Nürnberg - Gotische Blendarkadengiebel in der Altstadt

  • Ein bisschen off-topic in diesem Strang, aber dennoch möchte ich dieses interessante Bild aus den Wiederaufbaujahren nicht vorenthalten. Die Karte aus den späten 50er Jahren zeigt links den zweigeschossigen Nachfolgebau von Karolinenstr. 12, der später um zwei Geschosse auf die heutige Höhe ergänzt wurde:

    Ak Karolinenstrasse um 1955 Kopie
    Die Karolinenstrasse in den späten 1950er Jahren. Links der Neubau von Nr. 10/12 (mit runden Arkadensäulen). Nr. 10 (mit der Brandmauerreklame) bereits in voller Höhe, Nr. 12 erst provisorisch mit zwei Geschossen, später auf die heutige Höhe mit vier Geschossen fertig gestellt. 'Naturfarbenaufnahme' Verlag P. Nagel, Frankfurt a. M., Sammlung Riegel.

    Rekonstruktionsversuch bei Karolinenstr. 12

    Das Haus stellte ich bereits in diesem Beitrag vor,

    Karolinenstrasse nach Osten
    Die Karolinenstrasse nach Osten um 1930/40. Links Karolinenstr. 12 an der Ecke zum Hörmannsgässchen.


    Heute: GoogleMaps. Der Neubau von Nr. 10 ist heute bereits wieder beseitigt (1980er Jahre)! Dafür existiert Nr. 12, die man auf dem ersten Bild erst als zweigeschossiges Provisorium sieht, heute noch. Zur Zeit befindet sich hier eine Starbucks-Filiale.

  • Neben mir liegt eine Skizze auf der Rückseite eines Briefumschlags,
    [...]
    Findet jemand die Kombination?

    IMG 20240528 0001

    Es ist eine Kombination des abgeschroteten Giebels von Füll 18 mit den Giebelstufen von Theresienstr. 4. Beide Giebelwände wiesen Gemeinsamkeiten auf, weshalb ich sie in Beziehung zueinander brachte. Die Erklärung dazu folgt in einem der nächsten Beiträge.


    Zuerst möchte ich nun die

    Gestaltung der einzelnen Giebelstufen

    erläutern. Dazu folgt nochmals ein Blick auf den Giebel von Theresienplatz 1, um die Lage der einzelnen Stufen innerhalb des Netzes der Lisenen und Giebellinien zu erläutern:


    Giebel-Theresienplatz-1.jpg
    Theresienplatz 1. Analyse des Giebels mit Treppenstufen, Lisenen, Fialen und Blendarkaden.

    Die Stufen (orange) folgen einander in regelmässigen Abständen, unabhängig von der Lage der Blendarkadenreihen innerhalb der Giebelwand. Unter jeder Stufe befindet sich ein Blendbogenpaar. Die Giebellisenen laufen über die Giebellinie hinaus und bilden gleichzeitig die Seitenkanten der Stufen.

    In den folgenden Grafiken habe ich die Form der Giebelmännchen jeweils weggelassen, da ihre Ausformulierung eine eigene Würdigung erfahren sollte.


    Giebelstufen Rathausx
    Giebelstufen an der Ostseite des Alten Rathauses von 1332-40.

    Auch wenn der Ostgiebel des Alten Rathauses aus dem 14. Jahrhundert in diesem Strang keinen besonderen Platz erhalten hatte, beginne ich mit seinen Giebelstufen. Wie vorhin beschrieben, stehen auch sie im Einklang mit den Lisenen. Zwischen zwei Lisenen befindet sich jeweils eine Stufe ohne Höhenversatz der Oberkante. Innerhalb der Stufe sitzt ein Spitzbogenpaar, dessen Bogen nicht gleich hoch angeordnet sind, sondern in der Höhe um Dachneigungsrichtung versetzt sind. Die Spitzbogenpaare sind durchbrochen, was den Stufen eine gewisse Leichtigkeit gibt. Da über dem einen Bogen viel Mauerwerk folgt und über dem andern wenig, wirken die Stufen etwas schwerfällig. Zudem ist die Abstützung der Bogenpaares einfach auf der Giebellinie ein bisschen plump.

    Allerdings weiss ich nicht, ob das heutige Aussehen des Rathausgiebels dem ursprünglichen entspricht. Er überstand aber im Wesentlichen den Brand im 2. Weltkrieg und musste nur repariert werden. Aber innerhalb seines bald 700 Jahre langen Bestandes kann sein Aussehen schon früher verändert worden sein.




    Giebelstufen Adlerstr. 14 Theresienplatz 1x
    Giebelstufen bei Adlerstr. 14 mit grossem Höhenversatz der Oberkante und Theresienplatz 1 mit geringem Höhenversatz der Oberkante.

    Die Ausführung der Stufen entspricht im Wesentlichen jener am Alten Rathaus, auch wenn sie auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint. Wiederum befindet sich zwischen zwei Lisenen je eine Stufe. Ihre Oberkanten weisen jedoch einen Höhenversatz auf, der sehr unterschiedlich sein kann. Innerhalb der Stufe sitzt ein Spitzbogenpaar, dessen Bogen denselben Höhenversatz mitmachen. Der Höhenversatz erfolgt unabhängig vom Dachneigungswinkel. Die Spitzbogenpaare sind durchbrochen und stützen sich in der Mitte entweder auf Konsolen oder dünnere Nebenlisenen ab.

    Die Blendarkadenreihe innerhalb des Giebels von Adlerstr. 14 wird von einem Bogen einer Stufe aufgenommen, während die Arkadenreihen bei Theresienplatz 1 mit ihren Höhenlagen völlig unabhängig von den Stufen sind. Trotzdem entsprechen sich die Stufen beider Giebel weitgehend und variieren nur mittels des Höhenversatzes der Oberkante. Mit dem Höhenversatzmass variiert auch die Grösse der durchbrochen Arkadenpaare: Ein grosses Versatzmass ergibt zwei fast gleich grosse Bogen, die wie beim Alten Rathaus der Giebellinie folgen. Ein kleines Versatzmass ergibt zwei unterschiedlich grosse Bogen, die dann regelmässig einander abwechseln.

    Das Bild mit in der Höhe versetzten Bogen unterhalb einer Stufe entspricht wie dem Querschnitt einer gotischen Kathedrale mit Strebebogen. Es scheint, als ob der untere Bogen schräg verlaufende Kräfte von oben aufnimmt, wobei bei einem grossen Höhenversatz der untere Bogen auf die nächste dünne Lisene (Nebenlisene) zu drücken scheint. Dieser optische Effekt wird bei Stufen mit geringem Höhenversatz abgemindert.

    Zur Kategorie dieser Giebel gehört auch Tucherstr. 8, wobei dort zuerst die Restaurierungsgeschichte erforscht werden sollte. Freie Ergänzungen und undokumentierte Rekonstruktionen dürfen für die Forschung nicht herangezogen werden! Der Giebel von Tucherstr. 8 scheint mir restauriert und zu perfekt, und ich habe noch nie eine wirklich alte Aufnahme von ihm gesehen, welche mich von seinem originalen Aussehen überzeugt.

    Obstgasse 2 an der Ostseite des Hauptmarkts war wohl ebenfalls verwandt mit diesen Giebeln, denn vor der Rekonstruktion um 1900 besass er zuoberst ein Stufenpaar mit in der Höhe nur gering versetzten Bogenpaaren. Dieses Stufenpaar hatte die Barocke Umgestaltung überlebt.

    Eine nähere Betrachtung erfordert der zu Ende des 19. Jahrhunderts frei rekonstruierte Giebel von Königstr. 32 (Mohrenabpotheke). Den Giebel hatte schon J. A. Böner 1716 festgehalten, und dort sehen die Stufen ziemlich anders aus als in der ausgeführten Rekonstruktion. Darauf komme ich im nächsten Beitrag zurück.


  • Nun gibt es eine Zeichnung von J. A. Böner aus dem Jahr 1716, die den wohl ursprünglichen Giebel noch vor dessen Abschrotung zeigt:

    Königstr. 32 Boener 1716 Kulturgut
    Königstr. 28-32. Zeichnung von J. A. Böner von 1716 im Stadtarchiv Nürnberg.

    Es sieht eher danach aus, dass der Giebel damals aus einer Aneinanderreihung von grossen Giebelmännchen geschmückt war. Eigentliche Giebelstufen sind nicht zu erkennen. Die Giebellinien waren zudem durch ein durchgehendes Band hervorgehoben.

    Nun kann man sich fragen, wie wahrheitsgetreu Böner gezeichnet hatte, auch wenn die Zeichnung einen detailgetreuen Eindruck hinterlässt. Es gibt aber eine weitere Ansicht mit einem solchen Giebel, der wir bei Josephsplatz 6 begegnet sind:

    Josephsplatz-Kornmarkt-Delsenbach-1715.jpg
    'Der Platz bey der Rosen genannt, am Kornmarckt in Nürnberg'. Kupferstich von J. A. Delsenbach 1715 mit der Ansicht des heutigen Josephsplatzes Richtung Weisser Turm.

