St. Gallen - Die Mülenen (Mühlentobel, Mülitobel)

  • Die 'Mülenen' ist ein ganz spezieller Ort in St. Gallen. Es ist eine Schlucht oder ein Tobel südlich der Klosteranlage und Altstadt, das nach der Eiszeit durch die Steinach geschaffen wurde. Schon früh wurde die Kraft des Wassers nutzbar gemacht. Die Mülenen zieht Künstler an, ist für einige Personen ein spiritueller Ort, ein Wohnquartier - und neuerdings hatte sie auch ein Snowboarder entdeckt. Auch der Heilige Gallus setzte sich im Jahr 612 wohl dank ihr hier nieder und begründete nach seiner anfänglichen Einsiedelei eine Brüdergemeinschaft. Gemäss der Vita des Heiligen Gallus aus dem 7. Jahrhundert stürzte Gallus in der Nähe eines Wasserfalls in einen Dornbusch und deutete dies als göttliches Zeichen, hier zu bleiben.

    Da ich beruflich oft in der Mülenen zu tun habe, kenne ich seit vielen Jahren jeden Winkel dieses Tobels oder Schlucht. Schon lange war es ein Projekt von mir, die Mülenen bau- und siedlungsgeschichtlich zu erforschen. Jedenfalls möchte ich hier vor allem aktuelle und historische Abbildungen zeigen. Als Einstimmung dazu steht das folgende Video, von dem man kaum denken würde, dass alle Szenen im Januar 2021 am Rande des Stadtzentrums gedreht wurden, alle zwischen 100 und 400 Meter südlich der Kathedrale. Die Szenen von 00:09 bis 00:39 wurden alle in der Mülenen gedreht, die restlichen in unmittelbarer Nähe. Grosse Schneemengen sind keine Seltenheit in St. Gallen, und da am 13. November kurz vor Mitternacht das erste bisschen Schnee dieses Winters fiel und ich momentan an einer Grippe leide, fand ich jetzt den idealen Zeitpunkt, diesen Strang zu eröffnen.

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    Inhaltsverzeichnis:

    - Fotogalerie hinauf
    - Fotogalerie hinunter
    - Historische Gesamtansichten
    - Stadtplangegenüberstellungen, Strassenbaugeschichte
    - Die ehemaligen Nebenkanäle der Steinach
    - Drei bauliche Schwerpunkte
    - Die Ansicht von Hädener 1789
    - Die vier Radierungen von Mayr um 1790
    - Der untere Gebäudeschwerpunkt vom Müllertor bis zur Felsenbrücke
    - Der mittlere Gebäudeschwerpunkt von der Felsenbrücke bis zur Einmündung der Fluhstrasse
    - Der obere Gebäudeschwerpunkt von der Einmündung der Fluhstrasse bis zur Mühlegg
    - Gebäude am Rande der Mülenen
    - Mühlegg
    - 'Die Schleife'
    - Der Bau der Gottfried-Keller-Strasse von 1906 bis 1908

  • Nachdem der Schneefall von letzter Nacht tagsüber liegen geblieben ist, hat in St. Gallen der Winter definitiv begonnen. So bin ich heute um 11 Uhr bei 1 °C das Mühlentobel entlang der zur 'Snowboardpiste' umgenutzen Mühlenstrasse abgelaufen, nicht aber mit dem Schlitten, sondern zu Fuss bergauf. Vor allem im unteren Teil des von Süden nach Norden abfallenden Tobels vermag die Sonne nur noch knapp hinein zu scheinen, sodass bei dieser Jahreszeit die Fotografierverhältnisse alles andere als günstig waren. Die meisten Fotos entstanden im Gegenlicht, was aber besondere Lichtverhältnisse ergab.

    Das Mühlentobel beginnt unmittelbar neben dem einstigen Müllertor, das im Stadtplanausschnitt in der linken oberen Ecke ans Haus [Innerer Klosterhof] 6f angebaut war. Die Gebäude 6e und 6f sind als Nebenbauten des Klosters an die Innenseite der mittelalterlichen Stadtmauer angebaut. Gegenüber von ihnen befindet sich der Haupteingang zur Stiftsbibliothek (gerade oberhalb des Planausschnitts). Zwischen den Häusern [St. Georgen]-Strasse 3 und 8 befand sich ein massives Vortor und eine hölzerne Brücke davor. Das Müllertor samt Vorwerken wurde als erstes der Stadttore 1836 abgebrochen und die alte Brücke durch eine gemauerte Brücke ersetzt. Nach dem Haus Mühlenstr. 2 beginnt die Mühlenstrasse. Das in dunklerem Rot gehaltene Gebäude St. Georgen-Str. 10 ist die Talstation der Mühleggbahn, die 1893 als unterirdische Standseilbahn eröffnet wurde. Die Streckenlänge beträgt 320 m und bezwingt eine Höhendifferenz von 70 m.

    Mein Weg führte also die Mühlenstrasse hinauf, zwischen den Häusern Nr. 3 - 6 hindurch, dann unter der 1902/03 erbauten Felsenbrücke, und weiter zwischen den Häusern Nr. 14 - 21, wo sich die Strasse zu einem Plätzchen ausweitet. Hier mündet auch die in die Nagelfluh getriebene Fluhstrasse ein. Nr. 21 ist übrigens das im Titelbild des Videos zu sehende Haus. Die erste Bilderserie führt bis hierher.

    Mülenen Stadtplan 2023
    Stadtplan 2023

    Weiter führt dann die Strasse um das Haus Nr. 21 herum und führt fortan den Namen Mühlenweg, da dieser infolge einer Treppe nicht mehr befahrbar ist. Um an Höhe zu gewinnen, bestehen zwei Haarnadelkurven wie bei einer Passstrasse. Weiter oben geht der Weg in die Obere Mühlentreppe über und erreicht zwischen St. Georgen-Str. 36 und 39 beim 'Mühlegg' das obere Ende des Mühlentobels. Daneben befindet sich auch die Bergstation der Mühleggbahn. Hier beginnt das Wohnquartier St. Georgen. Diese jahrhundertealte Strasse nach St. Georgen hinauf wurde erst 1847/48 durch die in weitem Bogen um das Tobel geführte St. Georgen-Strasse ersetzt.

    Ein paar Zahlen:
    Höhenkote vor St. Georgen-Str. 2: 676 m.ü.M.
    Höhenkote neben St. Georgen-Str. 39: 745 m.ü.M.
    Höhendifferenz: 69 m
    Distanz Luftlinie / durchschnittl. Steigung: 310 m / 22%
    Distanz Mühlenstrasse-Mühlenweg-Obere Mühlentreppe / durchschnittl. Steigung: 386 m / 18%.


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    Der unterste Wasserfall der Steinach unmittelbar vor dem Müllertor. Links die Talstation der Mühleggbahn, die nur wenige Meter oberirdisch verläuft.


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    Die Talstation ist ans Haus Mühlenstrasse 2 angebaut, hinter dem die Mühlenstrasse beginnt. Die weiterführende Treppe ist die untere Mühlentreppe. Trotz Neugestaltung des Platzes vor rund zehn Jahren und einer massiven Verkehrsberuhigung ist die Situation räumlich verunklärt (bis etwa 1990 fuhren hier täglich bis zu 10'000 bis 14'000 Autos hindurch! Jetzt Begegnungszone). Hier befand sich die einstige Müllertorbrücke, bis die Steinach ab 1903 in den Untergrund verlegt wurde. Hinter dem Plätzchen ist der unterste Wasserfall sichtbar, der schon in der Lebensvita des Heiligen Gallus erwähnt wird.


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    Mühlenstr. 2 (rechts) - 12 (links, unter der Brücke), im Hintergrund Mühlensteg 10.


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    Zwischen Mühlenstr. 3 und 4.


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    Rechts Mühlensteg 10 unter der Felsenbrücke, im Hintergrund Mühlenstr. 12 und 14.


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    Steg über die Steinach zum Haus Mühlensteg 10.


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    Ein Blick zurück auf die Kathedrale. Wir befinden uns hier bereits auf der Höhe des Daches unterhalb der Turmuhr. Unten in der Mitte ist die Ausfahrt aus der Talstation der Mühleggbahn erkennbar und links wiederum der Steg auf den Vorplatz von Mühlensteg 10.


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    Ein Blick unter dem Gewölbe der Felsenbrücke hinauf fällt auf ein Strassenwärtermagazin an der Ecke Felsenbrücke / Fluhstrasse.


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    Ein Blick zurück auf die Felsenbrücke und Mühlenstr. 12 / Mühlensteg 10. Im Hintergrund die Klosteranlage. Das Bild ist nicht schräg aufgenommen worden, sondern die Brücke besitzt tatsächlich ein Gefälle nach Westen.


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    Ein gedeckter Verbindungsgang zwischen Mühlenstr. 14 und 17 unterstreicht den einstigen industriellen Charakter des Mühlentobels.


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    Unterhalb des Verbindungsganges erahnt man bereits die Ausweitung des Tobels, wo mit Mühlenstr. 24 (rosa) eine Reihe von sechs grossen Mühlenbauten beginnt.


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    Blick zurück auf den Verbindungsgang zwischen Mühlenstr. 14 und 17.


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    Oberhalb von Mühlenstr. 14 ein weiterer Blick zurück.


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    Links die Einmündung der Fluhstrasse. Die Granitplatten markieren die Fluhbrücke, die diesen Sommer denkmalkonform erneuert wurde. Wir befinden uns hier bereits oberhalb der umlaufenden Balkone der Klostertürme.


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    Blick zurück auf Mühlenstr. 14 - 21 und die erneuerte Fluhbrücke.

  • In der Nacht auf den 22. November hatte es dann das erste Mal richtig geschneit. Die Lichtverhältnisse waren deshalb besser und der Akku auch wieder aufgeladen, sodass ich die Fortsetzung mit einigen Bildern ergänzen konnte.

    Bei der Einmündung der Fluhstrasse führt eine Sackgasse in gerader Richtung wie die Mühlenstrasse weiter zu den Häusern Mühlenstrasse 26-30 hinauf. Die Mühlenstrasse selber beschreibt hier die erste Spitzkehre auf der rechten Tobelseite (im Bild links), um mit einer weiteren Spitzkehre an Höhe zu gewinnen. Da sie hier nicht befahrbar ist, wurde auch der Name in Mühlenweg geändert. Bei dieser Kreuzung beginnt die zweite Häuseransammlung mit in der Höhe stark gestaffelten ehemaligen Mühlenbauten (Mühlenstr. 24-30, Obere Mühlentreppe 2 und St. Georgen-Str. 36).


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    Vor dem Haus Mühlenstr. 24 mündet von rechts her die Fluhstrasse in die Mühlenstrasse. Die Mühlenstrasse respektive der Mühlenweg führt hier mit einer Spitzkehre links weiter. Die Sackgasse geradeaus erschliesst die Häuser Mühlenstr. 26-30.


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    Anhand der Höhenstaffelung der Gebäude spürt man den steilen Anstieg des Tobels. Die Steinach hinter den Häusern weist hier auch die meisten Wasserfälle auf. Von rechts her: Mühlenstr. 26, 28, 30, Obere Mühlentrepppe 2 und dahinter knapp sichtbar die oberste Mühle St. Georgen-Str. 36.


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    Oberhalb der beiden Spitzkehren des Mühlenwegs mündet der Weg 'Untere Mühlentreppe' ein. Ein vertrautes Bild in St. Gallen sind die vielen Salz- und Kieskisten für den Winterdienst.


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    Weiter oben zweigt der Mülenen-Schluchtweg ab. Dieser wurde in den 1960er Jahren als kurzer Erlebnisweg auf der linken Tobelseite angelegt. Von ihm aus hat man den besten Blick auf die Steinach mit ihren Wasserfällen. Sogar eine Naturbrücke ist hier zu sehen - eine Nagelfluhbank, die während Jahrtausenden durch Unterspülung von der Steinach selbst geschaffen wurde. Im Blickfeld stehen Obere Mühlentreppe 2 und Mühlenstrasse 30.


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    Mühlenstr. 30, ursprünglich ein Sichtfachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert, hat noch am besten seine historische Grundform bewahrt. Die meisten Gebäude in der Mülenen werden noch auf das 16. und 17. Jahrhundert zurückgehen, aber durch fortwährende Modernisierungen und Vergrösserungen sind diese Kerne nur schwer zu finden.


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    Blick hinunter bis zu Mühlenstr. 24. Die Steinach fliesst hinter den Häusern.


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    Zwischen Mühlenstr. 31 und Obere Mühlentreppe 2 folgt heute der Mühlenweg abermals einer Spitzkehre und mündet dann in die St. Georgen-Strasse ein. Letztere wurde erst 1847/48 entlang der rechten Tobelflanke als bequemere Verbindung vom Stadtzentrum nach St. Georgen als Ersatz für die steile Mühlenstrasse angelegt. Für das in St. Georgen zu Beginn des 19. Jahrhunderts sich entwickelnde Industriequartier bedeutete dies eine enorme Erleichterung. Der oberste Teil der alten Mühlenstrasse wurde in eine Treppe umgewandelt und heisst daher Obere Mühlentreppe. Sie mündet oben ebenfalls in die St. Georgen-Strasse ein.


