Nürnberg - Gotische Blendarkadengiebel in der Altstadt

  • Beim Hotel Deutscher Kaiser wurde aber vor einigen Jahren die Galeriebrüstung links rekonstruiert, ebenso auch die Balkonbrüstung darunter. Insofern kann man schon die Hoffnung haben, dass hier mal der Giebel rekonstruiert wird. Wir haben darüber im APH schon ausführlich darüber diskutiert: Nürnberg - Galerie. Und hier der Wikipediaartikel.

    Ab 1889 wurde dann durch einen massiven Umbau (Neubau?) das Hotel Deutscher Kaiser daraus:

    Das ist eindeutig ein Neubau von 1888/89. Das Erdgeschoss selbst ist schon viel höher als das alte. Der spätgotische Erker und die Hausmadonnafigur wurden aber vom Vorgängerbau übernommen. Dieser Vorgängerbau musste aber schon vor dem ersten Bild vor 1860 eine Neugotisierung über sich ergehen lassen, wenn man das Hausportal, die Fenstersturzbekrönungen am Erdgeschoss und die drei Dachgauben betrachtet.

    Die nackte Blendarkadengiebelgestaltung würde ich in den Übergang von den gotischen Blendarkadengiebeln zu den Renaissancegiebeln einordnen. Die horizontalen Bogenreihen überspielen die Vertikale der Lisenen, wie man sie bei späteren Bauten dann sieht (z. B. Viatishaus).

    Und dann die neugotische Umgestaltung zwischen 1860 und 1880... einfach x-beliebige Motive, die mit Nürnberg nichts gemein haben. Dass das Blendmasswerk am Giebel verputzt ist anstatt aus Sandstein, lasse ich für Nürnberg aber gerade noch gelten.

    Die historistischen Giebel möchte ich hier aber nicht bearbeiten, aber selbstverständlich gehören sie auch an den Schluss einer Arbeit über Giebel. An Paniersplatz / Tetzelgasse habe ich gerade einen historistischen Brandmauergiebelstumpf entdeckt, der wohl Burgstr. 8 als Vorbild gehabt hatte. Eine Abbildung dazu folgt im nächsten Beitrag.

  • Auf der weiter oben gezeigten Flugaufnahme des Egidienplatzes um 1940 im Marburger Bildindex sieht man oben am rechten Bildrand den historistischen Brandmauertreppengiebel des alten Scharrer-Gymnasiums von 1896 (Webersplatz 17/19, Seite Tetzelgasse), der wohl den Giebel von Burgstr. 8 als Vorbild gehabt hatte:


    Egidienplatz-Flugaufnahme-fm930485-Ausschnitt-Gymnasium.jpg
    Ausschnitt aus einer Flugaufnahme mit dem Egidienplatz. Quelle: bildindex.de fm930485a

    Das mögliche Vorbild Burgstr. 8:


    Burgstra-e-8-Giebel-1908-N-rnbergs-B-rgerh-user-u-i-A-Seite-145-Abb-207.jpg

    Heute ist auch dieser Giebel abgeschrotet und kaum mehr wahrnehmbar: Google maps.


    Obstmarkt 24


    Auf einer Flugaufnahme des nördlichen Obstmarkts ist im Vordergrund auch ein Blendarkadengiebel an Obstmarkt 24 auszumachen (der Giebel von Nr. 28, den man auf der ganzen Aufnahme sieht, ist gründerzeitlichen Ursprungs):

    nordlicher-Obstmarkt-Flugaufnahme-Bildindex-fm930514a-Ausschnitt-Obstmarkt-24.jpg
    Ausschnitt aus einer Flugaufnahme mit dem Obstmarkt. Quelle: bildindex.de fm930514a.


    Und nochmals auf der Flugaufnahme des Egidienplatzes kann man links vom Peststadel weitere Blendarkaden- und Treppengiebel mit Giebelmännchen entdecken:


    Tetzelgasse 37 und 45


    Egidienplatz-Flugaufnahme-fm930485-Ausschnitt-Tetzelgasse.jpg
    Ausschnitt aus einer Flugaufnahme mit dem Egidienplatz. Am rechten Bildrand mit mächtigem Halbwalm der Peststadel. Quelle: bildindex.de fm930485a.

    Links erkennt man einen nicht mehr freistehenden Brandmauergiebel mit Giebelmännchen (Tetzelgasse 37). Das Dach scheint ursprünglich steiler gewesen zu sein. Vier Häuser weiter oben erkennt man einen weiteren Blendarkadengiebel als Haustrennwand (Tetzelgasse 45).

    Auf derselben Aufnahme (ganzes Bild) sieht man hinter dem Pellerhaus eine Brandmauer mit zwei Reihen zu drei Blendbogen (oder Mauernischen). Diese Wand hatten wir kürzlich im APH besprochen. Es handelt sich um die Rückwand eines Nebengebäudes unter einem Pultdach der Liegenschaft Tetzelgasse 32. Die Blendbogen dienten hier wohl einzig der Materialeinsparung.


    Schulgässchen 3


    Unter Materialeinsparung sehe ich auch solche Blendarkaden, die ab und zu an Brandmauergiebeln zu sehen sind:

    Ak-Schulgasschen-1-3.jpg
    Die 'Sebaldusklause', Schulgässchen 1, im Hintergrund die Brandmauer von Nr. 3, um 1930/40.
    Ungelaufene Ansichtskarte, Stoja-Verlag, Nürnberg.


    Ak-Schulgasschen-1-3-Ausschnitt.jpg
    Ausschnitt aus der Ansicht oben.

  • Theresienplatz 8


    Im Nachgang zu Königstr. 55 möchte ich Theresienplatz 8, das Klett'sche Haus vorstellen:


    Theresienplatz-8-Klette-Haus-Cdv-1879.jpg
    Theresienplatz 8, 'Klett'sches Haus'. Carte de Visite, 1879.