    Das zweite Haus rechts von St. Salvator (Josephsplatz 7?) besass ein Ecktürmchen und auch einen Giebel mit Stufen oder Aufsätzen. Die oben treppenartig abgeschlossenen Aufsätze gleich sehr denjenigen bei Königstr. 32, allerdings nicht den um 1890 rekonstruierten, sondern jenen auf der Zeichnung von J. A. Böner von 1716 (Abb. weiter oben).


    Von diesem Kupferstich gibt es eine schärfere Ansicht auf dieser Seite: https://www.nuernberg.museum/projects/show/1543-kornmarkt. Einen Ausschnitt mit dem angesprochenen Giebel von Josephsplatz 7(?) erhält man durch einmaliges Anklicken des rechten Pfeils oben rechts. - Die Giebelmännchen sind verblüffend ähnlich wie jene von Königstr. 32 in Böners Ansicht. Es rechtfertigt sich also, diese(n) Giebel genauer zu betrachten:

    Giebelstufen Königstr. 32 Bönerx
    Erster Abzeichnungsversuch des Giebels von Königstr. 32 gemäss der Abbildung Böners.

    Eine überzeugende Abzeichnung der Giebel von Königstr. 32 und Josephsplatz 7(?) ist schwierig. Es scheint, dass mittig über den Bogenpaaren ein Giebelmännchen mit einem Loch drin thront. Die Oberkanten sind jeweils schräg gezeichnet, was den Maurer nicht besonders gefreut hätte. Für den Rekonstruktionsversuch sind die Oberkanten der Stufen horizontal gezeichnet und jene der Giebelmännchen schräg. In einem zweiten Abzeichnungsversuch sind die Giebelmännchen für eine markantere Erscheinung wie in den historischen Abbildungen nach links verbreitert und die Oberkanten der Stufen ebenfalls schräg gezeichnet worden:

    Giebelstufen Königstr. 32 Bönerx2
    Zweiter Abzeichnungsversuch des Giebels von Königstr. 32 gemäss der Abbildung Böners.

    Beide Varianten wirken wenig überzeugend, insbesondere weil mir auch kein reales Vorbild bekannt ist. Ich lasse daher die beiden Versuche im Raum stehen, da es hier in erster Linie um eine Sammlung unterschiedlicher Stufentypen geht. Die Hervorhebung der Giebellinien durch ein durchgehendes Band hat hier noch keine Berücksichtigung erfahren.

    Eine weitere Abbildung des kurz vor 1900 rekonstruierten Treppengiebels zeigt, dass die 'Bogenpaare' in den Giebelstufen nicht als Bogen gemauert, sondern mit zwei schräg gestellten Backsteinen giebelförmig abgeschlossen waren:


    Königstr. 32
    Königstr. 32 mit dem rekonstruierten Blendarkadengiebel kurz vor 1900.

  • Der Giebel von Burgstr. 8 bestach durch seine orthogonale Geometrie. Wie beim Rathausgiebel waren die Giebelstufen zwischen zwei Lisenen eingebunden und an ihrer Oberkante nicht höhenversetzt. Die Arkadenpaare der Stufen lagen auf gleicher Höhe wie die Arkadenreihen innerhalb der Giebelfläche (mit Ausnahme an der Giebelspitze). Beides trug wesentlich zum ruhigeren Erscheinungsbild des Giebels bei. Im Gegensatz waren dafür die Stufen unterschiedlich hoch. Die Oberkanten der höheren Stufen korrespondierten mit den Dachgeschossdecken (Kehlbalkenlagen), während sich die niedrigeren Stufen wie als Verstärkung auf Bodenhöhe an die höheren Stufen anschmiegten.


    Burgstra-e-8-Giebel-1908-N-rnbergs-B-rgerh-user-u-i-A-Seite-145-Abb-207.jpg
    Burgstr. 8.


    Giebelstufen Burgstr. 8x
    Giebelstufen bei Burgstr. 8.

    Ein ähnliches Erscheinungsbild könnte auch der Giebel von Kaiserstr. 25 besessen haben, wo sich von den Giebelstufen keinerlei Ansätze mehr erhalten hatten. Der Giebel von Weinmarkt 2 besitzt ebenfalls ein ausgeprägt orthogonales Zusammenspiel von Lisenen und Blendarkaden. Allerdings erhielten sich dort die höhenversetzten Ansätze der Bogenpaare der entfernten Giebelstufen, was den Giebel deutlich von Burgstr. 8 unterschied.

    Interessant ist jedenfalls die Verwendung von unterschiedlich hohen Stufen bei Burgstr. 8, wie ich es bisher noch von keinem andern Treppengiebel in Nürnberg kenne.


    Ganz speziellen Giebelstufenschmuck besass der Brandmauergiebel von Theresienstr. 4, auch wenn er etwas versteckt war. Der Frage, ob dieser Giebel einst frei lag, möchte ich hier nicht nachgehen, da sie ein zu grosses Vorwissen über die Stadtentwicklung und baulichen Verdichtung im 14./15. Jahrhundert voraussetzte. Auszuschliessen ist die Möglichkeit nicht, auch wenn das davorstehende Haus Theresienstr. 2 selber schon Jahrhunderte hinter sich gehabt hatte.


    Theresienstr. 2 6 vor 1884 Ausschnitt
    Theresienstr. 4, Ausschnitt aus diesem Foto.


    Giebelstufen Theresienstr. 4x
    Giebelstufen bei Theresienstr. 4.

    In den einzelnen Giebelstufen schlossen die Rücklagen zwischen den Lisenen in einem Spitzbogen ab. Diese Spitzbogen wiesen zudem ein Masswerk auf, dass lediglich aus einer Konsole und zwei schräg eingemauerten Backsteinen bestand. Die Stufen konnten also nie durchbrochen gewesen sein, da sonst die Konsolen in der Luft gehangen hätten.

    Diese masswerkähnliche Gestaltung wies auch der Giebel von Füll 18 auf. Deshalb lag es nahe, dessen fehlenden Giebelstufen versuchsweise mit jenen von Theresienstr. 4 zu ergänzen, was dann zu folgender Skizze führte:


    IMG 20240528 0001
    Füll 18. Erster Rekonstruktionsversuch der fehlenden Giebelkontur.

    Die Fragen, ob die Masswerkfriese bis zu den Giebelstufen hinausliefen und auch die Höhe jeder zweiten Stufe ungleichmässig wie bei Burgstr. 8 war, bleibt vorerst offen. Auch wenn die Fotografie von Füll 18 ziemlich hochaufgelöst ist, kann man auf den teils sichtbaren Backsteinflächen keine bauarchäologischen Befunde erkennen.

  • Scheinbar verkümmerte Giebelstufen oder Giebelmännchen wies Adlerstr. 28 auf:

    Giebelstufen Adlerstr. 28x
    Giebelstufen bei Adlerstr. 28.


    Adlerstrasse IIx
    Ausschnitt aus einer Fotografie der Adlerstrasse um 1890.

    Die Aufsätze auf der Giebellinie waren wohl sandsteinerne Platten mit einer pyramidenförmigen Aufwölbung und einer Kugel darauf, welche wohl aus dem Klassizismus stammten. Ihre Lage über den Rücklagen - anstatt über den Lisenen - ist eigenartig. Die Frage, ob das eine bewusste, gestalterische Entscheidung war oder ob es sich um Relikte älteren Giebelschmucks handelte, ist schwierig zu beantworten.

    Jedenfalls fallen zwei Dinge auf:

    - Die Rücklagen waren im Verhältnis zu den Lisenen sehr schmal, schmaler als bei allen andern in diesem Strang gezeigten Bauten. Diese Eigentümlichkeit fällt auch beim kleinen Aufzugsgiebel an der Rückseite von Paniersplatz 24 auf. Dort gab es keine Giebelstufen, sondern nur eine enge Aneinanderreihung von Giebelmännchen. Könnte der Giebel von Adlerstr. 28 etwa so ausgesehen haben? Bei beiden Giebeln waren die Rücklagen zudem zuoberst durchbrochen.

    - Die linken Flanken der Spitzbogen bildeten strebebogenähnliche Verbindungen zwischen den Giebelaufsätzen. Solche Verbindungsstücke fielen schon auf einem Stich mit Weinmarkt 2 darauf auf:

    Sebalder-Pfarrhof-Boener-Ausschnitt.jpg
    Weinmarkt 2 nach J. A. Boener, 1702. Ausschnitt aus einem Stich vom Sebalder Pfarrhof.

    [...] Interessant sind die kleinen Felder oberhalb der Spitzbogenpaare entlang der Giebellinie, die heute infolge Abschrotung nicht mehr existieren.

