St. Gallen - Reaktivierung einer historischen Gartenlaube

  • Ja, es gibt sie noch - Lost places mitten im Zentrum einer bewohnten Stadt.

    Ich werde hier über einen solchen Ort berichten, der wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt werden soll. Er befindet sich in einem gepflegten Anwesen im Zentrum der Stadt, das nunmehr von der vierten bis sechsten Generation einer St. Galler Familie bewohnt wird. Versteckt unter einem 'Efeubusch' und einer Eibe schlummert dort eine historische Gartenlaube aus dem 19. Jahrhundert. Mit der Zeit nur noch als Abstellraum für allerlei Gartenutensilien benutzt und von Efeu überwuchert, geriet das einstige Schmuckstück langsam in Vergessenheit.

    Als Einleitung vier Bilder, so wie ich den Ort im Herbst 2024 angetroffen hatte:

    stj 10 08.11.2024 3288
    Ansicht von Nordwesten.

    stj 10 08.11.2024 3291
    Ansicht von Norden auf die Längsseite.

    stj 10 08.11.2024 3292
    Ansicht von Südosten.

    stj 10 24.09.2024 cr WOWM1428
    Blick nach Osten auf die Schmalseite.

  • Bevor eine Bestandsaufnahme gemacht werden konnte, musste die Gartenlaube zuerst von allem Efeu befreit werden. Auf dem angerosteten Blechdach hatte sich ein Berg von Humus gebildet, und bei einem Blick auf den Sockel war unklar, ob die Laube allmählich in den Boden versunken war, oder ob durch Gartenumgestaltungen der Boden allmählich ein höheres Niveau erhalten hatte.

    Das jahrzehntealte Efeugeäst hatte sich um die Balken und Ziergitter förmlich herum- und hineingewunden, sodass das Efeu nicht wie bei einer Hausfassade einfach heruntergerissen werden konnte. Innen als auch aussen mussten zahlreiche Äste durchsägt und herausgefädelt werden, um die Originalbausubstanz grösstmöglich zu schonen. Parallel dazu folgten bereits einige Sicherungsarbeiten am Sockel. Ein solcher war eigentlich gar nicht mehr erkennbar - die tragenden Pfosten waren alle von unten her angefault und immer wieder lose Steine und Ziegel unterschoben worden. Reste von horizontalen und vertikalen Brettern könnten noch dem Originalbestand angehören, wobei ich mir zu jenem Zeitpunkt noch kein Bild des ursprünglichen Sockelaufbaus machen konnte.

    All diese Vorarbeiten bescherten dem Eigentümer und mir im November 2024 zwei lange, feuchtkalte Samstagnachmittage Arbeit! Der wilde Pflanzenbewuchs hatte zwar auch seine reizvolle Seite, und so tat es weh, in diesen einzugreifen. Ursprünglich beabsichtigten wir ein paar wenige Hauptstämme zu belassen, wobei aber schnell klar wurde, dass aus diesen kein schöner Bewuchs mehr austreiben würde und sich das Wurzelwerk zu grossen Teilen im Bereich des Sockels erstreckte. Egal wie sich die Renovation ergeben würde - ein stabiler Sockel war unabdingbar, sodass wir schliesslich auch die Hauptstämme entfernten.


    stj 10 24.09.2024 cr VIOP4182x
    Das Geäst wand sich teilweise durch die Ziergitter und in die Zapfenverbindungen des Fachwerks hinein, dessen Balken dadurch auseinander getrieben wurden.

    stj 10 08.11.2024 cr 141427166
    Westliche Schmalseite mit Eingang.

    stj 10 13.11.2024 cr TZAW3614
    Immer wieder zusammengeschusteter Sockel rechts von der Eingangstüre.

    stj 10 08.11.2024 cr 141413255Dachuntersicht an der Nordwestecke.


    Auf allem vier Seiten bestehen Giebel mit Füllbrettern, aus denen Drachenpferde ausgesägt sind. Alle acht Elemente sind identisch. Lediglich eine kleine Krabbe fehlt - sonst sind sie noch in tadellosem Zustand:

    stj 10 24.09.2024 cr TGAF4024x

    stj 10 08.11.2024 3301
    Längsseite gegen Norden mit Schwebegiebel.

    stj 10 08.11.2024 3302x
    Fusspunkt des Schwebegiebels.

    stj 10 08.11.2024 3295x
    Schmalseite gegen Osten.

    Die Öffnungen waren nie mit Fenstern verschlossen, sondern nur mit Jalousieläden. Diese sind teilweise in einem bedenklichen Zustand und offenbar schon früher einmal repariert worden. Meinem scharfen Auge ist natürlich nicht entgangen, dass beim Ladenpaar oben drei Lamellenbrettchen unsachgemäss ersetzt worden sind. :smile:


    stj 10 24.09.2024 cr IKHU9405x
    Innenansicht gegen Norden.