    Es war ein Gebäude mit mindestens spätmittelalterlichem Kern, dem C. A. Heideloff 1823 ein neugotisches Kleid überstülpte. Die Fassade besass zwar keine Blendarkaden, dafür aber ein Blendmasswerk und durchbrochene Giebelstufen. Interessant ist das Masswerkfries zwischen beiden Dachgeschossen mit überkreuzten Spitzbogen, das in ähnlicher Form bei Füll 18 schon zu sehen ist. Über das Gebäude Theresienplatz 8 und Heideloff hatte ich im Strang Nürnberg - Spezielle historische Ansichten einen Beitrag geschrieben.


    Die Gesamtheit all dieser Giebel - egal ob spätmittelalterlich, Renaissance oder Gründerzeit - hatten dann zu Ende des 19. Jahrhunderts eine Ausstrahlung über ganz Deutschland. Fast in jeder deutschen Grossstadt gab es einen 'Nürnberger Hof', 'Nürnberger Keller' oder eine Wohnanlage im Nürnberger Stil. Stellvertretend dafür ist das Brauereilokal Behrensstr. 23 in Berlin, dem wir hier schon begegnet sind. Die Fassade vereint Neugotik, Renaissance vom Toplerhausgiebel und die beiden seitlichen Dacherker zu einem sofort als nürnbergisch erkennbaren Gebäude, was man von Theresienplatz 8 nicht sagen kann.


    Berlin-Behrensstr.-23-Arts--Culture.jpg
    Berlin, Behrensstr. 23. Quelle: Google Arts & Culture. Public Domain.

  • Theresienstr. 4


    Diesen Brandmauertreppengiebel möchte ich doch noch in einer Vergrösserung betrachten:

    Theresienstraße 4 hatte auch einen recht interessanten Giebel, der zwar später nicht weg war, aber durch die Rathauserweiterung kaum mehr zu sehen war:

    Theresienstra-e-4-2-vor-1884.jpg


    Theresienstr.-2-6-vor-1884-Ausschnitt.jpg
    Ausschnitt aus der Ansicht oben.

    Es ist schwierig zu sagen, ob dieser Giebel einst frei stand oder nicht. Gerade im vorletzten Beitrag sieht man zwei gleiche Situationen mit Brandmauergiebeln, die mit Giebelmännchen und Blendarkaden geschmückt waren. In die Giebelstufen von Theresienstr. 4 sind spitzbogige Nischen eingetieft, in denen innerhalb des Spitzbogens zwei kleinere Spitzbogen sitzen, ähnlich wieder wie bei Füll 18. Auf den Stufen sitzen Giebelmännchenstümpfe. Die andere Giebelwand gegen Nr. 6 zeigt Ansätze von Giebelstufen oder Fialen/Giebelmännchen.

  • Bemerkenswert, vor allem auch wegen dieser Ecksäule. 1511 erbaut, also nach der Mauthalle, und diese zähle ich schon nicht mehr ganz zu den Blendarkadengiebeln. Aber es ist noch speziell, dass die unteren Blendarkaden nicht mehr unmittelbar unter der Giebellinie liegen, sondern mitten in der Wand. Ob Hans Behaim ein spezieller Architekt und Baumeister war, kann ich nicht sagen. Jedenfalls fällt mir auf, dass er immer irgendein speziell gestaltetes Bauteil eingefügt hatte.


    Nun ist mein Fundus an Blendarkadengiebeln am Ende angelangt, aber es werden sicher noch mehr solcher Giebel oder Reste davon entdeckt werden, sei es auf Flugaufnahmen oder auch auf historischen Zeichnungen und Stichen. In der Reihe von Böner ist mir noch eine Abbildung aufgefallen: 'Die gulden Ganns' an der Winklerstr. 15. Im Zeitalter der Fotografie war es allerdings bereits ein viergeschossiges Traufenhaus mit barockem Chörlein etwa in Fassadenmitte.


    Goldene-Gans-1701-Boener-97.jpg
    'Die gulden Ganns', 1701. Stich von J. A. Böner. Quelle: https://online-service.nuernberg.de/viewer/fullscreen/06113056/97/.

    Zur Zeit von Böners Darstellungen waren die Blendarkadengiebel bereits etwa 250 Jahre alt. Wenn man bedenkt, dass die Giebelabschlüsse oft kleine, filigrane Backsteinkunstwerke waren, muss man davon ausgehen, dass damals schon einige erneuert oder verändert waren. Für die Forschung sind diese Giebeldarstellungen aber dennoch interessant, weil sie bestimmt ältere Zustände aufweisen als die ältesten Fotos und weil sie Giebel noch vor frühen, undokumentierten Rekonstruktionen zeigen.

    Der Giebel der 'goldenen Gans' bestand hauptsächlich aus Lisenen, die ohne Unterbrechung in Giebelmännchen ausliefen. Untereinander waren die Lisenen mit schräggestellten oder der Giebellinie folgenden 'Bälkchen' verbunden. An der Giebelspitze thronte ein Giebelmännchen mit einer Nische oder Öffnung, jedenfalls keine Fiale. Ob dieser Giebel einst mehr Zierrat aufwies, kann so ohne tiefergehende Forschungen nicht gesagt werden. Jedenfalls erinnert er sehr an den Giebel von Untere Krämersgasse 4.

  • Hier folgt das Bild von der Winklerstrasse, das mir Frederic herausgesucht hat. Es hält den Zustand fest, bei dem 1875 die fünf Häuser rechts für das neue Gerichtsgebäude abgerissen wurden. Das sich im Abbruch befindliche Haus hatte die Nr. 19, rechts folgte mit bereits herausgebrochenem Erker (ob dieser andernorts wohl wiederverwendet wurde?) die Nr. 21, und bis zum Bildrand die Nr. 27. Rechts würde das Gebäude Karlstr. 29 folgen, das damas stehen blieb und in diesem Beitrag zu sehen ist, wo ich bereits etwas zum Gerichtsgebäude und zum ganzen Geviert schrieb.