    Allerdings weist der Giebel von Weinmarkt 2 noch heute über allen Rücklagen Blendbogenpaare auf, was ihn wesentlich von Adlerstr. 28 unterscheidet. Solche Verbindungsstücke - allerdings in verkümmerter Form - zeigt auch Albrecht-Dürer-Str. 1. Diese finden sich am Toplerhaus aus der Renaissance wieder. Albrecht-Dürer-Str. 1 wiederum hat dieselben Giebelmännchenaufsätze mit pyramidenförmigen Aufwölbungen und einer Kugel darauf.

    Fazit: Die vermeintlichen Giebelstufen von Adlerstr. 28 sind wohl nicht als solche zu bezeichnen, aber immerhin konnten andere Parallelen zu Paniersplatz 24, Weinmarkt 2 und Albrecht-Dürer-Str. 1 entdeckt werden.

  • Bei einer letzten Gruppe von Blendarkadengiebeln konnte ich mir bisher noch keine Vorstellung von deren ursprünglichem Aussehen machen, insbesondere nicht von den Giebelstufen. Es sind dies die abgeschroteten Giebel von Josephsplatz 6, Kaiserstr. 23 und Lorenzer Platz 3:


    Lorenzer-Platz-3-Google-Arts--Culture.jpg
    Lorenzer Platz 3, Südfassade um 1920/40. Bildherkunft: Google Arts & Culture / Staatliche Bildstelle Berlin.

    Ihnen ist ja gemeinsam, dass sie nach der Abschrotung des Giebelschmucks nur noch über jeder zweiten Rücklage Blendbogenpaare aufwiesen. Von den verschwundenen Blendbogenpaaren hatten sich jedoch noch die mittleren Konsolen erhalten, sodass man die ungefähre Höhenlage von ersteren abschätzen kann. Von unten nach oben ergeben sich somit für das Beispiel Lorenzer Platz 3 zwei unterschiedliche Höhensprungmasse: niedrig - hoch - niedrig - hoch - niedrig - Giebelspitze. Es ist zu beachten, dass hier auch das Lisenensystem verändert wurde!

    Bei Kaiserstr. 23 und Josephsplatz 6 haben sich durch zufällige Umstände (Teilaufstockung, Kamin) je eines dieser verschwundenen Blendbogenpaare erhalten:


    Ak-Adlerstrasse-Kriegerdenkmal-1903-Ausschnitt-2.jpg
    Blendarkadengiebel von Kaiserstr. 23. Ausschnitt aus einer Ansichtskarte.

    Die rechte, südliche Dachhälfte wurde einst angehoben, sodass sich dort mehr ursprüngliche Bausubstanz erhalten konnte. Zwischen beiden Kaminen erkennt man deshalb ein solches Blendbogenpaar, dessen beide Scheitel sogar auf gleicher Höhe lagen und nur wenig tiefer als der tieferliegende Bogenscheitel des nächsten Blendbogenpaares! Die schmalen Lisenen, die von den Blendbogenpaaren weiter nach unten bis zur Konsole verlaufen, waren bei den 'Bogenpaaren mit Scheitel auf gleicher Höhe' länger als bei den 'Bogenpaaren mit Scheitel auf unterschiedlicher Höhe'.


    Josephsplatz-10-8-6.jpg
    Josephsplatz 6.

    Auch hier hatte sich dank eines Kamins an der Innenseite der Giebelwand ein exakt gleicher Befund erhalten wie bei Kaiserstr. 23!

    Und noch etwas ist diesen drei Giebeln gemeinsam: Bei ihnen wurde die Lisenenabfolge wegen Einbaus einer dickeren Mauerpartie mit Aufzugsöffnungen verändert. Rekonstruiert man die ursprüngliche Einteilung, so ergibt sich, dass in Giebelmitte keine Lisene bestand, sondern eine Rücklage. Alle drei Giebel wiesen ursprünglich 13 Rücklagen auf. Wie bei Lorenzer Platz 3 bestand eine Abfolge der Höhensprungmasse niedrig - hoch - niedrig - hoch - niedrig - Giebelspitze - und wieder zurück. Diese Befunde sehen nach der Einzeichnung bei Lorenzer Platz 3 folgendermassen aus:


    Lorenzer Platz 3 Google Arts Culture Einträge
    Lorenzer Platz 3, Südfassade um 1920/40, mit rekonstruktiven Einntragungen. Bildgrundlage: Google Arts & Culture / Staatliche Bildstelle Berlin.

    Rot: eingetragene entfernte Lisenen sowie die angenommene Lage der fehlenden Blendbogenpaare.
    Grün: Markierte Fusspunkte der Konsolen sowie die Höhensprungmasse, gemessen an den Konsolen (h = hoch, n = niedrig).

    Aufgrund dieser Einträge könnte man jetzt versuchen, die Giebelstufen und Giebelmännchen zu rekonstruieren. Weil aber alles erst auf Annahmen beruht, verschiebe ich diesen Schritt auf später, bis mehr Kenntnis über die Blendarkadengiebel vorhanden ist.


    Bemerkungen zum Mauerfeld mit den Aufzugsöffnungen:

    Dieses Mauerfeld, dass offensichtlich nicht zum Originalbestand gehörte, weil es die Lisenenordnung störte, besass vier zugemauerte Öffnungen, im Gegensatz zu den drei Fensteröffnungen, die bis 1943/45 bestanden. Offensichtlich wurde der Dachstuhl dahinter einmal ersetzt, sodass das Dach anstelle vier niedriger Geschosse drei hohe Geschosse erhielt.

    Diesen nachträglichen 'Mauerpfeilern' begegnet man auch bei anderen Bauten mit Blendarkadengiebeln. Waren die originalen Giebel wohl zu dünn gemauert und erforderten eine Verstärkung? Dass sich Giebel zu beiden Seiten hin bewegt hatten, kann mehrfach beobachtet werden. Diese Beobachtung sollte am Schluss bei einer Betrachtung der Mauerstärken ebenfalls erörtert werden, da ich vermute, dass die Blendarkadengiebel wohl alle von Anfang an zu schwach gemauert waren.


    Weitere Bemerkung:

    Bei allen drei Beispielen stimmte die Gestaltung der Blendarkadengiebel nicht mit den Dachgeschossebenen überein. Dies kann auch bei andern Bauten beobachtet werden, allen voran bei Füll 18. Es gibt aber auch Bauten, bei denen der Giebelschmuck mit den Dachgeschossebenen auffallend übereinstimmt. Ob dies Zufall ist oder ob eine Systematik dahinter steckt, ist eine weitere Frage.

  • Jetzt gibt es noch 'Blendarkadengiebel', die gar keine Blendarkaden (mehr) aufwiesen. Diese zeigten auch keine Giebelstufen, oder höchstens noch Relikte davon. Sie waren nur noch durch Lisenen gegliedert, die in einfachen Giebelmännchen endeten. Es stellt sich nun die Frage, ob diese Giebel überhaupt je Giebelstufen besassen:

    Karlstr. 15 wies gemäss dem Stich Böners von 1701 nur Lisenen und gerade Bänder entlang den Giebellinien auf, wobei die Bänder der linken Giebelhälfte treppenartig anstiegen, jene der rechten Hälfte aber exakt der Giebellinie folgten. Eine essentielle Aussage lässt sich hierüber nicht machen. Zudem war der Giebel damals bereits mindestens 250 Jahre alt und entsprach möglicherweise nicht mehr dem Ursprungszustand. Hätte der Giebel aber innerhalb der Wandflächen einst Blendarkaden besessen, hätten diese doch eine Abschrotung allfälliger Giebelstufen überstanden.

    Der Giebel von Obstgasse 2 wurde im 17./18. Jahrhundert stark verändert. Insbesondere erhielten die Giebelmännchen neue Abschlüsse mit Kugeln und die Partien dazwischen geschwungene Verbindungsstücke. Zuoberst hatten sich allerdings zwei Giebelstufen mit je einem durchbrochenen Arkadenpaar erhalten. Man darf deshalb davon ausgehen, dass wohl einst der ganze Giebel von Giebelstufen bekrönt war. Innerhalb der Giebelfläche gab es auch hier keinerlei Anzeichen von Blendarkaden. Zwischen 1900 und 1930 wurde der Giebel regotisiert.

    Der Giebel von Untere Krämersgasse 4 wies eine grosse Ähnlichkeit mit Karlstr. 15 auf. Bemerkenswert war hier das markante Dreieck, das durch die Giebelbasis und die Bänder entlang der Giebellinien gebildet wurde, so wie man es auch auf der Zeichnung Böners von Königstr. 32 sehen kann. Spuren von Blendarkaden lassen sich keine erkennen.

    Die 1641 entstandene Zeichnung von Burgstr. 19 belegt höhenversetzte Giebelstufen mit durchbrochenen Blendbogenpaaren. In der Wandfläche existierten offenbar keine Blendarkaden.

