Artikel zu "Moderne" und "Bauhaus"

  • Es geht halt wie immer ums Selbstmarketing. Steve Jobs gilt auch als Genie, obwohl er nicht nur etwas eigenartige Umgangsformen mit seinen Angestellten pflegte, sondern letztlich nichts richtiges konnte, erst recht nicht programmieren, und jede Menge Fehlentscheidungen traf.

    Aber er war durchsetzungsfähig und hatte ein Gespür, wann er falsch lag - dann übernahm er einfach Ideen und Projekte von anderen und tat so, als sei es seine eigene Idee (ja, ich habe die autorisierte Biografie und vieles mehr gelesen).

    Ich denke, Gropius ist da ganz ähnlich.

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Sezessionsstil und Brutalismus würde ich mal nicht in diese Reihe stecken. Der eine ist dem Jugendstil zuzurechnen, der andere ist ein deutlich später auftretendes Phänomen.

    Womöglich aber hat die Verdichtung dieser frühen modernistischen Strömungen unter dem Label "Bauhaus" etwas damit zu tun, dass Menschen Begriffe brauchen, um fast gleichzeitig auftretende Phänomene erfassen zu können. Zum Anderen mag gerade die politische Aufladung des Bauhauses ("hollanda" nannte in diesem Zusammenhang Hannes Meyer), die keinesfalls nur von außen, sondern auch von innen heraus erfolgte, und die daraus entstehende Geschichte dazu geführt haben, dass sich der Mythos "Bauhaus" mit Hilfe einer spezifischen Opfergeschichte besonders gut zur moralischen Überhöhung modernistischen Bauens geeignet hat.

    An dieser Mystifizierung ist aber nicht die AfD schuld, die heute den Mythos kritischer Betrachtung unterzieht und sich von ihm distanziert, sondern die Schar derjenigen, die den Mythos "Bauhaus" in den letzten Jahrzehnten gepflegt haben. So verdichtet sich eben auch die Kritik an den Produkten und Folgen dieses Bauens in der Nutzung des Begriffs.

  • Dankwart Guratzsch ist ein netter, wohlwollender Mensch, dem ich auch schon wiederholt begegnen durfte. Im unten verlinkten Artikel allerdings begeht er - womöglich aus Rücksichtnahme auf die Redaktion - ein paar Denkfehler.

    Ich zitiere, da der Artikel hinter der Bezahlschranke steckt:


    "Sowohl der Historismus als auch das Bauhaus werden heute von Extremisten beider Lager angefeindet. Dabei stehen die Stile nicht nur gegeneinander, sondern bedingen einander. Architektur lässt sich politisch nicht einengen.

    ieles am Bauhaus-Bashing ist falsch und irreführend. Das Bauhaus war eine der größten kulturpolitischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Es war ein Exportschlager Deutschlands mit weltweiter Wirkung bis heute. Es hat der Kunst, dem Denken, dem Fortschritt ganz neue Perspektiven eröffnet. Die vom Bauhaus entwickelte Ästhetik ist noch lange nicht am Ende, sie wird weiter wirken und weitere Diskussionen provozieren.

    Gleichzeitig aber ist das historische Bauhaus (in Weimar, Dessau und Berlin) ein Ort der Mythen, der Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts. Es hat auf Lügen und Fälschungen der Geschichte aufgebaut und ist mit Lügen untergegangen. Das hat die Erinnerung an diese Kunstschule verdüstert. (...)

    Hübsch hielt damit die Entwicklung hin zu einem „Bauhaus-Stil“ allerdings ebenso wenig auf wie der Kunsthistoriker Georg Dehio ein halbes Jahrhundert später das Überleben des von ihm in Grund und Boden verdammten Historismus. Als der Deutsche Werkbund 1906 zur Attacke gegen die alte Zeit und ihre Hinterlassenschaften blies und Dehio fast gleichzeitig seine Brandrede gegen die „Masken und Gespenster“ des Historismus hielt, glaubten alle, dass fortan der Fortschritt regieren und kurzen Prozess mit dem historischen Krempel machen würde. (...)