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    Ein Blick zurück durch die oberste Partie des Mühlenwegs auf die Mühlentreppe.


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    Ein Blick die Mühlentreppe hinunter, zwischen Obere Mühlentreppe 2 und St. Georgen-Str. 34 auf Mühlenstrasse 31.


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    Hinter St. Georgen-Str. 34 führt ein kurzer Weg zur St. Georgen-Strasse hinauf. Dies war zwar kaum der Beginn der Buchstrasse, die man im Hintergrund rechts sieht. Seit dem Bau der St. Georgen-Strasse 1847/48 mündet sie in letztere ein. Aufgrund älterer Stadtpläne vermute ich aber, dass die Buchstrasse einst zwischen den Häusern Mühlenstr. 31 und St. Georgen-Str. 34 in die Mühlenstrasse einmündete. Wir befinden uns hier übrigens auf derselben Höhe wie die Krete des Rosenbergs auf der anderen Stadtseite.


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    Oberhalb St. Georgen-Str. 36, der 'Obersten Mühle' endet bei Mühlegg das Mühlentobel. Hier befindet sich auch die Bergstation der Mühleggbahn und beginnt auch das Wohnquartier St. Georgen.
    Die Steinach besitzt ihr Quellgebiet oberhalb des Wenigerweiers und fliesst in einem Tal (St. Georgen Bach) durch eine kleine Ebene, wo das Quartier St. Georgen mit einem ehemaligen Kloster entstand. Unterhalb von St. Georgen stürzt sich die Steinach die Mülenen hinunter, fliesst heute unterirdisch durch das Stadtgebiet und mündet nach rund 10 km schliesslich in den Bodensee.

  • Die Höhenstaffelung der Häuser ist wirklich speziell, und man kommt sich fast wie in einer Ortschaft im Gebirge vor. Die enge Höhenstaffelung ist natürlich eine Folge der maximalen Ausnützung der Wasserkraft. Die Steinach stürzt sich von Mühlegg an abwärts bis zu Mühlenstr. 26 auf einer Länge von 100 Metern hinunter, hat dann bis nach der Fluhbrücke einen ruhigen Lauf und von Mühlenstr. 21 an bis zur Talstation der Mühleggbahn nochmals auf 100 Meter Länge Sturzgefälle.


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    Die Steinach bei Hochwasser am 16.6.2010 hinter Mühlenstr. 28. Unterhalb des Fussgängerbrücke des Schluchtwegs sieht man knapp die Naturbrücke aus Nagelfluh.

    Man muss aber nicht von der romantischen Vorstellung von Mühlen mit grossen Wasserrädern im wilden Bach ausgehen, denn im unruhigen, in die Nagelfluh eingeschliffenen Bachbett würden solche Wasserradantriebe gar nicht funktionieren. Meistens gibt es bei einer Mühle auch einen Mühlenkanal, und das war auch in der Mülenen so. Gerade vorgestern über Mittag hatte ich in der Mülenen zu tun und dachte auf dem Rückweg spontan, dass ich mal nach Spuren des Austritts des ehemaligen Mühlenkanals suchen könnte. Dieser ist in den Stadtplänen bis 1897 noch eingetragen, und tatsächlich sieht man die zugemauerte Öffnung noch heute, wenn man auf der Fluhbrücke bachaufwärts schaut:


    muehlenstrasse 24 steinach 3465
    Die Steinach bei Mühlenstr. 24. Unterhalb des roten Autos kann man die zugemauerte Austrittsöffnung des ehemaligen Mühlenkanals erkennen.

  • Nach dem Erreichen von Mühlegg bin ich die Obere Mühlentreppe und ein Teil des Mühlenwegs wieder hinuntergegangen und nahm dann den Weg über die Untere Mühlentreppe. Erst ab hier folgen wieder Fotos. Diese führt zuerst entlang der steilen rechten Tobelflanke aus Nagelfluh. Anschliessend kreuzt der Treppenweg die Felsenstrasse mit der Felsenbrücke, von wo aus man einen guten Blick in die Mülenen und einen wunderbare Aussicht auf die Kathedrale und die Stiftsgebäude hat. Unterhalb der Felsenstrasse führt dann eine steile (oft begangene!) Treppe wieder zur St. Georgen-Strasse hinunter.


    Mülenen Stadtplan 2023
    Stadtplan 2023.


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    Untere Mühlentreppe, ein steiler Weg mit kurzen Treppenabschnitten. Das Bild lässt kaum erahnen, dass man sich hier mitten in einer steilen Nagelfluhwand befindet.


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    Umso eindrücklicher ist die Sicht von dort aus auf die Dächer der Häuser, hier kurz oberhalb der Felsenbrücke.


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    Ein Blick hinauf auf die Häuser Mühlenstr. 14 und 17 mit dem gedeckten Verbindungsgang. Weiter oben die Häusergruppe Mühlenstr. 24-30.


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    Der gleiche Blick drei Tage später. Im Hintergrund oben schmiegt sich das Lehnenviadukt (Hangbrücke) der 1906/08 erstellten Gottfried-Keller-Strasse an die linke Tobelflanke. Zusammen mit der 1847/48 erstellten St. Georgen-Strasse ersetzte sie den mühevollen Aufstieg vom Stadtzentrum nach St. Georgen durch die Mühlenstrasse hinauf.


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    Blick auf die Felsenbrücke mit dem Gebiet zwischen Altstadt und Bahnhof. Der dunkle Quader ist das Rathaus der Stadt (in diesem Beitrag mehr Bilder des Rathauses).


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    Untere Mühlentreppe oberhalb der Felsenstrasse.


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    Blick von der 1902/03 von Robert Maillart erbauten Felsenbrücke tobelaufwärts auf Mühlenstr. 14. Maillart gilt als einer der bedeutendsten Schweizer Bauingenieure um 1900 und experimentierte mit der damals noch jungen Stahlbetonbauweise.


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    Rechts von Mühlenstr. 14 fällt der Blick hinunter auf die Wasserfälle der wilden Steinach.


    klosteranlage von sueden 22.11.2024 3415x
    Aufnahme in entgegengesetzter Richtung zum selben Zeitpunkt wie die beiden Bilder zuvor: die Kathedrale mit den Stiftsgebäuden, rechts der Turm von St. Laurenzen und dazwischen der Turm von St. Mangen. Im Hintergrund der Rosenberg.


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    Unterhalb der Felsenstrasse führt die Untere Mühlentreppe steil hinab wieder zum Ausgangspunkt an der St. Georgen-Strasse. Für den Bau der Felsenstrasse musste das Gelände aufgeschüttet werden, weshalb die vorher schon steile Untere Mühlentreppe mit Windungen versehen musste.

  • Man muss aber nicht von der romantischen Vorstellung von Mühlen mit grossen Wasserrädern im wilden Bach ausgehen, denn im unruhigen, in die Nagelfluh eingeschliffenen Bachbett würden solche Wasserradantriebe gar nicht funktionieren.

    Zu dieser Aussage gleich mal ein Ausschnitt aus der ältesten Darstellung der Stadt aus dem Jahr 1545:

    Vogtherr 1545 sw Ausschnitt Mülenen
    Ausschnitt mit den 'Mülenen' aus einer Stadtansicht von Westen. Holzschnitt von Heinrich Vogtherr, 1545. Stadtarchiv St. Gallen.

    Unten links sieht man die gebogene Klostermauer am Gallusplatz. Unmittelbar darüber ist ein Bauwerk unter Pultdach sichtbar. Dabei dürfte es sich im das Müllertor handeln, auch wenn es noch nicht die Höhe und die Treppengiebel im Zustand seines Abbruchs 1836 aufwies (die restlichen Stadttore sind jeweils angeschrieben). Das grosse Gebäude dahinter mit Halbwalmdach ist wahrscheinlich die heute noch bestehende ehemalige Spitalmühle, St. Georgen-Str. 8. Darüber folgen fünf in der Höhe gestaffelte Häuser, von denen das oberste ein Wasserrad besitzt. Zweifelsfrei handelt es sich hier um das Mühlentobel. Weiter oben ist die Kirche von St. Georgen dargestellt, und rechts von ihr mit auskragendem Fachwerkobergeschoss die Falkenburg.


    Sanktgaller Chronik 1540 1647 Ausschnitt Mülenen
    Ausschnitt mit den 'Mülenen' aus einer Stadtansicht von Westen. Kolorierte Federzeichnung in der St. Galler Chronik von 1540-1647. Stadtarchiv St. Gallen.

    Diese Stadtansicht ist bisher erst selten publiziert und nie eingehend beschrieben worden. Sie zeigt die Stadt von Westen her in gleicher Perspektive wie die Ansicht Vogtherrs, ist aber sicher nicht von ihr abgezeichnet worden. Die Stadt ist wie bei Vogtherr wenig realistisch mit einem Dächermeer innerhalb der Befestigung dargestellt. Die kirchlichen und öffentlichen Bauten sind sehr eigenwillig, aber unverkennbar gezeichnet.

    Rechts oberhalb der Altstadt erkennt man wieder eine Abfolge von fünf Bauten mit Mühlenrädern, ebenso auch die Falkenburg. Das Müllertor besitzt hier bereits die Treppengiebel, die es bis zu seinem Abbruch 1836 besessen hatte.

    Auf beiden Abbildungen sind ziemlich grosse Mühlenräder gezeichnet. Doch wenn man das Tobel und das Bachbett kennt, findet man keine Stelle in den abschüssigen Bereichen, wo solche Mühlenräder hätten platziert werden können. Ich vermute deshalb, dass schon spätestens im 16. Jahrhundert ein parallel zur Steinach angelegter Mühlenkanal das Wasser an die wenige Meter oberhalb des Baches stehenden Mühlen heranführte. Dadurch konnte man die Wasserführung für die Mühlenräder optimieren. Dass man mit dem Kanalbau in die Nagelfluh Erfahrung hatte, zeigt, dass bereits 1384 im Bereich von Mühlensteg 10 Wasser von der Steinach abgezweigt und in die Altstadt hinunter geleitet und dort als Brauchwasser in die Gassenbäche verteilt wurde. Dies war ein Bauvorhaben, das in der Literatur bisher noch nie eingehend gewürdigt und jeweils nur mit ein bis zwei Sätzen abgetan wurde. Darauf werde ich später zurückkommen.


    Mülenen 1789 J. Hädener HVM
    'Prospect der Stadtmüllen zu St. Gallen'. Aussicht vom südlichen Klosterturm aus in Richtung Süden. Radierung von J. Hädener, 1789. Kulturmuseum St. Gallen.

    Die Radierung Hädeners ist die älteste Abbildung, auf der die Mühlen- und andern Gebäude so dargestellt sind, dass man sie der heutigen Bebauung zweifelsfrei zuordnen kann. Weder Mühlenräder noch Kanäle sind zu erkennen, was der Blickrichtung der Radierung geschuldet ist, da sich die Mühlenräder an den Rückseiten der Häuser drehten.

    Es gibt drei (Vor?)-zeichnungen zu dieser Radierung, aber ohne die Legende am unteren Bildrand. Bei zweien ist dafür ein Text geschrieben, gemäss welchem 1384 'dieser Felsen' mit grossen Kosten zur Wasserleitung 'ausgehauen' worden sei. Die Stelle der einstigen Wasserentnahme kann heute noch auf der Ostseite von Mühlensteg 10 erahnt werden. In der Radierung sieht man die Stelle in Bildmitte beim 'Farbhaus B'. Rechts von diesem Haus führt ein Weg in die Stadt hinunter. Wahrscheinlich war der Kanal zugedeckt und als Gehweg ausgebaut worden. Dies ist die Keimzelle zum heute noch bestehenden Zugangssträsschen 'Mühlensteg'.

    Entlang den Häusern sieht man die Mühlenstrasse, wobei deren Verlauf bei den beiden Spitzkehren unklar ist. Wahrscheinlich ist dies der Perspektive geschuldet. Dafür bestand im Hang zwischen Mühlenstr. 24 und 26 und dem Mühlenweg einen Fussweg, der noch bis etwa 1950 bestand. Dies wird kaum ein älterer Verlauf der Mühlenstrasse gewesen sein. Links besteht bereits der Weg 'Untere Mühlentreppe', und der Weg rechts ist ein Vorläufer der heutigen Berneggstrasse. Rechts unten ist ein Vortor des Müllertors an die Spitalmühle St. Georgen-Str. 8 angebaut.

    Aus dem gleichen Zeitraum gibt es vier Detailansichten des Tobels von Johann Conrad Mayr, die zusammen mit der Ansicht Hädeners eine wertvolle Forschungsquelle für den Baubestand im 18. Jahrhundert sind. Auch auf diese werde ich erst später zurückkommen.


    Mülenen 1853 Liedl Röllin S.213
    Ansicht des Mühlentobels vom südlichen Klosterturm aus in Richtung Süden. Gouache von Liedl 1853. Reproduktion eines Bildes aus einer unbekannten Sammlung in: 'St. Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert' von P. Röllin, 1984, S. 213.

    Auf der Gouache-Ansicht von 1853 besitzt ein Grossteil der Häuser bereits das heutige Aussehen oder lässt es zumindest erahnen. Die Wegführungen entsprechen der Ansicht Hädeners, nur dass sich links oben die 1847/48 gebaute St. Georgen-Strasse dazugesellte. Ab dieser Ansicht folgen die ältesten fotografischen Aufnahmen.


    Ansicht 1889 Ost Ausschnitt Mülenen II
    Ansicht des Mühlentobels von Dufourstr. 50 aus. Davor die Türme von St. Laurenzen und der Kathedrale. Ausschnitt aus einer Fotografie von 1889. Sammlung Riegel.

    1889 war das Mühlentobel an seiner Ostseite im Gegensatz zu heute noch komplett unbewaldet. Wenn ich daran denke, dass letztes Jahr aufgrund der Eschenwelke etwa fünfzehn ausgewachsene Bäume gefällt und mit dem Helikopter aus dem Tobel auf die Kreuzung Fluhstrasse /Felsenstrasse geflogen werden mussten, verstehe ich, weshalb man es früher gar nicht zu einem Auswachsen der Bäume kommen liess.


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    Aussicht vom nördlichen Klosterturm in Richtung Südturm und auf das Mühlentobel am 26.8.2001.

    Von 2000 bis 2003 wurde die Kathedrale aussen restauriert. An einem starken Föhntag hatte ich an einem Morgen im August 2001 die Möglichkeit, die Restaurierungsarbeiten an der Turmfassade aus der Nähe zu besichtigen. Der Schäflisberg und das Buch (links) sowie die Bernegg (rechts) sind heute mit Wohnhäusern bebaut. Die einstigen Wiesenhänge sind zudem mit dichtem Baumbewuchs versehen, sodass die früheren Zeichner heute Mühe hätten, das Mühlentobel, das sich just hinter dem Südturm befindet, detailliert festzuhalten. Bei einem Vergleich der Häuser rechts unten (St. Georgen-Str. 3 u. 8, Mühlensteg 3) mit der vorletzten Ansicht von 1853 sieht man, dass sich deren Aussehen bis heute kaum verändert hat.

  • Die Orientierung mittels Stadtplan und genauer Bezeichnung der Hausnummern ist mir wichtig, da von der Mülenen viel historisches Bildmaterial in Form von Fotos, Grafiken und Detailzeichnungen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück vorhanden ist. Auch die Besitzergeschichten sind sehr spannend, insbesondere in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo auffallend viel 'Bewegung' herrschte. Dazu ist relativ leicht Quellenmaterial bis ins Jahr 1802 zurück auswertbar, wenn man genug Zeit investiert. Voraussetzung ist aber die fortgeschrittene Beherrschung des Lesens der altdeutschen Schrift. Weiter gibt es keine Schlüssel zwischen älteren Generationen von Hausnummernverzeichnissen und Brandkatasternummern mit der heutigen Häusernummerierung. Auch hier braucht es viel Wissen und Fantasie, um alte Hausnummern der heute bestehenden und auch verschwundenen Bebauung zuordnen zu können. Schliesslich gibt es sehr viele Baueingabe- und interessante Kanalisationspläne bis 1880 (vereinzelt bis 1860) zurück im Bauarchiv der städtischen Bauverwaltung.

    All das kann ich hier natürlich nicht bewältigen, aber mindestens mal die Identifizierung der Bauten auf historischen Ansichten und die Darstellung der Entwicklung des Strassen- und Wegsystems sind ein gestecktes Ziel. Einen Anfang mache ich hier, aber ohne die Nachweise zur Identifizierung der einzelnen Häuser auf den alten Stadtplänen. Das würde den Rahmen des Forums sprengen, soll aber in einer späteren Arbeit über das Mühlentobel nachgeholt werden.


    Das Mühlentobel im Stadtplan von Zuber 1828:


    Mülenen Stadtplanausschnitte 1828 2023
    Zuberplan von 1828 und Stadtplan 2023 (mit zusätzlich eingefügten Strassennamen).

    Vor dem Müllertor oben rechts hatte sich eine kleine Vorstadt entwickelt (heute St. Georgen-Str. 3 - 8). Aufgrund der engen Platzverhältnisse bestand diese nur aus wenigen Gewerbebauten. Nebst den die Stadtmauer begleitenden Wallstrasse und Moosbruggstrasse führte hier auch der einzige Zugang zur Mülenen und nach St. Georgen hinauf.

    Der Zuberplan ist der erste Plan der Stadt, der aufgrund eines Triangulationsnetzes entstand und von Zuber auf eigene Kosten erstellt wurde. Da die Triangulationspunkte lediglich bei Kirchtürmen, markanten Hügeln und Gebäuden gesetzt wurden, trug Zuber den eigentlichen Stadtgrundriss wahrscheinlich von Hand ein. Dies erklärt die teilweise stark verzerrten Strassen und Häusergruppen. Trotzdem ist er so genau gezeichnet, dass man den Plan mit etwas Übung und dem Vergleich mit dem Stadtplan von 1863 für die Bauforschung heranziehen kann respektive muss.

    Die Mühlenstrasse und die Mühlentreppe sind in ihrem heutigen Verlauf eingezeichnet. Im unteren Teil des Tobels ist die Häuseransammlung zwischen Mühlenstr. 2 und 21 noch nicht so dicht bebaut wie heute. Die obere Häusergruppe Mühlenstr. 24 bis St. Georgen-Str. 36 entspricht etwa der heutigen Bebauung. Auffallend sind dabei die vier Häuser Mühlenstr. 28 bis St. Georgen-Str. 36 in einer Abfolge, die mit Zwischenbauten verbunden sind. In diesen Zwischenbauten verlief der Mühlenkanal, dessen einstiger Ausfluss in die Steinach bei Mühlenstr. 24 drei Beiträge vorher zu sehen ist. Der Mühlenkanal ist gleich wie der parallel zur Steinach fliessende Sägebachkanal zwischen Spisertor und Sternacker bei Zuber nicht eingezeichnet, aber aufgrund späterer Pläne und weiterer Ansichten und Befunde detailliert nachgewiesen. Bisher gibt es noch keine Dokumentation über ihn, mit Ausnahme einer kurzen Hausgeschichte über Mühlenstr. 30!

    Die St. Georgen-Strasse ist noch nicht eingezeichnet, aber durch die Vorstadt und die Schäflisbergstrasse bereits vorgegeben. Die Buchstrasse ist ebenfalls bereits vorhanden und mündete zwischen zwei kleinen Häusern (St. Georgen-Str. 31 und 34) in die Obere Mühlentreppe ein - letztere damals wohl noch ohne Stufen, aber mit sehr steilem Gefälle. Ein weit ausholender Weg links zeigt bereits den ungefähren Verlauf der heutigen Berneggstrasse mit einer Spitzkehre.

    Hinter Mühlenstr. 28 ist eine Brücke über die Steinach eingezeichnet. Dabei dürfte es sich weniger um die Naturbrücke handeln, sondern um einen Vorgänger des heutigen oberen Stegs des Mülenen-Schluchtwegs. Dieser befand sich weiter unterhalb des heutigen, wahrscheinlich in geradliniger Fortsetzung zwischen Mühlenstr. 30 und Obere Mühlentreppe 2.


    Das Mühlentobel im 1. Stadtvermessungsplan von Fierz u. Eugster 1863:


    Mülenen Stadtplanausschnitte 1863 2023
    Plan von Fierz u. Eugster 1863 (1. Vermessungsplan) und Stadtplan 2023 (mit zusätzlich eingefügten Strassennamen).

    Die augenfälligste Veränderung gegenüber dem Zuberplan ist die 1847/48 erstellte St. Georgen-Strasse. Sie folgt nach der Müllertorbrücke zuerst der alten Schäflisbergstrasse und führt dann mit kleinerer Steigung nördlich von ihr den Harfenberg empor, um mit einer Spitzkehre (heute bei der Einmündung der Wildeggstrasse) wieder zurück zum Mühlentobel zu gelangen. Beim Mühlegg trifft sie dann wieder auf die Mühlenstrasse. Die Einmündung der Buchstrasse musste damals angepasst werden.

    Auf diesem Plan ist erstmals auch der Mühlenkanal bei der oberen Gebäudegruppe festgehalten. Der Kanal bestand überall an den Westseiten der Mühlen. Am heutigen Baubestand kann man seinen Verlauf noch erahnen, indem dort überall Anbauten bestehen. Auch im Innern der Häuser trifft man noch Relikte von ihm und auch Wasseraustrittsöffnungen an. Ein zweiter Kanal floss durch die Häuser Mühlenstr. 12 und 14.

    Zum Zeitpunkt der Planaufnahme dürften die Mühlen wohl bereits zu diversen Produktionsstätten umgenutzt worden sein, denn zwischen 1840 und 1860 fanden auffallend häufig Besitzerwechsel statt. In der Zwischenzeit entstanden auch Mühlensteg 3 und 10.


    Das Mühlentobel im Stadtplan von 1907:


    Mülenen Stadtplanausschnitte 1907 2023
    Stadtpläne 1907 und 2023 (mit zusätzlich eingefügten Strassennamen).

    Um die zu Produktionsstätten umfunktionierten Mühlen besser zu erschliessen, wurde der untere Teil des Berneggwegs zu einer Strasse ausgebaut. Mittels eines grossen Nagelfluhabtrags in der westlichen Tobelflanke konnte auch die Fluhstrasse samt Brücke über die Steinach als bequemerer Zugang zu den unteren vier Gebäuden Mühlenstr. 24 - 30 erstellt werden.

    In den 1880er Jahren wurden die Hänge beidseits des Mühlentobels zur Wohnbebauung freigegeben. Westlich entstand bereits ein Teil der Felsenstrasse und östlich die Wildeggstrasse. 1902/03 ermöglichte der Bau der Felsenbrücke über das Mühlentobel die Verbindung dieser beiden Strassen. Auch St. Georgen erlebte einen Bauboom und war bisher nur durch das Mühlentobel oder die St. Georgen-Strasse von Osten her erreichbar. Die 1893 eröffnete, unterirdisch verlaufende Mühleggbahn erleichterte den mühseligen Aufstieg für Fussgänger vom Stadtzentrum nach St. Georgen hinauf. Der Bau der Gottfried-Keller-Strasse samt Lehnenviadukt entlang der westlichen Tobelflanke 1907/08 erschloss St. Georgen nun auch von Westen her und ermöglichte eine direkte Verbindung zum Bahnhofquartier.


    Die chronologische Entwicklung der Verkehrswege beim Mühlentobel:


    Mülenen Stadtplanausschnitte Verkehrswege 2023x
    Stadtplan 2023 mit Eintragung der Verkehrswege nach chronologischer Erstellung.

    rot = Strassen und Wege vor 1800
    violett = St. Georgen-Strasse 1847/48
    hellgrün = Teilerstellung Berneggstrasse, Fluhstrasse mit Brücke zw. 1883 und 1891, Mühleggbahn 1892/93
    dunkelgrün = Felsenstrasse u. Felsenbrücke 1902/03, Gottfried-Keller-Strasse mit Lehnenviadukt und Fertigstellung Berneggstrasse 1906/08
    (ohne Farbe = Mülenen-Schluchtweg um 1962).

  • Nebenkanäle der Steinach:


    Im Stadtplan von 1863 (siehe auch drei Abbildungen vorher) sind die Mühlenkanäle erstmals eingezeichnet. Ein langer Kanal bestand bei der oberen Gebäudegruppe zwischen St. Georgen-Str. 36 und Mühlenstr. 24. Seine Wasserkraft wurde von sechs Betrieben genutzt, wobei in den Gebäuden meistens zwei Wasserantriebe bestanden. Das Gefälle innerhalb der Häuser wurde also nochmals ausgenutzt. Bei Mühlenstr. 14 bestand ein weiterer kurzer Kanal, der allerdings in Nr. 12 wieder in die Steinach auslief.

    Diese beiden Kanäle waren aber nicht in die Nagelfluh hinein geschlagen worden, sondern waren hochliegende Holzkanäle auf Stützen. Diverse Abbildungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert zeigen sie. Eine hochliegende Austrittsöffnung kann man heute noch bei Mühlenstr. 30 sehen (Bild im Link aus dem vorangehenden Beitrag), ebenso auch bei Mühlenstr. 28.


    Steinach Mühlenkanäle 1863
    Das hervorgehobene Kanalsystem in der Mülenen im Stadtplan 1863 (der Eintrag des Zuleitungskanals zur Wetti aus anderen Quellen).

    Steinach Mühlenkanäle 2023
    Das hervorgehobene Kanalsystem im Stadtplan von 1863 in den Stadtplan von 2023 übertragen.


    Ein dritter Kanal zweigte bei Mühlensteg 10 ab. Dabei handelte es sich um den 1384 angelegten Kanal, welcher Wasser der Steinach in die Altstadt hinein leitete. Das zugeführte Wasser wurde zuerst in der 'Wetti', einem künstlichen Stauweiher auf dem Gallusplatz vor dem Haus Auf dem Damm 17 (Klosterdrogerie) gesammelt und reguliert. Von ihr aus wurden in drei Richtungen die Gassenbäche gespeist. Weil hier auch die Pferde gebadet wurden, erhielt sie den Namen 'Rosswetti' (Pferdeschwemme). 1883 - also nach 499 Jahren Betriebsdauer - wurde die Wetti ausser Betrieb genommen und zugeschüttet. Vor der Stadtmauer und dem Müllertor zweigte noch ein Entlastungskanal ab, der wohl bis 1904 seinen Dienst verrichtete.

    Der Zuleitungskanal vom Mühlentobel zur Wetti trieb möglicherweise auch die Doppelmühle St. Georgen-Str. 8 an und lieferte Wasser für die 'Silberstrecki' (Wallstr. 16, 1968/69 abgebrochen, heute 'Pic-o-Pello-Platz'). Der Kanal innerhalb dieses Hauses wurde vor wenigen Jahren archäologisch dokumentiert. In der 'Silberstrecki' wurde Silber geschmolzen und für die Münzprägung gestreckt, wofür offenbar viel Wasser benötigt wurde. Im 18. Jahrhundert wurde sie an die Steinachstrasse verlegt, wo der Name bis in die 1980er Jahre noch bekannt war.

    Rund um die Steinach im Mühlentobel bestanden also drei Kanalsysteme, die wohl während eines halben Jahrtausends ihren Dienst verrichteten und heute in Vergessenheit geraten sind. Wie die beiden erwähnten Kanalaustrittsöffnungen bei Mühlenstr. 28 und 30 gibt es in den Grundmauern weiterer Gebäude noch Relikte und Hinweise auf diese Kanäle.

  • Einige Bilder zu den beiden ehemaligen Mühlenkanälen:


    Damit man von diesen Kanälen auch mal eine bildliche Vorstellung erhält, folgen einige Bilder, die ich aber erst später detaillierter beschreiben werde. Hier einfach mal als 'Vorabzug mit kanal-relevanten' Hinweisen:


    Mülenen 1 Mayr f HVMxx
    Ansicht der Mühlen und Wasserfälle in St. Gallen, erste von vier Radierungen um 1780. J C. Mayr, Kulturmuseum St. Gallen.

    Von der Mülenen gibt es vier Radierungen des Lindauer Künstlers Johann Conrad Mayr aus dem späten 18. Jahrhundert, die Detailansichten des Tobels zeigen. Sie entstanden etwa gleichzeitig mit der Gesamtansicht Hädeners von 1789 drei Beiträge weiter oben und können deshalb mithilfe von letzterer dem heutigen Baubestand zugeordnet werden.

    Die erste Ansicht zeigt links angeschnitten das Wassereinlassgehäuse von Mühlenstr. 26. Das zugeführte Wasser floss aus Nr. 28 auf einen aufgeständerten Holzkanal hinaus. Diese Auslassöffnung ist heute noch zu sehen. Hinter Nr. 28 ist die Traufseite von Mühlenstr. 30 mit rotem Fachwerk zu sehen. Nach oben folgen der bretterverschalte Giebel des Vorgängerbaus von Obere Mühlentreppe 2 und schliesslich St. Georgen-Str. 36, wiederum mit Fachwerk. Das kleine Gebäude zuoberst gehört wohl bereits zur Mühlegg. Es fällt auf, dass alle Gebäude gegen die Steinach holzverschalte Gehäuse besitzen, welche die Antriebe der Mühlen schützten. Wie gross und welcher Art die Wasserräder waren, kann aus den historischen Abbildungen nicht ermittelt werden.


    muehlenstrasse 28 31.07.2008 1765
    Nordwestlicher Gebäudesockel von Mühlenstr. 28, Juli 2008. Links im Schatten die Wasseraustrittsöffnung des ehemaligen Mühlenkanals. Das Felsplateau im Vordergrund ist auch auf der Radierung von Mayr oben zu sehen. Das heutige Haus ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts wohl auf dem alten Sockel des bei Mayr (und auch bei Hädener) abgebildeten Vorgängerbaus neu erstellt worden.


    Mühlenstr. 12 14 1848 Rietmann HVM
    Mühlenstr. 12 und 14. Bleistiftzeichnung von J. J. Rietmann, 1848. Kulturmuseum St. Gallen.

    Rietmanns Zeichnungen sind bekannt für ihre Detailgenauigkeit. Rechts hatte er den aufgeständerten Zuleitungskanal zu Mühlenstr. 14 gezeichnet. Dieser leitete das Wasser auf Erdgeschossbodenhöhe ins Untergeschoss. Die Funktion des Einlassgehäuses mit Satteldächlein, wie man sie auch auf historischen Ansichten anderer Gebäude im Mühlentobel findet, ist nicht klar. Gemäss der Höhenstaffelung der Fenster im pultdachförmigen Anbau waren hier wahrscheinlich zwei Wasserräder vorhanden. Das Wasser wurde anschliessend wohl direkt in die angebaute Nr. 12 geleitet.

    Das Haus besitzt über dem Untergeschoss ein Erdgeschoss und zwei Obergeschosse. Der sechseckige Grundriss des Hauses, der einem Viertelkreissektor nahe kommt, führte zu einem verzogenen Satteldach. Der Übergang zu Mühlenstr. 17 ist heute noch vorhanden.


    Mülenen um 1875 OB
    Mühlenstr. 12 und 14. Fotografie um 1870. Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

    Im Unterschied zur vorangegangenen Ansicht von 1848 von Rietmann ist das Antriebsgehäuse nun einem haushohen Anbau mit querliegendem Satteldach gewichen. Der Holzkanal ist nicht mehr vorhanden. Es wäre aber möglich, dass er unterirdisch geführt wurde, denn um 1900 muss noch Wasser durch den Anbau geflossen sein (siehe nächste Abbildung). Die Funktion des halsbrecherischen Balkons vor dem Dachgeschoss ist unklar und hing wahrscheinlich mit dem im Haus ansässigen Gewerbe zusammen.


    Mühlenstr. 14 Brand 1900 Rietmann KBx
    Mühlenstr. 12 und 14 nach dem Brand des Daches von Nr. 14 im Jahr 1900. Dank des Schnees sind im Hintergrund die Untere Mühlentreppe und die St. Georgen-Strasse zu sehen. O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    1900 brannte das Dach von Mühlenstr. 14 ab, wobei das 3. Obergeschoss in seiner Grundsubstanz intakt blieb. Jedenfalls wurde das 3. Obergeschoss um einen guten Meter erhöht und das heute noch erhaltene flachgedeckte Mansarddach mit Blecheindeckung aufgesetzt. Vor den Anbau anstelle des einstigen Mühlradantriebs ist nach 1870 ein weiterer, massiv gemauerter Anbau mit Hochkamin angefügt worden. In ihm befand sich wahrscheinlich eine Dampfmaschine entweder als Ersatz für die Wasserkraft oder als Zusatzantrieb für wasserarme Zeiten. Dampfaggregate kamen in der Stadt vor allem im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auf. Im Fotobeschrieb ist die Zwirnerei-Fabrik Hippolyt Mayer-Scheitlin angegeben (In einer Zwirnerei werden Fäden und Garne zu ihrer höheren Festigkeit verdreht, wofür das Garn zuerst gedämpft werden muss).

    Interessant ist der Wasserauslass auf der Bergseite von Nr. 12 (der scheinbar starke Wasserausfluss ist wohl auf die längere Belichtungszeit zurückzuführen oder er ist gefroren). Es ist möglich, dass ein Wasserkraftantrieb gleich beim Einlass ins Gebäude platziert war und dessen Kraft für den Betrieb im Haus genügte, sodass das Wasser gleich wieder herausgeleitet werden konnte. Unmittelbar unterhalb von Nr. 12 bestand ja keine Mühle mehr. Jedenfalls musste also irgendein Wasserfluss zwischen den beiden Bauten noch stattgefunden haben.


    muehlenstrasse 14 03.09.2020 7928x
    Mühlenstr. 14 im September 2020 aus gleicher Blickrichtung wie die Ansichten von 1848 und um 1870 mit erhöhtem 3. Obergeschoss und neuem Mansarddach. Das Hochkamin ist verschwunden und auf das Dach des zweiten Anbaus eine Garagenbox aufgesetzt worden.


    muelenen bernegg 27.11.2020 8507x
    Blick von der St. Georgen-Strasse hinunter auf Mühlenstr. 14 und 17, November 2020. Dahinter ist die Fluhstrasse sichtbar, die sich hart an eine Nagelfluhwand schmiegt. Die regelmässig angeordneten Punkte sind Edelstahlplatten zur Befestigungen eines Steinschlagnetzes.


    Mülenen A. Sch. V. W
    Die obere Mühlengruppe von Mühlenstr. 24 bis St. Georgen-Str. 36. Rechts der Lehnenviadukt der Gottfried-Keller-Strasse. Ungelaufene Ansichtskarte nach 1908, Verlag A. Sch. V. W., unbekannte Sammlung.

    Nebst dem am rechten Bildrand knapp sichtbare Hochkamin von Mühlenstr. 14 besassen auch die Häuser Mühlenstr. 28 und 30 und Obere Mühlentreppe 2 Hochkamine, die heute alle wieder verschwunden sind. Die Funktion der Kreuzfirsttürmchen von Obere Mühlentreppe 2 und St. Georgen-Str. 36 links oben ist unklar. Ein solches Türmchen besass auch die 1903 abgebrochene Haldersche Mühle am Spisertor.


    obere muehlentreppe 2 27.11.2020 8482
    Heute noch bestehender Sockel des einstigen Hochkamins von Obere Mühlentreppe 2 am Mülenen-Schluchtweg. Infolge Verwitterung ist der Sockel in Stampfbeton fast nicht mehr von einer Nagelfluh zu unterscheiden.

  • Einige Bilder zum ehemaligen Kanal von Mühlensteg 10 an über den heutigen Pic-o-Pello-Platz bis zur Rosswetti hinunter:


    muelenen muehlensteg 10 21.12.2024 3533
    Ostseite von Mühlensteg 10 gegen die Steinach, Dezember 2024. Rechts der namengebende 'Mühlensteg' und weiter unten die Brücke der Mühleggbahn zwischen Talstation und Tunnel.

    In diesem Bereich wurde bei der Erstellung des Kanals 1384 für die Versorgung der Altstadt mit Brauchwasser mittels eines Wehrs in der Steinach das Wasser abgezweigt. Wie weit die Lage des heutigen Stauwehrs dem ursprünglichen entspricht, geht aus den Stadtplänen ab 1800 leider nicht hervor; sie sind hier ausnahmsweise ungenau und widersprüchlich. Über dem angesammelten Kies im spitzen Winkel zwischen Wehr und Hausfassade sieht man einen Materialwechsel, der auf eine Einlassöffnung hinweisen könnte. Die Funktion des Schiebers rechts unterhalb des Wehrs ist mir unklar.

    Das heutige Gebäude Mühlensteg 10 / 10a (bis 2017 Mühlensteg 8) wurde zwischen 1853 (auf der Gouache von Liedl 1853 sind noch die Vorgängerbauten dargestellt) und 1863 (1. Vermessungsplan der Stadt) erstellt. 1863 ist nur die bergseitige Hälfte des Hausgrundrisses als geschlossen eingetragen. Die beiden Obergeschosse der talseitigen Hälfte standen auf Stützen und das Erdgeschoss war offen. Der Grund für diese Anordnung ist noch unklar. Der geschlossene Teil des Erdgeschosses reichte bis an die Steinach heran, den man auf dem Foto von Mühlenstr. 14 um 1870 sieht. Ein Ausschnitt davon:


    Mülenen um 1875 OB Ausschnitt
    Im Hintergrund die Fassung des Kanals bei Mühlensteg 10. Ausschnitt aus der Fotografie um 1870 im vorangehenden Beitrag.

    Der Gebäudeteil an der Steinach war demnach eingeschossig unter einem Walmdach und besass zwei Fenster gegen Osten. Diese beiden Fenster entsprechen auf dem heutigen Foto oben den beiden linken Fenstern. Der heutige dreigeschossige östliche Anbau des Hauses erfolgte etwa in den 1890 Jahren, wohl unter Verwendung des hier abgebildeten ursprünglichen eingeschossigen Anbaus. Unter den beiden Fenstern ist die mutmassliche Einlassöffnung ebenfalls zu erahnen, ebenso die heutige Staustufe.