    Albrecht-Dürer-Platz 4 zeigte ebenfalls nur noch Giebelmännchen (mit jüngeren Urnenabschlüssen) und keine Giebelstufen mehr auf, dafür aber in der Wandfläche Reste von Blendarkaden. Einen ersten Rekonstruktionsversuch zeigte ich bereits hier, und möchte diesem einen zweiten Rekonstruktionsversuch folgen lassen.

  • Zweiter Rekonstruktionsversuch bei Albrecht-Dürer-Platz 4a

    Interessant ist auch die Beobachtung des schadhaften Verputzes und dessen Rissbildungen. Man erkennt nirgends Spuren, die eindeutig auf eine entfernte Gliederung hinweisen. Zwischen der zweiten und dritten Lisene von rechts könnte ein Rechteck ausgemacht werden, das auf gleicher Höhe liegt wie die Konsole links davon, aber nicht exakt in der Mitte der beiden Lisenen. In der Rücklage links darüber erkennt man Flickstellen und vertikale Risse. In der zweiten Rücklage von links gibt es zuoberst in der Mitte ebenfalls eine rechteckige Spur, die aber höher liegt als die Konsole rechts davon.

    Fazit: Es gibt keine eindeutige Spuren auf eine frühere Gliederung. Dennoch möchte ich das Geschriebene in einer Skizze festhalten:

    Albrecht Dürer Platz 4a 1904 Durchzeichnung
    Hinterhaus Albrecht-Dürer-Platz 4a, Rekonstruktion der Mittelpartie und Eintragung einiger Beobachtungen im Bereich der Giebellinien.


    Es gibt eine weitere Fotografie von 1911, welche den Giebel in Frontalansicht nach seiner Restaurierung zeigt. Bei dieser wurde das Backsteinmauerwerk der Lisenen und Blendarkaden freigelegt sowie die Urnen auf den Giebelmännchen durch Satteldächlein ersetzt - also eine Regotisierung im 20. Jahrhundert wie bei Obstgasse 2. Das Backsteinmauerwerk wurde aber sehr umfassend saniert, sodass es trotz hochaufgelöster Fotografie fast aussichtslos erschien, hier noch bauarchäologische Spuren finden zu wollen.

    Man soll aber nichts unversucht lassen, denn trotz dieser Prämissen liessen sich an drei Stellen Spuren finden, die auf entfernte Blendarkadenansätze bei Giebelstufen hinweisen könnten (man sieht dies nur bei der hochaufgelösten Ansicht in diesem Beitrag).


    Albrecht Dürer Platz 4a 1911 Nürnbergs Bürgerhäuser Einträge
    Einzeichnung von Spuren, die auf entfernte Blendarkaden hinweisen könnten. Ausschnitt aus einer Fotografie von 1911 im Stadtarchiv Nürnberg.

    Die Tatsache, dass diese Spuren zudem auf den wasserabgewandten Seiten der Lisenen bestanden, wo keine Feuchtigkeit und Schnee liegen blieben konnten, bestärkt die Annahme, dass diese Reparaturen nicht wegen Witterungseinflüssen vorgenommen werden mussten, sondern dass dort etwas Fehlendes wieder geschlossen werden musste. Die drei Flickstellen standen nicht in geometrischer Beziehung zu den Blendarkaden, sodass sich der zweite Rekonstruktionsversuch an Adlerstr. 14 (stark höhenversetzte Oberkanten der Giebelstufen) und Theresienplatz 1 (leicht höhenversetzte Oberkanten der Giebelstufen) orientierte, nicht aber an Giebeln mit orthogonalen Grundstruktur wie bei Burgstr. 8. Giebel wie bei Lorenzer Platz 3 können ebenso nicht als Vorbild dienen, da diese in Giebelmitte eine Rücklage aufwiesen und keine Mittellisene. Auch entfaltete sich bei Albrecht-Dürer-Platz 4a mit seinem schmalen Giebel und kleinerer Anzahl Rücklagen keine Wirkung von alternierend niedrigen und hohen Giebelstufenhöhen.


    Albrecht Dürer Platz 4a 1904 Durchzeichnung IIa
    Hinterhaus Albrecht-Dürer-Platz 4a, zweiter Rekonstruktionsversuch mit Giebelstufen.

    Einen Hinweis, ob die Oberkanten der Stufen stark oder schwach höhenversetzt waren, gibt es keinen. Die hier gezeigte Variante mit starkem Höhenversatz kann auch mit einer Variante mit leichtem Höhenversatz ausgetauscht werden.

  • Rekonstruktionsversuche für den Giebel von Füll 18


    Füll 18 1910 Nürnbergs Bürgerhäuser entzerrt
    Entzerrter Giebel von Füll 18. Ausschnitt aus einer Fotografie von 1910 (Abb. in 'Nürnbergs Bürgerhäuser', S. 57).

    Über diesen Giebel schrieb ich bereits hier einen ersten Beitrag.

    Obwohl die Fotografie hoch auflösend zur Verfügung steht, fand ich keine bauarchäologischen Spuren abgegangenen Giebelschmucks, obwohl es offensichtlich ist, dass dort Vieles fehlte. Nur bei den mittleren beiden der vier Fenster am 2. Dachgeschoss erkennt man an den unförmigen Stürzen leicht, dass sie einst verbreitert worden sind. Ursprünglich besassen sie spitzbogige Stürze, wobei die Spitzen stark abgerundet waren. Die Verbreiterung der Öffnungen erfolgte unter Erhalt der Spitzbogen. Die unteren sechs Fenster waren wohl ebenfalls schmaler, und erhielten bei der Verbreiterung komplett neue Rundbogenstürze.

    Anhand der Höhenlage der Fensterreihen in Bezug auf die beiden Masswerkfriese und an der Lage der Maueranker sieht man, dass die Friese nicht mit den Geschossdecken des Dachstuhls übereinstimmten. Das muss allerdings nicht heissen, dass die Höhe der Dachgeschosse ursprünglich anders war. Bei Lorenzer Platz 3 ist anhand zugemauerter Öffnungen erwiesen, dass ein früher viergeschossiger Dachstuhl einem solchen mit drei Geschossen Platz machen musste (siehe drei Beträge weiter oben). Bei Burgstr. 8 und insbesondere den Giebeln mit höhenversetzten Oberkanten der Stufen wie bei Adlerstr. 14 und Theresienplatz 1 stimmte die Giebelarchitektur ebenfalls nicht mit den Geschossebenen überein.

    In welche Richtung man nach Vorbildern für die Ergänzungen suchen soll, versuche ich hier zu erläutern:

    Die einzigen Giebelstufen an einem andern Gebäude, die mit Füll 18 verwandt sind, waren die Stufen auf der Gebäudetrennwand von Theresienstrasse 4. Die Stufen besassen ein einfaches Masswerk, das aus Backsteinen gemauert war, genau wie bei beiden Friesen von Füll 18, die aber zusätzlich mit einer zweiten Bogenform überlagert waren:


    Theresienstr. 2 6 vor 1884 Ausschnitt
    Theresienstr. 4. Ausschnitt aus einer Fotografie vor 1884.


    Weiter ist auch ein Blick auf den Giebel von Burgstr. 8 aufschlussreich:


    Burgstra-e-8-Giebel-1908-N-rnbergs-B-rgerh-user-u-i-A-Seite-145-Abb-207.jpg
    Burgstr. 8, 1904.

    Dort bestachen die Blendarkadenreihen, die bis auf die Stufen hinaus liefen. Die Stufen konnten nicht durchbrochen gewesen sein, weil die Konsolen der Blendbogenpaare sonst in der Luft gehangen hätten. Für eine Reihung sähe es auch eigenartig aus, wenn die beiden Enden plötzlich durchbrochen wären. Wie bei Füll 18 waren die 'Geschosse' der Blendarchitektur unterschiedlich hoch und stimmten nicht mit den Geschossen des Dachstuhls überein. Die mittlere Lisene war breiter aus die andern. An die 'Hauptgeschosse' der Rücklagen schmiegten sich niedrigere Stufen mit Blendbogenpaaren an. Dies ergab eine unregelmässige Abfolge der Giebelstufen, was Nürnberg wohl eigen und typisch ist.

    Anhand dieser Feststellungen entstand die Skizze, die ich bereits kommentarlos vor einem Monat hier einstellte:


    IMG 20240528 0001


    Diese Skizze habe ich nun übernommen und die erste Fotografie in diesem Beitrag mit der entzerrten Giebelansicht als Grundlage für eine genauere Rekonstruktion verwendet:


    Füll 18 Rekonstruktion a
    Zweiter Rekonstruktionsversuch für den Giebel von Füll 18.

