St. Gallen - Fachwerkbauten in der Altstadt

  • Spisergasse 5


    Ein weiteres Beispiel mit einem einst hell geschlämmten Fachwerk bestand bei Spisergasse 5 an der Rückseite.


    spisergasse 3 9 28.03.2020 6979
    Spisergasse 5 - 9a.

    Spisergasse 5 (links) ist ein verputztes Fachwerkhaus mit einem zweistöckigen Erker. Die Infrarot-Aufnahme hat leider zu keinem Ergebnis geführt, wie das Fachwerk aussieht. Wahrscheinlich ist die Fassade mit einem unbekannten Baumaterial aufgedoppelt und dann verputzt worden (tiefe Fensterleibungen!). Charakteristisch ist der zweigeschossige Aufzuggiebel, der heute zu Wohnraum ausgebaut ist. Leider wurde in den 1970er Jahren die Decke des Erdgeschosses um einen knappen Meter tiefer gesetzt, damit nach der Vereinigung mit Nr. 3 eine durchgehende Ladenfläche im 1. Obergeschoss entstand.


    Spisergasse 5 Rückseite BA
    Spisergasse 5, Hofseite um 1900. Städtisches Bauarchiv.

    Umso überraschender ist dafür eine Hofansicht des Hauses. Lange Zeit war der Aufnahmeort dieser Ansicht unbekannt. Gossau und Rorschach als nächstgelegene Orte von St. Gallen konnten es nicht sein, auch wenn diese eine ähnliche Bauweise wie St. Gallen besitzen. Die Viergeschossigkeit und vor allem die rückwärtige, zweigeschossige Lukarne sind aber ganz typisch für die Stadt St. Gallen, womit der Suchradius eingeschränkt werden konnte. Die Holzschindelverkleidung an der rechten Seite der Lukarne gab dann aber den entscheidenden Hinweis. Solche sind üblicherweise an der Westseite als Wetterschutz angebracht, womit es sich also um eine Ansicht von Norden handeln musste. Zudem ist die Häuserreihe leicht gebogen. Ein Vergleich mit dem Stadtplan führte dann nach einer Weile zum Aha-Effekt und führte in den Hof zwischen Spisergasse und Spitalgasse.

    Wie bei Turmgasse 6 und Spisergasse 24 war auch das Fachwerk dieser Rückseite hell geschlämmt. Im Giebel der Lukarne war zudem das Datum 1790 (nicht 1700!) aufgemalt, was genau wieder in die Zeit der allgemeinen Fachwerkzudeckung in St. Gallen passt. Ebenfalls an der Lukarne kam die ältere Bemalung mit grau oder rot gestrichenem Fachwerk und schwarzen Begleitlinien wieder zum Vorschein.


    Spisergasse 5 Rückseite Durchzeichnung entzerrt
    Durchzeichnung des Fachwerks vom 1. bis 3. Obergeschoss aus dem entzerrten Foto.

    Das Fachwerk ist nicht spektakulär, aber dennoch können Details zur Bauweise und Baugeschichte herausgelesen werden:

    Das 1. Obergeschoss ist stark gestört infolge Fenstervergrösserungen. Eine Türe führt auf einen Balkon, über welchen man zum Abtritt gelangte. Wahrscheinlich bestand für das ganze Haus nur dieser eine Abtritt.

    Das 2. Obergeschoss zeigt ein ungestörtes Fachwerk mit von Pfosten bis Pfosten reichenden Brust- und Sturzriegeln. Durchgehende Brust- und Sturzriegel sind ein Relikt des alemannischen Fachwerkbaus, das sich bis ins 17. Jahrhundert hielt. Ebenfalls typisch für das 17. und 18. Jahrhundert sind die ausschliessliche Verwendung von wandhohen Streben und Brüstungsstreben. Bei reicheren Fassaden kommen oft noch Knickbüge und geschweifte Brüstungsstreben hinzu.

