München - Die Kirchen (Galerie)

  • Heimdall  Leonhard

    Es ist halt eklektisch-byzantinoid, und zutiefst historistisch, deshalb höchst exakt in der Ausführung. Die Decke im Chor, mit den Heiligen vor dem Sternenhimmel, finde ich am gelungensten; das Altarbild ist zuviel Gewimmel zu kleiner Figuren, ich meine, da gehörten auch ein paar größere rein. Die gemusterten Decken in den Seitenschiffen lasse ich mir auch gelten; aber die Abfolge Altarbild - Decke im Chor - Vierung (auch etwas zuviel Gewimmel) - Decke im Langhaus (nur Sternenhimmel) finde ich kompositionsschwach, wie überhaupt die ganze Innendekoration auf mich recht additiv aus Teilen zusammengesetzt wirkt, und diese Teile mE zuwenig aufeinander Bezug nehmen. Es hat mir an vielen Stellen zuviel Reihung und zuwenig Rhythmus, aber das ist vielleicht eine Geschmacksfrage. - Die rohen Backsteinwände finde ich übrigens passender als Zwischenstücke als die Titanweiß gestrichenen, zum einen wegen der weniger grellen Farbe, zum anderen, weil sie ein lebendiges Farbspiel aufweisen, wodurch die Fläche belebt wird, wie man auf den Bildern sehr schön sieht.

  • Wir kehren ins Lehel zurück.

    St. Lukas (evangelisch-lutherisch)

    Mariannenplatz 3
    Erbaut 1893-96
    Typus: überkuppelter Zentralbau mit umlaufenden Emporen


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    Baugeschichte:

    - 1882 Bewilligung eines Kirchenneubaus am Mariannenplatz vonseiten der Stadt für die wachsende protestantische Gemeinde in München; in den darauffolgenden Jahren Verzögerungen aufgrund von Finanzierungsproblemen, verschiedener Planungsideen (von August Thiersch und Friedrich Löwel) und Überlegungen bzgl. alternativer Standorte
    - 1889 erster Entwurf des von der Pfarrgemeinde beauftragten Architekten Albert Schmidt zu einer fünfschiffigen frühgotischen Basilika mit stadtseitiger Zweiturmfront und mächtigem Vierungsturm, der jedoch als zu aufwendig und für den protestantischen Kultus ungeeignet befunden wird; der letztendlich von Albert Schmidt realisierte Entwurf orientierte sich dann vor allem an der 1891-94 vom damals führenden protestantischen Kirchenbaumeister Johannes Otzen erbauten Ringkirche in Wiesbaden
    - 1893 Grundsteinlegung
    - 1895 äußerliche Fertigstellung
    - 1896 Einweihung
    - im 2. Weltkrieg nur geringe Schäden: Beschädigung der Dacheindeckung und Verlust der Fensterverglasungen samt der Glasgemälde von Franz Xaver Zettler und Christian Burckhardt
    - 1946 Ersatz der Glasgemälde durch Neuanfertigungen nach Entwürfen von Hermann Kaspar
    - 1952-63 Außeninstandsetzung: Neueindeckung der Dächer mit Kupfer anstatt wie bisher mit Schiefer, Erneuerung der Kupfereindeckung der Kuppel
    - bis 1966 Innenrenovierung, 1969/70 Zumauerung der Biforienfenster zur Vorhalle
    - 1988-92 Kupferverkleidung der Steinhelme der beiden Osttürme
    - 2000-10 Instandsetzung der Fassaden
    - ab Mai 2024 große Innenrenovierung bis voraussichtlich 2026


    St. Lukas ist die erste evangelische Kirche, die ich in dieser Galerie vorstelle; sie war aber nicht die erste evangelische Kirche Münchens, sondern die dritte. Die erste war die Matthäuskirche in der Sonnenstraße (erbaut 1827-33), die zweite die Markuskirche an der Gabelsbergerstraße (erbaut 1874-77).
    An dieser Stelle ist es angebracht, kurz auf die Entwicklung des Protestantismus in München einzugehen. Wie in meinem geschichtlichen Überblick zu Anfang dieser Galerie bereits dargelegt, war München bis zum Ende des 18. Jhs eine rein katholische Stadt: erst mit der Ankunft des pfälzischen Wittelsbachers Max IV. Joseph, der selbst zwar katholisch, seine Gemahlin Karoline von Baden aber evangelisch war, kamen 1799 die ersten Protestanten nach München. Nachfolgend eine kurze Chronik des evangelischen Lebens in München bis 1900:

    - Im 16. Jh gab es auch in Bayern Anhänger der Lehre Luthers, vor allem in Adelskreisen, die sich dadurch größere Unabhängigkeit und persönliche Vorteile erhofften; die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und sein Nachfolger Albrecht V. hielten aber strikt am Katholizismus fest. Bereits 1549 berief Wilhelm IV. die Jesuiten an die Universität von Ingolstadt, 1559 holte sie Albrecht V. nach München; beide machten so aus Bayern ein Bollwerk der Gegenreformation nördlich der Alpen. Albrecht V. ließ 1564 schließlich die Wortführer der protestantischen Adelspartei festnehmen und 1571 alle Lutheraner des Landes verweisen.
    - Am 2. Juni 1799 fand in Schloss Nymphenburg der erste evangelische Gottesdienst Münchens für Karoline von Baden, der Gemahlin des neuen bayerischen Kurfürsten Max IV. Joseph, und 150 Personen ihres Hofstaats statt. Ab Palmsonntag 1800 wurde der evangelische Gottesdienst regelmäßig in der Hofkapelle der Münchner Residenz abgehalten.
    - 1800 erließ Max IV. Joseph eine Verordnung, die auch Nicht-Katholiken die dauerhafte Ansiedlung in Bayern gestattete.
    - 1801 erlangte der Mannheimer Weinwirt und Kaufmann Johann Balthasar Michel - gegen anfängliche Widerstände - als erster Protestant in München das Bürgerrecht.
    - 1803 und 1809 wurden die sogenannten bayerischen Religionsedikte erlassen, die die Freiheit der Religionsausübung und die gleichen bürgerlichen Rechte für alle christlichen Konfessionen festschrieben; niemand durfte von nun an aufgrund seiner Konfession bevorzugt oder benachteiligt werden.
    - 1803 gab es in München bereits ca. 800 Protestanten bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 40000 Einwohnern.
    - 1806 Errichtung der „Protestantischen Stadtpfarrei München“ als staatliche Behörde.
    - 1818 Erlassung das Protestantenedikts: der katholische König von Bayern wurde zum obersten Bischof der „Protestantischen Gesamtgemeinde“ Bayerns bestimmt.
    - 1826 gab es in München 6000 protestantische Gemeindemitglieder und 2 Pfarrer bei einer Gesamtbevölkerung von ca. 65000 Einwohnern.
    - 1827-33 wurde die erste öffentliche evangelische Kirche in München gebaut, die Matthäuskirche in der Sonnenstraße.
    - 1874-77 wurde mit der Markuskirche an der Gabelsbergerstraße die zweite evangelische Kirche Münchens gebaut.
    - 1880 lebten in München ca. 28500 Protestanten (bei einer Gesamtbevölkerung von 230.000), 1890 stieg die Zahl auf 48000 mit 7 evangelischen Pfarrern (Gesamtbevölkerung 349.000) und 1900 auf 70000 (Gesamtbevölkerung ca. 500.000).


    Die Lukaskirche war also die dritte evangelische Kirche in München und sollte nach dem Willen der Stadtmagistratur am dafür vorgesehenen Mariannenplatz im Rahmen der dort bereits bestehenden herrschaftlichen Zinshausbebauung möglichst würdig und monumental ausfallen. Dies führte letztendlich zur nach Osten zur Isar hin ausgerichteten, städtebaulich effektvollen Zweiturmfassade mit Kuppel. Die Bayer. Denkmaltopographie hierzu:

    Erstmals mit der Lukaskirche (und nur wirklich mit ihr) erreicht Münchens protestantischer Kirchenbau durch städtebaulich wirkungsvolle Situierung und weiträumige Ausstrahlung, Monumentalität des Baukörpers mit dem anspruchsvollen Kuppelmotiv sowie durch den aufwendigen, reich differenzierten Formenapparat, der die staufische Kaiserzeit beschwört, einen Höhepunkt repräsentativer Selbstdarstellung in bewusstem Wettbewerb mit dem bis dahin allein dominierenden katholischen Sakralbau - die Dreiergruppe von Kuppel und Türmen ist durchaus mit der Theatinerkirche zu vergleichen.“