    Winklerstra-e-15-Augustinerstra-e-1-Winklerstra-e-21-23-25-1875-Im-Wandel-Seite-49-Abb-37.jpg
    Winklerstrasse mit Blick gegen Süden 1875, während des Abbruchs von Karlstr. 19-27 für den Neubau des Gerichtsgebäudes.

    Das sich im Abbruch befindliche Gebäude und das Eckhaus in Bildmitte waren beides Eckhäuser zur damals noch sehr schmalen Augustinerstrasse (im Stich von Böner rechts zu sehen). Letzteres hatte die Nr. 17. Somit ist das Nachbarhaus links die Nr. 15, die 'Goldene Gans', das Gebäude, das Böner noch mit dem Lisenengiebel dargestellt hatte, 1875 aber ein zusätzliches 3. Obergeschoss unter einem Traufdach besass. Das schmale Haus links davon, Nr. 13 mit dem überhohen 3. Obergeschoss, ist das einzige aller auf der Fotografie sichtbaren Gebäude, das heute noch existiert!

    Anstelle des Gerichtsgebäudes steht hier jetzt das Parkhaus Hauptmarkt: Gleicher Blick heute bei Google maps.

  • Was die harsche Kritik eines uns wohlbekannten Forumsteilnehmers am heutigen Nürnberger Stadtbild wegen "unerträglich banalem Wiederaufbau" für mich umso fragwürdiger macht. Ein Großteil der Vorkriegshäuser hatte rein optisch auch nicht viel mehr zu bieten. Aber besagter Forumsteilnehmer sprach ja davon, dass diese eben etwas "Erlesenes" hatten. Näher ausgeführt hat er diese abstrakte Bewertung aber nicht, wahrscheinlich weil er dann auf den (unzweifelhaft weitaus größeren) historischen Wert ausweichen müsste, was aber wiederum eine ganz andere Kategorie ist.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

    Einmal editiert, zuletzt von Königsbau (21. Mai 2024 um 20:07)




  • Theresienstr.-2-6-vor-1884-Ausschnitt.jpg


    Diese und ähnliche Dächer mit ihren verzogenen Balken und zusammengestoppelten Gauben und Zwerchhäusern hätten die 60er und 70er Jahre nie und nimmer überlebt. Vermutlich würden selbst heute in solchen Fällen unerfreuliche Kompromisse erfolgen (müssen).

    Ein guter Teil der Altstadt hätte die Jahrzehnte bis etwa 1980 vermutlich auch ohne die Zerstörungen des Krieges nicht oder nicht im originalen Zustand überstanden. Abgesehen davon wird zum Beispiel in Landshut ja noch bis in unsere Zeit recht munter abgerissen.

  • Bemerkenswert finde ich an den Nürnberger Steinhäusern, daß offenbar viele schon lange vor dem 20. Jhdt so glatte Fassaden hatten (abgesehen von den Chörlein).

    Und ebenfalls bemerkenswert ist das Fehlen von Fensterläden! Auf den Ansichten Böners und Delsenbachs (beide erstes Viertel 18. Jh.) sieht man höchst selten Fensterläden. Als historische Beispiele kommen mir nur das Grolandhaus und das 'Goldene Haus' an der Pegnitz in den Sinn, wobei letzteres bereits im Fotozeitalter keine Läden mehr besas. Eine Erklärung dafür habe ich nicht.

  • Ist jedenfalls eine stadttypische Gestaltung, wenn sich das so lange hielt. Glatte Steinfassade (rötlich?), keine Fensterläden, evt. Blendarkadengiebel, evt 1 (1!) Chörlein. Keine Balkons, dafür recht vielgestaltige Dachgauben.

    Die Fachwerkhäuser und die Häuser mit den dekorierten Fassaden (ursprüngliches Pellerhaus!!) würde ich als 2 weitere Typen ansehen.

  • Der weitere Weg zur Erforschung der Blendarkadengiebel


    Die bisher gesammelte Übersicht über die Blendarkadengiebel und Abwandlungen von ihnen sollte nun vertieft werden, sei es
    - durch die Suche weiterer und besserer Aufnahmen
    - Ergänzung mit Aufnahmen aus verschiedenen Blickrichtungen
    - und die Suche nach allfälligen Plänen.

    Vielleicht wurden sogar die wenigen noch erhaltenen Giebel in den letzten Jahren auch bauarchäologisch untersucht, was interessante Informationen über die Backsteinformate, Mauerstärken und Oberflächenbehandlungen hergeben könnte. Vor allem aber empfehle ich das systematische Durchzeichnen der Giebel, und zwar von Hand und nicht mittels Computer. Das Handzeichnen gibt einem vielmehr das Gefühl für die Formen und den geometrischen Aufbau ihrer Gliederung. Zudem kann man sich so die unterschiedlichen Giebel viel besser einprägen. Bei den Halbwalmdächern im Fachwerkstrang verfuhr ich ebenso.

    Weiter sollten auch Abbildungen von Giebeln an Kirchen und öffentlichen Gebäuden bereitgestellt werden, denn oft sind Architekturmoden von solchen Bauten ausgegangen. Darauf habe ich hier noch verzichtet, aber ich hatte sie mir dennoch angeschaut. Allerdings bin ich zu keinen nennenswerten Ergebnissen gekommen, da es sich meistens um Masswerkgiebel handelt, mit Ausnahme jenes am Alten Rathaus von 1332/40 und an der Moritzkapelle (1313 Ersterwähnung).


    447px-Nürnberger_Rathaus_Süd-Ost_Ecke.jpg
    Ostgiebel des Alten Rathauses von 1332/40.
    Quelle: commons.wikimedia.org, by Isabelleguyot. Bild gemeinfrei unter Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA-3.0.