    Die kleineren Giebelstufen erschienen mir hier zu niedrig und sie wären wohl in Konflikt mit den Giebellinien gekommen. Zudem ist die Höhe des Giebelmännchens auf der Giebelspitze gegenüber der Skizze reduziert. Dies lässt die Giebelspitze eher als eine Bekrönung mit drei Giebelmännchen erscheinen und weniger mittenbetont (so wie die neugotische Fiale bei Burgstr. 8). Für eine leichte Erhöhung der kleinen Stufen korrigierte ich den zweiten Rekonstruktionsversuch und versah die obersten beiden Rücklagen wie bei Burgstr. 8 mit zwei weiteren Blendmasswerknischen:


    Füll 18 Rekonstruktion c
    Überarbeiteter zweiter Rekonstruktionsversuch für den Giebel von Füll 18.

    Mit dem wenigen noch bekannten Material von Blendarkadengiebeln in Nürnberg ist es natürlich schwierig, wissenschaftlich fundierte Rekonstruktionen anzufertigen, weshalb ich erst mit Analogien arbeitete. Man müsste dazu nun die Umgebung Nürnbergs nach weiteren Blendarkadengiebeln absuchen, um mehr Vor- und Vergleichsbilder zu erhalten. Die 36 Objekte im zweiten Beitrag dieses Stranges repräsentieren wohl kaum die Fülle von Giebelarchitekturen im Nürnberg des 15. Jahrhunderts, das damals schon zwischen zwei- und dreitausend Gebäude umfasste. Somit bleiben für die Rekonstruktion des Giebels von Füll 18 nur noch Analogien als Diskussionsgrundlage übrig.

  • Zuerst einmal möchte ich ein großes Kompliment für die ausführlichen Beschreibungen und vor allem die zeichnerischen Rekonstruktionen der Nürnberger Blendarkadengiebel aussprechen, eine großartige Arbeit! Ich hätte aber noch zwei Fragen: gab es neben diesen steinernen Giebeln auch Fachwerkpendants d.h. hölzerne Ziergiebel, die auf Fachwerkhäusern angebracht waren? Und wie war in etwa das Zahlenverhältnis zwischen Fachwerkhäusern und Steinbauten in Nürnberg?

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Verzierte Giebel an Fachwerkhäusern hat es in Nürnberg überhaupt nicht gegeben, nur ausschliesslich Giebel mit einem normalen Dachvorsprung, also ganz unspektakulär. Der einzige Giebelschmuck waren einige Giebelnasen aus dem 16./17. Jahrhundert, die wohl vom rheinisch/hessischen Raum eingewandert waren. Zudem waren die Fachwerkbauten - abgesehen von Eckbauten und sehr wenigen Ausnahmen - traufständig. Man darf deshalb als Ersatz für die Ziergiebel andernorts die zahlreichen Aufzugslukarnen aus dem 16. /17. Jahrhundert mit ihren vorspringenden Walmdächlein und geschnitzten Brüstungsplatten ansehen, ebenso auch die Wohndacherker mit ihren Schnitzereien und Spitzhelmen. Auf diesen Bildern von der Schildgasse und dem Obstmarkt ist alles vertreten. Der Reichtum spielte sich vielmehr in den Höfen ab und wurde nicht so öffentlich zur Schau gestellt.

    Die Frage zum Zahlenverhältnis zwischen Fachwerkhäusern und Steinbauten in Nürnberg... Die Antwort würde einen ganzen Strang füllen. :wink: Dazu müsste man zuerst den Zeitraum definieren, denn in diesem veränderte sich ja das Zahlenverhältnis kontinuierlich zugunsten der Steinbauten. Und dann müsste man zuerst die Grenze zwischen Steinbau und Fachwerkbau definieren. Ich könnte jetzt Bilder einiger Bauten zeigen und die Frage stellen, ob es sich dabei um einen Massiv- oder Fachwerkbau handelt. Beim ersten Bild würde man eindeutig 'Massivbau' ankreuzen, und beim zweiten eindeutig 'Fachwerkbau'. Erst danach würde ich verraten, dass die Bilder vom selben Haus sind, einmal die Vorderseite und einmal die Rückseite. Und im Innern weisen die Massivbauten ebenfalls mehrheitlich komplett Fachwerk auf. Bei vielen Fachwerkbauten wurden vom 16. bis 19. Jahrhundert die Fachwerkvorderfassaden durch Sandsteinfassaden ersetzt, sodass man von der Gasse aus gesehen auf einen Massivbau tippen würde.

    Die Frage könnte man nur mit einer chronologischen Tabelle mit drei Gruppen (Massivbau, Fachwerkbau, Mischbau) beantworten. Irgendwann käme noch eine vierte Gruppe mit den verputzten Fachwerkbauten hinzu. Die geographische Verteilung innerhalb der Stadtmauern wäre auch ein interessantes Thema. Man darf aber sagen, dass mindestens bis ins 17. Jahrhundert der Fachwerkbau dominierte. Einen Einblick in diese Frage vermittelt ein Bild von Christian Ludwig Kaulitz um 1730/40, wobei es die Pegnitz im Bereich des Heilig-Geist-Spitals zeigt, die selbstredend nicht eine 1A-Lage war, und in deren Umfeld deshalb der günstigere Fachwerkbau dominierte.

  • Vielen Dank für die ausführliche Antwort, sehr interessant! An die Möglichkeit einer gemauerten Fassade mit Innen- und Rückwänden aus Fachwerk hatte ich gar nicht gedacht... aber das leuchtet ein, gemacht wurde natürlich, was billig und zweckmäßig war.

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Bei einer letzten Gruppe von Blendarkadengiebeln konnte ich mir bisher noch keine Vorstellung von deren ursprünglichem Aussehen machen, insbesondere nicht von den Giebelstufen. Es sind dies die abgeschroteten Giebel von Josephsplatz 6, Kaiserstr. 23 und Lorenzer Platz 3:

    Lorenzer-Platz-3-Google-Arts--Culture.jpg
    Lorenzer Platz 3, Südfassade um 1920/40. Bildherkunft: Google Arts & Culture / Staatliche Bildstelle Berlin.


    Nun habe ich mich mal an einen Rekonstruktionsversuch gewagt. An den bisherigen Beispielen haben wir gesehen, dass Giebelstufen mit einem höhenversetzten Blendbogenpaar auch eine höhenversetzte Oberkante aufweisen (Adlerstr. 14, Theresienplatz 1). Bei Giebelstufen mit einem Blendbogenpaar auf gleicher Höhe folgt auch eine gerade Oberkante (Burgstr. 8). Eine Ausnahme bildet das Alte Rathaus mit höhenversetzten Bogenpaaren, aber gerader Oberkante der Stufen.

    Mit diesen Prämissen setzte ich mich an den Giebel von Lorenzer Platz 3. Dort war wie bereits erwähnt die Eigentümlichkeit vorhanden, dass sich nur über jeder zweiten Rücklage ein höhenversetztes Blendbogenpaar erhalten hatte und in den andern Rücklagen nur noch eine Konsole mit einer 'Stütze' darauf. Aus dem Umstand, dass diese 'Stützen' bei den erhaltenen Bogenpaaren kurz waren und bei den nicht erhaltenen lang, folgerte ich, dass dort die Bogenstellung wohl anders gewesen war. Die einzige Alternative wäre ein 'nicht-höhenversetztes Bogenpaar'. Bei Josephsplatz 6 und Kaiserstr. 23 hatten sich aus dem Umstand, da sich dort Kamine an die Innenseite der Giebel schmiegten, je ein solches auch erhalten. Nebst den Bogenpaaren und Stufen rekonstruierte ich auch die ursprüngliche Lisenenstellung und eine Fensterverteilung auf vier Dachgeschossen anstatt wie zuletzt auf drei. Die Form und Verteilung der Fenster ist aber nur hypothetisch:


    Lorenzer Platz 3 Rekonstruktion 1
    Bildgrundlage: entzerrtes Bild aus dem Zitat.

    Das Resultat sieht aber eigenwillig aus, und ich kenne keine ähnlichen Vorbilder. Deshalb ersetzte ich die höhenversetzten Oberkanten durch gerade Oberkanten (wie beim Alten Rathaus):


    Lorenzer Platz 3 Rekonstruktion 2
    Bildgrundlage: entzerrtes Bild aus dem Zitat.

    Auch dieses Resultat befriedigt mich noch nicht. Es wäre deshalb jetzt der Punkt gekommen, um nach erhaltenen Vorbildern in der Umgebung Nürnbergs zu suchen, egal ob es sakrale oder profane Bauten sind. So weit möchte ich jetzt aber nicht gehen, sondern ich wollte einfach mal einen Überblick über die Giebel in Nürnberg zusammenstellen, der als Grundlage für eine weitergehende Arbeit über die Giebel dienen kann.

    Eine Lösung sollte sich aber finden lassen, insbesondere weil Josephsplatz 6 und Kaiserstr. 23 dieselben Befunde aufwiesen und somit Lorenzer Platz 3 nicht allein da stand.