    Die vom Architekten Albert Schmidt gewählte Stilform war die des Übergangstils zwischen Romanik und Gotik, wie sie etwa die Marienkirche im hessischen Gelnhausen darstellt, sowie der zeitgenössischen historistischen Rezeption desselben, wie sie u.a. von Johannes Otzen mit der Ringkirche in Wiesbaden und der Heilig-Kreuz-Kirche in Berlin realisiert worden war. Auch die Zentralbauform war durch diese beiden historistischen Vorbilder inspiriert, aber auch durch den etwas beengten Bauplatz vorgegeben. Ein weiteres Vorbild war die von Schmidt selbst 1884-87 gebaute Synagoge am Lenbachplatz, vor allem in ihrer Verbindung von Blankziegelflächen mit Natursteingliederungen am Außenbau.
    Der Innenraum wird neben der umlaufenden Empore durch einen starken, zur Kuppel hin gerichteten Vertikalismus geprägt, der durch die vertikale Steigerung der tragenden Bögen entsteht: „Die machtvolle Steigerung von den Flachbögen, auf denen die den Raum umschließenden Emporen ruhen, über die steileren Spitzbögen der Emporenarkaden und -fenster bis zu den aus kräftigen Bündelpfeilern herauswachsenden, reich profilierten Arkaden, welche die Kuppel tragen, bestimmt den betonten Vertikalismus der Raumkonzeption, für die im Übrigen der Gegensatz von verputzten Wand- und Gewölbeflächen und Natursteinstrukturen charakteristisch ist (Vierungspfeiler aus Pappenheimer Dolomit, Rundstützen aus Abbacher Sandstein).“ (Bayer. Denkmaltopographie)

    Die Lukaskirche kam mit recht leichten Beschädigungen durch den 2. Weltkrieg und überstand auch die Purifizierungswellen der 1960er und -70er Jahre unbeschadet; es sind nahezu alle Ausstattungsgegenstände original erhalten. Von daher ist sie eine der am besten erhaltenen historistischen Kirchen Münchens und ein heute seltenes historistisches Gesamtkunstwerk.
    Umso besorgter musste man vor ein paar Jahren sein, als bekannt wurde, dass die Lukaskirche im Zuge einer Innenrenovierung umgestaltet und modernisiert werden sollte. Die im Rahmen eines Wettbewerbs 2017 erdachten, teilweise gravierend in den Raum eingreifenden Maßnahmen wie u.a. das Aufhängen von Akustiksegeln in der Vierung wurden auch auf direkte Anfrage weder bestätigt noch dementiert. In der Zwischenzeit scheint man von allzu gravierenden Eingriffen aber wieder abgerückt zu sein, möchte den Kirchenraum aber weiterhin für moderne Gottesdienstformen und sonstige Veranstaltungen anpassen. Der Leitsatz hierfür ist die Feststellung „Wir haben eine große Kirche und keinen Platz!“. Die Lukaskirche war als typische Predigtkirche des 19. Jhs konzipiert worden und bekam deshalb neben der großen Kanzel vor allem viele Sitzplätze in Form von hölzernen Sitzbänken: sie bietet bis zu 1500 Personen Platz. Die Sitzbänke stehen dabei auch unter den Emporen und reichen bis direkt vor den Altarraum. Nun möchte man die Sitzbänke unter den Emporen abbauen und einlagern und den so entstandenen Platz für Empfänge und alternative, dynamischere Gottesdienstformen verwenden, bei denen die Gemeinde nicht mehr nur still sitzenbleibt, sondern aktiver am Gottesdienst teilnimmt. Unter einigen Fensterlaibungen sollen Einbauten mit Cateringstationen für den Kirchenkaffee oder den Obdachlosen-Brunch entstehen, die zudem auch noch Stühle und Tische aufnehmen können. Links und rechts vom Altar sollen zwei kleine Kapellen entstehen, die mit einem mobilen Altar und Taufbecken bestückt werden können, um dort Taufen oder andere kleine Gottesdienstformen durchzuführen. Außerdem soll ein neues Lichtkonzept mit LED’s erarbeitet werden. Schließlich sollen außen an die Kirche zwei Anbauten mit vom Innenraum aus barrierefrei zugänglichen Toiletten errichtet werden: innen gibt es dafür keinen Platz. Diese Anbauten sollen sich aber unauffällig in die Fassaden einfügen.
    Daneben sollen aber auch einige Dinge originalgetreu wiederhergestellt werden: die in den 1969/70 zugemauerten Biforienfenster zur Vorhalle sollen wieder geöffnet, einige Fenster wieder farblich gefasst, einige Holzdecken unter den Emporen wieder freigelegt und vor allem die bedeutende Steinmeyer-Orgel grundlegend saniert werden. Daneben wird der gesamte Innenraum samt Technik renoviert.
    Die seit Mai 2024 laufende Renovierung und Gestaltung des „Zukunftsraums St. Lukas“ soll ca. zwei Jahre dauern und 14 Mio € kosten.
    Weiterführende Informationen sind hier, hier und hier zu finden.