    Bauhaus-Bashing und Historismus-Schelte entstammen derselben Motivation: Konkurrenten und konkurrierende Bauauffassungen sollen aus dem Weg geräumt werden. Das gilt auch für die jüngste Initiative „Schlossaneignung“, die das kaum in Betrieb gegangene Humboldt-Forum in Berlin am liebsten wieder abreißen würde, den strahlend neuen Bau zumindest aber mit Eingriffen in die Fassade zur künstlichen Ruine herunterstufen möchte. (...)

    Sowohl der Historismus (und in diese Traditionsreihe gehört die Rekonstruktion) als auch das Bauhaus haben geschichtlich Herausragendes für die Baukultur geleistet. Ihre Wirkung beruht auf ihrem Wechselbezug. Was einst unvereinbar erschien, das Gegenüber und Nebeneinander sich widersprechender stilistischer Haltungen, haben schon die Vordenker der Dialektik der Aufklärung als Signatur des Zeitalters charakterisiert. (...)

    So alt und so tiefreichend nämlich ist die viel beklagte „Spaltung“ in Gesellschaft, Kunst und Architektur tatsächlich. Sie wird nicht aus der Welt geschafft, indem man die eine gegen die andere, die rechte gegen die linke, die obere gegen die untere Seite ausspielt, sondern nur, indem man sie in ihrem lebendigen Wechselverhältnis begreift. Das Wichtigste dazu hat der weder Rechts- noch Linkslastigkeit verdächtige Schinkel gesagt: Nur das ist Freiheit."

    (Zitat Ende)


    Guratzsch bedient hier ein typisches Element der Extremismus-Ideologie, die den offiziellen (wenn auch nicht den real praktizierten) Polit-Diskurs der BRD beherrscht. Links wird mit rechts gleichgesetzt, oben mit unten, und dem gegenüber stände so etwas wie eine "Mitte", die mehr oder minder von "Toleranz" und "Freiheit" geprägt sei.

    So beginnt Guratzsch schon in der Einleitung damit, von "Extremisten beider Lager" zu schreiben. Wer ist damit gemeint? Es kann sich nur um die AfD auf der einen und die Oswalt-Truppe auf der anderen Seite handeln. Denn diese werden im Verlauf des Artikels ja auf eine Ebene gestellt. Mal abgesehen, dass ich weder für die AfD noch die Oswalt-Leute den Begriff "Extremismus" verwenden würde, weil dieser (laut offizieller Definition, an die sich die Sicherheitsbehörden aber offenbar immer weniger gebunden halten) eine kämpferische Haltung gegen die Ordnung des Grundgesetzes beinhaltet...

    ... ist die Motivationslage von AfD Sachsen-Anhalt und den "Schlossaneignern" eine gänzlich andere. Die AfD hat in ihrem entsprechenden Antrag eine distanzierende Position zum Bauhaus bezogen und nur angesichts der im nächsten Jahr zu erwartenden unkritischen Jubelorgien (die einzig gegenüber einigen NS-Verstrickungen von Bauhäuslern nicht so unkritisch sein dürften) hinsichtlich der ästhetischen Wirkungen dieser Schule einen kritischen Diskurs gefordert. Daran ist nichts "extremistisch" oder aktionistisch. Die "Schlossaneigner" hingegen fordern und fördern u.a. aktive Maßnahmen zur Störung und Zerstörung der Berliner Schlossfassaden. Sie gehen konkrete, lebende Personen öffentlich an, um diese als "rechtsradikal" zu brandmarken und in ihrem Ruf sozial zu schädigen. Das ist nicht gleichsetzbar, schon gar nicht von der dahinter liegenden Intention.

    Zuletzt suggeriert der Artikel so etwas wie ein Gleichgewicht der Stile, die sich nun mal irgendwie vertragen sollen und die Gesellschaft nicht spalten sollen. Das übersieht, dass heute in Deutschland zu gefühlt 99 Prozent in einem irgendwie an das "Bauhaus" angelehnten Stil gebaut wird (auch wenn die Anhänger des "Bauhauses" sich von dieser Nachkommenschaft naserümpfend distanzieren mögen), dem Guratzsch sogar noch eine lange Zukunft prophezeit, während nicht mal 0,1 Prozent historistisch gebaut oder rekonstruiert wird. Es existiert also ein deutliches Ungleichgewicht, das mit ungleichen Machtverhältnissen (nicht zuletzt im Hochschul- und Medienapparat) zu tun hat. All das wird in der gefälligen und die gegenwärtigen Machtverhältnisse beschönigenden Rede von historischen "Wechselwirkungen" völlig unterschlagen.