    Erst so hat man eine Grundlage für die weitere Erforschung. Natürlich macht man sich bereits während des Sammelns Überlegungen zu Verwandtschaften einiger Giebel untereinander und Rekonstruktion verstümmelter Giebel. Andernfalls hätte ich nicht schon baugeschichtliche Bemerkungen in dieser Erstübersicht einweben können. Allein das weitere Sammeln von Abbildungen und das Aufzeichnen der Giebel benötigt viel Zeit, die ich hier nicht aufwenden kann. Dennoch möchte ich aber einzelne Beobachtungen und Rekonstruktionsversuche hier nach und nach vorstellen.

    Im ersten Beitrag dieses Stranges machte ich einen Hinweis auf eine bereits getätigte Analyse des Giebels von Theresienplatz 1. Dieser Giebel schien mir damals prädestiniert für eine genauere Betrachtung, da er bis zu seinem Untergang sehr authentisch wirkte, also ohne fehlende Teile oder neugotische Zutaten. Zudem zeigte er Lisenen und Blendarkaden innerhalb der Giebelstufen und zwischen den Lisenen, also ziemlich das ganze Spektrum an architektonischen Gliederungselementen. Verwandtschaften zu diesem Giebel sind ebenfalls leicht ersichtlich, allen voran zu jenem von Adlerstr. 14.


    Ak Theresienplatz 1902
    Theresienplatz 1 und 3 an der Westseite des Platzes. 1902 gelaufene Ansichtskarte, Hermann Martin, Kunstverlag, Nürnberg 1899.

    Ich zitiere hier aus dem Strang 'Nürnberg - Spezielle historische Ansichten', wo ich das Haus zum ersten Mal vorstellte und eine unkommentierte Grafik zum Blendarkadengiebel anhing:

    Das Haus mit dem Blendarkadengiebel hatte die Adresse Theresienplatz 1. Zu ihm gehörte auch der Dacherker mit vorspringendem Walmdächlein aus dem 16. /17. Jahrhundert. Dieser war wohl jünger als die Giebelwand selbst, da er deren Fuss abschnitt.
    [...]
    Möglicherweise bestand ursprünglich zwischen den beiden Giebelfassaden ein offener Hofraum (Ehgraben), der später dann als Erweiterung von Nr. 1 überbaut wurde. Ebenso wurde Theresienplatz 1 nachträglich um ein 3. Obergeschoss aufgestockt, was der Kontur des Giebels sehr abträglich war.

    Zum Vergleich nochmals das Bild von Adlerstr. 14 vor der Renovation:

    adlerstrasse 14 14.09.2009 3020x
    Blendarkadengiebel an Adlerstr. 14 im Jahr 2009. Zwischenzeitlich restauriert und erdrot / weiss gestrichen, Abb. s. hier.

    Beiden Giebeln ist gemeinsam, dass sie abgesetzte Giebelstufen mit je einem Blendarkadenpaar besitzen. Blendarkadenpaare gibt es auch als horizontale Aneinanderreihung. Über der Giebellinie sind die Arkaden durchbrochen, sodass die Dachkontur am Giebel sichtbar bleibt. Wenn man bei Theresienplatz 1 genau schaut, bemerkt man, dass das Dach links über die Giebelstufen hinausragte, was einer früheren Aufstockung geschuldet war. Rechts sind die Arkaden durch eine Dacherhöhung (im Zusammenhang mit dem Bau des Dacherkers?) ebenfalls teilweise zugemauert worden. Bei Adlerstr. 14 stehen die durchbrochenen Giebelstufen und die Dachflächen in einem Einklang, sodass der 'Durchbruch' immer dieselbe Form zeigt.

    Ein Unterschied besteht aber in der Tiefe der Ebenen: Bei Adlerstr. 14 sind die Lisenen bündig mit der Fassade der Vollgeschosse und nur die Rücklagen zurückgesetzt. Bei Theresienplatz 1 sprangen die Lisenen gegenüber der Obergeschosse zurück und die Rücklagen nochmals.

    Nach demselben Muster waren wohl auch die Giebel von Weinmarkt 2, am Rückgebäude von Albrecht-Dürer-Platz 4a und jenem von Karlstr. 11 aufgebaut, nur das dort die Giebelstufen nicht mehr vorhanden waren.

  • Ak Theresienplatz 1 3 1909 Ausschnitt
    Theresienplatz 1. Ausschnitt aus der Ansichtskarte im vorangehenden Beitrag.

    Giebel-Theresienplatz-1.jpg Analyse des Giebels von Theresienplatz 1.

    Als erstes zeichnete ich hier die Giebellinie (rot) ein. Sie markiert in etwa auch die Dachoberfläche. Aus Gründen des Wasserabflusses überragte die Giebellinie die Dachziegeloberfläche etwa um 15 cm. Die Bestimmung der Giebellinie ist wichtig für die Anordnung der Giebelstufen (orange), da diese die Giebellinie nicht unterschreiten durften. Die Giebellinie bestimmt auch das Massverhältnis der Breite und Höhe der Stufen.

    Die Giebelstufen (orange) waren an ihrer Oberkante abgesetzt. Wahrscheinlich erhöhte dies die Wirkung der Giebelmännchen.

    Mit gleichmässigen Abständen waren über die ganze Giebelbreite Lisenen (hellblau) verteilt. Die Lisenen liefen oberhalb der Stufengiebel in 'Giebelmännchen' aus (die ihrerseits ursprünglich vergoldete Kugeln getragen haben könnten). Die mittlere Lisene war breiter als die andern Lisenen und trug ein steiles Pyramidendächlein mit Kugel oben drauf.

    Zwischen den Lisenen waren Blendarkadenpaare (grün) angeordnet; unterhalb der abgesetzten Oberkante der Giebelstufen in versetzter Höhe, und innerhalb der Giebelwand in gleicher Höhe. Diese Feststellung ist wichtig für die späteren Rekonstruktionsversuche an andern Giebeln. Die Blendarkadenpaare stützen sich in der Mitte auf schlankere Lisenen ab, die entweder auf der nächst unteren Abschrägung aufsassen oder im Bereich von Fensteröffnungen auf abgetreppten Konsolen herauswuchsen.