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

    Einmal editiert, zuletzt von Leonhard (31. Mai 2024 um 21:07)

  • St. Lukas ist in eine größtenteils sehr attraktive gründerzeitliche Umgebung eingebettet.

    Situation an der Steinsdorfstraße:

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    Thierschstraße:

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    Vor allem aber ist der Anblick von der Isar sehr charakteristisch:

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    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Nun zum Inneren.

    Eingangsportal in der Vorhalle:

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    Der imposante Kirchenraum:

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    Der mit seinen schräg gestellten Seitentürmen und dem Mittelgiebel der Ostfassade nachempfundene Altar:

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    Die Kanzel:

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    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Zeitlich ginge gewissermaßen noch die erste Kirche St. Johannes / Haidhausen vor, die laut Wikipedia-Artikel ab 1889 in Betrieb war. Allerdings als "Notkirche", eventuell eine Art Baracke. Ob es da Fotos gibt!?


    St. Lukas kommt einem auf den Fotos schon sehr grau und kalt vor. Ich hätte auch keine Idee, wie man den Innenraum für eine klein gewordene Gemeinde umgestalten könnte, ohne erheblich in die Substanz einzugreifen.


    St. Lukas, Innenraum, 2005:

    IMAGO.

  • Ich weiß es nicht, aber es könnten schon Feuchtigkeitsschäden sein. Die Kirche wurde vor 60 Jahren das letzte Mal innen renoviert, von daher sind solche Putzschäden wahrscheinlich ganz normal.

    St. Lukas kommt einem auf den Fotos schon sehr grau und kalt vor. Ich hätte auch keine Idee, wie man den Innenraum für eine klein gewordene Gemeinde umgestalten könnte, ohne erheblich in die Substanz einzugreifen.

    Mei, die Kirche ist halt so... sie ist ein Zeitdokument des ausgehenden 19. Jhs und der Hochblüte des ernsten, auf die Predigt konzentrierten protestantischen Gottesdienstes. Wenn sie wieder frisch gestrichen ist, wird sie sicher auch wieder etwas gepflegter aussehen, aber einen freundlichen Eindruck sollte sie wahrscheinlich nie machen, sondern einen ehrwürdigen und erhabenen. Diese Strenge ist uns heute fremd geworden bzw. sind wir Katholiken aufgrund unseres farbenfrohen Barocks eh schon lange nicht mehr gewöhnt. Trotzdem finde ich die Lukaskirche beeindruckend, sie vermittelt eine spezielle Atmosphäre, die heute selten geworden ist.
    Dass sie für eine immer kleiner werdende Gemeinde zu übermächtig und fast einschüchternd wirkt, ist sicher ein Problem, aber ich hoffe trotzdem, dass man an ihr festhalten und vielleicht das von ihr mitnehmen wird, was sie sehr gut vernitteln kann: die Demut vor Gott.
    Darüber hinaus eignet sie sich sehr gut für Orgelkonzerte, für die der große Raum ein würdigen Rahmen bietet.

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus