Nürnberg - Gotische Blendarkadengiebel in der Altstadt

  • Die Fotografie würde sich bestens eignen für einen steingerechten Aufnahmeplan, um daraus Details zur Baugeschichte herauslesen zu können. Das wichtigste kann aber auch auf der Fotografie selbst erläutert werden.

    Als Ausgangspunkt für die Erforschung der Baugeschichte sollte jedoch der Zustand des Giebels vor den Restaurierungsmassnahmen Heideloffs vor 1836 bekannt sein. Im Stadtarchiv fand ich dazu keine ältere Abbildung oder Beschreibung, sondern nur weitere Fotos, die nichts Neues mehr hergaben, und Umbaupläne von kleineren baulichen Veränderungen im 19. Jahrhundert. Ich gehe davon aus, dass Heideloff einen abgeschroteten Giebel mit Blendarkaden als Binnengliederung antraf, vielleicht mit relikten von Männchen. Die hauptsächlichsten Arbeiten Heideloffs am Giebel dürfte dabei die Rekonstruktion der Giebelstufen gewesen sein, nebst allgemeinen Reparaturen im Giebelfeld selber. Am Schluss wurden die Rücklagen des Giebels mit figürlicher Malerei versehen, wie sie die Zeichnung von 1836 zeigt.

    Heideloff liess den Giebel ja verputzen, sodass bei den Maurerarbeiten nicht auf das Fugenbild der Backsteine geachtet wurde. Bei den rekonstruierten Giebelstufen wurden offensichtlich leicht höhere Backsteine als bei der Originalsubstanz aus dem 14./15. Jahrhundert verwendet. Dabei erhielten die Stufen merkwürdigerweise keine Verzahnung mit den bestehenden Bauteilen. Im folgenden Bild sind diese Stellen mit Pfeilen markiert. Offensichtlich sieht man den Unterschied der beiden Mauerungstechniken an den Blendarkaden, die beim ursprünglichen Giebel noch als Rundbogen gemauert waren. Bei den Partien Heideloffs wurden die Backsteine durchgängig in horizontalen Lagen gemauert und die Bogen einfach als Ausschnitte geschaffen:


    Burgstr. 8 1939 Pfeile
    Burgstr. 8 mit freigelegter Backsteingliederung, Fotografie von 1939 aus dem vorletzten Beitrag. Die Pfeile weisen auf die Stellen der im 19. Jahrhundert nicht steingerecht angesetzten Giebelstufen. Die roten Linien markieren die höchstmögliche Lage der Giebellinien (die Dachflächen befanden sich wohl wenige Dezimeter tiefer). Die weissen Linien bezeichnen die Backsteinlagen der ursprünglichen Bausubstanz aus dem 14./15. Jahrhundert.

    Die Ermittlung der Giebellinien ist wichtig, um die ungefähre Lage der Abschrotung zu erahnen. Ob der vielen Unregelmässigen im Fugenbild und der Ausgleichsschichten in Dachziegeldicke fragte ich mich, ob der Giebel von Anfang an so unregelmässig gemauert war. Nach und nach liess sich dann ein regelmässiges Fugenbild erkennen, welches sich vor allem über saubere Backsteinflächen legte. Dort, wo das Fugenbild nicht mehr stimmte, handelte es sich mehrheitlich um Ziegelbruch und wiederverwendete Steine unterschiedlicher Herkunft. Die weissen Hilfslinien leisteten bei der Erkennung der originalen Mauerpartien wertvolle Hilfe.

    Bemerkenswert ist die dritte Lisene von links, die doppelt so breit war wie die restlichen, aber nur unmerklich schmaler als die Mittellisene. Einen Grund dafür kann ich nicht erkennen. Manchmal waren es Kamine, die eine solche Ausnahme verursachten (wie z. B. bei Kaiserstr. 23), aber hier war dies kaum der Fall. So muss man dies vorerst einfach als Laune des Spätmittelalters ansehen, so wie auch die beiden gleichzeitig entstandenen Türme von Notre-Dame in Paris unterschiedlich breit sind.

    Eine Bemerkung noch zur grossen Rücklage in der Mitte des 1. Dachgeschosses: Hier müsste eigentlich die Mittellisene verlaufen. Mauerungstechnisch war diese Fehlstelle möglich, denn die Blendarkadenarchitektur war ja nicht selbsttragend, sondern mit dem Mauerwerk dahinter verzahnt (auf die Mauerstärken komme ich später zurück). War hier von Anfang an eine solches Feld vorhanden, oder war es eine Erfindung Heideloffs, um hier eine Fläche für eine zentrale figürliche Darstellung zu erhalten?

    Es gibt noch weitere Stellen, die Hinweise auf baugeschichtliche Befunde liefern:


    Burgstr. 8 1939 Zahlen
    Burgstr. 8 mit freigelegter Backsteingliederung, Fotografie von 1939 aus dem vorletzten Beitrag.

    1. Möglicherweise bestand an der 2. Lisene ein Ausbruch eines ältern Bogens, der für den rekonstruierten Bogen wieder verwendet wurde. Auf der rechten Gegenseite befinden sich zwei originale Bogen auf derselben Höhe, die Dank der einseitigen Aufstockung gegen Osten der Abschrotung entgingen.
    > Die Höhenlage der rekonstruierten Giebelstufe sollte stimmen.

    2. Der Bogen ist als solcher auch gemauert und gehört damit wohl dem Ursprungsbestand
    an, besitzt rechts jedoch kein Auflager. Die Lisene sieht weitgehend erneuert aus, bei deren Reparatur dann die Bogenauflage minimiert wurde.
    > Der Bogen ist älter als die Reparatur an der Lisene.

    3. Die Giebelstufe ist nicht steingerecht mit der 3. Lisene verbunden (durchgehende senkrechte Fuge). Die Lisene zeigt auf derselben Höhe auch zwei unterschiedliche Backsteinpartien: Die rechte Hälfte könnte noch originales Mauerwerk zeigen, während die linke Hälfte mit wenig höheren Backsteinen ausgeflickt wurde. Ob dies ein Flick als Folge der Abschrotung im 18.(?) Jahrhundert war oder eine Reparatur aus den 1930er Jahren, kann nicht mehr bestimmt werden. Somit findet sich hier kein Hinweis mehr auf die ursprüngliche Giebelstufe. Dies im Gegensatz zu Punkt 9 auf der rechten Gegenseite!
    > Die ursprüngliche Giebelstufe könnte höher gelegen haben, wenn man die Partie mit der rechten Gegenseite vergleicht.

    4. Hier bestand eine senkrechte Stossfüge über vier Backsteinlagen hinweg. Die Mauertechnik darüber änderte abrupt. Es ist nicht bestimmbar, ob dies ein Zufall oder ein Hinweis auf ein verkürztes Giebelmännchen aus der Phase nach der Abschrotung war.

    5. Der rechte Scheitel des rechten Bogens war mit zwei schräg liegenden Backsteinen gemauert, ebenso der linke Scheitel des linken Bogens. Bei Punkt 10 war dies ähnlich. Wahrscheinlich handelte es sich um eine individuelle Mauertechnik eines Maurers bei der Rekonstruktion um 1830. Ein Hinweis, dass hier bereits ursprünglich die Blendarkadenreihe auf gleicher Höhe nach links weiter lief, gibt der senkrecht vermauerte Backstein in der Mitte der Lisene. Bei einigen der originalen Bogenpaare befindet sich im Spickel dazwischen ein solcher Backstein.
    > Die Giebelstufe scheint auf der richtigen Höhe rekonstruiert zu sein.