    Nein, die "Schlossaneigner" sind die radikalsten und ins Irrsinnige umgeschlagenen Vertreter eines derzeit herrschenden Zeitgeistes, während der AfD-Vorstoß ein kleiner Dorn ist, den eine machtlose Opposition ins Fleisch des Mainstreams gesteckt hat, der dort aber offenbar bereits zu Schmerz und Abwehrreaktionen geführt hat.


    „Irrweg der Moderne“?
    Das große Architektur-Bashing

    „Irrweg der Moderne“? Das große Architektur-Bashing - WELT
    Sowohl der Historismus als auch das Bauhaus werden heute von Extremisten beider Lager angefeindet. Dabei stehen die Stile nicht nur gegeneinander, sondern…
    www.welt.de
  • Das ist halt die WELT: Nirgendwo ist so etwas wie ein klarer Standpunkt dieser Zeitung zu erkennen. Schreibt der eine das, schreibt der nächste das Gegenteil. Und irgendwie will man sich politisch alle Optionen offen halten. Sowas ist mir ein Abo nicht wert.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Diese Gleichschaltung der Medien ist ja durchaus real. Wer aneckt, wird gegangen. Ich vermisse eine Zeitung mit einer klaren konservativen Handschrift, aber das ist in Deutschland wohl zuviel verlangt. Bei der WELT hält man es eher wie bei den Liberalen, so ein bißchen "bürgerlich", aber dann doch wieder sehr "zeitgeistig-progressiv", mit allen Trends und Stimmungen kompatibel. Nichts für mich.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Heute erschien ein interessanter Artikel in der Welt, der meine Sicht der Dinge bestätigt (leider hinter Bezahlschranke, kurze kommentierte Auszüge hierzu):

    Der große Bauhaus-Schwindel

    Zitat

    Es geht also weiter wie gehabt mit der mythenumrankten „Marke Bauhaus“ unter den traditionell falschen, falsch verstandenen und falsch interpretierten Konzepten. Hätte man nicht, ehe man das Bauhaus ein weiteres Mal zur Kultstätte von „Innovation“ hochjubelt, vielleicht doch noch einmal reflektieren sollen, was an der selbstherrlich ausgerufenen „Zeitenwende“ im Bauen tatsächlich dran war?

    Denn letztlich bot das Bauhaus, das ja erst sehr spät überhaupt Architekten ausbildete, keine neuen Ideen oder Impulse:

    Zitat

    Aber wie alt sind die Bauhaus-Ideen wirklich? Wer die Dokumente studiert, stellt mit Verblüffung fest: Sie stammen jedenfalls nicht aus dem Bauhaus selbst. Viel klarer, eindeutiger, prägnanter hatte sie im Wesentlichen schon 1907 der Deutsche Werkbund formuliert, eine Vereinigung von Architekten, Künstlern und Designern der Reformbewegung, die sich die Aufgabe gestellt hatte, „die heutigen Gesellschaftsklassen zu den alten idealen von Gediegenheit, Wahrhaftigkeit und Einfachheit zurück zu erziehen“ (Hermann Muthesius).

    Und natürlich hat das Bauhaus diesen "neuen Baustil" nicht erfunden:

    Zitat

    Auch die Stilistik des Bauhauses, die Bauhaus-Gründer Walter Gropius mit seiner viel gerühmten Schuhleistenfabrik in Alfeld an der Leine 1911 erstmals vorgestellt hatte, war nicht „Bauhaus“. Sie war schon Jahre zuvor mit dem „Jungfrauenaquarium“, den Produktionshallen der Teddybärenfabrik Steiff in Giengen an der Brenz, in Deutschland eingeführt worden – einem Bauensemble, das Walter Gropius mit dem Dessauer Bauhaus 1925 in Teilen plagiierte. (...)