    Das 3. Obergeschoss wartet gleich mit zwei Besonderheiten auf: In der Schwelle sieht man vier Zapfen von in die Haustiefe verlaufenden Schwellen. Die äusseren beiden gehören natürlich zu den Seitenwänden, und die mittleren zu zwei Zwischenwänden.
    Nun kann man sich fragen, was denn der schmale, nur ein Balkenfeld einnehmende Raum rechts war. Dies war wohl ein Gang, welcher der Belichtung und Belüftung des Raumes in der Hausmitte diente. Gewöhnlich weisen die schmalen Bauten der Altstadt drei hintereinander liegende Räume (oder Raumzonen) auf: vorne die Stube, in der Mitte das Treppenhaus mit den offenen Küchen, und hinten die Schlafkammern. Solche Gänge sind schon bei den Ständerbauten aus der Wiederaufbauphase nach dem Stadtbrand von 1418 anzutreffen und hatten ihren Einfluss bis in die Primärkonstruktion des Fachwerkgerüsts. Teilweise waren diese Gänge nur durch eine Bretterwand von der danebenliegenden Kammer getrennt. Hier aber bestand wohl eine Fachwerkwand als Ausdruck eines vermögenderen Bauherrn.
    Das Wandfeld links hatte wohl eine Veränderung erfahren. Während die ganze Fassade eine leichte Senkung in der Mitte aufweist, liegen der Brust- und Sturzriegel des Fensters horizontal. Zudem könnten die beiden Gefache links und rechts einst ebenfalls Fensteröffnungen gewesen sein. Ein Grund für diese Änderung ist nicht auszumachen. Es ist möglich, dass hier ursprünglich eine Loggia vorhanden war.

    Die Dachlukarne ist wie auf der Vorderseite zweigeschossig und kragt auf beiden Geschossebenen aus. Anzeichen, dass auch sie ursprünglich dem Warenaufzug diente, gibt es keine. Normalerweise bestanden solche Aufzüge nur gassenseits. Für eine ausgeglichenere Verteilung der Lasten im Dachstuhl sorgten aber Gegenlukarnen an der Rückseite, in denen oft lauschige Dachzimmer eingerichtet waren. Die zugehörigen Dachstühle waren gemischt doppelt stehende / liegende Dachstühle mit eingezapften Sparren mit Aufschieblingen für das Vordach. In den Giebelwänden bestand ein doppelt stehender Stuhl und in beiden Ebenen der Lukarnenseitenwände liegende Binder. Liegende Binder ergaben den Vorteil eines stützenfreien Dachraumes, benötigten dafür aber längere Balken für die liegenden Stuhlsäulen und den Spannriegel. In den Giebelwänden ersparte man sich diese aufwändigere Konstruktion und setzte auf kürzere stehende Stuhlsäulen, wie sie bis ins 16. Jahrhundert üblich waren.

    Solche aus Fotos durchgezeichnete Aufnahmepläne dienen nicht nur zur Eruierung verschiedener Bauetappen und Reparaturen, sondern auch zur Einzeichnung baukonstruktiver Details. Hier sind es vor allem die Holznägel, welche sich ausschliesslich auf die horizontalen Riegel beschränken, nicht aber an den Pfosten und Streben vorhanden sind. Eine Antwort für diese Unterscheidung habe ich noch keine, aber es fällt auf, dass diese Eigentümlichkeit an weiteren Bauten aus dem 17. Jahrhundert festzustellen ist. Es scheint, dass das Haus in einem Guss entstanden ist.

    Vier fast baugleiche zweigeschossige Lukarnen konnten an folgenden Bauten datiert werden:
    - Magnihalden 14 mit 1628(d)
    - Gallusstr. 18 'zur Rose' 1628/29(a)
    - Metzgergasse 2 'Goldenes Schäfli' 1629(a)
    - Schwertgasse 21 1631(d)
    (d = dendrochronologisch, a = archivalisch)
    Allen vier Bauten ist wie bei Spisergasse 5 die Verwendung von wandhohen Streben und Brüstungsstreben gemeinsam. Man wird also nicht fehl gehen, den Bau von Spisergasse 5 in die 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts zu datieren.