  • Zweiter Rekonstruktionsversuch bei Karolinenstr. 12


    Im ersten Beitrag über Karolinenstr.12 stellte ich bei der Entzerrung einer Fotografie fest, dass der stark veränderte Giebel asymmetrisch war. Dies rührte nicht von einer Verbreiterung des Hauses her, sondern von einer einseitigen Aufstockung:


    Karolinenstr. 6 12 1913 Ausschnitt entzerrt
    Entzerrter Ausschnitt aus der Abbildung oben mit dem Giebel von Karolinenstr. 12.


    Ursprünglich wies das Haus gegen Westen (links) drei und gegen Osten vier Vollgeschosse auf. Dies verursachte bei gleichen Dachneigungen einen asymmetrischen Giebel (Frackdach). Folglich war das 3. Obergeschoss ursprünglich halb Vollgeschoss/halb Dachgeschoss. Daraus vermutete ich, dass auch das 3. Obergeschoss einst aus Sichtbacksteinen gemauert war:

    Karolinenstrasse 6 12 1913 Rekonstruktion
    Karolinenstr. 6 - 12 (von rechts). Einzeichnung der mutmasslich ursprünglichen Hausumrisse. Links die spätere Aufstockung, rechts möglicherweise ein einstiger Ehgraben. Man beachte unter der Giebellinie des 2. und 3. Dachgeschosses die schräg eingemauerten Backsteine.

    Im Giebelfeld ist bereits auch die Grundstruktur des Blendarkadengiebels eingezeichnet, die aus einer Planskizze resultierte.


    Diese Grundstruktur bestand wohl aus lauter gleichförmigen, stehenden Rechtecken, die mit je zwei Rücklagen gegliedert waren. Zwischen den Rücklagen bestand eine schmale Stütze, die ein Blendarkadenpaar trug. Nirgends waren Stützen erkennbar, die aus Konsolen herauswuchsen, sondern alle Stützen liefen bis auf die Basis des Rechtecks.

    An diesen schmalen Stützen scheiterte ich beim ersten Rekonstruktionsversuch, da ich noch keine Ahnung hatte, wie die Giebelstufen ausgesehen haben könnten. Höhenversetzte Giebelstufen waren es wohl kaum, weil dann die tieferliegenden Oberteile der Stufen seitlich an die schmalen Stützen gedrückt hätten. Optisch auch als statisch hätte das nicht gehalten (selbstverständlich hatte ich mir das mal so aufgezeichnet). Nicht-Höhenversetzte Stufen hätten dann Stufen ergeben, die eine ganze Geschosshöhe eingenommen hätten, was ich in Nürnberg noch nie beobachtet hatte. Somit zögerte ich noch beim ersten Rekonstruktionsversuch mit dieser Möglichkeit.

    Mangels weiterer Alternativen zeichnete ich diese Möglichkeit nun trotzdem mal auf:

    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2
    Karolinenstr. 12, zweiter Rekonstruktionsversuch mit nicht-höhenversetzten Stufen.

    So abwegig ist dieser Vorschlag nun doch nicht, auch wenn keine Vorbilder für geschosshohe Giebelstufen in Nürnberg bekannt sind. Der Giebel wirkt so sehr filigran, und man kann sich fragen, ob und wie lange dieser halten würde.

    Aufgrund von zwei schräg eingemauerten Backsteinen in der linken Giebelhälfte (siehe 2. Beitrag über das Haus) nehme ich an, dass die Giebelstufen durchbrochen waren. Da die Teilaufstockung aus dem 16./17. Jahrhundert an diese beiden Backsteine heranstiess, nehme ich an, dass sie wohl zum Kernbestand gehörten. Bei geschlossenen Giebelstufen hätten diese beiden Backsteine keinen Sinn gemacht. Sie sind auch ein Hinweis, dass die Giebellinien nicht durch feine Abtreppungen gebildet wurden, sondern geradlinig wie bei Theresienplatz 1 waren (vor der jüngst erfolgten Restaurierung des Giebels von Adlerstr. 14 waren die Giebellinien auch gerade. Erst seit dieser Restaurierung sind sie fein getreppt).

    Fenster sind mangels Befunden keine eingezeichnet, was auch für die Form der Giebelmännchen gilt. Weiter gilt es bei der Rekonstruktionsskizze zu beachten, dass der Giebel wohl zu schmal dargestellt ist, was einer ungenauen Entzerrung geschuldet ist. Für eine weitere Bearbeitung des Giebel würde es sich lohnen, diesen genauer zu entzerren und dann eine backsteingenaue Durchzeichnung vorzunehmen.


    Zum Abschluss von Karolinenstr. 12 folgt doch noch eine Variante mit höhenversetzten Stufen:

    Karolinenstrasse 12 Rekonstruktionsversuch 2a
    Karolinenstr. 12, zweiter Rekonstruktionsversuch mit höhenversetzten Giebelstufen.

    Die Filigranität ist jetzt ein bisschen entschärft und der Giebel 'auf nürnbergisch getrimmt' worden. Für beide Vorschläge sind keinerlei Anhaltspunkte vorhanden, sondern sie basieren lediglich auf konstruktiven Überlegungen und Analogien zu andern Blendarkadengiebeln. Sie dienen in erster Linie als Diskussionsgrundlage.

  • Die nächsten beiden mit Karolinenstr. 12 verwandten Giebel sind jene von Weinmarkt 2 und Kaiserstr. 25. Beide waren ebenfalls abgeschrotet worden, wiesen zudem nicht einmal mehr Giebelmännchen auf und waren in ein Netz mit sich wiederholenden Rechtecken mit Rücklagen unterteilt.

    Mit den sich wiederholenden Rechtecken und den Blendarkaden in 'Satteldächleinform' anstatt mit Spitzbögen sowie der breiteren Mittellisene ist die Verwandtschaft zu Karolinenstr. 12 gegeben. Der hauptsächlichste Unterschied ist aber die Abstützung der Blendarkaden auf Konsolen anstatt auf bis auf die Rechteckbasis hinablaufende Stützen. Und immerhin sind bei Weinmarkt 2 die Blendarkadenpaare entlang der Giebellinien noch vorhanden, während bei Karolinenstr. 12 darüber nichts bekannt ist.

    Sebalder-Pfarrhof-Boener-Ausschnitt.jpg
    Weinmarkt 2 nach J. A. Boener, 1700. Ausschnitt aus einem Stich vom Sebalder Pfarrhof.

    1700 gab es also noch Giebelmännchen, wobei über deren Detaillierung nichts erkennbar ist. Die Anzahl der Lisenen und Rücklagen unterscheidet sich sehr vom Bestand, aber immerhin hat er die mittlere Lisene wahrheitsgetreu breiter als die restlichen gezeichnet. Interessant sind die kleinen Felder oberhalb der Spitzbogenpaare entlang der Giebellinie, die heute infolge Abschrotung nicht mehr existieren. Ich möchte jetzt aber noch nichts hineininterpretieren, sondern diese Feststellungen einfach mal im Hinterkopf behalten, bevor ich die Blendarkadengiebel eingehender erforschen werde. Die Giebel mit ihrem filigranen Giebelschmuck waren zur Zeit Boeners bereits etwa zweieinhalb Jahrhunderte alt und bestanden damals möglicherweise auch nicht mehr alle im Ursprungszustand. Ich folgere daraus, dass die von Boener gezeichneten Giebel nicht eins zu eins als wahrheitsgetreue Darstellungen betrachtet werden dürfen. Sie können wohl aber interpretiert werden.

    Auch mit dem jetzt erweiterten Wissensstand habe ich noch keine konkrete Vorstellung von diesen 'kleinen Feldern oberhalb der Spitzbogenpaare entlang der Giebellinie'. Mittlerweile fand ich aber eine weitere historische Ansicht des Giebels:


    Theresienplatz 1 Weinmarkt 2 1827:28 Loeffelholz Bildindex tum984363
    Giebelstudien 1827/28 von Löffelholz von Colberg, Hans Carl. Oben links Theresienplatz 1, oben rechts Weinmarkt 2 (untere Skizzen aus andern Orten). Bildquelle: bildindex.de (Technische Universität München).

    Löffelholz zeichnete den Giebel von Theresienplatz 1 sehr genau, so wie er bis 1945 bestand. Bei Weinmarkt 2 betonte er jedoch die horizontalen Simsen, während in der Realität die Lisenen durchlaufen und die horizontalen Abschrägungen durch letztere unterbrochen werden. Wesentlich ist aber, dass der Giebel 1827/28 bereits abgeschrotet war und somit keine Rückschlüsse mehr auf das Aussehen des Giebelschmucks zur Zeit Böners 1700 preisgibt.

    Kaiserstr.-25-1910.jpg
    Kaiserstr. 25 vor dem Abbruch um 1910.