    Und natürlich bestätigt die Ausnahme die Regel: Die dünnen Lisenen unterhalb der zweiten Giebelstufen von unten könnten bis zur Abschrägung am Giebelfuss weiterlaufen, anstatt erst aus einer Konsole herauszuwachsen. Dies wurde möglicherweise aus Harmoniegründen mit den Konsolen über den vier Fensteröffnungen so gewählt. Die Lisenen unterhalb der dritten Giebelstufen laufen hingegen bis zur nächst unteren Abschrägung weiter, obwohl sich dazwischen zwei Blendarkadenpaare auf Konsolen abstützen. Für diese unterschiedliche Behandlung habe ich keine Erklärung.

    Diese vier Gliederungselemente (Giebellinie, Giebelstufen, Lisenen, Blendarkaden) können nun an jedem Giebel beobachtet und beschrieben werden. So werden verwandte Giebel ausfindig gemacht. Vielleicht lässt sich auch eine Systematik im Zusammenspiel dieser Gliederungselemente herausfinden, was eine grosse Hilfe für die Rekonstruktion der abgeschroteten Giebel sein könnte.


    Derselbe Beschrieb könnte nun auch bei Adlerstr. 14 getätigt werden:

    adlerstrasse 14 14.09.2009 3020x
    Blendarkadengiebel an Adlerstr. 14 im Jahr 2009. Zwischenzeitlich restauriert und erdrot / weiss gestrichen, Abb. s. hier.

    Auf einen Beschrieb verzichte ich hier aber und möchte nur die Unterschiede zu Theresienplatz 1 festhalten. Die vorderfläche der Lisenen fluchtet mit der Fassade der Obergeschosse, während sie bei Theresienplatz 1 zurückstanden. Das Höhenmass des Versatzes der Oberkante der Giebelstufen ist hier viel grösser und beträgt fast die Hälfte der Stufenhöhe. An den Giebelstufenenden sitzen nur kleine Podeste, welche wohl die Reste einstiger Giebelmännchen sind. Die schmalen Lisenen wachsen durchwegs aus Konsolen heraus, auch wenn sich in den entsprechenden Rücklagen keine Fenster befinden. Eine Konsole ist als Doppelkonsole mit einer Nische dazwischen ausgebildet. Hier kragte früher wahrscheinlich ein Balken für den Warenaufzug aus.

    Und trotzdem sind beide Giebel in ihrer Wirkung sehr ähnlich! Die Versuchung ist gross, diese Erkenntnisse bereits jetzt für die Rekonstruktion der Giebelkonturen von Weinmarkt 2, vom Rückgebäude von Albrecht-Dürer-Platz 4a und auch von Karlstr. 11 anzuwenden. Allerdings wäre das jetzt noch verfrüht, aber trotzdem liegen ein paar Bleistiftskizzen auf meinem Pult...

  • Nun reizt es mich, mich mal an eine versuchsweise Rekonstruktion des Giebels von Karolinenstr. 12 zu wagen, auch wenn noch wenig über die Details solcher Giebel bekannt ist. Doch vorher interessiert mich ein Detail, das mir bei Adlerstr. 14 aufgefallen ist. Es handelt sich um die Ausbildung der Giebellinien, also den oberen Abschluss der Rücklagen im Bereich der Giebelstufen. Die Giebellinien müssen wegen des Wasserabflusses ein bisschen über den Dachziegelflächen liegen, schätzungsweise etwa 15 cm.

    Oben bei der letzten Aufnahme des Giebels von Adlerstr. 14 sieht man eine recht wacklige Giebellinie durch die durchbrochenen Giebelstufen hindurch. Nach der Restaurierung wurden diese Linien begradigt und bei der Kontur die Backsteinabtreppungen 'herausgeschält'. In der Nürnberger Fachliteratur wird hier von 'Treppengiebel' gesprochen, auch wenn keine Giebelstufen ausgebildet sind. Der Begriff ist deshalb missverständlich. Mit 'Treppen' sind hier die kleinen Stufen der einzelnen Backsteine gemeint.


    Adlerstr.-14-20.jpg
    Adlerstr. 14, 16 und 18/20 (von rechts) im Jahr 2020 (Bildherkunft unbekannt). Die Giebellinie zeigt nun wieder eien feien Abtreppung.

    Auf historischen Fotos sieht man aber immer wieder solche Giebel- und Haustrennwände, deren Oberkanten fein gezahnt sind. Am Hans-Sachs-Platz gab es einige Bauten mit solchen Abschlüssen:


    ak-hanssachsplatz1932.jpg
    Hans-Sachs-Platz gegen Nordosten. Von links her: Nr. 23, 25, 12 und 10 (Doppelhaus). 1932 gelaufene Ansichtskarte aus dem Verlag Ludwig Riffelmacher, Fürth. Sammlung Riegel.


    Ak Hans Sachs Platz 1932 Ausschnitt 25   Ak Hans Sachs Platz 1932 Ausschnitt 12
    Ausschnitte mit den Dächern von Nr. 12 und 25.

    Auch die vor wenigen Jahren restaurierte Fassade Obere Schmiedgasse 52/54 zeigt seitdem wieder einen solchen feingliedrigen Treppenabschluss:


    400px-Nürnberg%2C_Obere_Schmiedgasse_56%2C_54-20160304-002.jpg
    Obere Schmiedgasse 52/54. Vergrösserung.
    Quelle: commons.wikimedia.org, by Tilman2007. Bild gemeinfrei unter Creative-Commons-Lizenz CC-BY-SA-4.0.

    Wahrscheinlich war diese Ausbildung der Giebeloberkanten mit 'Backsteintreppchen' über Jahrhunderte hinweg geläufig. Auch hier würden mich Befunde aus bauarchäologischen Untersuchungen interessieren, da ich diese Ausführungsart nicht als besonders langlebig betrachte.

    Die Ausführung der Giebellinien bei Karolinenstr. 12 werde ich gleich zu Beginn beobachten, auch wenn der Giebel viele Veränderungen über sich ergehen lassen musste.