    Nun erinnerte ich mich an eine Fotografie aus der Fotosammlung Zumbühl im Stadtarchiv, die ebenfalls diese Hoffront zeigt. Mittels einer teilweisen Entzerrung und Angleichung der Kontraste beider Fotos war es einfach, sie zu einem Panorama zusammenzufügen. Wie der Weg der beiden Fotos ins Stadtarchiv und Bauarchiv lief und wer deren Urheber war, liess sich nicht ermitteln. Hauptsache, ihre Zusammengehörigkeit ist nun dokumentiert:


    Spisergasse 5 9 Rückseite KB BA
    Montage der Fotos aus dem Stadtarchiv (Sammlung Zumbühl) und dem städtischen Bauarchiv. Links die Rückseite des 'Falkens' Spisergasse 9a (früher Kugelgasse 12) und Spisergasse 9, 7 5 und 3. Die Terrasse, auf welcher der Fotograf stand, ist samt Geländer heute noch erhalten, siehe nächstes Bild links.


    spisergasse kugelgasse hof 11.07.2008 1572x
    Rückseite der Kugelgasse und Spisergasse heute. Das Fachwerk an der Lukarne von Spisergasse 5 ist immer noch sichtbar, während die Geschosse darunter heute einen deckenden Verputz aufweisen.

  • Zufällig habe ich gerade heute in einem andern Strang einen Link zur Broschüre zur diesjährigen Verleihung der Denkmalschutzmedaille an 16 Preisträger aus Bayern gefunden: https://www.blfd.bayern.de/mam/informatio…le_2025_neu.pdf.
    Auf Seiten 28 und 29 wird ein Haus vorgestellt, dessen Fachwerk samt Gefachen wie bei Spisergasse 5 und 24 ebenfalls monochrom weiss gestrichen wurde:

    Zitat

    Mit großem Mut entschied sie [die Bauherrin] sich für eine historisch belegte, monochrome Farbgebung der Fassade und setzte ihren Wunsch nach einer sichtbaren Fachwerkstruktur konsequent um.

  • (Turmgasse 6, Fortsetzung)

    Erneuter Versuch einer Entzerrung der Nordfassade

    Diese Woche erhielt ich vom Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, welches den Nachlass der Fotografenfamilie Otto Rietmann archiviert, hochaufgelöste Scans der beiden Fotos, welche die Spisergasse und Turmgasse samt der Nr. 6 im Jahr 1886 zeigen (Es sind zwei Fotos auf der Seite im Online-Katalog: das Gezeigte und ein Weiteres, das auf den Brunnen fokussiert ist. Für die Entzerrung wurde jetzt das zweite Bild verwendet, da dieses Turmgasse 6 schärfer abbildet. > Link zu den beiden Fotos). Ich möchte deshalb an dieser Stelle wieder einmal meinen Dank an alle in St. Gallen ansässigen Archive aussprechen, welche seit Jahren immer sehr hilfsbereit bei Forschungsarbeiten sind.

    Es handelt sich um die Fotografie, mittels deren Vorschaubild im Archivkatalog ich vor einiger Zeit versuchte, durch eine Entzerrung mehr über das Fachwerk der Nordfassade zu erfahren, was aber aufgrund der Unschärfe nicht gelang:


    Eine Entzerrung des Scans fiel wie erwartet noch nicht so einfach aus, weil die Fassade unterschiedliche Neigungen aufweist und auch windschief ist. Zudem besteht die Fassade aus zwei Ebenen, dem Unterbau und dem auskragenden 3. Obergeschoss. Ich werde deshalb den Entzerrvorgang hier mal erläutern:

    Zuerst wird der Fassadenausschnitt soweit entzerrt, bis alle Böden waagrecht liegen. Die Senkrechten werden durch Neigen und Verzerren ins Lot gebracht. Ein schief stehendes Bauteil wird bei einer Entzerrung weiterhin schief abgebildet, weshalb jedes separat entzerrt werden muss. Eine auskragende Fassadenpartie wird ein bisschen grösser als die darunter Partie abgebildet, weil sie näher beim Fotograf liegt. Sie muss deshalb perspektivisch verkleinert werden.