    Ak Müllertorbrücke Mülenen 1902
    Das Müllertor mit der bis 1903 bestehenden Müllertorbrücke, aber ohne die 1902/03 erstellte Felsenbrücke. Über der Brücke sieht man Mühlensteg 10 mit diversen Vorbauten auf Höhe des Untergeschosses. 1902 gelaufene Ansichtskarte, Sammlung Riegel.

    Nebst dem hier sichtbaren ostseitigen Anbau unter Flachdach (links) hat das Gebäude auch ein 3. Obergeschoss erhalten, unter Verwendung der bestehenden, dreifenstrigen Lukarne. Entscheidend ist aber die Transmissionsvorrichtung am mittlerweile verglasten Erdgeschoss. Ein Laufband läuft von ihr ins Untergeschoss rechts. Wie und wo die Antriebskraft erzeugt wurde, geht daraus aber nicht hervor. Über dem Dach sieht man ein hohes Kamin, das auf eine Dampfmaschine hinweisen könnte. Es ist möglich, dass der Kanal zu dieser Zeit noch in Betrieb war.

    2023 wurden partielle Fels- und Hochwassersicherungsarbeiten im Mühlentobel ausgeführt. Von einem beteiligten Mitarbeiter des Tiefbauamtes erfuhr ich, dass im Haus vor einigen Jahren ein nicht mehr in Betrieb stehender Kanal zugeschüttet wurde - ein interessanter Hinweis, dem ich noch nachgehen werde, wie auch den Gebäudeplänen im städtischen Bauarchiv.


    Federzeichnung Müllertor II
    Ansicht der Stadt St. Gallen von Osten, Ausschnitt mit dem Müllertor und seinen Vorwerken. Federzeichnung um 1666, Kulturmuseum St. Gallen.

    Links ist die Spitalmühle (St. Georgen-Str. 8) mit dem angebauten Vortor zu sehen. Rechts davon bestand ein Gebäudekonglomerat, das den Kern der 1968/69 abgebrochenen Silberstrecke, Wallstr. 16 (heute Pic-o-Pello-Platz) bildete. Durch dieses verläuft der Kanal zur Rosswetti (archäologisch um 2014 dokumentiert), der nach der Überbrückung der Wallstrasse bis zur Stadtmauer oberirdisch verlief. Rechts vom Treppengiebel des Müllertors ist die Rosswetti zu sehen. Zwischen Silberstrecke und Müllertor ist sogar der bis um 1904 bestehende Entlastungskanal zur Steinach zurück samt Auslauf festgehalten (vgl. mit den beiden Stadtplanausschnitten im vorletzten Beitrag). Am rechten Bildrand die Klosterkirche und der Kreuzgang hinter der Klostermauer.


    360°-Panorama des Pic-o-Pello-Platzes.


    Gallusplatz Mayr I
    Die Rosswetti am Gallusplatz, die von 1384 bis 1883 bestand. Radierung um 1780 von J. C. Mayr.

    Die Fassade des heutigen Hauses Auf dem Dam 17 (Klosterdrogerie) stünde heute links im Wasser. Die Baulinie wurde um 1950 beim Neubau gegenüber dem Altbau vorgerückt. Hinten an der Schmalseite bestand eine Vorrichtung zur Regulierung des Wassers in den dort beginnenden Gassenbächen. Bei der Linde ist eine weitere Regulierungsvorrichtung zu sehen, wo sich wahrscheinlich die Gassenbäche Richtung Webergasse und Gallusstrasse teilten.


    gallusplatz wetti 14.05.2008 1407
    Die Grundmauer der Rosswetti mit innenliegender Bohlenverkleidung kam bei Grabungsarbeiten auf dem Gallusplatz 2008 zum Vorschein und wurde archäologisch dokumentiert.

    Bei Grabarbeiten auf dem Gallusplatz vor dem Haus 'zur Wetti' Auf dem Damm 17 kamen im Mai 2008 Reste der 1883 zugeschütteten Wetti ans Tageslicht. Man erkennt eine über einen Meter dicke Grundmauer mit an der Innenseite verlaufender Bohlenverkleidung, so wie sie auch die Ansicht Mayrs zeigt. Das Foto zeigt die Partie, wo bei Mayr links vom hinteren Gattertor eine Regulierungsvorrichtung besteht.

  • Drei bauliche Schwerpunkte:


    In der Mülenen können drei bauliche Schwerpunkte ausgemacht werden, deren Lage mit dem Lauf und Gefälle der Steinach zusammenhängen.

    Zuoberst säumen die Mühlengebäude Mühlenstr. 26, 28, 30, Obere Mühlentreppe 2 und St. Georgen-Str. 36 einen etwa 110 m langen Bachabschnitt mit 35 m Gefälle. Mühlenstr. 24 gehört noch zu dieser Gebäudegruppe, liegt aber nicht mehr im Kaskadenbereich der Steinach, sondern am flach und gemächlich fliessenden Teil, wo auch der einstige Mühlenkanal wieder einmündete. Es ist fraglich, ob in Nr. 24 überhaupt ein Mühlenbetrieb ansässig war oder ein anderes Gewerbe. Das Gebäude bildete bis um 1900 mit Nr. 26 eine Liegenschaft und wurde dann abgetrennt.

    • Oberhalb der Felsenbrücke besteht der mittlere bauliche Schwerpunkt. Mühlenstr. Nr. 12 und 14 stehen direkt am Bachbett, das in diesem Bereich wieder eine kurze Kaskade von zehn Metern Höhendifferenz bildet. Mühlenstr. 17, 19 und 21 stehen bergseits der Strasse und bergen heute Wohn- und Lagerräume, die nicht im Zusammenhang mit der Wasserkraft standen.

    • Unterhalb der Felsenbrücke folgt der untere bauliche Schwerpunkt. Hier bilden ehemalige Mühlen- und Manufakturbauten, Wohnbauten und die Talstation der Mühleggbahn ein abwechslungsreiches Ensemble. Hier folgt auch die letzte Kaskade der Steinach mit 60 m Länge und einem Gefälle von 17 m.


    Mülenen Schwerpunkte 2023
    Drei bauliche Schwerpunkte in der Mülenen. Die Schwerpunkte decken sich mit den Steinachpartien mit den Kaskaden.


    Durch einen Vergleich aller historischen Abbildungen kann die Baugeschichte der Bauten für die letzten zweihundert Jahre grob abgeschätzt werden. Dies ergibt eine Grundlage für die archivalische Erforschung, für welche die Bauten zuerst aber identifiziert werden müssen, da die heutigen Adressen erst in den 1880er Jahren geschaffen wurden. Vorher findet man mehrere Häusernummerierungen und Brandassekuranznummern, für die es keinen Schlüssel gibt. Im Vordergrund stehen hier die Lager- und Brandassekuranzbücher in diversen Archiven. In diesen gibt es Hinweise auf grössere bauliche Veränderungen und auch Umklassierungen je nach Feuergefährlichkeit des drin ansässigen Gewerbes. Grosse Wertsteigerungen lassen ebenfalls auf grössere Umbauten und Erweiterungen schliessen. Wurde ein Gebäude erst nach Beginn eines neuen Lagerbuches erstellt, erhielt es eine der fortlaufend vergebenen Nummern, wurde am jeweiligen Schluss des Bandes nachgeführt und ist deshalb nur schwer auffindbar.

    Folgende Bände müssen herangezogen werden:

    - Helvetischer Kataster von 1802 (Staatsarchiv St. Gallen). Dieser bildet ein Verzeichnis aller Bauten und bildete die Grundlage für eine Versteuerung der Gebäude. Die Häuser im Besitz der öffentlichen Hand sind in der Liste nicht aufgeführt, da die öffentliche Hand ja nicht selber Steuern zahlen musste. Mühlen, die im Besitz diverser städtischer Ämter waren, fehlen also. Am Schluss des Verzeichnisses folgt aber eine Liste all dieser Bauten in öffentlicher Hand. die Schrift ist teilweise nur schwer lesbar. Bei vielen Bauten ist zudem ein Vermerk zur letzten Handänderung angegeben. Diese sind ein wertvolles Bindeglied von den Archivalien der alten Stadtrepublik bis 1798 und den Archivalien der neuen politischen Gemeinde. Zudem werden jeweils zwei Hauptanstösser angegeben.

    - Die Lagerbücher ab 1807 sind eine Folge der in jenem Jahr gegründeten 'Gebäudeversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen'. Die Häuser erhielten neue Assekuranznummern und wurden wieder fortlaufend mit Nummern versehen. nach 1807 erstellte Neubauten wurden wieder am Schluss nachgeführt und sind schwieriger lokalisierbar. Angaben zu bauliche Arbeiten und Wertsteigerungen bilden auch hier die wichtigste Aussage. Als Besitzer werden nur diejenigen aufgeführt, die am 1. Januar auch Eigentümer waren. Es kann also sein, dass während eines Jahres eine Liegenschaft zweimal verkauft wurde, und somit ein kurzzeitiger Besitzer nicht aufgeführt ist. Hier helfen dann die Handänderungsprotokolle weiter. Die Lagerbücher werden im Stadtarchiv der politischen Gemeinde St. Gallen aufbewahrt. Ab 1820 wurden Doubletten dieser Bände beim Kanton eingeführt, die heute im Staatsarchiv des Kantons St. Gallen eingesehen werden können. Verluste von diesen Verzeichnissen bei diversen Dorfbränden führten zu dieser Massnahme von Sicherungskopien beim Kanton.

    - 1809 erschien durch G. L. Hartmann ein Grundriss der Altstadt, in welchem auch die Hausnummern eingetragen sind. Diese Hausnummern findet man versteckt auch im Helvetischen Kataster von 1802.

    - 1848 erfolgte eine Neuauflage der Lagerbücher, da die alten wegen zu vieler Einträge und Nachführung von Neubauten unhandlich geworden waren. Die Assekuranznummerierung wurde zum Glück beibehalten.

    - Eine weitere Neuauflage bilden die Lagerbücher ab 1874. Gleichzeitig ging auch eine neue Nummerierung einher. Leider gibt es hierzu keinen Schlüssel, sodass nur in aufwändiger Recherche anhand der Besitzernamen die Liegenschaften von einem neueren zu einem älteren Band zurückverfolgt werden können.

    Vor etwa 25 Jahren sollte ich mal die Baugeschichte von Mühlenstr. 3 und 5 erforschen. Ich habe diese Notizen gerade nicht zur Hand, aber ich kam damals auf ein ungefähres Erstellungsjahr von Nr. 3 um 1810. Man kann sich vorstellen, dass die Erforschung eines einzelnen Gebäudes in der Mülenen sehr zeitaufwändig ist und oft nur zu unsicheren Ergebnissen führt. Bei einer systematischen Erforschung eines ganzen Quartiers erhält die Beachtung der nachbarlichen Beziehungen viel mehr Gewicht, und die Chance auf verlässliche Ergebnisse wird dadurch einiges grösser.

    Von der Erforschung von Mühlenstr. 3 und 5 bleibt mir noch in Erinnerung, dass im Mühlentobel zwischen 1840 und 1860 sehr häufige Besitzerwechsel auftraten. Ich möchte dazu noch keine Mutmassungen aufstellen, aber sie stehen vielleicht im Zusammenhang mit Wasserrechten und Bodenabtäuschen.

    Die Erforschung dieser Quellen werde ich im Rahmen der Vorstellung des Mühlentobels hier sicher nicht an die Hand nehmen können, aber ich wollte die Grundlagen zeigen, die unbedingt als nächstes ausgewertet werden sollten. Hier sind sicher sehr spannende Resultate zur Geschichte der Frühindustrialisierung St. Gallens zu erwarten!

  • Legende zur Ansicht von Johannes Hädener von 1789:


    Mülenen 1789 J. Hädener HVM
    'Prospect der Stadtmüllen zu St. Gallen'. Aussicht vom südlichen Klosterturm aus in Richtung Süden. Radierung von J. Hädener, 1789. Kulturmuseum St. Gallen.

    Diese Ansicht hatte ich bereits weiter oben verwendet und Folgendes dazu geschrieben:

    Die Radierung Hädeners ist die älteste Abbildung, auf der die Mühlen und andern Gebäude so dargestellt sind, dass man sie der heutigen Bebauung zweifelsfrei zuordnen kann. Mühlenräder sind aber keine zu erkennen, was die Existenz eines speziellen Mühlenkanals umso mehr voraussetzt.

    Es gibt drei (Vor?)-zeichnungen zu dieser Radierung, aber ohne die Legende am unteren Bildrand. Bei zweien ist dafür ein Text geschrieben, gemäss welchem 1384 'dieser Felsen' mit grossen Kosten zur Wasserleitung 'ausgehauen' worden sei. Die Stelle der einstigen Wasserentnahme kann heute noch auf der Ostseite von Mühlensteg 10 erahnt werden. In der Radierung sieht man die Stelle in Bildmitte beim 'Farbhaus B'. Rechts von diesem Haus führt ein Weg in die Stadt hinunter. Wahrscheinlich war der Kanal zugedeckt und als Gehweg ausgebaut worden. Dies ist die Keimzelle zum heute noch bestehenden Zugangssträsschen 'Mühlensteg'.

    Entlang den Häusern sieht man die Mühlenstrasse, wobei deren Verlauf bei den beiden Spitzkehren unklar ist. Wahrscheinlich ist dies der Perspektive geschuldet. Dafür bestand im Hang zwischen Mühlenstr. 24 und 26 und dem Mühlenweg einen Fussweg, der noch bis etwa 1950 bestand. Dies wird kaum ein älterer Verlauf der Mühlenstrasse gewesen sein. Links besteht bereits der Weg 'Untere Mühlentreppe', und der Weg rechts ist ein Vorläufer der heutigen Berneggstrasse. Rechts unten ist ein Vortor des Müllertors an die Spitalmühle St. Georgen-Str. 8 angebaut.

    Aus dem gleichen Zeitraum gibt es vier Detailansichten des Tobels von Johann Conrad Mayr, die zusammen mit der Ansicht Hädeners eine wertvolle Forschungsquelle für den Baubestand im 18. Jahrhundert sind. Auch auf diese werde ich erst später zurückkommen.


    Diese vier Detailansichten werden jeweils den Einstieg zur näheren Beschreibung der drei baulichen Schwerpunkte bilden. Doch zuerst folgt eine Identifikation der Bauten in der Ansicht Hädeners samt Zuordnung zum heutigen Baubestand. Natürlich setzte ich einen Vergleich mit Abbildungen aus der Zwischenzeit voraus, um diese Identifikation gewissenhaft führen zu können. Einzelne Nachweise werden in der Beschreibung der baulichen Schwerpunkte folgen.


    Mülenen 1789 J. Hädener HVM Bezeichnungen
    'Prospect der Stadtmüllen zu St. Gallen'. Aussicht vom südlichen Klosterturm aus in Richtung Süden. Radierung von J. Hädener, 1789. Kulturmuseum St. Gallen. Der untere Legendentext ist in die Abbildung übertragen und mit den heutigen Adressen ergänzt worden.

    Im Vordergrund blickt man auf die Dächer des Südflügels des Inneren Klosterhofs, des Dekanatflügels (östlicher Kreuzgangflügel) und den anschliessendem Trakt gegen das Schwesternhaus. Die Wegführung im Mühlentobel hat sich bis heute erhalten (beispielweise unten die Kreuzung der Mühlenstrasse mit der Unteren Mühlentreppe) und auch die meisten Einzelbauten sind wiederzuerkennen. Bei den Bauten, die in der Zeit zwischen 1789 und heute abgebrochen und ersetzt wurden, kann man davon ausgehen, dass die Nachfolgebauten an gleicher Stelle wiedererrichtet wurden. Jedenfalls widerspricht keine der historischen Abbildungen dieser Annahme. Ein wertvolles Dokument dazu ist der Stadtplan von 1863, da dieser noch einige Gebäude mit älteren Grundrissen festhält, die auch aus historischen Abbildungen herausgelesen werden können.

  • Die vier Radierungen von Johann Conrad Mayr um 1790:


    Die vier Radierungen von Johann Conrad Mayr sind etwa gleichzeitig mit dem Stich Hädeners entstanden. Allgemein wird in der Literatur als Entstehungszeit 'um 1780/90' angegeben. Zufällig wird im Handel gerade jetzt ein Exemplar aus der Mayr-Serie angeboten, auf welchem handschriftlich 'Ano 1780' geschrieben steht. Die Schrift passt in jene Zeit, weshalb ich künftig 'um 1780' angeben werde. Mayr hatte 24 Detailansichten der Stadt erstellt, die meistens vom Kunsthändler und Verleger Bartholome Fehr koloriert wurden. Die Perspektive hatte Mayr nicht ganz verstanden, aber mit der eingehenden Beschäftigung mit seinen Ansichten kann man sehr viele Details herauslesen, die Anhand weiterer Bilder und archäologischer Grabungen nachgewiesen sind. Die Kolorierung Fehrs(?) enthält starke Kontraste, was eine spannende Stimmung erzeugt. Freilich ist das Wasser der Steinach übertrieben gezeichnet, noch ganz im Geiste barocker Üppigkeit. Tatsächlich führt die Steinach aber nur etwa jedes Schaltjahr tosendes Hochwasser, das zudem braun verfärbt ist.

    Im Kulturmuseum liegen drei Exemplare der Mülenenansichten, die viel heller und mit grelleren Farben koloriert wurden. Sie sind entweder beschnitten oder hinter einen Passepartout geklebt, wodurch der originale Text unten nicht mehr sichtbar ist. Für die baugeschichtliche Forschung und die Wiedergabe hier sind sie besser geeignet. Zuerst eine Collage aller vier Ansichten mit der üblichen Kolorierung durch Fehr:


    Mayr Mülenen 1 4
    Die vier Ansichten des Mühlentobels von J. C. Mayr um 1780. Kantonsbibliothek und Kulturmuseum St. Gallen.


    Mülenen Stadtplan 2023 Standorte Mayr
    Die vier Standorte und Blickrichtungen Mayrs.

    Entgegen dem Wasserfluss der Steinach und der Nummerierung der vier Radierungen werde ich mit der näheren Betrachtung der Gebäude unten im Mühlentobel beginnen. Man ist sich gewohnt, vom Zentrum aus das Mühlentobel zu betreten (oder mit der Mühleggbahn zu fahren) und erst später wieder den Weg hinunter unter die Füsse zu nehmen. Doch vorerst noch zwei Hochwasserbilder:


    muelenen steinach 16.05.2023 1593
    Hochwasser am 16.5.2023. Oberste Kaskade von 110 m Länge und 35 m Gefälle hinter Mühlenstr. 28 bis St. Georgen-Str. 36 (entspricht der 1. Ansicht Mayrs). Unterhalb des Stegs ist die Naturbrücke sichtbar.


    muelenen hochwasser 18.06.2010 3781
    Hochwasser am 18.6.2010 bei der Talstation der Mühleggbahn (entspricht der 4. Ansicht Mayrs).

  • Der untere Gebäudeschwerpunkt vom Müllertor bis zur Felsenbrücke:

    (St. Georgen-Str. 8, 10, Mühlenstr. 2 - 6, Mühlensteg 10)


    Als Einstieg folgt die 4. Ansicht Mayrs aus der Mülenen-Serie aus dem Beitrag vorher, aber jenes Exemplar mit der eigenwilligen Kolorierung:

    Mülenen 4 Mayr f HVMxx
    4. Ansicht aus der Mülenen-Serie um 1780 von J. C. Mayr. Exemplar mit eigenwilliger Kolorierung im Kulturmuseum St. Gallen. Der Wasserstrudel oberhalb der Brücke ist auch auf dem Hochwasserbild im vorangehenden Beitrag sichtbar.

    Mayr sass mit dem Rücken zur Stadtmauer, die hier auch die Rückfront des Schwesternhauses des Klosters bildet, oder sogar im Gebäude drin (Der Name 'Schwesternhaus' entstand erst im 20. Jahrhundert, nachdem die Abtei schon lange aufgehoben war. Das Gebäude ist heute eher unter 'Türmlihaus' bekannt). Vorne rechts erkennt man die Spitalmühle St. Georgen-Str. 8 mit dem angebauten Vortor des Müllertors. Dieses wurde 1823 abgebrochen und 1836 die hölzerne Brücke durch eine Steinbrücke ersetzt. Links - also am rechten Ufer der Steinach - gibt es noch keine Gebäude, so wie es auch Hädener darstellt. Die Häuser weiter oben gehören bereits zur mittleren Baugruppe oberhalb der Felsenbrücke (Mühlenstr. 12 und 14). Das Haus mit den drei Kaminen wiederum gehört zum unteren Abschnitt, was der ungenauen Perspektive Mayrs geschuldet ist. Es ist der Vorgängerbau von Mühlensteg 10, in welchem gemäss Hädener eine 'Farb' betrieben wurde, und wo auch das Wasser zur Wetti hinab abgezweigt wurde. Gegen die Steinach besass es einen holzverschalten Anbau. Oben links - fast einer Berghütte ähnlich - ist Buchstr. 11, das um 1930 durch das heutige Mehrfamilienhaus ersetzt wurde. Es ist jeweils auf vielen Ansichten abgebildet.


    Googlemaps Mülenen 4
    Unterer Teil der Mülenen. Google Maps-Bild 2022(?). Rechts unten das Schwestern- oder Türmlihaus.

    St. Georgen-Str. 8 (Spitalmühle) ist das Gebäude hinter dem Schriftzug 'Drahtseilbähnli'. Auf dem Pic-o-Pello-Platz rechts davon stand die 1968/69 abgebrochene Silberstrecke Wallstr. 16. Der Nachfolgebau der Farb, Mühlensteg 10 (bis 2017 Mühlensteg 8), steht schräg links oberhalb der Spitalmühle.

    Am rechten Steinachufer stehen heute die Talstation der Mühleggbahn (St. Georgen-Str. 10) und die Häuser Mühlenstr. 2 - 6. Diese entstanden alle erst im 19. Jahrhundert.

    Der untere Gebäudeschwerpunkt auf dem Hartmann-Plan von 1809:


    Zwanzig Jahre nach Hädeners Ansicht erschien 1809 ein Stich von Georg Leonhard Hartmann mit dem Grundriss der Altstadt samt angrenzenden Partien der Vorstädte. Es ist der erste Plan, der auch eine Häusernummerierung aufweist. Wie die Häusernummerierung zustande kam und wer sie schuf, ist nicht bekannt. Jedenfalls findet man die Nummerierung bereits im Helvetischen Kataster von 1802, nicht aber als Hauptnummerierung, sondern nur unter der Rubrik 'zwei Hauptanstösser'. Die dem Kataster zugrunde liegende Hauptnummerierung besteht aus Liegenschaftsnummern, die aber von der Brandassekuranznummerierung ab 1807/08 nicht übernommen wurde. Nur die Wohnhäuser tragen eine Nummer, nicht aber die öffentlichen Bauten und Gewerbebauten. Alle diese Feststellungen scheinen recht kompliziert zu sein, aber wenn man das ganze 'System' versteht, ist der Versuch, den Baubestand von damals anhand dieser Angaben im heutigen Stadtgrundriss zu lokalisieren, sehr spannend. Mit dem Vergleich aller Abbildungen, die hier folgen werden, kann man die Ergebnisse vertiefen. Erst die Lagerbücher erbringen dann völlige Klarheit und meistens auch die genauen Erstellungs- oder Umbaujahre der Häuser.

    Der Plan von Hartmann ist nach Westen ausgerichtet. Der folgende Ausschnitt ist hier gedreht, sodass Norden oben ist, und zeigt die Gegend zwischen Müllertor, Moosbruggstrasse, Schäflisberg und dem unteren Teil der Mülenen. Oben links ist der Kreuzgang des Klosters angeschnitten und davor das schmale, ans Müllertor anstossende Schwesterhaus.


    Hartmann Müllertor
    Ausschnitt aus dem Grundriss der Altstadt St. Gallen von G. L. Hartmann 1809 mit dem Müllertor.

    Die vier nummerierten Gebäude sind relativ leicht dem heutigen Baubestand zuzuordnen (von rechts her):
    - 265: Schäflisbergstr. 3, 3a
    - 266: Schäflisbergstr. 2 (Wohnhaus z. Schäflisberg, Abbruch Anfang 1960er Jahre)
    - 267: Wallstr. 16 (ehem. Silberstrecke, Abbruch 1968/69, heute Pic-o-Pello-Platz)
    - 268: St. Georgen-Str. 8 (Spitalmühle).

    Somit können die Gebäude ohne Nummern auch identifiziert werden (nebenbei: Gebäude, die zur Zeit der Aufnahme 1809 im Bau waren, erhielten offenbar wie die Gewerbebauten noch keine Nummern).

    Von unten links nach rechts oben folgend:
    - Mühlensteg 10 (ohne Nummer, da eine Färberei und kein Wohnhaus)
    - Mühlenstr. 3 (mit dreieckigem Garten nach Norden), wohl gerade im Bau
    - St. Georgen-Str. 7 (mit kleinem Anbau)
    - Moosbruggstr. 23 (zw. 1934 und 1948 durch Moosbruggstr. 25 ersetzt).

    Die ungefähre Bauzeit der später am rechten Steinachufer erstellten Häuser lässt sich anhand weiterer Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert im übernächsten Beitrag abschätzen.

  • Der untere Gebäudeschwerpunkt auf aktuellen Ansichten:


    st.georgen strasse 8 09.01.2025 3598xDie ehemalige Spitalmühle St. Georgen-Str. 8. Die Aufnahme entspricht dem Blick, den man beim Verlassen der Stadt durchs 1836 abgebrochene Müllertor hatte.


    st.georgen strasse 17.09.2024 3093Die St. Georgen-Strasse Richtung Osten. Links mündet die Moosbruggstrasse ein, und rechts oberhalb der Autos zweigt die Schäflisbergstrasse ab.

    Am Übergang von der grauen Pflästerung vorne zum roten Plattenbelag stand bis 1823 das Vortor. Ab hier verläuft die Steinach seit 1903 unterirdisch. Vorher floss sie offen entlang der Moosbruggstrasse und Stadtmauer Richtung Spisertor. Die rote Pflästerung symbolisiert die ehemals offen fliessende Steinach und damit auch die bis 1903 bestehende Müllertorbrücke. Rechts lehnt sich die Talstation an Mühlenstr. 2 an. In der Strassengabelung steht St. Georgen-Str. 7, ein Haus unter Walmdach aus dem frühen 19. Jahrhundert.


    st.georgen strasse 8 09.01.2025 3599x
    St. Georgen-Str. 8, die ehemalige Spitalmühle.

    Über dem Portal ist eine Wappenkartusche mit dem Datum 1668 eingelassen. Es handelt sich dabei um das Datum einer Renovation, denn das Gebäude ist bestimmt viel älter. Das rechte Fenster am 2. Obergeschoss der Nordseite (siehe vorletztes Bild) weist eine breite Hohlkehle auf, die unten in einer Nase endet. Die Profilierung weist ins 15. Jahrhundert. Seither hat das Haus mehrere Umgestaltungen erfahren. Der letzte Umbau in historisierendem Stil stammt von 1904 und betraf vor allem das Erdgeschoss und die Dachaufbauten.


    muelenen 19.11.2024 3366x
    Die Talstation der Mühleggbahn, rechts oben schwach sichtbar die Felsenbrücke.

    Die Talstation der Mühleggbahn (St. Georgen-Str. 10) wurde 1892/93 ans Wohnhaus Mühlenstr. 2 angebaut. Anstelle des Platzes im Vordergrund bestand bis 1903 die Müllertorbrücke. Oberhalb des Stationsgebäudes sieht man noch knapp den Giebel der zusammengebauten Wohnhäuser Mühlenstr. 4 und 6. Das markante gelbe Gebäudekonglomerat darüber ist Mühlenstr. 3 und 5. Der Kernbau des Hauses, der auf dem Hartmann-Plan von 1809 wohl als im Bau dargestellt ist, befindet sich in der Mitte davon. Der rechte, ein Geschoss höhere Gebäudetrakt Mühlenstr. 5 wurde in den 1880er Jahren angebaut, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr der Kernbau talseits eine Verbreiterung um eine Fensterachse. Rechts angeschnitten ist Mühlensteg 10.


    st.georgen strasse 7 17.09.2024 3095
    St. Georgen-Str. 7 mit einem Sgraffito-Wandbild von Kunstmaler Walter Vogel.

    St. Georgen-Str. 7 ist ein Wohnhaus mit ganz angenehmen Proportionen. Das Wandbild in Sgraffitotechnik stammt vom St. Galler Kunstmaler Walter Vogel und entstand wohl in den 1920er/30er Jahren. Er war Urheber zahlreicher solcher Wandbilder, von denen heute leider der grösste Teil verschwunden ist. Auch das Wandbild hier ist in einem schlechten Zustand.


    muelenstrasse st.georgen strasse 09.01.2025 3595x
    Mühlenstr. 2, errichtet auf einem ungleichmässigen Viereck ohne rechte Winkel.


    muehlenstrasse 3 6 17.09.2024 3104
    Die Talstation der Mühleggbahn von oben (über dem Tunnelportal), Mühlenstr. 4 und 6, und rechts Mühlenstr. 3 und 5.


    muehlenstrasse 4 6 21.01.2025 3664x
    Mühlenstr. 4 und 6 von Westen gegen die Mühleggbahnbrücke und die Steinach.


    muehleggbahn 03.09.2020 7929
    Die Talstation der Mühleggbahn. Links St. Georgen-Str. 8 und in der Mitte St. Georgen-Str. 3, heute Kellerbühne und Kostümverleih Jäger. Darüber die Dächer der Stiftsbibliothek und der Kathedrale.

  • Der untere Gebäudeschwerpunkt auf historischen Ansichten:


    Da einige historische Ansichten undatiert sind, versuchte ich sie chronologisch zu ordnen, da mich vor allem die Entwicklung des Gebäudebestands interessiert. Aber keine Ausnahme ohne Regel: Das erste Bild ist das Jüngste der Reihe, aber es fügt sich so nahtlos ans letzte Bild an. Fast hundert Jahre liegen dazwischen, und man sieht, wie sich der Ort kaum verändert hat:


    Mühleggbahn Talstation 1926:30 Rietmann KBx
    Die Talstation der Mühleggbahn um 1926/30. Links St. Georgen-Str. 8 und in der Mitte St. Georgen-Str. 3, heute Kellerbühne und Kostümverleih Jäger. Darüber die Dächer der Stiftsbibliothek und der Kathedrale. Fotograf O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.


    Durch die fortschreitende Digitalisierung in den Archiven und Bibliotheken und Online-Stellung des Kulturguts kommen immer neue Ansichten zum Vorschein, die bisher noch nie publiziert worden sind. Gerade der Bereich zwischen Müllertor und unterem Mühlentobel bot ein Motiv, das Künstler gern anzog, weshalb hier viele frühe Ansichten entstanden sind. Oft waren gestochene Ansichten eines Gebäudes auch eine Visitenkarte für einen Industriebetrieb oder eine Institution.


    Mülenen vor 1809 1836 KBx
    'Vor Müllerthor bey St. Gallen'. Anonyme und undatierte Ansicht um 1800. Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links oben Buchstr. 11, in der Mitte Mühlenstr. 12 und 14, davor der Vorgängerbau von Mühlensteg 10, rechts angeschnitten die Spitalmühle und im Vordergrund die Müllertorbrücke aus Holz, die 1836 durch eine Steinbrücke ersetzt wurde. Der Vorgängerbau von Mühlensteg 10 zeigt noch sein Sichtfachwerk.


    Mülenen Felsenburg vor 1836 Gsell KBx
    'Ansicht dess Instituts Peytrignet in St. Gallen'. Lithographie von J. L. Gsell, zwischen 1809(?) und 1836, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links die wahrscheinlich um 1809 erbaute Felsenburg, Mühlenstr. 3, und in der Mitte Mühlenstr. 4/6 mit nordseitigem Garten, der bis an die Untere Mühlentreppe heran reicht. Dann folgen Mühlenstr. 12 und 14 (letztere noch mit Sichtfachwerk) und schliesslich wieder der Vorgängerbau von Mühlensteg 10 (Fassade mit Leistenschirm). Vorne die 1836 durch eine Steinbrücke ersetzte Holzbrücke.


    Müllertor 1823 1836 KB IIx
    'An der Steinach'. Anonyme und undatierte Bleistiftzeichnung zwischen 1823 und 1836. Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links die wahrscheinlich um 1809 erbaute Felsenburg, Mühlenstrasse 3 (hier mit einer Lisenengliederung und Würfelkonsolfries an der Dachuntersicht) und Mühlenstr. 4/6. Dann folgen wieder Mühlenstr. 12 und 14 (erstere nun verputzt) und schliesslich wieder der Vorgängerbau von Mühlensteg 10 (Fassade mit Deckleistenschirm). Rechts angeschnitten die Spitalmühle nach Abbruch des Vortors 1823 und vorne die 1836 durch eine Steinbrücke ersetzte Holzbrücke.


    Müllertor 1823 1836 KB Ix
    'Manufacture of Switzerland'. Links 'Felsenburg', rechts 'Appretirgebäude von Joh. Tribelhorn'. Anonyme und undatierte Aquatinta zwischen 1823 und 1836, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links die wahrscheinlich um 1809 erbaute Felsenburg und Mühlenstr. 4/6. Dann folgen wieder Mühlenstr. 12 und 14 und der Vorgängerbau von Mühlensteg 10. In der Bildmitte die Spitalmühle nach Abbruch des Vortors 1823 und rechts davon mit breiter Giebelfassade die Silberstrecke, Wallstr. 16 (Abbruch 1968/69, heute Pic-o-Pello-Platz). Vorne die 1836 durch eine Steinbrücke ersetzte Holzbrücke. Interessant ist das Dach mit zwei unterschiedlichen Firsthöhen, die mit dem Knick in der Nordfassade korrespondieren und heute infolge diverser Dachaufbauten nicht mehr existieren. Heute besteht ein einheitlicher First, und es ist fraglich, ob in der Aquatinta das Dach wahrheitsgetreu abgebildet ist. In der Literatur ist zudem oft die Rede von einer 'Doppelmühle'. Diesem Aspekt sollte bei einer Aufarbeitung der Geschichte der Mühlen nachgegangen werden.

    Einige Erläuterungen zur Besitzergeschichte einiger Bauten, die von Markus Kaiser für eine Ausstellung im Kulturmuseum zum 50-jährigen Jubiläum der Kellerbühne 2014 verfasst wurde:

    1816 verlegte Niklaus Messmer seine Appretur von Herisau nach St. Gallen an die Wallstr. 16. 1827 übernahm er vom Spitalamt die Spitalmühle. Nachdem er ein Jahr später bereits starb, führten seine Witwe Anna Messmer-Eichholzer und ihr Sohn aus erster Ehe, Johannes Tribelhorn den Betrieb weiter. 1836 überliess die Stadt der Witwe Messmer das Müllertor zum Abbruch. Als Gegenleistung war der Stadtgraben vor dem Tor aufzufüllen und eine Stützmauer für die Strasse zu errichten, dazu ein Überlaufkanal des Wettikanals (den man in der Ansicht sehen kann). Gleichzeitig ersetzte die Stadt die Müllertorbrücke durch eine Steinbrücke.

    Nach dem Tod von Anna Messmer 1837 wurde der Betrieb durch Nachkommen durch Zukäufe und Erstellung von Bauten erheblich vergrössert. 1843 kam die Kelly'sche Mühle (Mühlensteg 3?) dazu. Im Graben vor der Stützmauer mit dem Kantonswappen wurde 1852/54 St. Georgen-Str. 3 (Kellerbühne / Kostüm Jäger) errichtet. Der damals noch vorhandene Graben wird der Grund sein, weshalb hier heute noch zwei tonnengewölbte Kellergeschosse übereinander vorhanden sind. Nach 1887 wurde der Betrieb eingestellt und die Häuser verkauft .


    Müllertor nach 1854 KBx
    'Messmersches Appreturgebäude'. Anonyme und undatierte Aquatinta nach 1854, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links die erste Ansicht des Hauses Mühlenstr. 2, das in den Garten von Mühlenstr. 4/6 gestellt wurde. Weiter folgen der Vorgängerbau von Mühlensteg 10 und ein weiteres Gebäude (Vorgängerbau von Mühlensteg 3?), dann die Spitalmühle und die 1852/54 erstellte Fabrik St. Georgen-Str. 3. Rechts der Giebel von Wallstr. 16 und die Stadtmauer (Aussenwand des Schwesternhauses).


    Mülenen 1853 Liedl Röllin S.213 Ausschnitt I
    Ausschnitt aus der Ansicht des Mühlentobels von Liedl 1853 (ganzes Bild siehe hier).

    Auch hier St. Georgen-Str. 3 bereits abgebildet, vielleicht äusserlich vollendet und innen noch im Ausbau begriffen. Die Spitalmühle St. Georgen-Str. 8 weist bereits eine erste Teilaufstockung auf. Hinter ihr ist die wahrscheinlich 1843 errichtete Kellysche Mühle ebenfalls zum ersten Mal abgebildet. Zwischen ihr und der Farb anstelle von Mühlensteg 10 bestanden noch weitere Kleinbauten.


    Mülenen Felsenburg 1863 Rietmann KB
    'Felsenburg in St. Gallen, 1863'. Weiss gehöhte Bleistiftzeichnung von J. J. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Links die wahrscheinlich um 1809 erbaute Felsenburg, dahinter ein terrassierter Garten mit Ökonomiegebäude, wie es auch der Stadtplan von 1863 zeigt. Dann folgt an der Brücke Mühlenstr. 2 mit westseitigem Anbau, an dessen Stelle 1893 die Talstation der Mühleggbahn errichtet wurde, und dahinter der Giebel von Mühlenstr. 4/6. Auf dem Stadtplan von 1863 ist es noch nicht zweigeteilt. Über der Brücke der Vorgängerbau von Mühlensteg 10 und dahinter Mühlenstr. 14.

    Beim Datum '1863' mache ich ein Fragezeichen, denn im Stadtplan von 1863 ist bereits das heutige Gebäude Mühlensteg 10 eingezeichnet, mit einer schräg verlaufenden Stützmauer mit Versatz. Rietmann zeichnete aber noch die Farb, den Vorgängerbau, was sich widerspricht. Hier sind noch vertiefte Nachforschungen nötig. Rietmann zeichnete oft in Skizzenbücher und versah die Zeichnungen mit Nummern. Die Beschriftung des Bildes stammt nicht von Rietmann selbst, und es ist möglich, dass die Zeichnung einst die Nr. 63 trug. Auch könnte der Neubau von Mühlensteg 10 just 1863 erfolgt sein.