    Dass von diesem Vorgängerbauwerk der Bauhaus-Ästhetik nicht einmal der Architekt eindeutig bekannt ist (es soll der Neffe der Firmengründerin Margarete Steiff, Richard Steiff, gewesen sein), mag man als Hinweis darauf werten, wie wenig spektakulär die Glas-Eisen-Bauweise, deren berühmtestes Vorbild der Kristallpalast in London war, zu jener Zeit noch gesehen wurde. Erst der Propagandarummel, den Gropius um die Neugründung der Weimarer Kunstschule in Dessau entfachte, etablierte die Bauhaus-Ästhetik als neuen „Baustil“, der mit allen vorangegangenen Stilepochen brach.

    Während in Magdeburg (Bruno Taut und Johannes Göderitz, nach dem Krieg in Braunschweig tätig) oder Frankfurt (Ernst May), auch in Berlin (Bruno Taut, z. B. Onkel Toms Hütte, ich konnte vor 30 Jahren eine Woche lang in einem solchen Gebäude wohnen, da gab es sogar noch die originale Küche!) riesige Projekte realisiert wurden, fokussiert sich die Öffentlichkeit komplett auf Miniprojekte in Dessau, die noch dazu damals aufgrund ihrer vielen Baumängel als gescheitert galten.

    Marketing ist eben 90 % des Erfolgs, leider ...

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • In der linksliberalen "Zeit" hat Matthias Warkus, Lehrbeauftragter in Jena, Weimar und Halle an der Saale, zur Feder gegriffen, um seinen Beitrag zur Ehrenrettung modernistischer Architektur und zum in diesen Kreisen als Pflichtübung gehandhabtem AfD-Bashing zu leisten.

    Einige Zitate mit Kommentaren meinerseits:

    Zitat

    Beide Gebäude haben gemeinsam, dass sie in den Nullerjahren errichtet wurden und dass die AfD sie hasst. In ihrem »Regierungsprogramm« für Sachsen-Anhalt, beschlossen vom Parteitag in Magdeburg am 11. April (ironischerweise in der frisch sanierten Hyparschale, einer Ikone der DDR-Moderne), stehen unter der Überschrift »Schöner bauen!« folgende Sätze: »Öffentliche Gebäude, die nach 1990 in Sachsen-Anhalt errichtet wurden, sind oft von einer außerordentlichen Hässlichkeit. Für sehr viel Geld werden nichtssagende Klötze oder andere kalt wirkende, traditionslose geometrische Formen in die Welt gesetzt.

    Die Aussage, dass seitens der AfD modernistische Architektur nicht kritisiert, sondern gehasst wird, bedient das offizielle Narrativ von "Hass und Hetze", die natürlich immer von rechts, aber nie von links kommen. So wird man in der "Zeit" natürlich ncht lesen, dass das linke Establishment das Berliner Schloss, Rekonstruktionen oder traditionelle Architektur "hassen" würde.

    Zitat

    Was meinen Rechtsextreme, wenn sie von »anerkannten Bautraditionen« sprechen?

    Hier wird ein nicht näher erläuterter "Extremismus"-Vorwurf erhoben, der natürlich ebenfalls so gut wie nie gegenüber links oder Modernisten erhoben wird.

    Zitat

    Ansonsten aber scheint das Programm klar übertragbar: Die öffentliche Hand soll nichts mehr bauen, was nicht zumindest vage historistisch ist. Zudem hält die AfD fest: »Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden und müssen historische Identität widerspiegeln.«

    In diesen beiden Forderungen steckt eine Unterstellung, die man auch bei konservativen bis radikal rechten Architekturtheoretikern wie etwa Léon Krier liest: Die breite Masse wolle historistische Gebäude, weil sie »modernistische« Gebäude schlicht nicht schön finde. In Onlinediskussionen begegnet einem diese These immer wieder. Es gibt mittlerweile organisierte Interessenvereinigungen wie Stadtbild Deutschland oder Architektur-Rebellion, die »traditionelles und regionaltypisches Bauen« mit dem Argument der Schönheit einfordern.

    Doch stimmt die Annahme überhaupt? Vereinigungen wie Architektur-Rebellion generieren mit verhältnismäßig wenigen Mitgliedern einen enormen Social-Media-Lärm. Dass im kulturellen Umfeld rechter Politik Nischenmeinungen zur Position einer angeblichen stillen Mehrheit erklärt werden, wäre nichts Neues.