    Ein Ausschnitt aus der hochaufgelösten Fotografie:

    Spisergasse Turmgasse Brunnen 1886 Rietmann KB VSRG 73554 Ausschnitt
    Turmgasse und Spisergasse 1886, Ausschnitt.
    Fotograf O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Im Vergleich mit dem senkrecht stehenden Turm der St. Laurenzenkirche im Hintergrund kann man leicht die unterschiedlichen Neigungen der Nordfassade feststellen:
    - Das Erdgeschoss neigt sich leicht rückwärts.
    - Das 1. und 2. Obergeschoss neigen sich sehr stark nach vorn, wobei die linke, östliche Fassadenkante weniger schief steht als die rechte, westliche. Die Fassadenpartie ist also in sich auch noch windschief, was beim Entzerren ein ungleichseitiges Viereck als Folge hat. Gegenüber dem Erdgeschoss kragt sie etwa 6 cm aus (für die Entzerrung eigentlich vernachlässigbar; dennoch wurde dies berücksichtigt, weil damit auch eine allfällige Auskragung um die Ecke gegen Westen feststellbar wäre).
    - Das 3. Obergeschoss neigt sich nur leicht nach vorn und kragt gegenüber den unteren Geschossen stark aus.

    Diese Feststellungen versuchte ich während einer ersten Entzerrung bereits zu korrigieren, indem ich das Erdgeschoss nach rechts neigte und das 1. und 2. Obergeschoss stark nach links. Das 3. Obergeschoss blieb vorerst noch unberührt:

    Turmgasse 6 entzerrt schmal
    Erste Entzerrung des Scans, noch ohne Bearbeitung des 3. Obergeschosses.

    Durch das starke 'Zurückneigen' des 1. und 2. Obergeschosses nach links - damit diese für die Planansicht senkrecht zu stehen kamen - ist dafür der Kirchturm von St. Laurenzen nach links gekippt, was weiter nicht stört. Das 3. Obergeschoss ist noch nicht geneigt, da dieses zuerst verkleinert und in die richtige Position zu den unteren Geschossen verschoben werden müsste. Die auskragenden Deckenbalken wären eine leichte Hilfe dazu, aber leider ist der Fotoausschnitt bezüglich diesen zu unscharf, um ein genaues Ergebnis zu erhalten.

    Dieses Problem löste ich, indem ich zuerst im hochaufgelösten, noch nicht entzerrten Scan die auskragenden Deckenbalken als Hilfslinien nachzeichnete (soweit es die Schärfe zuliess) und den Entzerrvorgang nochmals begann. Beim 'Zerschneiden' des 2. und 3. Obergeschosses kamen diese Hilfslinien auf beide Teilflächen zu liegen, worauf das 3. Obergeschoss soweit verkleinert werden musste, bis die Hilfslinien wieder übereinstimmten.

    Gegenüber den ersten Entzerrungen, welche die Fassade zu schmal wiedergaben, verzog ich die Fassade noch in die Breite, bis sie proportional mit den Planansichten (Bürgerhaus, Plan Bauarchiv) übereinstimmte:

    Turmgasse 6 entzerrt neu
    Resultat der zweiten Entzerrung.