  • Zweiter Rekonstruktionsversuch bei Karolinenstr. 12


    Das Haus stellte ich bereits in diesem Beitrag vor, wo ich den Giebel als stark ramponiert bezeichnete. Zudem war er asymmetrisch, aber zwei schräggestellte Backsteine verrieten die ursprünglich symmetrische Gestalt des Giebels. Die Ausführung des rechten Dachfusses ist auf den Fotos unklar. Dort vermute ich als Ursache einen ehemaligen Ehgraben zum Nachbarhaus Nr. 10 hin, dessen Fläche dann zu Nr. 12 gezogen und die Fassade nach rechts verbreitert wurde.

    Doch nun zur Verbreiterung des Giebels nach links:

    Karolinenstrasse nach Osten
    Die Karolinenstrasse nach Osten um 1930/40. Links Karolinenstr. 12 an der Ecke zum Hörmannsgässchen.

    Auf Fotos der Karolinenstrasse Richtung St. Lorenz sieht man das Haus oft links am Bildrand halb verdeckt. Auf einer Aufnahme bemerkte ich aber, dass die Trauffassade bei der linken Hälfte ein Geschoss niedriger war als bei der rechten.

    Ich vermute, dass dieser Giebel respektive das ganze Haus irgendwann gegen Westen (Richtung ehem. Hörmannsgässchen) erweitert worden ist.

    Wahrscheinlicher ist es demnach, dass wohl die Traufseite in der südlichen Hälfte aufgestockt und das Dach angehoben wurden, wobei die Firsthöhe keine Änderung erfuhr (Frackdach). Links verblieb die ursprünglich steilere Dachfläche. Es handelte sich bei der Teilaufstockung um die Fachwerkpartie, von der ich anfänglich vermutete, dass das sicher nach 1500 erstellte K-Fachwerk vielleicht ein älteres, aus der Zeit der Blendarkadengiebel stammendes Fachwerk ersetzt haben muss. Die Frage war dabei, wie ein Fachwerk von nach 1500 mit einem Giebel aus dem 15. Jahrhundert existieren konnte. Bei der weiteren Betrachtung stellte ich dann aber die Asymmetrie des Giebels fest und vermutete eine Hausverbreiterung in Richtung des Hörmannsgässchens.

    Nun scheint mir aber klar zu sein, was mit dem Haus wohl alles passierte: Im 14./15. Jahrhundert entstand das dreigeschossige, gemauerte Haus mit einem Blendarkadengiebel. Gegen das Nachbarhaus Nr. 10 im Osten stand es frei, war von diesem durch einen Ehgraben getrennt und besass dort vier Geschosse, war also asymmetrisch. Später wurde dieser Ehgraben überbaut und durch die Verbreiterung der Fassade der Fuss des Giebels abgeändert. Im 16./17. Jahrhundert erfolgte gegen Westen eine Teilaufstockung, wodurch das Haus auch hier viergeschossig wurde. Der ursprünglich schon asymmetrische Giebel (links über drei und rechts über vier Vollgeschossen) erhielt dadurch zwar Fusspunkte auf gleicher Höhe, behielt aber eine Asymmetrie infolge der nun unterschiedlichen Dachneigungen. Wahrscheinlich reichte die Sichtbacksteinfassade damals bis zum 1. Dachgeschoss, das nun zum 3. Obergeschoss wurde, hinunter. Anlässlich der Teilaufstockung ware dann dieser Bereich infolge des Einbaus grösserer Fenster verputzt worden.


    Karolinenstrasse 6 12 1913 Rekonstruktion
    Karolinenstr. 6 - 12 (von rechts). Einzeichnung der mutmasslich ursprünglichen Hausumrisse. Links die spätere Aufstockung, rechts möglicherweise ein einstiger Ehgraben. Man beachte unter der Giebellinie des 2. und 3. Dachgeschosses die schräg eingemauerten Backsteine.

    Im Giebelfeld ist bereits auch die Grundstruktur des Blendarkadengiebels eingezeichnet, die aus einer Planskizze resultierte. Die Skizze ist einfach mal der Versuch einer Rekonstruktion beziehungsweise ein Herantasten. Eigentlich ist bis jetzt noch zu wenig Wissen über die Giebel bekannt, als dass man bereits jetzt schon Rekonstruktionsskizzen anfertigen darf. Solche Versuche können aber andere Erkenntnisse an den Tag bringen, an die man noch gar nicht denkt. Die erste Skizze (direktes Einzeichnen in die entzerrte Fotografie aus dem Erstbeitrag über das Haus) diente für die Nachprüfung der vermuteten ursprünglichen Dachschräge.


    Karolinenstr. 6 12 1913 Ausschnitt entzerrt
    Entzerrter Ausschnitt aus der Abbildung oben mit dem Giebel von Karolinenstr. 12. Die Entzerrung ist noch leicht schief und erst für die Durchzeichnung begradigt worden.

    Auf dieser Grundlage erfolgte dann mittels Durchzeichnen die nächste Skizze:


    Karolinenstrasse 6 12 1913 Durchzeichnung
    Durchzeichnung und Ergänzung der Grundstruktur des Blendarkadengiebels. Einzeichnung der ursprünglichen Dachschräge links mit den schräg eingemauerten Backsteinen, und gestrichelt die jüngere Dachschräge bis 1943/45. Ursprünglich vier Dachgeschosse, nach der Aufstockung aber 3. Obergeschoss und drei Dachgeschosse.

