Vermüllung unserer Städte

  • Ich muss aber sagen, dass mir aus Bayern (oder zumindest Oberbayern) solche Zustände wie im Artikel beschrieben nicht bekannt sind. Sogar München hat, bei aller deutlich veränderten Demographie, keine gekippte und sterbende Innenstadt; eine Ausnahme bildet höchstens das Bahnhofsviertel, das schon seit geraumer Zeit einen negativen Wandel durchmacht und anscheinend auch einiges an Drogenkriminalität angezogen hat. Das liegt aber nicht zuletzt auch an der Megabaustelle des Hauptbahnhofs, die der Gegend einen sehr unwirtlichen Eindruck verleiht und vielleicht eine gewisse Klientel anzieht. Ansonsten schaut es z.B. in Italien schon seit langem viel, viel schlimmer aus, dagegen ist München immer noch eine Wohlfühloase. Allerdings sollte man auch hier nicht die Zeichen der Zeit verkennen, man hört schon insgesamt von mehr Kriminalität, nicht nur in München, sondern auch von anderen bayerischen Städten wie z.B. Regensburg und die Schwierigkeiten des Einzelhandels sind natürlich auch hier zu bemerken. Aber wenn ich von solchen Zuständen in anderen Teilen Deutschlands höre, habe ich immer den Eindruck, dass ich in einem anderen Land leben muss, weil ich davon hier kaum etwas mitkriege.

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Also, dort ist eben auch nicht mehr viel los, wodurch die Leerstandsquote im Einzelhandel dann auch nicht eklatent verbessert wird.

    Ich muß gestehen, daß ich selbst daran ein wenig schuld bin, weil ich fast nur noch im Internet einkaufe, abgesehen von Lebensmitteln.

    Allerdings waren meine Einkaufversuche auch fast immer enttäuschend, da wird für eine Fleece-Jacke der doppelte Preis im hiesigen Sportgeschäft aufgerufen (verglichen mit Amazon), und die Verkäuferin saß vorher im Rewe an der Kasse (also nichts mit Beratung und Fachwissen). Von Läden wie dem Media Markt mal ganz abgesehen, die teilweise tatsächlich Preise über der unverbindlichen Preisempfehlung fordern.

    Teilweise ist man auch noch ziemlich arrogant, z. B. war ich in einem Fachgeschäft für Büroausstattung und wurde da als Interessent für den Kauf eines einzigen Bürostuhls überhaupt nicht ernst genommen. Habe ich dann direkt auf der Vitra-Website bestellt und individuell konfiguriert, zum Glück ist man ja nicht mehr auf einen Händler als Vermittler angewiesen.

    Einkaufen im Laden fand ich aber schon früher nie so besonders, z. B. war man in einem großen Fahrradgeschäft in Ingolstadt schon in den 80ern zu faul, für mich Shimano-Armaturen zu bestellen, da war dann der Versandhandel Brügelmann in Frankfurt die Rettung, noch so richtig altmodisch mit gedrucktem Katalog und Postkarten für die Bestellung. Hat aber wunderbar funktioniert, leider gibt es den Anbieter nicht mehr. Oder ich bekam mal im WOM einen Rüffel, weil ich es wagte, eine CD-Box zur Vorspieltheke zu bringen - "die sind nämlich zum Verkaufen dar, nicht zum Anhören!"

    sou perfeito porque / igualzinho a você / eu não presto

  • Ich kaufe auch oft im Internet ein. Allerdings sind das häufig gebrauchte Bücher oder DVDs, somit "schade" ich also vorrangig dem Flohmarkt oder Antiquariat. Aber, um diese Sachen zu bekommen, müsste ich mir die Hacken ablaufen, und das ohne Erfolgsgarantie.

    Kleidung indes kaufe ich eigentlich vorrangig beim Einzelhändler. Denn bei der Online-Bestellung ist man oft nicht hinsichtlich der Größenangaben und Qualität sicher. T-Shirts und Hemden gehen noch online. Aber ich habe z.B. gerade eine Hose bestellt, doch als diese ankam, stellte ich fest, dass die Größe, die meine anderen Hosen haben, hier viel zu klein war. Zudem hat mir das Material überhaupt nicht zugesagt. Also ging das zurück, und stattdessen wurde beim Einzelhändler eine Hose gefunden und gekauft.