    Eigentlich erhoffte ich mir mehr Details, als es der erste Eindruck beim Betrachten der Fotografie hinterliess. Das exakte Nachzeichnen der Holzbalken gelang nur an wenigen Stellen. Dort, wo sich Balken nur unscharf abzeichneten, färbte ich die Stellen transparent ein. Trotzdem entstand ein Ergebnis, welches die ganze Fassade umfasst und weitere Analysen zum Balkenskelett und späteren Veränderungen zulassen sollte:

    Turmgasse 6 entzerrt neu Eintragungen
    Zweite Entzerrung mit Eintragung der sichtbaren Balkenkanten und der sich durch dunklere Verfärbungen im Verputz abzeichnenden Balken.

    Turmgasse 6 Bürgerhaus und 1899 BA
    Abbildung in 'Das Bürgerhaus der Schweiz' von 1913 und Baueingabeplan 1899, beide wohl von Salomon Schlatter (s. Beitrag).

    Das Ergebnis stimmt ziemlich mit dem heutigen Brettchenfachwerk überein, was ich auch von Anfang an vermutete. Da mich aber allgemein Details bei Fachwerkbauten aus dem frühen 15. Jahrhundert in St. Gallen interessieren, möchte ich den Unterschieden nachgehen und auch die Stuben im 1. und 3. Obergeschoss besichtigen. Von diesen sind zwar nur die Balkendecken sichtbar, nicht aber die Wände. Bei allen vermute ich, dass es sich um Bohlenstuben handelt. Gerade das vorletzte Bild bekräftigt mich in dieser Vermutung: Die Stuben befinden sich rechts im 1. und 3. Obergeschoss, und genau dort sind die Riegelketten anders angeordnet als bei den restlichen Wandfeldern. Salomon Schlatter zeichnete dies in seiner Rekonstruktionszeichnung in 'Das Bürgerhaus der Schweiz' ebenfalls so. Solche Unregelmässigkeiten wurden dann bei der Restaurierung 1899/1900 wohl im Sinne einer 'idealen historischen Fassade' (Historismus!) egalisiert.


    turmgasse 6 27.08.2025 4698
    Ansicht von Nordwesten mit beleuchteter Stube im 1. Obergeschoss.

  • Nun konnte ich auch das Innere besichtigen und kam am Schluss - wie im Voraus befürchtet - ziemlich ernüchtert wieder hinaus. Ausser den drei Stuben und einzelnen Balken im Dachstuhl ist von historischer Substanz nichts sichtbar, geschweige denn spürbar. Die harten Böden fühlen sich verdächtig nach Beton oder zumindest Zementüberzügen an. Da das Haus mit dem Nachbarschulhaus 1965/66 just im Bereich der Gebäudetrennwand durch ein halbgeschossweise versetztes Treppenhaus verbunden wurde, ist dort mit einem grossen Verlust an historischer Bausubstanz zu rechnen. Nebst den Wohnräumen in Ecklage, die jetzt als Lehrerzimmer und Büros genutzt werden, befinden sich nur noch Toilettenanlagen, Garderoben, Kopierräume und Korridorflächen im Haus.


    Eine kurze Beschreibung der aktuellen mutmasslichen Rohbausubstanz:

    Den Keller selbst besichtigte ich nicht. Gemäss Fotos und Plänen bestand ein solcher bereits vor dem Umbau von 1899/1900.
    Der Erdgeschossfussboden wurde schon beim Umbau 1899/1900 tiefer gesetzt. Dieser blieb beim Umbau zum Schulhaus 1965/66 wohl bestehen. Die beiden gassenseitigen Aussenwände aus Bruchstein wurden ebenfalls 1899/1900 durch Backsteinwände ersetzt.
    Die originale Balkendecke über dem Erdgeschoss könnte noch existieren. Ein Eingriff fand aber 1965 mindestens im Bereich des Treppenhauses statt.
    Die ursprüngliche Decke des 1. Obergeschosses existiert wohl nur noch im Bereich der Stube. In Küchen und rückwärtigen Räumen sind die Decken der 1. Obergeschosse im 15. Jahrhundert oft sehr dürftig erstellt worden. Dies hängt wohl mit ihrer Lage auf halber Höhe der Wandständer zusammen, wo es keine durchgehenden Rähme als saubere Auflager gibt. Zudem mussten sie oft Rauchfänge in den Küchen tragen und waren Feuchtigkeit ausgesetzt. Von daher und auch infolge der modernen Treppenläufe, Sanitäranlagen und dem Verschliessen der ursprünglichen Treppenöffnungen darf man annehmen, dass nur noch über der Stube die originale Decke besteht.
    Die Decke über dem 2. Obergeschoss bildet zugleich auch die starke Auskragung des 3. Obergeschosses. Aus statischen Gründen wird man deshalb beim letzten Umbau soviel wie möglich von der Balkenlage erhalten haben, auch wenn hier ein Substanzverlust infolge der modernen Treppenläufe erfolgte.
    Die Decke über dem 3. Obergeschoss ist konstruktiv mit dem Dachstuhl verbunden. Auch hier wird wohl nur aufgrund der modernen Treppenläufe ein Eingriff ins ursprüngliche Gefüge stattgefunden haben.
    Der Dachstuhl (zweigeschossiges Pultdach mit Mittelpfette und Halbwalm) ist noch vorhanden. Auch der ganz gegen Osten gerückte Aufzuggiebel ist noch integral erhalten, auch wenn keine Spuren der Aufzugsvorrichtung sichtbar sind. An der Unterseite der Mittelpfette gegen die Giebelfassade zeugen Stakenlöcher von einer einstigen Dachkammer, deren Fachwerkwände mit einem Lehm/Rutengeflecht verschlossen waren.
    Der Bestand originaler Substanz in der südlichen Haustrennwand zum Schulhaus hin ist schwer zu ermitteln. Es ist nicht einmal klar, ob beim Neubau seines Vorgängerbaus um 1870 Teile dieser Wand bereits ersetzt wurden. Diese hätten im 1. und 2. Obergeschoss wie die Nordfassade schief stehen müssen.
    Über die östliche Haustrennwand gegen Turmgasse 8 ist nichts bekannt.

    Zwischenwände: Die Grundrisse um 1900 zeigen relativ wenige tragende Zwischenwände auf:

    Turmgasse 6 Bürgerhaus Tafel 12
    Ansichten und Grundrisse in 'Das Bürgerhaus der Schweiz', Band 3, Berlin 1913, wahrscheinlich von Salomon Schlatter.

    Es muss beachtet werden, dass diese Grundrisse untereinander nicht massstäblich sind! Ebenso entsprach der Grundriss des 2. Obergeschosses nicht jenem des 3., sondern jenem des 2. Obergeschosses! Dies gibt das Ständergerüst, welches das 1. und 2. Obergeschoss konstruktiv zusammenfasst, vor. Erst im 3. Obergeschoss bemerkt man eine Verschiebung der Stubenrückwand gegenüber jenen in den unteren beiden Geschossen. Diese Verschiebung ist auch anhand der Position der Ständer an der Nordfassade ablesbar.

    Eine tragende Zwischenwand bildete die Rückwand der Stube im 1. Obergeschoss. Die restlichen Zwischenwände konnten nichttragend sein, auch wenn zwischen der Küche und Nebenkammer ein Gebinde der Fachwerkstruktur besteht. Heute existiert nur noch die Stubenrückwand.

    Der Grundriss des 2. Obergeschosses entsprach jenem des ersten. Über der Stube befand sich wohl eine (oder zwei) Schlafkammern, und über der Küche sass der Rauchfang. Ob hier noch originale Wände bestehen, kann nicht beurteilt werden. Möglicherweise ist die Rückwand der Schlafkammer(n) noch original erhalten, da sie genau über der Stubenrückwand darunter liegt.