    Der Vorwurf darüber, was die öffentliche Hand bauen dürfe, ist natürlich vermessen. Denn es wird im Gegenteil nicht beleuchtet, wie viele Gebäude denn die öffentliche Hand in den letzten Jahrzehnten gebaut hat, die "vage historistisch" waren? Und wie viele im Gegensatz dazu, die modernistisch bzw. in einer Bauhaus-Tradition standen? Sieht man mal von wenigen Rekonstruktionen ab, die in der Regel auf der Initiative aus der Bürgerschaft beruhten, dürfte bei einer Graphik das ganze Ungleichgewicht erkennbar sein. Dieses Ungleichgewicht, in dem sich auch Macht widerspiegel, wird von dem Auitor nicht thematisiert und stört ihn offenbar ganz und gar nicht.

    Um seine These, dass es womöglich nicht stimme, das eine Mehrheit traditionelle Architektur bevorzuge, zu "beweisen", führt er Online-Ranglisten von am meisten fotografierten Häusern in einer angeblich "repräsentativen" Foto-Stichprobe des amerikanische Architektenverbandes AIA und eine durch das Softwareunternehmen Adobe anhand verschiedener Massenbewertungsdaten aus dem Internet (TripAdvisor-Bewertungen, Instagram-Hashtags, TikTok-Suchen und Ähnlichem) aufgestellte Liste der "20 fotogensten Wahrzeichen Deutschlands" angeführt. Darunter befänden sich auch einige modernistische Gebäude wie das Kanzleramt in Berlin. Diese oberflächliche Fotosichtung einiger skulpturaler Ikonen unter Ignorierung städtebaulicher Zusammenhänge verleitet Warkus letztlich zu der Annahme, modernistische Architektur sei also ebenso beliebt (wenn nicht sogar beliebter?) als traditionelle Architektur.

    Zitat

    Ich habe 2024 bei der Recherche für einen Vortrag einige Hundert abwertende Leserkommentare zu Architekturberichterstattung in deutschen Zeitungen gesichtet und hatte den Eindruck, dass es durchaus eine gemeinsame Stoßrichtung der meisten negativen Einschätzungen gab: Problematisch wurden vor allem »Betonklötze« und das »Zubauen« von Fläche gesehen; ein Bauen, das mit repetitiven rechtwinkligen Formen den Raum maximal ausnutzt. »Tradition« oder gar »Identität« als Kriterium fanden sich allerdings kaum bis gar nicht, ebenso wenig das Einfordern von Rekonstruktionen.

    Von verschiedenen großen Rekonstruktionsprojekten ist bekannt, dass Spendenerlöse und Befragungsergebnisse nicht darauf hindeuten, dass die breite Bevölkerung sie enthusiastisch unterstützt. Die einzige Ausnahme ist der Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche, der auch als einziges solches Projekt aus einer breiten bürgerschaftlichen Initiative hervorgegangen ist. Das Berliner Stadtschloss beziehungsweise Humboldt-Forum, die Neue Altstadt in Frankfurt am Main und die Potsdamer Garnisonkirche als profilierteste Rekonstruktionsvorhaben verdanken ihre Entstehung maßgeblich Initiativen der politischen Rechten. Architekturtheoretiker wie Philipp Oswalt und Stephan Trüby haben in den letzten Jahren überzeugend herausgearbeitet, wie dies geschieht: von der Etablierung fragwürdiger Diskurse um »Identität« und »Tradition« bis hin zu Großspenden wie etwa jener des rechten Millionärs Ehrhardt Bödecker im Fall des Berliner Stadtschlosses. Dies deutet mit darauf hin, dass der Architekturgeschmack der »Masse« keineswegs notwendig traditionalistisch ist.

    Hier sieht man dann, welche Stoßrichtung Warkus´ Kommentar hat. Es ist das Wiederkäuen der Thesen Oswalts und Trübys, die - im Gegensatz zu den "rechten" Rekonstruktionsinitiativen natürlich nicht pollitisch positioniert dargestellt werden, und schon gar nicht als "Hassende". Sie haben vielmehr ihre Thesen "überzeugend herausgearbeitet". Eine Wortwahl, die "Wissenschaftlichkeit" suggerieren soll.

