstanden. Sie sind deshalb unbedingt zu erhalten! Lehmausfachungen sind typisch für Fachwerkbauten aus dem 15. Jahrhundert und dürften im Verlauf des 16. Jahrhunderts Ziegelausfachungen gewichen sein.

    Das 3. Obergeschoss sieht bezüglich des Fachwerks und den Ausmauerungen wieder heterogener aus. Gemäss einer Dendrodatierung wurde dieses Geschoss 1621 aufgestockt, also noch zu einer Zeit, als Sichtfachwerk noch üblich war. Von diesem zeugt an der Fassade nur noch die linke Hälfte der Schwelle mit ihrem rötlichen Farbschimmer. Das Fachwerk über ihr zeigt keine Farbreste und ist demnach rein konstruktives Fachwerk. Die einseitige Brüstungsstrebe spricht für das späte 18. und ganze 19. Jahrhundert. Die rechte Fassadenhälfte fällt durch eine Dunkelfärbung der Balken und dem Fehlen von Beilhieben zur Aufrauhung der Balkenoberflächen auf. Dieses Wandfeld wurde demnach einmal ersetzt, nachdem die Fassade bereits verputzt war. Ab 1900 setzte sich aufgenagelte Dachpappe als Trennschicht anstelle von aufgerauhten Balkenoberflächen als Putzträger durch (als Folge des Wechsels von Kalkverputz zu Zementverputz). Ob diese Reparatur kriegsbedingt war, weiss ich nicht. Das in den Altstadtberichten erwähnte K-Fachwerk wird sich im Innern oder an der Rückseite befinden.

    Im Bauetappenplan ist das zweite Obergeschoss somit gleich wie die Reparaturen am 1. Obergeschoss rot eingefärbt. Die beiden Bauetappen am 3. Obergeschoss erhielten eigene Farben:

    Obere Krämersgasse 3 Bauetappen
    Obere Krämersgasse 3, 1. bis 3. Obergeschoss. Bauetappenplan der Fassade.

    Vor einer Analyse des Fachwerks folgt ein Blick auf einen Rekonstruktionsversuch von Untere Krämersgasse 18 im Urzustand von 1454, also noch ohne das heutige 3. Obergeschoss und Halbwalmdach, dafür mit einem gegen die Obere Krämersgasse hin geneigten Pultdach. Obere Krämersgasse 3 folgte gleich links anschliessend. Kennzeichnend für den Kernbau sind die mit überlangen Kopfbändern verstrebten Pfosten des Erdgeschosses, die aber im Gegensatz zur Rekonstruktionszeichnung vermutlich nicht auf einer Schwelle, sondern direkt auf Steinfundamenten standen. Das 1. und 2. Obergeschoss werden durch angeblattete lange Fuss- und kurze Kopfbänder verstrebt. An der Ecke des 1. Obergeschosses ist anhand der breiten, kurzen Fussbänder eine Bohlenstube auszumachen.

    Einzig an der linken Kante des 1. Obergeschosses fehlt jegliche Verstrebung. Um es jetzt schon vorwegzunehmen: Diese bestand auf dem Boden von Obere Krämersgasse 3!

    untkrae18rek.jpg
    Untere Krämersgasse 18, Rekonstruktionsversuch des Kernbaus von 1454.



    Jetzt werfen wir nochmals einen Blick auf das Erd- und 1. Obergeschoss von Nr. 3:

    Nb IMG 2866[1] bearbeitet noricum
    Obere Krämersgasse 3, Erd- und 1. Obergeschoss. (Bild: noricum)

    Über dem Erdgeschoss liegt eine kräftige Mauerlatte, auf der die Erdgeschossbalkenlage aufliegt. Sie läuft nach rechts weiter und besitzt gleichartige Blattsasse von einstigen Kopfbändern wie bei Nr. 18. Das Mauerwerk ist also nachträglich an die Stelle einer Fachwerkwand getreten und das Wandrähm als Mauerlatte erhalten geblieben. Der rosarote Farbschimmer auf ihm sowie den angrenzenden Balken zeugt vom einstigen roten Farbanstrich des Fachwerks.

    Am 1. Obergeschoss erkennt man beim Wandfeld mit dem linken und mittleren Fenster eine weitere Bohlenstube. Die sorgfältig ausgeflickten Blattsasse von zwei breiten Fussbändern und links das erhalten gebliebene Blatt eines breiten Kopfbandes zeugen davon. Merkwürdigerweise fehlt das obere Blattsass des Kopfbandes. Über dem linken und mittleren Fenster liegt eine enggelegte Bohlen/Balkendecke.

    Zwischen dem mittleren und rechten Fenster besteht ein Bundpfosten. Seine obere Hälfte ist durch eine Bohle geflickt worden, was das Fehlen von Spuren eines Kopfbandes zur Stube hin erklärt. Nach rechts folgt eine eingezapfte Fussstrebe, und wenige cm weiter das Blattsass eines einstigen langen Fussbandes, dessen oberes Blattsass durch den Bohlenflick ebenfalls getilgt wurde. Hier ist also die symmetrische Strebenformation wie am ersten Bundständer von Nr. 18 vorhanden, wo ebenfalls eine eingezapfte Fussstrebe und das Blattsass eines früheren langen Fussbandes existieren (vergleiche mit dem Text unmittelbar vor der Rekonstruktionszeichnung).

    Die Aufteilung in zwei Häuser erfolgte im 1. Obergeschoss also quer durch einen Raum, wovon der linke, schmalere Raumteil mit der Stube von Nr. 3 vereinigt wurde. Bei längerem und wiederholten hinschauen erkennt man an den Schwundrissen und Durchbiegungen, dass die Schwelle und der Brustriegel zwischen beiden Häusern heute noch durchlaufen. Der Rähm darüber und die Schwelle des 2. Obergeschosses scheinen bei Nr. 3 unmerklich tiefer zu liegen als jene von Nr. 18 und weisen auch eine andere Durchbiegung auf. Sie sind demnach wohl nicht durchgehend (Befund hinter dem Regenabflussrohr). Ein Ersatz des Rähms erklärte dann auch das Fehlen der Blattsasse der ursprünglichen kurzen, breiten Kopfbänder.

    Die heutige Fensterteilung geht also auf einen Umbau dieser Wand zurück, bei der die Bohlen entfernt wurden und ein mit Backsteinen ausgemauertes Fachwerk trat. Eine zeitgleiche Reparatur im Zusammenhang mit der Aufteilung des Hauses ist nicht zwingend, ebenso auch nicht mit der Aufstockung von Nr. 18. Bemerkenswert ist der waagrechte Einbau der Fenstersimsen, während der Rähm darüber wegen der älteren Balken/Bretterdecke wieder schräg eingebaut werden musste.

    Diese Befunde am Erd- und 1. Obergeschoss des Kernbaus von 1454 sind im folgenden Bauetappenplan farbig markiert (dunkelbraun und rot):

    Obere Krämersgasse 3 Bauetappen 1 und 2
    Obere Krämersgasse 3, 1. bis 3. Obergeschoss. Versuch zu einem Bauetappenplan der Fassade.