    Das Haus besass einen Giebel mit einer besonders regelmässigen Blendarkaden- und Lisenengliederung. Allerdings dürften auch hier die einstigen Giebelstufen abgeschrotet worden sein.
    [...]
    Die mittlere Lisene ist wieder breiter als die andern, und die Kanten aller Lisenen sind gefast. Die Blendarkaden sitzen auf abgetreppten Konsolen auf, die knapp über dem Scheitelpunkt der Rundbogenfenster aus der Wand wachsen.

    Auch bei Kaiserstr. 25 gibt es keine Anhaltspunkte mehr für Rückschlüsse auf das ursprüngliche Aussehen der Giebelstufen. Die Blendarkaden schlossen hier in Spitzbögen, und in den Randfeldern ab dem 2. Dachgeschoss stützen sie sich nicht auf Konsolen ab, sondern auf Stützen, die bis auf die Basis der Rücklagen hinab liefen. Die letzte Feststellung zeigt die Verwandtschaft zum Giebel von Karolinenstr. 12.

    Auf Rekonstruktionsversuche für die Giebel von Weinmarkt 2 und Karolinenstr. 25 verzichte ich noch mangels handfester Hinweise, bis ich eine historische Ansicht von Weinmarkt 12a genauer betrachtet habe.

  • Weinmarkt 12a auf den beiden Ansichten Böners


    Gemäss der Bayerischen Denkmalliste stammt das Haus im Kern nach 1341, aber es wurde mehrmals umgebaut. Aus den Angaben geht nicht hervor, auf wann sein heutiges Volumen zurückgeht, um den frühestmöglichen Zeitpunkt der Erstellung des Giebels zu erfahren.



    Weinmarkt Rotes Rösslein 1701 Boener 109x
    Ausschnitt aus der Ansicht Böners mit Weinmarkt 12a aus dem Zitat oben von Süden.

    Die Giebelmännchen sind hier mit einer undefinierbaren Form von rund ausgeschnittenen Platten verbunden. Wenn man aber die Giebelmännchen - sofern es sich hier überhaupt um solche handelte - betrachtet, erkennt man eher an die Giebelfront vorgesetzte, auskragende 'Kerzen', wie man sie vom Toplerhaus und andern Renaissancegiebeln her kennt. Beim linken Giebel waren nur die Giebelbasis und Giebelspitze mit gleichartigen 'Kerzen' betont. Die einfachere Ausführung beim sekundären Giebel mit weniger Schmuckgliedern ist oft zu beobachten. Die Schmuckglieder entsprechen sich aber im Allgemeinen, so wie auch hier unten eine auskragende 'Kerze' dargestellt ist. Solche Feinheiten in der Darstellung bekräftigen jeweils den Wahrheitsgehalt einer Abbildung, auch wenn die Anzahl von Architekturgliedern nicht mit der Realität übereinstimmt.

    Nun aber zurück zu den undefinierbaren, rund ausgeschnittenen Platten: Zuerst hatte ich die Hoffnung, ein Pendant zu Weinmarkt 2 gefunden zu haben, wo ebenfalls in einer Ansicht Böners entlang der Giebellinie so sonderbare kleine Felder bestanden, die möglicherweise durchbrochen waren. Da der Giebel von Weinmarkt 12a offenbar aber erst aus der Renaissance stammte, erübrigt sich ein weiterer Vergleich. Auch eine weitere Ansicht Böners, auf der Weinmarkt 12a noch knapp abgebildet ist, hilft nicht weiter:


    Albrecht Dürer Str 1 3 Boener 111 Ausschnitt
    Ausschnitt aus dem Stich mit dem Giebeln von Weinmarkt 12a (links angeschnitten)
    und Albrecht-Dürer-Str. 1 (Mitte) im Beitrag über Albrecht-Dürer-Str. 1.

    Die nach wie vor undefinierbaren, rund ausgeschnittenen Platten könnten ihre Pendants ebenfalls beim Toplerhaus haben. Auch dort bestanden zwischen den 'Kerzen' geschwungene Verbindungsstücke oberhalb der Giebellinien, die den entsprechenden Formen auf Weinmarkt 12a sehr glichen:


    Ak-Toplerhaus-I.jpg
    Das Toplerhaus von Osten. Ungelaufene Ansichtskarte um 1900/1910. Verlag Hermann Martin, Nürnberg.


    Fazit bei Weinmarkt 12a:

    Das Gebäude besitzt einen Kern aus dem 14. Jahrhundert. Die Entstehungszeit des heutigen Volumens ist jedoch unbekannt, sodass keine Aussage gemacht werden kann, ob hier je ein Blendarkadengiebel bestand. Möglicherweise entstand der Giebel samt Dachstuhl erst im 16. Jahrhundert oder er wurde damals mit Renaissanceformen umgestaltet. Nach einer Abschrotung des Giebelschmucks zwischen 1701 (Abbildung Böner) und den 1880er Jahren (Fotos ohne Giebelschmuck) verblieben nur noch die mit einem Stichbogen abgeschlossenen Rücklagen, ähnlich wie bei Winklerstr. 29, wo die Rücklagen aber von Kielbögen bekrönt waren.

  • Einige Neuentdeckungen:


    Kornmarkt Lorenzkirche um 1702 Böner
    'Der Kornmarkt', heute Königstrasse und Lorenzer Platz gegenüber der Front von St. Lorenz. Ansicht von J. A. Böner 1701. Bildquelle: https://www.bavarikon.de/object/bav:NSB-OBJ-00000BAV80012253.

    Links mündet die Brunnengasse ein und rechts die Karolinenstrasse. Heute steht hier ein einheitliches Geschäftshaus mit den Adressen Königstr. 26 / Karolinenstr. 1 (Drogeriemarkt Müller). Das Eckhaus rechts zur Karolinenstrasse wies einen Blendarkadengiebel auf, dessen Konturen in der Renaissance / Barock verändert wurden. Das Eckhaus links zur Brunnengasse wies einen dreifachen Renaissance-Giebel in Formen des Toplerhauses auf.


    Jakobsplatz Deutschordenshaus Weisser Turm Delsenbach
    Der Jakobsplatz gegen den Weissen Turm. Radierung von J. A. Delsenbach um 1720.

    Links ein Gebäude der 1806 aufgehobenen Deutschordenskommende, anschliessend der Vorgängerbau der Pfarrkirche Elisabeth. Rechts die Kirche St. Jakob. Anstelle der Deutschordenskommende wurde in den 1860er Jahren die Deutschhauskaserne errichtet (siehe am Schluss dieses Beitrags und Folgebeiträge). Heute ist hier das Polizeipräsidium Mittelfranken angesiedelt.

    Der Giebel der Trennwand zur Kirche Elisabeth wies regelmässige, nicht-höhenversetzte Stufen auf. Jede Giebelstufe war mit zwei Giebelmännchen bekrönt.


    Jakobsplatz Deutschordenshaus Weisser Turm Delsenbachx
    Ausschnitt aus dem Stich oben.

    Eine weitere Ansicht zeigt die Deutschordenskommende rund zwanzig Jahre später:


    Deutschordenskommende_Nürnberg_1746.jpg
    Deutschordenskommende 1746, Kupferstich von Zeichner und Seligmann. Bildherkunft: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Deu…rnberg_1746.jpg.

    Das Gebäude erfuhr in der Zwischenzeit offenbar einen Umbau, wobei die Fassade und insbesondere die Mittelpartie gar zu opulent dargestellt sind. Der Treppengiebel existierte aber unverändert weiter, wobei nicht ganz klar ersichtlich ist, ob die Giebelstufen auch schräge Partien aufwiesen. Die Unklarheit beruht auch auf der durch den Zeichner nicht ganz beherrschten Perspektive.


    Einen ganz besonderen Fund machte ich auf einer Seite des Stadtarchivs Nürnbergs, wo alle zwei Jahre über Neuerwerbungen berichtet wird: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/neu-im-stadtarchiv-2018-2020/

    Darunter befindet sich ein Aquarell mit dem Predigerkloster an der Burgstrasse. Am linken Bildrand ist zudem der Giebel von Burgstr. 8 dargestellt. Während das Predigerkloster mit blassen Farben koloriert ist, weist der Blendarkadengiebel ein prächtiges Farbkleid auf:


    Burgstrasse Predigerkloster u. Nr. 8 Böttinger 1840 Stadtarchiv
    Die Burgstrasse mit dem Predigerkloster und links angeschnitten dem Giebel von Nr. 8, 1840. Aquarell von Johann Georg Böttinger, Stadtarchiv Nürnberg. Quelle: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/neu-im-stadtarchiv-2018-2020/#s9.


    Burgstr. 8 1908 1840
    Links Burgstr. 8, Ausschnitt aus einer Fotografie von 1908 und rechts ein Ausschnitt aus dem Aquarell oben.