    Sofort wird klar, dass die Grundstruktur auf einem einfachen geometrischen System beruhte. Die drei Dachgeschosse waren auf einem Feld von mehreren Rechtecken aufgebaut, in deren Diagonalen die Dachschräge exakt hineinpasste. Einzelne Blendarkaden, die früher grösseren Fenstern weichen mussten, sind hier ergänzt. Weiter wurde dann versucht, aufgrund der horizontalen Gliederung die Giebelstufen zu rekonstruieren. Leider gibt es aber keinerlei Anhaltspunkte dazu, sodass ich auf ein Weiterzeichnen verzichtete. Insbesondere ist nicht bekannt,
    - ob alle Giebelstufen gleich hoch waren
    - ob diese an der Oberkante abgesetzt waren (wie bei Adlerstr. 14)
    - ob sie unabhängig von der Höhe der horizontal aneinander gereihten Blendarkaden angeordnet waren (wie bei Theresienplatz 1)
    - oder ob sie zwei unterschiedliche Höhenmasse aufwiesen (wie bei Burgstr. 8).
    Man könnte jetzt alle drei Varianten aufzeichnen und schauen, wie weit man kommt. Einige Ansätze könnte man vielleicht auch ausschliessen. Doch mit wissenschaftlicher Rekonstruktion hätte das nicht mehr viel zu tun. Solche Skizzen mache ich einerseits aus Zeitvertreib, und andererseits haben sie trotzdem das Potential für weitere, ungeahnte Ideen.

    Mich interessiert jetzt aber noch, wie das 3. Obergeschoss an der Fassade gestaltet war, das ja ursprünglich das 1. Dachgeschoss war. War es aus Sandstein oder verputzten Backsteinen? Oder umfasste die Blendarkadengestaltung ursprünglich auch diese Geschoss? Ich vermute Letzteres, denn die seit Anbeginn an asymmetrische Fassade würde wohl eigenartig aussehen, wenn die Sandstein- oder verputzten Partien in den Dachbereich reichen würden (so wie es im drittletzten Bild mit der Eintragung des mutmasslich ursprünglichen Hausumrisses erahnbar ist). Deshalb ist in der Skizze auch dieses Geschoss mit einer Feldeinteilung versehen worden.

    Nun noch eine Bemerkung zu den beiden schräg eingemauerten Backsteinen:

    Im letzten Beitrag interessierte mich die Ausbildung der Giebellinien. Diese konnten entweder gerade oder mit einem feinen Treppengiebelmuster - herrührend von den einzelnen, versetzten Backsteinen - abschliessen. Die beiden schräg eingemauerten Backsteine in der linken Giebelhälfte zeigen die erste Variante an.

  • Mit meinem vorschnellen Rekonstruktionsversuch bin ich an den Giebelstufen gescheitert. Die erste Frage ist nun:

    Hatte der Giebel von Karolinenstr. 12 wirklich Stufen? Was wäre die Alternative?

    Ich werfe deshalb nochmals einen Blick auf die Blendarkadengiebel, von denen ich angab, dass sie abgeschrotet waren, und hinterfrage diese Behauptungen:

    Rückgebäude von Albrecht-Dürer-Platz 4a

    Albrecht-D-rer-Platz-4a-Giebel-1904-II.jpg

    Man sieht hier deutlich, wie filigran und verletzlich die Blendarkadengiebel an ihrer Oberseite waren. Die Giebellinien waren mit Blech oder Dachziegeln abgedeckt, aber trotzdem konnte Wasser eindringen, vor allem in den Spickeln zwischen Lisenen und Giebeloberkante sowie wegen der nicht funktionierenden Tropfkante der Abdeckungen. Auch wenn bei der späteren Restaurierung die Vasen durch Giebelmännchen ersetzt und das Backsteinmauerwerk der Blendarkaden freigelegt wurden, änderte dies an den Mängeln nichts.

    Ebenso gab es ein Nebeneinander von geschlossenen Rücklagen und solchen, die oben offen waren. Auch wenn man sich den wohl nachträglich gemauerten 'Mittelpfeiler' weg denkt und mit einer geschlossenen Arkadenreihe vorstellt, wirkte die Gliederung mit offenen und geschlossenen Rücklagen immer noch unvollständig.

    Interessant ist auch die Beobachtung des schadhaften Verputzes und dessen Rissbildungen. Man erkennt nirgends Spuren, die eindeutig auf eine entfernte Gliederung hinweisen. Zwischen der zweiten und dritten Lisene von rechts könnte ein Rechteck ausgemacht werden, das auf gleicher Höhe liegt wie die Konsole links davon, aber nicht exakt in der Mitte der beiden Lisenen. In der Rücklage links darüber erkennt man Flickstellen und vertikale Risse. In der zweiten Rücklage von links gibt es zuoberst in der Mitte ebenfalls eine rechteckige Spur, die aber höher liegt als die Konsole rechts davon.

    Fazit: Es gibt keine eindeutigen Spuren von einer früher aufwändigeren Gliederung. Dennoch möchte ich das Geschriebene in einer Skizze festhalten:

    Albrecht Dürer Platz 4a 1904 Durchzeichnung
    Hinterhaus Albrecht-Dürer-Platz 4a, Rekonstruktion der Mittelpartie und Eintragung einiger Beobachtungen im Bereich der Giebellinien.


    Weinmarkt 2

    Ak-Sebalder-Pfarrhof-vor-1945x.jpg
    Weinmarkt 2 vor 1945. Ausschnitt aus einer Ansichtskarte mit dem Sebalder Pfarrhof. Stoja-Verlag.

    Hier waren die Giebellinien geschlossen, wenn auch bei einigen Arkadenbögen nur mit einer hauchdünnen Ziegelschicht. Jedenfalls durchstiessen die Giebellinien keine Arkadenbögen, sodass man durch die Arkadengliederung nicht hindurchsah wie bei Adlerstr. 14. Dass um 1700 mindestens Giebelmännchen existierten, geht aus der Ansicht Böners hervor. Über den Arkadenbogen entlang der Giebellinie bestanden noch weitere Öffnungen oder Rücklagen, die durch ein die Giebelmännchen verbindendes Element entstanden. Eine Deutung ist mir noch unklar.

    Sebalder-Pfarrhof-Boener-Ausschnitt.jpg
    Weinmarkt 2 nach J. A. Boener, 1702. Ausschnitt aus einem Stich vom Sebalder Pfarrhof.