    6. Die Partie mit den vier obersten Blendbögen und den drei Giebelmännchen scheint weitestgehend erneuert zu sein. Trotzdem könnten sich am 3. Bogen Reste einer originalen Bogenmauerung erhalten haben.
    > Die vier obersten Blendbögen markieren wohl die Lage der ursprünglichen Bögen.

    7. Sechs Backsteinlagen oberhalb des Bogenansatzes deuten zwei leicht schräg liegende Backsteine auf einen älteren Bogenansatz hin, der zudem auf gleicher Höhe wie die Binnenbögen links davon lag. Ein Vergleich mit der linken Gegenseite ergibt keinen weiteren Aufschluss.
    > Die ursprüngliche Giebelstufe könnte ursprünglich höher gelegen haben.

    8. Neben der Ansatzstelle des linken Bogens könnten sich in der Lisene noch drei Backsteine des ursprünglichen Bogens erhalten haben, die dann bei der Rekonstruktion um 1830 nicht mehr wiederverwendet wurden. Der Befund an der linken Gegenseite bei Punkt 5 spricht ebenfalls dafür, dass die Höhen der rekonstruierten und ursprünglichen Giebelstufe übereinstimmen.
    > Die Giebelstufe scheint auf der richtigen Höhe rekonstruiert zu sein.

    9. Auf Höhe der Firstziegel der erneuerten Giebelstufe liegen in der Lisene zwei Backsteine leicht schräg. Es könnte der Ansatz eines älteren Blendbogens sein. An der Gegenseite bei Punkt 3 wäre dies ebenfalls möglich.
    > Die ursprüngliche Giebelstufe könnte höher gewesen sein, was auch die Partie an der rechten Gegenseite nicht ausschliessen würde.

    10. Die Bogen sind wie bei Punkt 5 mit schräg liegenden Backsteinen gemauert, was wohl auf einer individuellen Mauerungstechnik eines Maurers um 1830 beruht.


    Beim Betrachten des Fugenbilds und der Mauerwerksoberflächen lassen sich vor allem zwei Bauphasen herauslesen: Einerseits sind die ursprünglichen Mauerpartien am regelmässigen Fugenbild zu erkennen, wobei die Lagen der Läufer und Binder sich jeweils abwechseln und wohl über die gesamte Giebelbreite verliefen. Andererseits sind die Mauerpartien aus der Bauphase Heideloffs an den leicht höheren Backsteinen, den nicht steingerechten Blendarkadenbogen und an der Verwendung von Ziegelbruch zu erkennen.

    Es gibt aber noch weitere Mauerpartien, deren Zuordnung zu einer bestimmten Bauphase schwierig ist. Es könnte sich dabei um erste Reparaturen, als der ursprüngliche Treppengiebel aus dem 14./15. Jahrhundert noch bestand, handeln. Weitere Reparaturen erfolgten bei der Abschrotung der Giebelstufen etwa im 18. Jahrhundert, und auch bei der Freilegung der Sichtbacksteine um 1930 waren wohl Reparaturen nötig. Aus diesen Betrachtungen entstand der folgende Bauphasenplan, der zum Teil noch in Widerspruch mit den zehn beschriebenen Punkten steht:


    Burgstr. 8 1939 Bauphasenplan 1
    Burgstr. 8 mit freigelegter Backsteingliederung, Fotografie von 1939 aus dem vorletzten Beitrag. Erster Darstellungsversuch der mutmasslichen Bauphasen.

    Rätselhaft erscheint die schiefe Lage der zweiten Blendarkadenreihe. Um Setzungen kann es sich dabei nicht handeln, da die Arkadengliederung nicht selbsttragend ist, sondern mit dem verputzten Mauerwerk der Rücklagen verzahnt ist.

    Eine weitere Beschäftigung mit dem Giebel von Burgstr. 8 setzte einen steingerechten Aufnahmeplan voraus all, der auf einer Entzerrung der Fotografie von 1939 basieren würde. Die jetzt beschriebenen Beobachtungen würden dann in diesen eingetragen und weiter diskutiert. Schliesslich könnte dann nach Heideloff ein zweiter Rekonstruktionsplan angefertigt werden.

  • Nachdem ich weiter oben schrieb

    Da stimmte einiges nicht...

    setzte ich mich vorgestern Abend einige(!) Stunden und gestern Morgen nochmals an die entzerrte Fotografie und versuchte die ursprünglichen Mauerpartien samt zugehörigem Fugenbild zu eruieren. Eine solche Arbeit ist vergleichbar mit einem Kriminalroman, vor allem wenn man Unerwartetes entdeckt, das einen nicht mehr loslässt. Unerklärlich waren ja vor allem die schief gemauerten Partien bei den drei Blendarkadenreihen und das ganze Giebelfeld auf Höhe des 3. Dachgeschosses.

    Zuerst sind aber Kenntnisse nötig über die Mauerungstechnik und den Maueraufbau selbst. Aus dem Vergleich aller Giebel vermute ich, dass die Blendarkadengiebel drei Backsteinbreiten dick gemauert sind. Beim Backsteinmass gehe ich ungefähr von 30 cm Länge, 14 cm Breite und 7 cm Höhe aus. Natürlich hatte jede Stadt ihre eigenen definierten Ziegelmasse, die mit der Zeit ändern konnten, aber das sind etwa die Durschschnittsmasse historischer Backsteine. Im Zusammenhang mit dem Giebel von Füll 18 kam ich bereits auf des Problem der Mauerstärken zu sprechen:

    Anhand der abgeschroteten Aufsicht sieht man, wie grazil diese Giebel waren. Ich schätze, dass die Ziegel im Bereich der Rücklagen nur als Läufer (ca. 15 cm) vermauert waren, und bei den Lisenen und Blendarkaden als Binder (ca. 30 cm). Die historischen Ziegelmasse werden sicher irgendwo beschrieben sein. An einer Wand der Mauthalle sind offenbar einige Ziegelmasse eingemeisselt, wohl für Tonplatten, Mauerziegel und Dachziegel: https://dlc.mpg.de/toc/mpilhlt_sf_00305/1/ (nach dem Öffnen des Links das PDF-Zeichen anklicken).

    Unterhalb der Giebellinie sind die Wände vielleicht dicker gemauert. Jedenfalls fällt auf, dass viele der Blendarkadengiebel schief standen (Obstgasse 2, Weinmarkt 2, Königstr. 32). Bei Füll 18 neigte sich die Giebelwand ab dem 2. Dachgeschoss bedrohlich nach aussen. Wohl nicht zufällig war die Bruchstelle im Bereich des unteren Masswerkbandes, wo die stützenden Lisenen durch die Bogenscheitel geschwächt waren.

