Ich möchte hier einen hochinteressanten Beitrag aus einem Buch von 1965 teilen, den ich eingescannt habe und als pdf zum Download bereitstelle:
Es handelt sich um einen Aufsatz mit dem Titel "Die Gestaltung Münchens im Wandel der Zeiten" von Leo Samberger, der in den 1960er Jahren Heimatpfleger der Stadt München war (sein Vater war der gleichnamige Maler). In diesem Aufsatz geht es zwar vordergründig um München, die Beobachtungen und Feststellungen Sambergers sind aber letztendlich so grundsätzlich und universell, dass der Aufsatz auch für Nicht-Münchner höchst lohnend und im Grunde auf alle Großstädte Deutschlands anwendbar ist. Samberger beschreibt auch weniger die konkrete architektonische Entwicklung Münchens als vielmehr die kulturellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, die einer jeglichen Stadtentwicklung zugrundeliegen und ohne die der Wandel in unseren Stadtbildern in den letzten 200 Jahren nicht erklärbar ist. Er beginnt mit den Charakteristiken der noch völlig andersartigen gesellschaftlichen Kultur des alten Europa in den Jahrhunderten vor 1800, die eben jene Stadtbilder schuf, die wir heute als harmonische Altstadtbilder verehren und stellt danach dieser alteuropäischen Kultur die neuartige Kultur des 19. und vor allem des 20. Jahrhunderts gegenüber, die zu einer kompletten Auflösung der Idee der europäischen Stadt geführt hat. Er vergleicht dabei den Menschentypus der Zeit vor 1800 mit dem modernen amerikanisierten Menschen, der völlig andere Werte und Ziele besitzt, wodurch unsere modernen Städte und Stadterweiterungen folgerichtig ganz anders aussehen als die alten.
Ich interessiere mich sehr für Kulturgeschichte und habe schon einiges gelesen, aber ich habe selten einen Beitrag gefunden, der die Entwicklungen so konzentriert und schlüssig auf den Punkt bringt. Ich bin der festen Überzeugung (anders als manch anderer im APH oder der Rekonstruktionsszene überhaupt...), dass unsere Stadtbilder Ausdruck unserer Kultur und unserer Werte sind und nicht nur Ergebnis von rein neutralen ästhetischen Überlegungen; die gebaute Umwelt ist Ausdruck unserer Identität und diese hat sich seit 1800 verändert, anfangs sehr langsam, seit der Gründerzeit und vor allem im 20. Jh immer schneller. Die Gründerzeit wird von Samberger nur kurz behandelt und wahrscheinlich wird sich der ein oder andere der Kritik Sambergers an der gründerzeitlichen Architektur nicht anschließen, aber wenn man über seine Argumentationskette nachdenkt, ist seine grundsätzliche Kritik am schnellebigen und oft oberflächlichen Eklektizismus des Historismus durchaus nachvollziehbar. Dies ist allerdings natürlich nicht der Kernpunkt des Aufsatzes von Samberger, es geht um den gesamten Wandel unserer Kultur nach 1800 bis heute. Der Aufsatz stammt außerdem von 1965, dies bitte ich nicht zu vergessen; seine hoffnungsvollen Voraussagen zur zukünftigen Entwicklung der Kultur im allgemeinen und der Baukultur im speziellen sind leider größtenteils überhaupt nicht eingetroffen, sondern es ist im Gegenteil in den meisten Bereichen noch viel schlimmer geworden (wenn man den kurzfristigen Aufschwung der Baukultur in den 1980er Jahren und das ein oder andere Rekonstruktionsvorhaben außer Acht lässt).
Ich finde diesen Aufsatz höchst lesenswert, er bietet sehr viel Nachdenkenswertes und ich würde mich sehr freuen, wenn ihn der ein oder andere lesen würde, auch wenn es ein etwas längerer Text ist. Vor allem Heimdall könnte er, denke ich, interessieren. Vielen Dank!