    Kloster Harfenberg Schäflisberg Mülenen Rietmann 1891:95 KBx
    Aussicht vom St. Laurenzen-Kirchturm auf die Kathedraltürme und den Klosterhof, Harfenberg, Buch, Schäflisberg und die Mülenen um 1891/95. Fotograf O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.


    Kloster Harfenberg Schäflisberg Mülenen Rietmann 1891:95 KBx Ausschnitt
    Ausschnitt aus der Abbildung oben mit der Mülenen.

    Rechts, zur Hälfte verdeckt durch die Klostertürme, sieht man Mühlensteg 10 im ursprünglichen Zustand mit einem Erdgeschoss auf Stützen, zwei Obergeschossen und einer breiten Dachlukarne. In diesem Erdgeschoss floss auch der Wettikanal. Der östliche dreigeschossige Anbau bestand hier noch nicht, ausser dem eingeschossigen Anbau unter Walmdach (siehe hier) bis zur Wasserfassung an der Steinach, der hier durch Bäume verdeckt ist.


    Müllertor Brücke 1893 1903 KBx
    Die Müllertorbrücke über die Steinach. Anonyme und undatierte Reprografie zwischen 1893 und 1903, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Gegen 1900 wurde Mühlensteg 10 um ein 3. Obergeschoss aufgestockt, resp, durch eine Anhebung der unteren Hälften der Dachflächen seitlich der Lukarne aus dem 1. Dachgeschoss ein 3. Obergeschoss geschaffen. Wohl zur selben Zeit entstand der dreigeschossige Anbau im Osten (links ausserhalb des Fotos).


    Ak Müllertorbrücke Mülenen 1902
    Das Müllertor mit der bis 1903 bestehenden Müllertorbrücke, aber ohne die 1902/03 erstellte Felsenbrücke. Über der Brücke sieht man Mühlensteg 10 mit diversen Vorbauten auf Höhe des Untergeschosses. 1902 gelaufene Ansichtskarte, Sammlung Riegel.

    Von links nach rechts: St. Georgen-Str. 7, an dessen Schmalseite heute das Sgrffito-Wandbild von Walter Vogel besteht. Vorher war die Westfassade mit einem Schindelschirm mit Abwürfen versehen. Dahinter thront die Felsenburg, Mühlenstr. 3, in deren Garten mittlerweile die ein Geschoss höhere Mühlenstr. 5 gesetzt wurde. In der Mitte folgt Mühlenstr. 2 mit der angebauten Talstation der Drahtseilbahn, dann Mühlensteg 10, St. Georgenstr. 8 und angeschnitten Nr. 3.

  • Der mittlere Gebäudeschwerpunkt von der Felsenbrücke bis zur Einmündung der Fluhstrasse:

    (Mühlenstr. 12 - 23)


    Mülenen 3 Mayr KBxx
    3. Ansicht aus der Mülenen-Serie um 1780 von J. C. Mayr. Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Die 3. Ansicht zeigt links nur die obersten beiden Bauten des mittleren Gebäudeschwerpunkts, Mühlenstr. 21 und eine Nebenbaute mit Kamin, wohl ein Wasch- oder Backhaus. Mühlenstr. 21 besteht heute noch in der gleichen Form, allerdings mit verputztem Fachwerk. Das kleine Nebengebäude besteht nicht mehr und wurde zwischen 1828 (Zuber-Plan) und 1863 (1. Vermessungsplan) ersatzlos abgebrochen. Anstelle seiner steht heute eine Transformatorenstation. Die Häuser im Hintergrund gehören bereits zum oberen Gebäudeschwerpunkt. Bemerkenswert ist das Schupfwuhr aus liegenden Baumstämmen. Dank ihm konnten die 2. und 3. Ansicht der Mülenen-Serie zueinander in Beziehung gebracht werden.

    Die Häuser unterhalb von Mühlenstr. 21 sind dafür auf der 4. Ansicht der Serie (siehe oben) im Hintergrund abgebildet. Der Ausschnitt davon ist in der folgenden Ansicht dem entsprechenden Ausschnitt bei Hädener gegenübergestellt:


    Mülenen Ausschnitte Mayr 3 und Hädener
    Ausschnitt aus der 4. Ansicht der Mülenen von Mayr - Ausschnitt aus der Ansicht Hädeners 1789.

    Die Abfolge der langgestreckten Mühlenstr. 12 und höheren Nr. 14 ist auf beiden Ausschnitten erahnbar. Mayr zeichnete für Nr. 12 zwei hintereinanderliegende, zur Strasse hin versetzte und traufständige Baukörper. Dahinter ragt der mit Brettern verschalte Giebel von Nr. 14 empor. Einen Hinweis, dass dieser Giebel tatsächlich mit dem erst 1900 abgebrannten Dach noch identisch war, zeigt das Bild mit der Brandruine. Der südliche Giebel war damals komplett abgebrannt. Bei einem relativ glimpflich abgelaufenen Dachstuhlbrand bleiben die Mauerfüllungen einer Fachwerkwand im Allgemeinen bestehen, hier aber war nichts mehr übrig geblieben, was auf eine reine Holzwand hinweist. Die nördliche Giebelwand blieb damals zwar vom Feuer verschont, aber man darf annehmen, dass auch sie mit einem Leistenschirm verschalt und lediglich verschindelt oder verputzt war. Diese Feststellung mag jetzt in einer Einführung zu einem Gebäudeensemble als zu detailliert erscheinen, aber sie bestärkt meine Beobachtung, dass Mayr trotz seiner oft ungelenken Perspektive Details wohl sehr genau übernommen hatte.

    Links bestand ein Anbau unter steilem Pultdach, der nicht lokalisiert werden kann. An die Felswand schmiegt sich ein Schuppen an, der 1892 dem Bau des Mühleggbahntunnels weichen musste, da das Tunnelprofil hier leicht an die Erdoberfläche trat und mit einer Baute überdeckt wurde.

    Das Haus mit den drei Kaminen ist wieder die Farb, der Vorgängerbau von Mühlensteg 10. Anhand der drei Kamine, die auch Hädener zeigt, kann es eindeutig lokalisiert werden.

    Hädener zeigt die Situation mit grosser Übereinstimmung zu Mayr. Nr. 12 und 14 bezeichnete er mit '6' und '7' als Privatmühlen. Dahinter folgen zwei 'unbedeutende Gebäude', Nr. 21 und die Nebenbaute mit Kamin. Ebenso schaut hinter Nr. 12 eine sich an die Felswand lehnende Baute hervor. Mühlenstr. 12 (7) besteht hier aus einem traufständigen Baukörper unter asymmetrischem Satteldach mit nordseitigem Anbau.


    Googlemaps Mülenen 3
    Mittlerer Teil der Mülenen. Google Maps-Bild 2022(?).

    Oberhalb der Felsenbrücke (von Google fälschlicherweise mit Felsenbergstrasse-Brücke bezeichnet) blickt man auf die beiden langgezogenen Satteldächer von Mühlenstr. 12. Ob diese bereits dem Bestand um 1790 entsprechen, ist nicht klar. Vermutlich wurde das Gebäude im 19. Jahrhundert bachabwärts gegen Norden verlängert. Darüber folgt Nr. 14 mit dem Mansarddach, über dessen bauliche Entwicklung weiter oben im Zusammenhang mit den Mühlenkanälen zu lesen ist.

    Auf der linken Seite der Mühlenstrasse folgt die zweiteilige Nr. 17 mit einem Bau unter rotem Blechdach (bis um 1980 noch mit eigener Nr. 15) und dem weissen Gebäude unter Satteldach mit rechtseitiger Lukarne. Anschliessend folgt der Flachdachbau Nr. 19 und schliesslich Nr. 21. Die auf den historischen Ansichten sichtbare Farb mit den drei Kaminen stünde heute unter der Felsenbrücke, so wie heute der ostseitige Anbau von Mühlensteg 10. Oberhalb der Strassenkreuzung steht die in den Hang hinein gebaute Transformatorenstation Mühlenstr. 23.

  • Der mittlere Gebäudeschwerpunkt auf aktuellen Ansichten:


    muelenen 19.11.2024 3368x
    Im Hintergrund Mühlenstr. 12 und 14, rechts Mühlensteg 10 unter der Felsenbrücke.


    muehlenstrasse 12 14 31.07.2008 1775x
    Vorne das Dach von Mühlenstr. 12, dahinter Nr. 14. Hier beginnt bereits der Staubereich der Steinach für die frühere Entnahme von Wasser für den Wetti-Zulaufkanal.


    muehlenstrasse 12 14 16.05.2023 1598x Mühlenstr. 12 und 14 während dem Hochwasser am 16.5.2023, im Hintergrund Nr. 21.

    Das mittlere Steinachwehr diente der Speisung des unteren Mühlekanals, der nur die Häuser Mühlenstr. 12 und 14 bediente. Man sieht hier besonders gut die Platzierung des Stauwehrs oberhalb der zu speisenden Mühlenbauten.


    muehlenstrasse 12 14 17.05.2022 0508x
    Im Sommer verschwindet Mühlenstr. 12 in einem Wald.

    Die Lage an einem Felsen und in einem Wald neben einem Wasserfall erinnert an Frank Lloyd Wrights Ikone Fallingwater.


    muehlenstrasse 12 21.01.2025 3648x
    Mühlenstr. 12 und 14.


    muelenen 10.03.2017 2470x
    Mühlenstr. 14 und Mühlenstr. 17 bis 21 auf der linken Strassenseite.


    muehlenstrasse 14 17 31.07.2008 1769x
    Mühlenstr. 17 (bis in die 1980er Jahre mit eingener Nr. 15) entstand wohl nach dem Bau der Mühleggbahn 1892/93 als Ersatz für das ältere Nebengebäude, das dem Tunnelbau im Weg stand. Das Häuschen ist mittlerweile renoviert worden.


    muelenen 19.11.2024 3402x
    Mühlenstr. 14 und 17 mit dem die Strasse überbrückenden Verbindungsgang, darunter die Bahntunnelüberdeckung.


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    Die Mühlenstrasse bei der Einmündung der Fluhstrasse.


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    Mühlenstr. 14 und 17 bis 21.


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    Mühlenstr. 21 mit Vorgarten in der unteren Spitzkehre der Mühlenstrasse.

  • muelenen 03.09.2020 7927
    Detail in der Mauerkrone gegenüber Mühlenstr. 21.

    In der Abdeckung der Mauer auf den letzten drei Bildern gegenüber Mühlenstr. 21 überdauerte bis heute ein Eisenteil, das wahrscheinlich noch aus der Zeit der industriellen Nutzung der Steinach stammt. Der senkrechten Ausrichtung des Gewindes nach handelt es sich wohl um die Führung für einen Schieber, der für Stauzwecke hinauf und hinunter bewegt werden konnte. Demnach müssten auch noch Spuren auf der Bachseite der Stützmauer vorhanden sein...


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    ... und tatsächlich entdeckte ich heute morgen darunter eine zugemauerte Öffnung (Bildmitte). Die Öffnung gehörte einst zu einem Zulaufkanal zu Mühlenstr. 14, allerdings nicht mehr zum Kanal auf Holzstützen, sondern zu einem unterirdischen Kanal zur Zeit des Betriebs mit einer Dampfmaschine im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts (siehe hier).

    Nebenbei: Die im ganzen Tobel anzutreffenden blauen Tafeln erzählen über die Geologie und Industriegeschichte der Mülenen. Auf diese werde ich später zurückkommen.


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    Das Stauwehr gegenüber von Mühlenstr. 21.

    Die Schiebervorrichtung über dem Kanalzulauf ist unmittelbar vor dem Stauwehr platziert. Nach der Verschliessung des Kanalzulaufs wurde ein Betonbord zum Schutz der Sandsteinmauer angebracht, wodurch die Unterkante des Abzweigers verdeckt wurde. Diese müsste ja tiefer als die Krone des Stauwehrs liegen. Anstelle der Sandsteinquadermauer bestand früher das Schupfwuhr aus liegenden Baumstämmen, das auf der 2. und 3. Mülenen-Ansicht von Mayr um 1780 zu sehen ist.


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    Mühlenstr. 12 und 14.

    Und wo ein Wassereintritt vorhanden ist, muss später auch ein Wasseraustritt zu finden sein. Tatsächlich findet sich am Übergang der beiden Häuser eine zugemauerte kreisrunde Öffnung. Auf dem Foto von 1900 nach dem Brand von Mühlenstr. 14 ist die Öffnung noch in Betrieb (siehe folgenden Beitrag). Auch sie gehört zur spätindustriellen Nutzung mit Eisenrohren anstelle der vorher oberirdisch verlaufenden Holzkanäle.