    Zum Maueraufbau: Die Giebelwände wurden jeweils drei Backsteinbreiten breit zu mauern begonnen, abwechslungsweise bei der ersten Lage mit den Längsseiten nach aussen (Läufer) und bei der nächste Lage dann mit den Schmalseiten nach aussen (Binder). Es war also so, dass die ganzen Wände mit ihren Lisenen, Rücklagen, Giebelstufen und Männchen im Verband gemauert waren. So konnte bei Reparaturen an den Lisenen und Blendarkaden nicht einfach die äusserste Schicht abgetragen und neu aufgemauert werden. Probleme bei Reparaturen entstanden vor allem dann, wenn die neuen Backsteine nicht mehr dieselbe Höhe aufwiesen. Dann blieb nur noch die Möglichkeit des Abspitzens des äussersten Drittels der Wand, also der Läufer und der halben Binder, die tiefer in die Wand hineinragten, und dem anschliessenden Neuaufmauern mit einem andern Ziegelformat. Die so reparierte Mauer war dann aber geschwächt, weil sie nicht mehr im Verband gemauert war.

    Die Wand in der Stärke von drei Ziegelbreiten erfuhr bei den Rücklagen mit einer Tiefe von einer Backsteinbreite eine Schwächung, sie war dort also nur noch zwei Backsteinreihen dick. Die Lisenen aber, welche die Dachfläche überragten, waren ebenfalls nur zwei Backsteinbreiten dick und mit den Blendarkaden vorne bündig. Irgendwo musste also auch eine Verjüngung der Wand um das innenliegend Drittel erfolgt sein. Aufschluss ergibt folgender Fotoausschnitt:

    Beim Giebel von Tetzelgasse 37 zeichnete sich das ursprüngliche, steilere Dach durch einen Rücksprung an der Innenseite der Giebelwand ab. Dieser Rücksprung bestand auf der auf der Höhe der Dachziegeleindeckung, sodass diese den heiklen Übergang vom Dachstuhl zur Aussenmauer überdeckte. Dieser Rücksprung mass wiederum eine Backsteinbreite, was die Tiefe von nur zwei Backsteinbreiten bei den Lisenenaufsätzen erklärt. Die Lisenenaufsätze verjüngten sich an der Vorderseite um wiederum eine Backsteinbreite, sodass die Männchen darüber nur noch eine Backsteinbreite massen.


    Giebelwand Querschnittx
    Vertikalschnitt durch eine Blendarkadengiebelwand mit Rücklagen und Giebelmännchen.

    Wenn man sich jetzt vorstellt, dass der Giebel unmittelbar über der Dacheindeckung einmal abgeschrotet wurde, versteht man die filigranen und wackligen Aufsichten bei den Giebeln von Füll 18 und Karolinenstr. 12, die im Bereich der Rücklagen nur noch eine Backsteinbreite dünn waren.


    Full-1911.jpg
    Die Füll gegen Osten um 1900. Aufsicht auf den abgeschroteten Giebel von Füll 18 mit einer Backsteinbreite dünnen Rücklagen und zwei Backsteinbreiten dicken Lisenen.

    Diese 'Mauertheorie' muss man kennen und sich ihr bewusst sein, wenn man sich mit solchen Giebeln beschäftigt. Insbesondere wird einem jetzt auch klar, dass bei einer Reparatur des Mauerwerks Probleme entstehen, wenn mit andern Ziegelformaten repariert wird.

    Zur Erklärung der Giebelansicht von Burgstr. 8 oben komme ich später zurück. Ich verrate lediglich, dass schon bei der Erstellung des Giebels im 14./15. Jahrhundert einige Baufehler passiert sein mussten... (sich vom grünen Balken nicht irritieren lassen. Dieser diente mir einfach als Rollbalken, um die einzelnen Backsteinreihen besser beobachten zu können).

  • Nun folgen einige Erläuterungen zur entzerrten Giebelansicht im vorletzten Beitrag. Vorausgehend möchte ich einzelne Erkenntnisse wiederholen:

    Beim Betrachten des Fugenbilds und der Mauerwerksoberflächen lassen sich vor allem zwei Bauphasen herauslesen: Einerseits sind die ursprünglichen Mauerpartien am regelmässigen Fugenbild zu erkennen, wobei die Lagen der Läufer und Binder sich jeweils abwechseln und wohl über die gesamte Giebelbreite verliefen.
    [...]
    Es gibt aber noch weitere Mauerpartien, deren Zuordnung zu einer bestimmten Bauphase schwierig ist. Es könnte sich dabei um erste Reparaturen, als die ursprüngliche Treppenkontur aus dem 14./15. Jahrhundert noch bestand, handeln. Weitere Reparaturen erfolgten bei der Abschrotung der Giebelstufen etwa im 18. Jahrhundert, und auch bei der Freilegung der Sichtbacksteine um 1930 waren wohl Reparaturen nötig.
    [...]
    Rätselhaft erscheint die schiefe Lage der zweiten Blendarkadenreihe. Um Setzungen kann es sich dabei nicht handeln, da die Arkadengliederung nicht selbsttragend ist, sondern mit dem verputzten Mauerwerk der Rücklagen verzahnt ist.


    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild x
    Burgstr. 8. Entzerrte Fotografie von 1939.

    • Auf der entzerrten Fotografie fallen zwei eingetragene Raster auf:
    - ein oranger Raster mit exakt horizontalen Linien nach jeder 6. Backsteinlage, nummeriert
    - ein violetter Raster mit leichtem Gefälle nach rechts, ebenfalls alle sechs Backsteinlagen.

    • Weiter sind auf der Fotografie die Zutaten Heideloffs zwecks Ausblendung weiss überhöht.

    • Eindeutig als original erhaltene Läufer sind orange markiert.

    • Die Kämpfer der Blendarkaden sind rot markiert.

    • Nebst den originalen Partien aus dem 14./15. Jahrhundert und den Anfügungen Heideloffs um 1830 gibt es noch einige Partien, die keiner der beiden Bauphasen zugeordnet werden können. Ihrem Ursprung wird hier nicht nachgegangen, denn dazu müsste die Originalfotografie beigezogen werden.

    Im viert-vorangehenden Beitrag ist auf den drei Fotos ein weisser Linienraster eingetragen. Dieser war ein anfänglicher Linienraster mit jeweils fünf Backsteinlagen, der zugunsten dem orangen Raster mit sechs Lagen aufgegeben wurde.


    Nun beginnt also die Betrachtung der Backsteinlagen von unten her:

    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild 1. DG rechts Ausschnitt mit dem 1. Dachgeschoss, rechte Hälfte mit den Lisenen Nr. 6 (Mittellisene) bis 11. Lisenennummerierung von links her.

    Die 'Null'-Linie ist eine Annahme und markiert den Übergang vom dickeren Sandstein(?)-Mauerwerk der Obergeschosse zum Backsteinmauerwerk des Giebels. In der rechten Hälfte erkennt man ein regelmässiges Muster mit abwechslungsweise Läufern und zwei Bindern in den Lisenen (bei den Lisenen 11 und 12 sind nicht alle Läufer markiert, was auch für weitere Partien gilt). Nach der 25. Lage folgen die Kämpfersteine für die Blendarkaden. Eine Bogenhälfte besteht jeweils aus sechs Backsteinen und einem siebten Stein als Schlussstein. Dieses Muster kann bei allen drei Blendarkadenreihen beobachtet werden. Vereinzelt bestehen über den Konsolen zuerst zwei senkrecht gestellte Backsteine anstelle von zwei waagrechten. Die Bogen liegen alle auf einer horizontalen Linie. Der Bogen rechts neben Lisene 7 scheint mit grösseren Backsteinen einmal repariert worden zu sein. Über den Bogen liegt eine Ausgleichsschicht mit Bruchstücken, auf denen dann die keilförmigen Gesimssteine der nächst oberen Rücklagen folgen.