    Als erstes interessierte es mich, aus welcher Zeit denn diese Buntheit stammen könnte. War es ein Farbkonzept, das sich über Jahrhunderte hinweg erhalten konnte, oder war es das Resultat einer neugotischen Restaurierung vor 1840? Im ersten Beitrag über Burgstr. 8 vermutete ich ja aufgrund der Fiale an der Giebelspitze und der Dachgaubengestaltung bereits eine solche Restaurierung. Dennoch lohnt sich eine Beschäftigung mit dem Farbkonzept:

    Man erkennt rot gestrichene Lisenen und Simse. Dazwischen bestanden blaue Rücklagen in weiss gestrichenen Feldern. Dieses Konzept ginge aber in Wirklichkeit nicht auf, wenn man es auf die Fotografie zu projizieren versucht. Wenn man aber bedenkt, dass die Aquarellierung zügig vor sich gehen musste und der Giebel nur in Randlage abgebildet ist, sind die weissen Flächen wohl als zufällig ungefärbte Stellen übrig geblieben. Das Farbkonzept stelle ich mir daher mit rotgestrichenen Architekturgliedern und blaugestrichenen Rücklagen auf.

    Die Vorzeichnung ist übrigens sehr genau, wenn man die unregelmässig verteilten Fensteröffnungen vergleicht. Interessant ist nun das Feld am 1. Dachgeschoss mittig unter der Mittellisene, wo eine figürliche(?) Szene dargestellt ist. Auf dem Schwarz/Weiss-Foto würde man dort eine zugemauerte Aufzugsöffnung vermuten, die ihrerseits wegen der Lage just unter der Mittellisene wohl selber nicht ursprünglich gewesen wäre.

    Der Aspekt einer möglicherweise figürlichen Darstellung just unter der Mittellisene finde ich sehr bemerkenswert. Könnte dort eine Heiligendarstellung als Basis für die Mittellisene bestanden haben?

    Die Vorstellung eines rot und blau gemalten Treppengiebels mit einer zentralen Bilddarstellung und vergoldeten Kugelaufsätzen ist weder für das Spätmittelalter noch die Neugotik abwegig. Blau war bis in die frühe Neuzeit eine besondere Farbe, von der Symbolik als auch der Herstellung her. Bis ins Mittelalter war es zudem eine sehr teure Farbe und wurde zuweilen mit Gold abgewogen. Eine sehr lesenswerte Seite über die Farbe Blau: https://www.seilnacht.com/Lexikon/FBlau.htm

    Ein spezieller Auszug daraus (der aber mit dem Blau von Burgstr. 8 wohl nichts gemein hatte):

    Zitat von Seilnacht

    Zur Herstellung des Farbstoffes wurden die Blätter des Färberwaids in Kübeln mit menschlichem Urin vergärt. Durch die Zugabe von Alkohol wurde der Gärungsprozess verstärkt. Da Alkohol aber teuer war, tranken die Färber viel Alkohol, der dann im Urin angereichert war. Zum Färben der Stoffe wurden diese für mindestens zwölf Stunden in das Färbebad eingetaucht. Die blaue Farbe auf den Textilstücken ergab sich jedoch erst, wenn diese längere Zeit an die Luft gehängt wurden.

  • Dieses Farbkonzept - egal ob spätmittelalterlich oder neugotisch - ist es wert, an einem Giebel mal festgehalten zu werden. Natürlich wäre dazu der Giebel von Burgstr. 8 prädestiniert, aber mangels geeigneter Vorlage und um nicht noch mehr Zeit für zeichnerische Arbeiten aufwenden zu müssen, entschied ich mich für den verwandten Giebel von Füll 18 als Grundlage. Aus den diversen Vergleichen von Giebeln untereinander und dem Herausschälen von Gemeinsamkeiten ging hervor, dass die beiden Giebel verwandt waren.

    Ich habe deshalb den Versuch unternommen, das Farbkonzept des Giebels von Burgstr. 8 auf der Abbildung im vorangehenden Beitrag bei Füll 18 anzuwenden, ohne zu wissen, aus welcher Zeit dieses Farbkonzept stammte. War es eine Erfindung der Neugotik im 19. Jahrhundert, oder beruhte es auf Farbuntersuchungen, die bei einer Renovation des Giebels im 19. Jahrhundert vorgenommen wurden? Wenn man bedenkt, mit welch kräftigen Farben Architekten und Dekorationsmaler ihre klassizistischen Innenräume bereicherten, so ist das Farbkonzept mindestens für das 19. Jahrhundert nicht abwegig. Die bauhistorische Erforschung von mittelalterlichen und spätmittelalterlichen Gebäuden fördert zudem immer wieder unerwartet sehr bunte Fassadenbemalungen ans Tageslicht.

    Bei Füll 18 hätte es mich eh mal interessiert, wie die Fassade zuletzt in den 1940er Jahren noch ausgesehen hatte. 1910 war der Giebel noch vollständig mit einem schadhaften Verputz versehen:

    Füll 18 1910 Nürnbergs Bürgerhäuser entzerrt
    Entzerrter Giebel von Füll 18. Ausschnitt aus einer Fotografie von 1910 (Abb. in 'Nürnbergs Bürgerhäuser', S. 57).

    In der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts war es üblich, bei der Restaurierung von Blendarkadengiebeln die Architekturglieder backsteinsichtig zu belassen und die Rücklagen zu verputzen und hell zu streichen (Beispiel Tucherstr. 8). Dieses Bild ist man sich auch von der norddeutschen Backsteingotik gewohnt.

    Leider habe ich in der Literatur oder im Netz noch nie eine bauhistorische Untersuchung über einen Blendarkadengiebel im Raum Nürnberg gefunden, aus dem auch Befunde zu Verputzen und Farben ersichtlich sind. Ich hoffe, dass bei der letzten Restaurierung von Adlerstr. 14 solche gemacht werden konnten. Jedenfalls wäre die Oberflächenbehandlung ein eigenes Thema wert. Diesbezüglich muss ich beim Farbkonzept von Burgstr. 8 noch anfügen, dass nicht bekannt ist, ob das Kalkfarben oder deckende Farben gewesen waren, was auf das Erscheinungsbild einen grossen Einfluss hat.


    Füll 18 Rekonstruktion c farbig blau
    Rekonstruierter Treppengiebel von Füll 18 mit dem Farbkonzept des Giebels von Burgstr. 8 in der Abbildung Böttingers von 1840.


    Füll 18 Rekonstruktion c farbig beige
    Rekonstruierter Treppengiebel von Füll 18 mit dem in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts üblichen Farbkonzept mit Sichtbackstein und hell gestrichenen Rücklagen.

  • F. T. Schulz, von dem das Foto ja stammt, schreibt zum Giebel Burgstraße 8: "Von Heideloff in bräunlichem Farbton verputzt, um die frühere Farbgebung wieder herzustellen."

    Deine Zeichnung von 1840 zeigt also bereits das Werk Heideloffs. Wie "eigenwillig" der war, wissen wir ja alle. Und was er an Resten ggf. vorgefunden hat, muß offen bleiben, bis man vielleicht Aufzeichnungen von ihm hierzu findet. Mir ist da aber nichts bekannt.

    In den MVGN 1987, 129 gibt es einen interessanten Artikel von Mende über die beiden Reliefs an dem Haus, wobei auch ein wenig auf die Hausgeschichte an sich eingegangen wird. Der Giebel soll aus dem Mitte des 14. Jahrhunderts sein, genau wie der Tucherstraße 8. Der des Rathauses ist von 1340.

    Zeichnung von 1836:
    MVGN-1987-129.jpg

    Wieder freigelegter Giebel 1939:

    MVGN-1987-129-II.jpg

  • Diese beiden Bilder sind sehr interessant, denn sie geben sehr viel her über die Restaurierungsmassnahmen Heideloffs. Vielen Dank vor allem auch für das hochaufgelöste Einstellen.

    Anhand des Ausschnitts aus der Zeichnung von Seeberger von 1836 wird mir sofort klar, dass ich mich mit dem Vorschlag von tiefblauen Rücklagen völlig auf dem Holzweg befunden habe. Es scheint, dass alle Rücklagen mit Bildszenen versehen waren und die Lisenen- und Blendarkadengliederung als Rahmung fungierten. Es ist möglich, dass Heideloff letztere in einem Rotbraun streichen liess, wenn Schulz schreibt "Von Heideloff in bräunlichem Farbton verputzt, um die frühere Farbgebung wieder herzustellen". Mit solchen Bildszenen kann ich mir das rot-weiss-blaue Erscheinungsbild von Burgstr. 8 auf der Zeichnung von Böttinger von 1840 erklären.

    Zur Fotografie mit der freigelegten Backsteingliederung gäbe es sehr viel zu schreiben, da viele Stellen Unregelmässigkeiten aufwiesen, und man erkennt auch sehr leicht, was durch Heideloff ergänzt und angesetzt wurde. Da stimmte einiges nicht... Es lohnt sich, das Backsteinmuster auf der hochaufgelösten Ansicht mit den Augen mal abzufahren und zu studieren.