    Die Giebel mit ihrem filigranen Giebelschmuck waren zur Zeit Boeners bereits etwa zweieinhalb Jahrhunderte alt und bestanden damals möglicherweise auch nicht mehr alle im Ursprungszustand.


    Obstgasse 2, Seite Hauptmarkt

    Ak-Hauptmarkt-1936-1904-Ausschnitte.jpg
    Links Ausschnitt au einer 1938 gelaufenen Ansichtskarte aus dem Verlag P. Janke, Nürnberg. Rechts Ausschnitt aus einer 1904(?) gelaufenen Ansichtskarte aus dem Kunstverlag H. Martin, Nürnberg.

    Dieser Giebel entsprach mit seiner Lisenengliederung am ehesten Albrecht-Dürer-Platz 4a, nur dass hier mit Ausnahme an der Giebelspitze keine Blendarkaden vorhanden waren. Er ist das Resultat einer Restaurierung um 1900, als die etwas verunklärende Giebelkontur aus der Renaissance/Barock rückgängig gemacht wurde. Gemäss Ansichten aus dem 17. Jahrhundert waren aber Giebelmännchen mit sie bekrönenden Kugeln vorhanden. Auch dort sind zuoberst drei Giebelstufen zu sehen, sogar mit den durchbrochenen Blendarkaden. Ob diese einen Rückschluss auf einen ehemaligen Stufengiebel zulassen, bleibe dahin gestellt.


    Füll 18

    Full-1911.jpg
    Die Füll gegen Osten um 1900 (die Aufnahme ist im Katalog des Stadtarchivs fälschlicherweise seitenverkehrt abgebildet; hier ist sie richtig wiedergegeben).

    Anhand der abgeschroteten Aufsicht sieht man, wie grazil diese Giebel waren. Ich schätze, dass die Ziegel im Bereich der Rücklagen nur als Läufer (ca. 15 cm) vermauert waren und bei den Lisenen und Blendarkaden als Binder (ca. 30 cm).

    Zu Füll 18 gibt es noch eine wunderbare Frontalaufnahme des Giebels.

    F-ll-18-1910-N-rnbergs-B-rgerh-user-Seite-57.jpg

    Wie bei Albrecht-Dürer-Platz 4a waren die Rücklagen im Giebellinienbereich oben nicht abgeschlossen. Auch die beiden 'Masswerkfriese' hatten seitlich keine Abschlüsse, was den Giebel unfertig erscheinen lässt. Spuren, nach denen man auf entfernte Gliederungselemente oder gar Giebelstufen schliessen könnte, sieht man keine. Bemerkenswert ist aber die sorgfältig ausgeführte, feine Treppengliederung der Giebellinien.


    Karolinenstr. 12

    Karolinenstrasse-nach-Westen-um-1920-Ausschnitt.jpg
    Ausschnitt aus einer Fotografie der Karolinenstrasse gegen Westen.

    Auch hier nochmals die Seitenansicht des Giebels von Karolinenstr. 12, bei der auf das gleich dünne Mauerwerk mit einer Ziegelbreite bei den Rücklagen und einer Ziegellänge bei den Lisenen geschlossen werden kann. Das Firstgiebelmännchen mass in der Tiefe drei Ziegelbreiten.


    Tetzelgasse 37 und 45

    Egidienplatz-Flugaufnahme-fm930485-Ausschnitt-Tetzelgasse.jpg
    Ausschnitt aus einer Flugaufnahme mit dem Egidienplatz. Quelle: bildindex.de fm930485a.

    Links erkennt man einen nicht mehr freistehenden Brandmauergiebel mit Giebelmännchen (Tetzelgasse 37). Das Dach scheint ursprünglich steiler gewesen zu sein.

    Unterhalb des Treppengiebels mit Giebelmännchen erkennt man einen Absatz auf Höhe des ursprünglich wohl steileren Daches. Dies belegt, dass die Giebelabschlüsse unterhalb der Dachflächen (entspricht den Giebellinien) also dicker gemauert sein konnten als wie bei den letzten beiden Beispielen beschrieben.


    Eine eindeutige Antwort, ob all diese abgeschroteten Giebel einst Giebelstufen aufwiesen oder nicht, kann ich nicht geben. Denkbar wären auch gerade Abschlüsse (wie bei Talgasse 3, Rathausgasse, Mauthalle und Theresienstr. 10), sodass die Giebeloberkanten mindestens die Dicke einer Ziegellänge gehabt hätten und alle Rücklagen auch oben abgeschlossen gewesen wären. Doch ob auch die Giebel dieser vier Beispiele dem Urzustand entsprachen, ist nicht erwiesen, aber nicht von der Hand zu weisen.

  • Nun werde ich mir die einzelnen Giebelstufen genauer anschauen, denn auch bei ihnen kann man eine Systematik herauslesen. Insgesamt weisen fünfzehn der in diesem Strang erwähnten Giebel Giebelstufen auf. Ich muss mich jetzt aber mindestens für die nächsten beiden Tage ausklinken, bevor ich Zeit finde, die Giebelstufen aufzuzeichnen.

    Neben mir liegt eine Skizze auf der Rückseite eines Briefumschlags, denn jemand, der sich mit Architektur auch beruflich beschäftigt, kritzelt jedes erdenkliche Zettelchen voll. Während des Betrachtens der diversen Giebelstufen stellt man bereits Verwandtschaften mit einzelnen Giebeln fest und zeichnet die Gedanken automatisch auf. Dabei verwirft man mal eine Sizze wieder (wie bei Karolinenstr. 12) oder macht bei erfolgreichem Start weiter und zeichnet immer weiter und weiter... Aus diesem Grund stelle ich die Skizze ohne Angabe des Giebelstandorts und Giebelstufenstandorts ein, mit der Zusatzbemerkung, dass einige Striche bereits zuviel sind. Denn eine Rekonstruktionsskizze benötigt unbedingt Erläuterungen und Herleitungen, was ich erst nach der Beschäftigung mit den Giebelstufen machen werde. Findet jemand die Kombination?


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