Unterboden - ist das jeweils das oberste Vollgeschoss? So quasi unter den Dachböden?
Genau. Der Unterboden ist das oberste Vollgeschoss unter den Speicherböden des Daches. Der Aufbau der alten Lübecker Häuser war von unten nach oben: Hohe Diele/Dornse - Unterboden - Speicherböden. Bei größeren Häusern kommen auch zwei Vollgeschosse über der Diele vor. Ob die dann beide "Unterböden" genannt werden, vermag ich gerade nicht zu sagen.
Jetzt, wo ich diese ältere Fensterform der 'korbbogigen Fensternische' kenne, sind mir die oberen, fälschlicherweise als Entlastungsbogen bezeichneten Bogen klar. Mit diesem Wissen lassen sich auf der Fotografie noch viel mehr Formsteine der seitlichen Laibungen der Korbbogennischen erahnen:

Wahmstr. 35, 1. und 2. Obergeschoss mit Eintragung von Spuren der ehemaligen Korbogennischen.
Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
Unklar sind mir aber nach wie vor die Entlastungsbögen unterhalb der Fenstersimsen des 2. Obergeschosses. Diese nehmen in der Breite eindeutig Bezug auf die heutigen Fenster des 1. Obergeschosses. Ausser bei der linken Fensterachse sind sie abwechslungsweise mit stehenden und liegenden Backsteinen gemauert. Nur beim linken Fenster sind sie nur liegend (es könnte sich auch um eine Reparatur handeln). Von der Mauertechnik her scheinen sie nicht dem Originalbestand anzugehören.
Weshalb ich dachte, dass die Fassade am 1. und 2. Obergeschoss völlig erneuert worden war, hat mit der Anzahl der Fensterachsen zu tun: bei den Vollgeschossen vier, und am Giebel sieben Fensterachsen. Ich hatte mir kaum vorstellen können, dass dieser statische Bruch original sein könnte. Aber bei der Mehrheit der historischen Giebelfassaden ist dies der Fall.
Wahnsinn, das hast Du aber sehr schön erkannt und eingezeichnet - ich hätte nicht gedacht, dass von den Renaissance-Nischen noch soviel da ist! Eigentlich könnte man die sogar ganz wiederherstellen. Vielleicht paassiert das ja bei der Sanierung...
Die Entlastungsbögen unterhalb der ehemalige Korbbogennischen stammen meiner Ansicht nach vom ersten grundlegenden Umbau im 19. Jahrhundert. Vermutlich wurde da wie üblich die hohe Diele in zwei Stockwerke geteilt. Der niedrige Unterboden behielt zunächst seine Abmessungen. Unterböden waren sehr niedrige Etagen, da sie als Speicherböden gebaut worden waren, also genau wie das ganze Dach ursprünglich nicht zu Wohnzwecken dienten. Die Fenster des neuen 1. OGs saßen dann unter diesen Entlastungsbögen. Die alten Fensteröffnungen sind ja am dort gestörten Mauerwerk noch gut abzulesen.
Irgendwann - vielleicht sogar beim Umbau von 1948 - genügte der niedrige Unterboden nicht mehr den Ansprüchen an eine Wohnnutzung, so dass die Decke zwischen dem Unterboden und dem 1. OG, also die alte originale Decke der Diele, geschätzt einen halben Meter heruntergesetzt wurde, so dass der Unterboden höher wurde - vielleicht von knapp 2m auf knapp 2,50m. In dem Maße rückten dann auch die Fenster des 1. OG nach unten und entfernten sich so von ihren Entlastungsböden. Zeitgleich wurden wohl auch die Fenster des Unterbodens ein klein wenig nach unten gesetzt oder vergrößert, da sie jetzt sehr dicht über den Entlastungsbögen des 1. OGs sitzen. Soweit meine Theorie dazu, die mir sehr plausibel vorkommt.
Die Fassade ist in Höhe des Unterbodens noch weitgehend original, zumindest hinter der Vermauerung der Nischen; darunter (1.OG und EG) wird man sicher kaum noch bauzeitliches Material finden.
Auch dieses Wissen ist wichtig, wenn man sich mit den Giebelformen in Lübeck befassen möchte. Bei uns nennen wir den Übergang von der Gotik zur Renaissance 'Spätgotik', weil oft im 16. Jahrhundert Rundbogen verwendet wurden, aber noch gotische Nasen an den Fenstergewänden und Masswerk. Ich befasse mich seit einer Weile mit den Giebelfassaden in Nürnberg (Beispiel), und es wird spannend, dereinst die Parallelen zu Lübeck zu sehen!
Als Spätgotik kenne ich hier die Zeit zwischen ca. 1400/1450 und vielleicht maximal 1550, eher sogar nur bis kurz nach 1500. Das Burgtor von 1444 und das St.-Annen-Kloster von 1500 zählen zur Spätgotik. Deutlich nach 1500 ist mir kein gotischer Bau in Lübeck mehr bekannt. Ich meine sogar mal gelesen zu haben, das St. Annen der letzte gotische Bau in Lübeck war. Die meisten großen Häuser mit Renaissance-Treppengiebel entstanden dann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Wenn ich so recht überlege, scheint es nach dem "Gotik-Boom" gefühlt sogar eine relative Pause beim Bau von 1500 bis 1550 gegeben zu haben. Die Häuser Wahmstraße 35 und 37 sind dann auch von 1560 bzw. 1557. Letzteres steht auf der noch vorhandenen Wappentafel:

Wahmstr. 37, Wappentafel
Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
Und die zweite Hälfte des 16 Jahrhunderts würde ich nun auf keinen Fall mehr der Gotik zuordnen - nicht einmal mehr der späten. Vielleicht mag das regional unterschiedlich sein?
Wären das jetzt typische Korbbogennischen mit quadratischen Fenstern, die am mittleren Haus am 2. Obergeschoss zu sehen sind? Im Giebel sitzen rundbogige Hochblenden, aber noch gekuppelte Fenster dazwischen. Dies wäre in dem Fall auch so ein Übergangsbeispiel von der Gotik zur Renaissance. Nebenbei: Links davon eine neugotische Fassade, und rechts davon eine 'echte' gotische Fassade.

Lübeck 1901. Vergrösserung.
Autor: teknika museet, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.
An der Untertrave 74. Ja, das sind typische Korbbogennischen, und das Haus ist wohl in der Tat eine Mischform zwischen Gotik (Doppelluken und glasierte Steinschichten) und Renaissance (rundbogige Blenden). Bei einigen Häusern komme ich in der Tat auch ins Schwimmen - mich würde das Baudatum interessieren, habe aber auf die Schnelle keine Infos dazu gefunden. Die auf dem Bild zu sehende prächtige Hauszeile wurde 1942 leider komplett zerstört.
Übrigens fällt mir da gerade ein, dass auch in der Gotik bereits Korbbogennischen verwendet wurden. Ein Beispiel ist der Kriegsstubenbau des Rathauses.
Und hier auch drei Korbbogennischen, aber mit sehr tief sitzenden Fenstern?

Marstall in Lübeck. Vergrösserung.
Autor: Kresspahl, creative commons public domain.
Das Vorderhaus der Marstalls am Burgtor. Auf den ersten Blick würde ich die Fassade als gotisch einstufen - ich meine, das müsste zusammen mit dem Burgtor 1444 entstanden sein oder kurz danach. Die Öffnung des EGs enstand erst 1928 bei der Erweiterung der Durchfahrten von 3 auf 4. Ursprünglich gab es sogar nur eine Durchfahrt durch den Torturm (ganz rechts auf dem Bild angeschnitten).
Bei Wahmstr. 35 ist mir zudem noch die spezielle Fenstersturzmauertechnik an den drei Dachgeschossen aufgefallen:

Wahmstr. 35, 1. / 2. Dachgeschoss mit
Bildgrundlage: Lemke, Martin, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.
Irgendwie erscheint mir das nicht ursprünglich, aber weshalb hätte man da so umständlich ältere Bogen (aus Formsteinen, von denen man nur die 'Spitze' sieht?) untermauern sollen? Womöglich sind die Stichbogenfenster im Giebel auch nicht ursprünglich?
Das sieht in der Tat merkwürdig aus. Die ursprünglichen Bögen hatten eine größere Wölbung. Vielleicht musste die Fassade irgendwann stabilisiert werden. Oder die Bögen wurden den Fenstern angepasst. Keine Ahnung. Im Gegensatz zu den Fenstern der unteren Geschosse waren die Luken im Dachbereich des Giebels tatsächlich rundbogig offen und von innen nur mit Holzklappen verschlossen. Fenster wurden dann erst zwecks Umnutzung von Lagerböden zu Wohnungen eingebaut. Die dann oft rundbogig, aber auch gerade (siehe ganz unten).
Hier noch ein paar Bilder von mir mit noch exisiterenden Häusern:

Mengstraße 64: Fassade aus der späteren Renaissance, ohne Hochblenden und mit horizontaler Gliederung. Alle Fassadenöffnungen sind noch original erhalten (das kommt nach der Wohnungsnot des ausgehenden 19. Jahrhunderts nicht mehr so oft vor!). Hier sind zwei "Unterböden" vorhanden.

Mengstraße 52/50: Nr. 50 (rechts) mit im EG rekonstruierter Fassadengliederung und mit vorgesetztem Portal von Fischstraße 34). Bei Nr. 52 (links) wurden die Decken der Diele und der Unterböden neu angeordnet, um größere Geschosshöhen zu erhalten.

Mengstraße 23: Frühere Renaissance mit Hochblenden und Rundbogen-Luken. 4 Korbbogige Fenster im Unterboden bei 5 Achsen im Dachbereich!. EG/Diele im 19. Jhdt. verändert, darüber ist aber an den zu sehdenden Entlastungsbögen noch die Höhe der originalen Fenster und des Portals ablesbar.

Mengstraße 27: Wieder späte Renaissance, Fassadenöffnungen noch original, Ausschmückung mit Düren-Terrakotten.

Mengstraße 31: Oberghalb der Diele originale Fensteröffnungen - hier sind mal gerade Fenster in die Luken gesetzt worden. Diele in zwei Stockwerke unterteilt unter wesentlicher Beibehaltung der originalen Öffnungen (ehemals hohe Fenster nur im Bereich der eingezogenen Zwischendecke vermauert. Unter dem verputzen Portal vermute ich noch originale Formsteine...
So, das soll erstmal reichen, muss jetzt doch mal Feierabend machen, so umfangreiche Beträge dauern ganz schön...