    Auf dem Dach hatte sich eine dicke Humusschicht gebildet, die durch feines Wurzelwerk zu einem grossflächigen Teppich zusammengewachsen war:

    stj 10 08.11.2024 3311x

    stj 10 10.11.2024 cr HCQF4294x

    stj 10 12.11.2024 3320
    Nach Beendigung der Rodungsarbeiten und einer kalten Dusche.

    stj 10 13.11.2024 cr GBVS3436xReste des wohl originalen Sockels ragten nur noch knapp aus dem Boden.


    Mit dem winterfesten Eingepacken des Daches erfolgte auch eine Sicherung im unteren Bereich der Wände mittels Spanngurte. Diese hatten den Zweck, die auseinandergedrifteten Pfosten und Riegel zusammenzuhalten, da weder ein richtiges Fundament noch ein Schwellenkranz vorhanden waren. Doch vorher mussten die Pfosten und Riegel wieder zusammengefügt werden, wozu alle Zapfenlöcher von Verunreinigungen und eingewachsenen Ästen befreit werden mussten. An einer Ecke wollte dieses Zusammenziehen einfach nicht funktionieren, und nach jedem Schlag federte der Pfosten wieder in die Ausgangslage zurück. Der Widersacher verbarg sich schliesslich versteckt hinter einer Leiste in Form eines Astes, der sich zwischen ein Ziergitter und den Eckpfosten drängte und diese allmählich auseinanderdrückte:

    stj 10 27.11.2024 3452

    stj 10 13.11.2024 cr FZWD7538x

  • Schon im Frühling 2024, als ein Zaun erneuert wurde, rückte die Gartenlaube für kurze Zeit ins Blickfeld von der Strasse her. Infolge Beschattung wucherten die Pflanzen hier nicht so stark, aber das Holz nahm dennoch Schaden des undichten Daches und der Bodenfeuchte wegen:

    stj 10 07.05.2025 cr JFDA3269x


    Nach der Entrümpelung wurde die Gartenlaube 'stilgerecht' bereits wieder als Orangerie für den Winter 2024/25 eingerichtet. Erstmals kamen so die Schönheit der Architektur und die Lichtstimmung im Innern wieder zur Geltung. Sogar ein alter Gartenstuhl steht für die Meditation in den kalten Vollmondwinternächten bereit... :wink: Die Stimmung früher an heissen Sommertagen muss sehr angenehm gewesen sein, denn durch die filigranen Ziergitter und die beweglichen Jalousien war dauernd Licht, Schatten und auch leichter Durchzug vorhanden:

    stj 10 10.11.2024 cr UHJM4504x
    Blick nach Osten.


    So sehr man sich am wiedergewonnen Raum zuerst mal freuen sollte, so war mein Kopf bereits bei der Untersuchung und Dokumentation von Spuren des einstigen Sockels und von Farbkonturen verschwundener Bauteile, wie hier zum Beispiel links am Türpfosten und entlang des Sockels, wo sich einige wenige ursprüngliche Farbkonturen entfernter Holzteile finden liessen:

    stj 10 10.11.2024 cr KMZG6288
    Blick nach Westen.

    stj 10 12.04.2025 4020
    Sockelpartie an der Nordseite.


    Die Grundform der Laube besteht aus einem länglichen Baukörper unter Satteldach mit zwei Quergiebeln, die sich in der Mitte in einem Kreuzfirst treffen. Die Firstpfette in Längsrichtung ist bei einem Querschnitt von 9 x 9 cm und 3 m Länge unterdimensioniert, insbesondere weil sie auch die beiden Quergiebel mittragen muss. Mithilfe der Dachschalung und der Kehlsparren entstehen aber ausgesteifte Flächen, die das Dach stabil in Form halten - aber nur so lange die Schalung intakt ist...

    stj 10 27.11.2025 5292Blick nach Osten.

    stj 10 27.11.2025 5293
    Blick nach Osten.


    Am Kreuzungspunkt muss sich ein gedrechselter Knauf befunden haben, der aber nicht mehr vorhanden ist (auf den letzten drei Bildern durch den Spriess verdeckt). Im Innern hat sich wohl auch der originale Farbanstrich erhalten - als Grundfarbe besteht ein blasses Türkis, und die Laubsägetafeln in den Giebeln sowie die Jalousieläden sind mit einem mittleren Grün hervorgehoben. Mindestens die Randleisten der Diagonalgitter sind ebenfalls in einem mittleren Grünton gestrichen. Aussen sind mindestens zwei Grünanstriche auszumachen. Eine weitere Farbuntersuchung steht noch bevor.

    stj 10 12.04.2025 4015Farbnegativ eines früheren gedrechselten Knaufs.

    stj 10 12.04.2025 4016xMassiver Wasserschaden bei der südöstlichen Kehle.

    stj 10 12.04.2025 4013
    Intakte Kehle an der Nordwestecke.

    stj 10 12.04.2025 4017
    Blick nach Süden. Die dreieckigen Zierfüllungen, die Jalousieläden und mindestens die Randleisten der Diagonalgitter sind mit einem mittleren Grünton vom blasstürkisfarbenen Grund hervorgehoben.