    Und dann bedient er am Ende den im linken Überbau derzeit virulenten "Gegen-rechts"- Diskurs, indem er noch mit der groben Keule gegen Trump, die "Völkischen", die AfD, Scuton usw. ausholt. Das übliche, um die linksliberale Seele zu schmeicheln und im Kampfmodus zu halten.

    In den Leserkommentaren sieht man, dass das in einem bestimmten Milieu Anklang findet, das sich auf die Wagenburg der Verteidigung des Brutalismus und der angeblichen "Vielfalt" zurückgezogen hat und sich mit Attacken gegen die angeblichen "Entartete Kunst"-Kampagnen der "Rechten" und die "Knalltüterei" der AfD gegenseitig streichelt.

    Alles bereits bekannt. Das übliche also, nochmals wiedergekäut.


    Was heißt hier »schön«?
    Rechtspopulisten wettern gegen moderne Architektur und berufen sich dabei auf einen angeblichen Massengeschmack. Doch dabei handelt es sich um einen politischen Trick.

    Architekturprogramm der AfD: Was heißt hier »schön«?
    Rechtspopulisten wettern gegen moderne Architektur und berufen sich dabei auf einen angeblichen Massengeschmack. Doch dabei handelt es sich um einen…
    www.zeit.de
  • Wisst ihr, warum mir solche Artikel am A**** vorbeigehen? Weil sie sowieso niemanden erreichen, den man noch "bekehren" könnte. Die Leser haben ja bereits das Weltbild, das die Artikel von Spiegel, taz und ZEIT bedienen. Linke Filterblase. Insofern: Nichts, worüber es sich groß aufzuregen lohnt.
    Aber deine Kommentare dazu Heimdall, sind natürlich völlig richtig.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Schon richtig. Es ist nur belustigend, wie Warkus einerseits als Beweis Tripadvisor-Fotoreihen dafür anführt, dass der Modernismus allgemein beliebt sei, während er gleichzeitig das Argument eines traditionellen Mehrheitsgeschmacks verneint. Und wie er am Ende unfreiwillig nur auf seine eigene Bubble verweist, indem er schreibt, dass es eine "wachsende Popularität brutalistischer Gebäude bei Fachleuten ebenso wie in sozialen Medien" gäbe.

  • Puh....also muss ich jetzt Rechtspopulist sein, um diesen Bau scheiße zu finden!? Nee, sorry dieses Klischee bediene ich nicht, auch wenn das hier ggf. gern gesehen würde. Architektur mag gern verpolitisiert werden, aber davon lasse ich mir meinen Ästhetiksinn sicher nicht beeinflussen oder mir meine politische Ausrichtung vordiktieren... Im Übrigen darf auch jemand der sich politisch vermutlich überwiegend 'links' verorten würde, diese Art von Journalismus scheiße finden. Insgesamt geht mir dieses Gehetze von jedweder Seite auf die Nerven und ist einfach langweilig und niveaulos, aber es erreicht genügend Beschäftigung, um von schwerwiegenderen Entwicklungen abzulenken...Opium für's Volk 👍🏼

  • "New European Bauhaus" - von diesem Projekt habe ich bisher noch nichts gehört oder gelesen:

    Brüsseler Neronismus: Von der Leyens Neues Bauhaus liegt in Trümmern
    Ursula von der Leyens fixe Idee, der Architekturbewegung des Bauhaus frisches Leben einzuhauchen, ist gescheitert. Ein weiteres Milliardengrab tut sich auf –…
    www.tichyseinblick.de

    Zitat:

    "Es muss sich während der lähmenden Corona-Lockdowns ereignet haben, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – vielleicht in Architekturbüchern schmökernd – auf die Idee verfiel, jener legendären Bauhaus-Bewegung neues Leben einzuhauchen. New European Bauhaus (NEB) sollte sie heißen – EU-europäisch im Geiste, runderneuert, ökologisch rein und selbstverständlich CO₂-frei: Von der Leyen als paneuropäische Zensorin der Ästhetik, eine Visionskraft, die Tradition und Moderne verschmelzt und dabei das Neue, ökologisch und moralisch Überlegene gebiert."