    Bisher ist also ein reguläres Muster erkennbar.


    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild 1. DG links
    Ausschnitt mit dem 1. Dachgeschoss, linke Hälfte mit den Lisenen Nr. 1 bis 6 (Mittellisene).

    Die linke Hälfte zeigt bereits einige unerklärbare Unregelmässigkeiten. Die Lisenen 1 bis 3 scheinen aus gleichhohen und leicht höheren Backsteinen erneuert worden zu sein. Bei ihnen fehlt die regelmässige Anordnung der Läufer und Binder wie in der rechten Hälfte, auch weisen sie einige Bruchziegel und Verfärbungen auf. Lisene drei ist auffallend breiter als die restlichen Lisenen, annähernd gleich breit wie die Mittellisene. Ein Grund hierfür ist nicht auszumachen.

    Bei den Blendarkaden fallen nun Unregelmässigkeiten auf. Die drei Bogen ab Lisene 3 bis über Lisene 4 liegen leicht höher, und zudem liegt der Kämpfer des linken Bogens eine Lage zu hoch. Bei den Kämpfern rechts daneben wurde versucht, diese Differenz auszugleichen. Die Bogen und Kämpfer liegen auf einer leicht schiefen Linie, die sich an den oberen beiden Dachgeschossen weiter feststellen lässt. Ein Grund für diese schräge Lage ist nicht erkennbar.


    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild 2. DG gerade
    Ausschnitt mit dem 2. Dachgeschoss mit Lisenen 3 bis 9 und horizontalem Raster.

    Am 2. Dachgeschoss ist der Raster nur noch mit Schwierigkeiten über das Backsteinmuster zu legen. Regelmässige Lagen können wiederum vor allem nur in der rechten Hälfte ausgemacht werden. Die Kämpfersteine der Blendarkaden links und rechts liegen wiederum um eine Lage versetzt (ober- und unterhalb der Lage 72). Die Kämpfer und Scheitel der Bogen liegen wiederum auf einer leicht schiefen Linie wie am 1. Dachgeschoss links. Auch bei der Mittellisene scheinen einige Lagen leicht schief gemauert.

    Ab hier versuchte ich deshalb einen zweiten Raster - aber in schiefer Lage - über die Fotografie zu legen:


    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild 2. DG schräg
    Ausschnitt mit dem 2. Dachgeschoss mit Lisenen 3 bis 9 und leicht schiefem Raster (violett).

    Mit diesem schiefen Raster - hergeleitet aus den schiefliegenden Blendarkaden am 1. und 2. Dachgeschoss - bringt man das Fugenbild zu einem grossen Teil wieder zur Deckung, was mit dem horizontalen Raster nicht gelang. Die Frage lautet nun:

    Was war hier passiert?

    Neigte sich das Haus infolge ungenügender Fundamentierung bereits während der Bauzeit nach rechts? Wohl kaum, denn ausgerechnet am 1. Dachgeschoss befinden sich ja horizontal gemauerte, originale Partien, welche die Setzungen hätten mitmachen müssen. Oder wurde der schief gewordene Giebel teilweise von unten her nachträglich 'begradigt'? Auch diese Möglichkeit ist wohl auszuschliessen, denn das Mauerwerk im Verband würde so eine Massnahme gar nicht zulassen.

    Oder wurde hier eine horizontale Referenzlinie (Schnurlinie) falsch gelegt? Es fällt auf, dass die schiefe Lage in der Giebelbreite gerade zwei Backsteinhöhen ausmacht. Wurde diese Linie über einer Lage mit Bindern gelegt, wobei sie auf der einen Seite dann irrtümlicherweise auf die nächste Lage mit Bindern (also zwei Lagen zu hoch) fixiert wurde? Weshalb wurde der Fehler, der sicher sofort auffallen musste, nicht sofort korrigiert und stattdessen bis zum Schluss beibehalten?

    Mit dem Aufmauern der Lisenen des 2. Dachgeschosses merkten die Maurer wohl ihr Missgeschick, denn plötzlich wurde auf verschiedene Möglichkeiten versucht, dieses zu korrigieren. Bei Lisene 5 und 6 erkennt man in der unteren Hälfte zwei direkt übereinander liegende Läufer, wohl wieder um auf das regelmässige Muster zurückzufinden, was aber misslang. Auf halber Höhe der Mittellisene erkennt man zwei Lagen mit höheren Backsteinen, ebenso auch bei Lisene 5. Das sind wohl keine Reparaturen, sondern zwei Lagen, mit denen man ebenfalls den Fehler zu korrigieren versuchte.

    Jedenfalls gelangten die Maurer bis zur Lage 72, wo die Kämpfer für die Blendarkaden folgen sollten, ohne den Fehler in den Griff bekommen zu haben. Die Arkaden selbst folgten wieder dem Muster der unteren Arkaden mit sechs Steinen pro Bogenhälfte und einem siebten als Schlussstein. Der horizontale Raster findet in der oberen Hälfte überhaupt keine Übereinstimmung mehr.


    Es folgt noch das 3. Dachgeschoss bis zum First:

    Burgstr. 8 1939 entzerrt Fugenbild 3. DG
    Ausschnitt mit dem 3. Dachgeschoss.

    Grosse Partien des 3. Dachgeschosses sind mit höheren Backsteinen gemauert, die nur noch mit fünfeinhalb anstatt sechs Backsteinhöhen in den Raster passen. Horizontal ist hier überhaupt nichts mehr gemauert, sondern durchwegs nur noch in der schiefen Lage.

    Es ist mir unerklärlich, was hier passiert war. Natürlich sind die Baubedingungen von damals mit heute nicht vergleichbar. Die Baugerüste waren noch wackeliger und weniger bequem als heute. Es gab auch noch keine Wasserwagen im heutigen Sinn, sondern nur hölzerne Dreiecke, die auf eine senkrechte Schnur ausgerichtet werden mussten, sodass die Basislinie des Dreiecks schliesslich horizontal lag. War ein ungenaues Messinstrument der Grund für die Massungenauigkeiten?

    Ich lasse den Giebel von Burgstr. 8 an diesem Punkt mal ruhen. Vielleicht finden sich ja Parallelen zu diesem 'Kriminalfall', sodass er dereinst mal gelöst werden kann. Jedenfalls hat mich der Giebel eine Zeit lang beschäftigt, unterhalten und auch an den Turmbau zu Babel erinnert.

  • Hier noch ein ergänzendes Bild zum Giebel Theresienstraße 4:

    Theresienstra-e-6-4-Erker-1906.jpg

    Hier steht nun bereits der hohe Essenweinsche Rathausbau.

    Lt. Heußinger gab es wohl Farbreste: "Er zeigt auch noch die Malerei der geputzten Nischen, rote und schwarze Quaderlinien auf weißem Grunde".

    Aus dem Dunstkreis von Mummenhoff oder Essenwein gibt es eine Rekonstruktionszeichnung:

    Image.jpg

  • Vielen Dank frederic für diese beiden Funde. Es macht wohl Sinn, eine Untergruppe für Blendarkaden in Brandmauern anzulegen. Auch wenn ich in einer ersten Betrachtung zu Theresienstr. 4 schrieb

    Es ist schwierig zu sagen, ob dieser Giebel einst frei stand oder nicht. Gerade im vorletzten Beitrag sieht man zwei gleiche Situationen mit Brandmauergiebeln, die mit Giebelmännchen und Blendarkaden geschmückt waren.

    schliesst das ja nicht aus, einen Brandmauergiebel später mal als ursprünglich freistehend zu entlarven.