    Ansonsten, um etwas auf "Leonhard" zu antworten, sind mir die in dem Artikel beschriebenen Zustände keinesfalls fremd. Sicherlich ist das Empfinden subjektiv, und ganz so extrem hinsichtlich der Vernachlässigung ist die Situation bei uns zumeist nicht, jedenfalls nicht nach meinem Empfinden. Aber, dass die Stadt zu gefühlt 50 Prozent nur noch aus Barbershops, Shisha-Bars, Spielhallen und Nagelstudios besteht, wäre durchaus dokumentierbar. Auch ist eine gewisse Vermüllung feststellbar, z.B. durch illegale Sperrmüllhaufen. Kaftan und Hijab (einfaches Kopftuch ohnehin), gelegentlich sogar Hiqab, gehören zum Alltagsbild. Und ein klassisches Bürgertum ist eigentlich kaum noch wahrnehmbar.

  • Was Berlin betrifft - ich war ja erst vor ziemlich genau 2 Wochen wieder dort und habe bewußt auf den Zustand des öffentlichen Raums geachtet. Wenn wir mal die allseits bekannten Problembezirke (die vielleicht 5 % ausmachen) weglassen, macht Berlin jetzt keinen herausragend schmutzigen oder ungepflegten Eindruck, die diversen Bahnhöfe wirkten sogar recht gepflegt und modern.

    In Sachen Graffity sowie ungepflegter bis ruinöser Bebauung dürfte da tatsächlich Polen vorn liegen, wobei es angesichts der teilweise extrem chaotischen Neubebauung offensichtlich auch gar keine Bebauungpläne zu geben scheint (z. B. war mein Appartmentblock in Breslau sehr schön und neu, das Umfeld aus verfallenden Altbauten, kommunistischer Platte, Brache und eben völlig unpassenden Neubauten war da fast schon typisch).

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  • Auch Teile der offiziellen Stadtmöblierung, ewig lang ohne erkennbaren Sinn herumstehende Bauzäune und Absperrbarken, von irgendwem auf Gehwegen oder Rasenflächen vergessene Bauzaunhalterungen, sind als Aspekte einer Vermüllung zu betrachten. Hinzu kommt die optische Vermüllung durch allgegenwärtige, immer größere und aggressivere Werbetafeln. Vor einigen Jahren gab es auch so eine aggressiv blitzende und leuchtende LED-Tafel in Frankfurt an der Eschersheimer Landstraße. Ich habe mich jedes mal gefragt, wie das die Menschen aushalten, die unmittelbar gegenüber wohnen. Zum Glück wurde das Haus, an dem die Tafel befestigt war, abgerissen. Insofern unterstütze ich eine solche Initiative. Das "Werbefrei" ist dabei natürlich etwas effekthascherisch, denn es geht ja gerade nicht um ein Verbot von klassischen Litfaßsäulen oder Plakatwänden. Nicht einmal um ein Verbot der digitalen Werbung in Schaufenstern.

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  • Tja, wenn man noch ein paar Indianer sehen will, fährt man auch nicht zwischen Brooklyn und Staten Island herum... Dafür war die Fahrt aber vermutlich bunt. Das ist doch was... :zwinkern:


    P.S.: Ich glaube, Du hast Dich im Thread vertan. Am besten, unsere beiden Beiträge werden in den richtigen Faden verschoben.

  • Allzu viel bin ich ja die letzten Jahre nicht mehr rumgekommen, speziell was Großstädte und Beinahe-Großstädte in D betrifft, aber das Geschmiere etc in der Tübinger Altstadt ist mir schon extrem negativ aufgefallen. Neben Teilen Münchens (Haidhausen, Isarvorstadt v.a.) war das dort mit am schlimmsten. Eine links-alternative Hochburg halt.

  • Man sollte meinen, die sind stolz auf ihre Altstadt und tun alles für ihre Schönheit. Aber so denken wohl nur bürgerliche, wertkonservative Menschen.

    Diese Aussage würde im APH wahrscheinlich schon wieder als "pauschalisierender Zweizeiler" von einer genervten Adminesse gelöscht werden.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Offenbar stören die hier beschriebenen Zustände die meisten Kölner nicht sonderlich. Sie wählen weiter gegen jeden konsequenten Wandel. Also sind das einsame Rufe in der Wüste.

    Köln: Die Verwahrlosung der Innenstädte

    Köln: Rewe-Betreiber will abwandern – Die Verwahrlosung der Innenstädte
    Weder die offene Drogenszene noch die allgemeine Verwahrlosung des öffentlichen Raums beeinträchtigen das Selbstbewusstsein der Kölner. Doch mittlerweile geben…
    www.tichyseinblick.de

    (Ich gehe mal davon aus, dass es das Kalifat irgendwann richten wird.)

  • Köln steht nur exemplarisch für die meisten (west-)deutschen Großstädte. Stuttgart war auch mal wohlhabend, sauber und sicher. Aber wie bestellt so geliefert. Es ist nur traurig, das mitansehen zu müssen.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Die Frage lautet: Wer macht eigentlich den Müll? Der Appell an "uns alle" wirkt hilflos, weil sich die echten "Bürgerinnen und Bürger" selbstverständlich daran halten. Und damit ist auch indirekt gesagt, wer vermutlich die anderen sind.