    Die Rekonstruktionsplanzeichnung aus dem 'Dunstkreis von Mummenhoff oder Essenwein' :smile: zeigt den Giebel als freistehend, was aber wohl eher der Darstellungsweise geschuldet ist. So wie die unregelmässig hohen Stufen auch auf den Fotos zu sehen sind, ist der Plan wohl massstabsgetreu aufgenommen worden. Die unregelmässig hohen Stufen und das Nebeneinander von Masswerkarkaden und Doppelarkaden war mir auf den Fotos gar nie aufgefallen. Sind die unteren vier Stufenpaare einmal in der Höhe gekürzt worden? Die rechten beiden Stufen sind zudem aufgrund der schwächeren Strichstärke als ergänzt zu deuten, da sie vielleicht nicht mehr vorhanden waren.

    Zwei weitere Aspekte sind noch interessant:

    - Die Blendarkaden waren teilweise durchbrochen und nicht nur vorgeblendet, wie ich zuerst im zitierten Beitrag schrieb. Das hatte natürlich mit der Höhenlage der Dachfläche zu tun. Wenn ich aber das Dach auf dem ersten Foto im vorangehenden Beitrag betrachte, vermute ich, dass es nicht aus der Bauzeit des Giebels etwa im 15. Jh. stammte. Die gerade Dachfläche ohne jegliche Setzung und der Wohndacherker in Renaissanceformen lassen hier einen jüngeren Ersatzdachstuhl aus dem 16./17. Jahrhundert vermuten.

    - Einen solchen Farbbefund für die Blendnischen habe ich in Nürnberg noch nie angetroffen. Sicher gibt es Vergleichsbeispiele, aber die müsste man zuerst suchen. Quadermalerei in Rot- und Schwarztönen auf weissem Grund gibt es auch in Innenräumen. Bemerkenswert ist vor allem, dass die horizontalen Fugen nicht über alle Blendnischen auf derselben Höhe durchliefen, sondern unterschiedlich hoch angeordnet waren. Wären die Fugen einheitlich gleich hoch durchlaufend angeordnet, entstünde ein für die Augen vibrierendes, optisches Verwirrspiel, bei dem die Lisenen untergehen würden.

    Die Frage, wo solche Befunde von Quadermalerei überall angetroffen wurden, bleibt aber offen, und damit auch die Antwort, ob der Giebel ursprünglich frei stand oder nicht. Ich gehe eher nicht davon aus, denn die Planaufnahme betrachte ich als sehr gewissenhaft erarbeitet an, und da wären allenfalls vermauerte Fensteröffnungen sicher aufgefallen und auch eingezeichnet worden.


    Liste der Brandmauergiebel mit Blendarkaden:
    - Obstmarkt 24
    - Tetzelgasse 33
    - Tetzelgasse 37
    - Tetzelgasse 45
    - Theresienstr. 4

  • Nun interessieren mich noch zwei statische Aspekte bei den Blendarkadengiebeln:
    - die Filigranität der einzelnen Giebelstufen, insbesondere wenn die Stufen in der Höhe abgesetzt sind, und
    - die Stabilität der Giebel an und für sich, da immerhin einige Giebel recht schief standen.


    Die Filigranität der einzelnen Giebelstufen


    Bei Karolinenstr. 12 zeichnete ich zwei Rekonstruktionsvorschläge:


    Das Mass der Höhenversetzung der einzelnen Stufen ist entscheidend für ihre Stabilität und Langlebigkeit. Anhand von Karolinenstr. 12 versuche ich dies zu erläutern: Zuerst ging ich von nicht-höhenversetzten Giebelstufen aus. Von den Dimensionen und der Geometrie her würde dieser Vorschlag funktionieren. In Nürnberg waren die bekannten Giebelkonturen aber ziemlich filigran, und es ist kein Beispiel bekannt, bei dem Giebelstufen dieser Grössenordnung existierten.

    Deshalb folgte der Versuch mit höhenversetzten Giebelstufen. Gerade der Vorschlag, so wie er im Zitat gezeichnet ist, würde zu Problemen führen.

    In der folgenden Skizze (verkleinerte zweite Skizze aus dem Zitat) sind die Problempunkte rot eingezeichnet. Beim schrägen roten Strich würde die Übermauerung der Arkaden wohl reissen, weil für die horizontalen Scherkräfte das Mauerwerk dort zu schwach dimensioniert ist. Der untere Arkadenbogen würde zudem Horizontalkräfte (rote Pfeile) auf die dünnen Lisenen übertragen, wodurch auch diese verformt würden:

    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2a klein


    Wenn nun die Giebelstufen weniger höhenversetzt gemauert sind, würden die Arkadenübermauerungen nicht brechen und auch keine Horizontalkräfte auf die dünneren Lisenen abgegeben (beispielsweise wie bei Theresienplatz 1) :

    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2b klein


    Eine andere Möglichkeit wäre es, die einzelnen Giebelstufen in ihrer Höhe sehr stark zu versetzen, sodass jeweils die tieferliegenden Stufenhälften die Horizontalkräfte der Arkade auf die Giebellinie abgeben würden anstatt auf die dünneren Lisenen (beispielsweise wie bei Adlerstr. 14) :

    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2c klein

    Theoretisch wäre es denkbar, dass die Giebelstufen exakt mit der halben Stufenhöhe höhenversetzt würden. Nur ist in Nürnberg kein solches Beispiel bekannt. Möglicherweise rührt die Höhenversetzung mit einem unrunden Mass von dem Nebeneinander von breiten und schmalen Lisenen her.

    Aus diesen Überlegungen folgere ich, dass generell bei höhenversetzten Giebelstufen diese entweder nur schwach höhenversetzt waren oder sonst etwa zur halben Stufenhöhe. Andere Masse führten wahrscheinlich unweigerlich zu Schäden.

  • Zusammenstellung der vier Rekonstruktionsvorschläge für Karolinenstr. 12


    Der Vorschlag mit halbwegs versetzten Giebelstufen schied aufgrund der im vorangehenden Beitrag beschriebenen statischen Probleme aus, ist hier aber der Vollständigkeit halber an dritter Stelle nochmals aufgeführt.


    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2 klein

    Ein Giebel mit vollständigen Stufen wäre die logische Grundform, wenn die erhaltene Binnengliederung des Giebels nach aussen fortgesetzt würde. Die filigranen grossen Stufen wären zwar zerbrechlich und haben in Nürnberg kein Vergleichsbeispiel. Grundsätzlich abzulehnen ist der Vorschlag aber nicht.


    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2b klein

    Der Vorschlag mit leicht höhenversetzten Stufen böte statisch keine Probleme. Leicht höhenversetzte Stufen sind typisch für Nürnberg.


    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2a klein

    Ein Giebel mit stärker höhenversetzten Stufen würde statisch nicht halten, da die äusseren, tieferliegenden Arkadenübermauerungen keinen direkten Kontakt zur Giebellinie hätten und so nirgends Halt fänden.


    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2c klein

    Ein Giebel mit stark höhenversetzten Stufen würde statisch halten, sofern die äusseren, tieferliegenden Arkadenübermauerungen einen direkten Kontakt zur Giebellinie haben. Im Bereich des Höhenversatzes innerhalb der Stufen käme aber eine schmale anstatt einer breiten Lisene nach aussen zu liegen, was optisch nicht befriedigend wäre. Dieser Vorschlag ist deshalb auch eher auszuscheiden.


    Es verbleiben somit nur die ersten beiden Varianten: Ein Giebel mit grossen Stufen ohne Höhenversatz oder ein Giebel mit leicht höhenversetzten Stufen.

  • Die Stabilität der Giebel


    Auf historischen Fotos kann man feststellen, dass einige Blendarkadengiebel ziemlich schief standen. Dazu können verschiedene Ursachen geführt haben:
    - Schäden infolge Bodensetzungen (was für Nürnberg eher nicht zutrifft, da der Baugrund in der Altstadt mehrheitlich sehr tragfähig ist und man praktisch keine verformten Häuser sieht)
    - Verformung infolge zu schwacher Dimensionierung der Mauerstärke
    - statische Probleme der Dachstühle
    - Ausbrechen grösserer Öffnungen.

    Es folgt deshalb zuerst eine Betrachtung der schief stehenden Giebel samt Kommentaren:


    Füll 18

    Full-1911.jpg
    Die Füll gegen Osten um 1900 (die Aufnahme ist im Katalog des Stadtarchivs fälschlicherweise seitenverkehrt abgebildet; hier ist sie richtig wiedergegeben).


    Full-1911-Ausschnitt-entzerrt.jpg
    Entzerrter Ausschnitt aus der Abbildung oben mit dem Giebel von Füll 18.

    Auf dem Originalbild sieht man, dass der Giebel leicht zur Strasse hin kippte. Die Entzerrung des Ausschnitts mit dem Giebeldreieck verdeutlicht noch mehr, dass die Fassade zwischen dem 1. und 2. Dachgeschoss geknickt war, just dort, wo ein Masswerkfries den Mauerquerschnitt schwächte. Vermutlich war der Giebel in diesem Bereich drei Backsteinbreiten dick gemauert (unterhalb der Dachflächen bestand im Innern wohl ein Absatz mit einem Wechsel von zwei auf drei Backsteinbreiten). Die Rücklagen der Blendnischen und des Masswerks lagen eine Backsteinbreite vertieft. Somit wäre die Wand hier um ein Drittel geschwächt gewesen, insbesondere im Bereich, wo das Masswerk auch die Lisenen unterbrach. Das Unterbrechen der Lisenen war ein fataler Fehler, der zu diesem Knicken führte.


    Karolinenstr. 12

    Karolinenstrasse-nach-Westen-um-1920-Ausschnitt.jpg
    Ausschnitt aus einer Fotografie der Karolinenstrasse gegen Westen (ganzes Bild siehe in diesem Beitrag).

    Die Schiefstellung des Giebels wurde wohl durch die starke Senkung des Dachstuhls verursacht. Durch die nachträgliche einseitige Anhebung des Dachstuhls wurde dessen Statik beeinträchtigt, was sich bis auf das Giebeldreieck hin auswirkte.


    Königstr. 32, Obstgasse 2 und Weinmarkt 2

    Die Giebelfelder aller drei Bauten neigten sich leicht gegen das Gebäudeinnere. Ein statisches Problem kann nicht ausgemacht werden. Bei Obstgasse 2 und Weinmarkt 2 könnte die Neigung durch die Dachstühle mitverursacht worden sein, die im Verhältnis zur Breite sehr hoch waren resp. sind und deshalb an den Zimmermeister besondere Anforderungen stellten. Der Giebel von Obstgasse 2 war zudem wegen seiner Grösse und der Lage am Hauptmarkt starken Windkräften ausgesetzt.


    Die Mauerstärken:

    Anhand der Giebel von Füll 18, Karolinenstr. 12 und Tetzelgasse 37 versuchte ich einen Querschnitt einer Giebelwand zu zeichnen (zum Beitrag) :

    Giebelwand Querschnittx
    Vertikalschnitt durch eine Blendarkadengiebelwand mit Rücklagen und Giebelmännchen.


    Auf dem Aufnahmeplan von Theresienstr. 4 aus den 1880er Jahren ist ebenfalls ein Querschnitt beigefügt, der zwar keinen Absatz unmittelbar unter der Dachfläche zeigt. Die Aufnahme entstand ja nur von aussen und wahrscheinlich nicht auch von innen her, als das Nachbarhaus Nr. 2 1884 abgerissen wurde. Es ist also durchaus möglich, dass einzelne Giebel vier Backsteinbreiten dick gemauert wurden:

    Aus dem Dunstkreis von Mummenhoff oder Essenwein gibt es eine Rekonstruktionszeichnung:

    Image.jpg


    Eine Mauerstärke von drei Backsteinbreiten - also etwa 45 cm - ist ein respektables Mass für eine Wand. Wenn man aber die Windkräfte und die Verzugskräfte von Dachstühlen berücksichtigt, die auf einen solchen Giebel einwirken, und dann in Relation zur Grösse einer solchen Giebelwand stellt, verwundert es nicht, dass grosse Verformungen auftreten konnten.

  • Noch ergänzende Anmerkungen zur Historie des Giebels Theresienstraße 10 aus F.T. Schulz, Nürnbergs Bürgerhäuser und ihre Ausstattung, Seite 787:

    Urprünglich 2. Hälfte 15. Jahrhundert.

    1553 unter Beibehaltung der alten gotischen Form völlig neu aufgeführt.

    Wohl 1606 in die heutige Form gebracht (Fialen abgeschlagen).

  • Um dieses Haus geht es (zum Beitrag) :

    Theresienstr.-10-Google-Arts-u.-Culture.jpg
    Theresienstr. 10, ehemaliges Gemeindehaus, vormals Haus 'zum goldenen Löwen'. Um 1920/40.
    Quelle: Google Arts & Culture / Staatliche Bildstelle Berlin. Gemeinfrei unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.


    frederic Ist das der Wortlaut im Buch von F. T. Schulz? Ich kann mir schon vorstellen, dass in einem so grossen Werk mit über 700 Seiten nur Stichworte stehen. "1553 unter Beibehaltung der alten gotischen Form völlig neu aufgeführt". Ist das auf den Giebel bezogen oder auf das ganze Haus? Das tönt wie eine Rekonstruktion... :wink:

    1553 als Erstellungsjahr des Giebels kann ich mir gut vorstellen, nicht aber, dass da einst noch Fialen oder Giebelmännchen drauf standen. Wie bereits geschrieben sehe ich ihn in der Gruppe von Giebeln mit netzartig überzogenen Architekturgliedern mit geraden Giebellinien. Dazu gehören die Mauthalle, Untere Talgasse 3 und der Giebel an der Rathausgasse nördlich vom Beheimschen Ratsstubentrakt, die ich alle in die Nachfolge der gotischen Blendarkadengiebel ansiedle (Bilder hier). Auch bei diesen drei Bauten kann ich mir nur schwer einstige Giebelaufsätze vorstellen.

  • Nein, im Gegensatz zu mir schreibt er schon in ganzen Sätzen. Ich hatte allerdings versucht, das für mich wichtigste möglichst wortwörtlich wiederzugeben. Hier nun Foto, weil es mir zum Abtippen doch ein wenig viel ist.

    Unter "Geschichtliches" steht:

    Zitat

    Dieser Ratsverlaß ist deswegen von so großer Wichtigkeit, weil aus ihm ersichtlich ist, daß der Giebel des Hauses Theresienstraße 10 damals, d.h. im Jahre 1553 vollkommen neu aufgeführt worden ist, wobei jedoch die alte gotische Form der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts im wesentlichen beibehalten wurde.

  • Theresienstraße 15 hatte übrigens auch einen gotischen Giebel, allerdings nur noch auf der Hofseite. Fotos sind mir leider nicht bekannt. F.T. Schulz (Nürnbergs Bürgerhäuser und ihre Ausstattung, Seite 803) schreibt:

    Zitat

    Über der südlichen Hofwand tritt oberhalb des dritten Stockes der alte gotische Nordgiebel des Vorderhauses frei zutage. Er ist durch Lisenen gegliedert, welche oben glatt abgeschrägt sind. Dem Braunschen Prospekt vom Jahre 1608 nach zu schließen, entsprach ursprünglich diesem Hofgiebel ein ebensolcher Straßengiebel.

  • Eine Abhilfemassnahme gegen das Kippen der Giebel?

    Drei der bisher bekannten Blendarkadengiebel wiesen in der Mitte einen unschönen Mauerpfeiler mit Aufzugsöffnungen auf. Diese Mauerpfeiler nahmen keine Rücksicht auf die Lisenenordnung und dürfen demnach als spätere Zutat angesehen werden. Der Einbau von grossen Aufzugsöffnungen war wohl kaum der Grund für diese Pfeiler, denn die Öffnungen hätten auch Platz zwischen den ursprünglichen Lisenen gehabt. Ein plausibler Grund wäre eine Verstärkung der Giebelwände gewesen, die oft mit der Zeit in eine schiefe Lage gerieten.

    Bei der Vorstellung der drei Giebel ging ich auf diese Mauerpfeiler jeweils ein und zitiere daraus die relevanten Passagen:


    Rückgebäude von Albrecht-Dürer-Platz 4a

    Albrecht-D-rer-Platz-4a-Giebel-1904-II.jpg

    Dieser Giebel scheint eh eine Abänderung erfahren zu haben, indem ein breiter Mauerpfeiler mit zwei Aufzugsöffnungen angebracht wurde, der keine Rücksicht auf die ursprüngliche Lisenenordnung nahm. Das nachträgliche Ausbrechen von Aufzugsöffnungen in dickerem Mauerwerk kann man bei einigen weiteren Blendarkadengiebeln (Lorenzer Platz 3, Karolinenstr. 6) feststellen.

    Albrecht-Dürer-Platz 4a 1904 Durchzeichnung
    Hinterhaus Albrecht-Dürer-Platz 4a, Rekonstruktion der Mittelpartie und Eintragung einiger Beobachtungen im Bereich der Giebellinien.



    Lorenzer Platz 3



    Karolinenstr. 6

    Karolinenstr.-6-Cafe-Kuschx.jpg
    Karolinenstr. 6. Aufnahme unbekannter Herkunft und Datierung.

    [...] Die Lisenengliederung mit gleichmässig ansteigenden Blendarkaden wird nur durch den Mauerpfeiler mit den Aufzugsöffnungen unterbrochen.


    Diese Mauerpfeiler als Verstärkung der Giebelwände waren möglich, weil zwischen dem obersten Vollgeschoss und dem 1. Dachgeschoss meistens ein Rücksprung bestand. Entweder betraf er
    - die Lisenen und Rücklagen, wobei dann der Rücksprung eine respektive zwei Backsteinbreiten mass
    - oder nur die Rücklagen, wobei der Rücksprung bei den Rücklagen eine Backsteinbreite mass und die Lisenen Fassadenbündig waren.
    Auf diesen Rücksprung konnte dann als Verstärkung ein solcher Mauerpfeiler aufgesetzt werden. Im Innern bestand wohl kein Rücksprung, wodurch dort die Anbringung eines Mauerpfeilers nicht möglich war. Bei der Anbringung an der Innenseite wäre aber die Lisenenordnung nicht gestört worden.


    Mauthalle

    Die Mauthalle besitzt ebenfalls einen mittig angeordneten Mauerpfeiler mit Aufzugsöffnungen. Dieser wurde aber bestimmt schon beim Bau der Mauthalle zwischen 1498 und 1502 so konzipiert, da er im Einklang mit der Giebelzier aus einem Netz von Ovalen steht. Er entstand wohl eher aus optischen Gründen, weniger aus statischen wie bei den vorherigen drei Beispielen.


    512px-Nürnberg-Lorenz-Mauthalle-WUS04065.jpg?uselang=de
    Ostgiebel der Mauthalle gegen die Königstrasse. Quelle: commons.wikimedia.org, by Rainer Halama.
    Bild gemeinfrei unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA.


    Es gab noch drei Beispiele von 'mauerpfeiler-ähnlichen' Partien in Giebelwänden, und zwar bei Kaiserstr. 23, Josephsplatz 6 und Obstmarkt 24. Diese waren aber durch Kamine entlang der Innenseiten der Giebelwände entstanden. Bei Josephsplatz 6 blieb die Rücklage allerdings erhalten. Die drei Bauten sind hier aufgeführt, damit sie nicht mit Bauten mit statischen Mauerpfeilern verwechselt werden:

    Kaiserstr. 23

    Ak-Adlerstrasse-Kriegerdenkmal-1903-Ausschnitt-1.jpg
    Köpfleinsberg mit dem Kriegerdenkmal, Blick von der Adlerstrasse zur Kaiserstrasse. Links Kaiserstr. 23 und rechts Adlerstr. 22. 1903 gelaufene Ansichtskarte, Verlag Dr. Trenkler & Cie, Leipzig.

    [...] Der Kamin ist wohl nachträglich zwischen zwei Lisenen eingebaut worden, wobei ich mir den Aufwand nur schwer vorstellen kann, zuerst einen Schlitz aus der massiven Giebelwand auszubrechen und dann mit dem Kaminzug wieder zuzumauern.



    Josephsplatz 6

    Josephsplatz-10-8-6.jpg


    Obstmarkt 24

    nordlicher-Obstmarkt-Flugaufnahme-Bildindex-fm930514a-Ausschnitt-Obstmarkt-24.jpg
    Ausschnitt aus einer Flugaufnahme mit dem Obstmarkt. Quelle: bildindex.de fm930514a.

  • Auf die Stiche Boeners (2. Bild) sind wir bereits in diesen Beiträgen zu sprechen gekommen, sogar mit zwei Links zu ihnen. Das erste Bild ist von J. A. Delsenbach, dessen Stiche (etwa 50) ich auf einer Auktionsseite in guter Auflösung fand.

    Beide Ansichten geben das Haus Theresienplatz 1 leicht vereinfacht wieder. Aber gerade anhand eines Gebäudes, das entweder noch existiert oder in einer fotografischen Aufnahme überliefert ist, kann man durch Vergleichen abschätzen, wie genau ein Zeichner gearbeitet hat, und wo man Grenzen bei der Interpretation setzen muss. Gerade dein Hinweis mit dem niedrigeren Dach würde ich nicht für bare Münze nehmen, denn diese einseitige Dacherhöhung links ist so unscheinbar, dass diese ein Künstler wohl kaum detailgetreu gezeichnet hätte.

    Bei beiden Ansichten sind aber die Fassadendekorationsmalereien aus der Renaissance und dem Barock sehr bemerkenswert. Die typischen Nürnberger Sandsteinbauten, so wie wir sie heute kennen, haben gar nichts gemein mit den dargestellten Fassaden auf den Stichen aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die vielen Bauten mit Fassaden aus beigem und rotem Burgsandstein kann man sich - gestrichen und mit Dekorationsmalereien versehen - heute so gar nicht vorstellen. Ich kenne jedenfalls keine Sandsteinfassade in Nürnberg, bei der direkt auf den Sandstein die Dekorationsmalerei aufgebracht ist.


    Zwei Beispiele zur Interpretation der Stiche Delsenbachs:

    Kupferstichh_-_Nürnberg_-_Egidiengasse_-_Dominikanerkirche_-_Delsenbach.jpg
    Die Theresienstrasse, früher auch Egidiengasse oder Dillinggasse genannt. J. A. Delsenbach, um 1720. Quelle: Wikimedia commons.

    Der Blick folgt der Theresienstrasse westwärts bis zu ihrem Beginn am Rathausplatz. Rechts steht noch die 1807 auf Abbruch verkaufte Kirche des in der Reformation aufgehobenen Predigerklosters (gemäss Wikipedia). In der linken Häuserreihe sticht der besonnte Giebel von Theresienstr. 10 hervor, der Giebel aus lauter stehenden Rechtecken. Auch wenn er nicht detailgetreu gezeichnet ist, erkennt man ihn sofort wieder.

    Theresienstr.-10-Google-Arts-u.-Culture.jpg
    Theresienstr. 10, ehemaliges Gemeindehaus, vormals Haus 'zum goldenen Löwen'. Um 1920/40.
    Quelle: Google Arts & Culture / Staatliche Bildstelle Berlin. Gemeinfrei unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.


    Rathaus Burgstrasse Delsenbach 1712 Ausschnitt
    Das Rathaus und die Burgstrasse gegen die Kaiserburg. J. A. Delsenbach 1712, Ausschnitt. Quelle: Virtual museum.

    Auf der rechten Seite ist der Stufengiebel von Burgstr. 8 dargestellt. Auch wenn keine Details herausgelesen werden können, kann man immerhin behaupten, dass 1712 die Stufen noch vorhanden waren. Bisher wussten wir noch nicht, wie Heideloff den Giebel um 1830 antraf.

  • Nun bin ich am Ende meiner Betrachtungen zu den gotischen Blendarkadengiebeln in Nürnberg angelangt und möchte das Thema vorerst mal abschliessen. Neu entdeckte Giebel und weiteres Bildmaterial werden selbstverständlich ergänzt und dürfen auch von andern ergänzt werden. :wink:

    Wie schon im ersten Beitrag geschrieben, wollte ich das Thema hier nicht auf wissenschaftlichen Grundsätzen mit Nachweisen etc. bearbeiten, sondern wollte mich einfach mal in die Giebel einarbeiten und Abbildungsmaterial zusammenstellen. Das ist eine Vorarbeit, um eine wissenschaftliche Arbeit anzugehen und auch sicher zu gehen, dass überhaupt genügend zu erforschendes Material vorhanden ist. Eine solche Vorarbeit geht aber im Stillen vor sich, denn man möchte ja nicht schon während einer Forschungsarbeit Resultate und Erkenntnisse preisgeben und veröffentlichen. Hier aber wollte ich mal 'laut denken', um von andern Mitgliedern Hinweise zu Adressen weiterer Giebel und Bildmaterial zu erhalten. Vor allem bei frederic möchte ich mich für seine wertvolle Mithilfe bedanken! :daumenoben: :daumenoben:

    Hier ein Auszug aus dem ersten Beitrag:

    [...] Ich hatte hierzu mal ein bisschen an einem nicht mehr existierenden Giebel am Theresienplatz 'gepröbelt', um hinter das Geheimnis seiner Geometrie zu kommen. Heute existieren leider nur noch sehr wenige solcher Giebel, und oft sind diese auch nicht mehr vollständig.

    Auf historischen Fotos findet man einige weitere Giebel, und so sollte eine genügende Anzahl zusammenkommen, um sich mit ihrer Entstehung und Gestalt auseinandersetzen zu können. Spannend sind die Vergleiche dieser Giebel untereinander, um so etwa eine Verwandtschaft ausmachen zu können. Viele Giebel sind oder waren nicht mehr vollständig, insbesondere was die filigranen 'Giebelmännchen' (fialenähnliche Aufsätze) betrifft. Vielleicht gelingt es, das ursprüngliche Aussehen dieser Blendarkadengiebel zu rekonstruieren und mehr über ihre Entwicklungsgeschichte zu erfahren.

    Ich denke, dass ich dieses Ziel hier erreicht habe. Aufpassen muss man aber, wenn man allzu schnell mal zu Bleistift und Skizzenpapier greift und erste Rekonstruktionsversuche auch veröffentlicht. Solche Ansichten dienen der persönlichen Anschauung und helfen einem dabei visuell, wenn man mal auf den Holzweg geraten ist. Gerade in der heutigen Zeit, wo innert Sekunden Bilder geklaut und in andere Beiträge eingebaut werden können, ist die frühzeitige Veröffentlichung ein gefährliches Tun. Man stelle sich vor, jemand klaut diese oder diese Skizze und veröffentlicht sie mit einer Kritik - gar noch mit einem Hinweis auf den Autor - dann wäre das nicht im Sinne dieses Stranges, der lediglich eine Herangehensweise ans Thema veranschaulichen soll.

    Wie sähe jetzt eine Fortsetzung der Beschäftigung mit dem Thema aus?

    Als erstes müsste zu jedem Giebel ein Dossier mit Abbildungen und baugeschichtlichen Hinweisen erstellt werden. Gerade bei den frühen Restaurierungen und Rekonstruktionen haben wir gesehen, dass eine falsche Rekonstruktion den Forscher auf den Irrweg geleiten kann! Die jüngste Restaurierungsgeschichte (ab Mitte 19. Jh. bis 1930) müsste unbedingt in einem gesondertem Kapitel gleich zu Beginn erforscht werden, um Fantasierekonstruktionen zu entlarven. Hilfreich wären auch Plandarstellungen (Skizzen) in möglichst einheitlichem Massstab. Bild- und Literaturhinweise sollten unbedingt auch jetzt aufgelistet und später in Fussnoten angegeben werden. Der vielen kunsthistorischen Begriffen wegen sollte auch ein Glossar angelegt werden.

    In einem nächsten Schritt werden die Giebel dann untereinander verglichen und Gemeinsamkeiten herausgeschält, so wie ich das bei einzelnen Giebeln bereits tat. Ebenfalls sollten Studienreisen in der Umgebung folgen, um Blendarkadengiebel in andern Ortschaften zu finden, die für Vergleiche und Entwicklungen herangezogen werden können.

    Es stellte sich auch die Frage, ob man sich auf die gotischen Blendarkadengiebel allein beschränken möchte, da deren geringe Anzahl von knapp vierzig keine allgemeinen Schlüsse zulassen. Gerade die Renaissance und der Barock haben in der Altstadt viel mehr Giebel hinterlassen, die das Thema aber sehr ausweiten, wenn nicht gar sprengen würden. Klassizistische Giebel finden sich dann wieder weniger, gefolgt von den neugotischen Giebeln. Einen chronologischen Abschluss würden dann die historistischen und die rekonstruierten Giebel machen.