    „Unsere Stadt ist ein Wohnzimmer für die Bürgerinnen und Bürger – und mit ihrer reichen Geschichte auch ein Magnet für Touristen. Dieses Stadtbild verdient Respekt und Pflege von uns allen.“

    Illegale Abfallentsorgung: Wilder Müll verschandelt Esslingen – „Stadtbild verdient Pflege und Respekt“ - Esslinger Zeitung
    Der Esslinger Bauhof muss jährlich bis zu 30 Tonnen illegalen Abfall entsorgen. Das ist aufwendig und teuer. Das Rathaus richtet deshalb einen Appell an die…
    www.esslinger-zeitung.de

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Bei mir auf der Ecke gibt es auch einen Altkleidercontainer, der ähnlich aussieht. Und auf einer Bank in der Nähe werden ab und an alte Kleider oder Plastikkram ausgelegt, "zu verschenken". Das wird auch immer mal durchwühlt. Es liegt mindestens zum Teil halt auch daran, daß die Leute nicht mehr "einfach wegwerfen" wollen, und andere Weitergabemöglichkeiten wie Auslegen am Container ihnen zu aufwendig sind.

  • Ja, aber da muss man differenzieren. Unter denjenigen, die Kartons mit "zu verschenkenden" Inhalten vor die Tür stellen, gibt es einige, die es wirklich gut meinen. Ich habe selbst schon Kinderbücher und Kinder-Hörspiel-CDs mitgenommen. Andere gibt es, die solche Kartons aber auch nur nutzen, um ihren Müll auf die Straße zu stellen.

    Noch mal ein anderes Phänomen ist die akute Vermüllung durch Leute, die nicht zum Wertstoffhof fahren wollen, um Sperrmüll dort abzuladen. Und die auch sich nicht die Mühe machen, einen Abholtermin auszumachen oder gar nicht von dieser Möglichkeit wissen. Da kann auch die Sprachbarriere und die Sitte, wie man es ja auch "zu Hause" macht, eine Rolle spielen. Hinzu kommen noch die Asozialen, die einfach überall ihre Pizzakartons und McDonalds-Fressverpackungen hinschmeißen. Manchmal habe ich solche Pappbecher bei mir im Garten herumliegen. Letztens fand ich sogar eine Packung der "WC-Ente" in meinem Garten, wo ich mich dann schon frage, wer mit so etwas auf der Straße herumläuft und das dann einfach mit mit einem Wurf über die Mauer entsorgt.

    So oder so, es ist wie bei anderen Themen, wenn die allgemeinen Sitten einbrechen, weil niemand mehr gesamtgesellschaftliche Verantwortung zeigt, und zugleich der Staat nicht wenigstens durch eine gewisse Verschärfung der diesbezüglichen Restriktion antworten möchte, folgt die allgemeine Verwahrlosung und Dysfunktionalität. In diesen Abstieg mündet der Linksliberalismus.

  • Ja, das mit dem Sperrmüll ist nochmal eine andere Nummer. Bei den Matratzen denke ich, daß die per Internet eine neue Matratze gekauft haben, und ihnen die Entsorgung per Sperrmüll zu teuer/aufwendig ist. Manche schleppen ihre Matratzen und kaputten Stühle auch zum Glascontainer, so eine halbherzige Entsorgung ist da schon noch versucht. Aber es gab auch schon Matratzen einfach so auf dem Gehweg, das sind dann die richtigen Ärsche. Und dann noch die Messies, die über "ra-bäh, ra-bäh" nie hinausgekommen sind und alles um sich verstreuen müssen. Die Pizzaschachteln - die waren während der Coronazeit ein arges Problem, das ist jetzt wieder sehr zurückgegangen - sind leider schlecht zu entsorgen, weil die in kaum einen Mülleimer passen, weder in Berlin noch in Norditalien, und wenn die neben den Mülleimern abgelegt werden, nehmen der nächste Windstoß oder die nächste Krähe die mit. - Eine ganz üble Vermüllerei habe ich heute in den Tagesspiegelkommentaren gelesen, es wurden Flaschensammler beobachtet, die mit den Dreikantschlüsseln die hängenden Mülleimer unten öffneten (wie es zum Leeren gemacht wird), so daß der ganze Müll auf den Boden fällt, und sich dann das Gewollte rausklaubten. - Aber bei einer WC-Ente fragt man sich schon, wie das in der Gegend herumgetragen wurde - das muß doch wohl jemand aus einem Plastikmüllcontainer gezogen haben??