    Im 3. Obergeschoss befanden sich zwei Stuben mit gewölbten Balkendecken. Die restliche Fläche war offenbar eine grosse Diele, von der vielleicht mittels Bretterwänden weitere Kammern abgetrennt waren. Die beiden Stuben sind heute vereinigt und ihre Rückwände um ein Balkenfeld nach Osten versetzt, sodass diese über die unteren Wände zu stehen kamen. Im 3. Obergeschoss besteht somit keine einzige historische Wand mehr.


    Die Stube im 1. Obergeschoss:

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    Man erkennt leicht, dass die Verlaufsrichtung der Balkendecke nicht mit den Balkenköpfen in der Seitenfassade links übereinstimmt. Auch der Unterzug ist an der Fassade nicht sichtbar.


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    Stube im 1. Obergeschoss mit Sicht auf den St. Laurenzen-Kirchturm und in die Turmgasse.

    Die Decke besteht aus zehn Balkenfeldern. Die Balken zeigen an ihrer Unterseite profilierte Vertiefungen. Nur der mittlere Balken ist mit einem gewundenen Stab hervorgehoben. In die Zwischenräume der Balken wurden Bohlen eingeschoben. Solche Decken heissen 'Bohlen-/Balkendecken'. Man erkennt an der Holzmaserung der vertieften Felder, dass es nicht Bretter sind, sondern Bohlen aus halbierten Baumstämmen. In der Mitte verläuft ein gefaster, sonst aber schmuckloser Unterzug. An der Nordwestecke (rechts) besteht noch der originale Eckständer mit einer breiten Abfasung. Sein Pendant links davon (siehe übernächstes Bild) ist eine Ergänzung von 1966. Nebst dem Tafelparkettboden aus dem 19. Jahrhundert ist keinerlei historische Bausubstanz sichtbar.


    Turmgasse 6 Stube Schlatter KBx
    Stube im 1. Obergeschoss. Tuschezeichnung um 1900 von Salomon Schlatter. Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Ausser den Wandverkleidungen entspricht die Zeichnung dem heutigen Zustand. Ganz markant liegt ein Stichbogen über den Fenstern. Dieser erinnert an die im 15. und 16. Jahrhundert oft gewölbten Bohlen-/Balkendecken. Diese bedingten aber eine zusätzliche Balkenlage für den Boden darüber. Bei mehreren Objekten (Kugelgasse 5, Spisergasse 29) konnte schon nachgewiesen werden, dass solche Decken später ausgebaut und in gerader Form höher wieder eingebaut wurden, wodurch der Raum höher und repräsentativer wurde. Könnte dies hier auch der Fall gewesen sein? Ein Profil mit stichbogigem Verlauf ist mir als reine Verzierung noch nie begegnet. Die Proportionen des Raumes erscheinen ungewohnt, was ein weiteres mögliches Indiz auf eine nachträgliche Veränderung der Decke ist.

    Anstelle der beiden Einzelfenster gegen Osten muss man sich ursprünglich ein fünf- oder sechsteiliges Reihenfenster bis an die Eckständer vorstellen, das dann im Seitenfenster seine Fortsetzung fand.


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    Mittlerer Deckenbalken mit gewundenem Stab, der vom wohl später eingebauten Unterzug durchstossen wird.


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    Der gewundene Stab mit Kehlen und Perlenketten weist weisse, grüne, rote und blaue(!) Farbreste auf.


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    Blick von der Treppenhaushalle im 1. Obergeschoss des Schulhaustrakts ins 1. Obergeschoss von Turmgasse 6. Die links angeschnittene Wand ist die Gebäudetrennwand, die sich bis 1965 nach rechts fortsetzte. Ob sie noch historische Substanz birgt, ist unklar. Hinter ihr befindet sich zudem die Südostecke der Stube.

  • Nein, das sind keine Fenster mit Sprossen in Aspik. Es sind gewöhnliche Zweifachverglasungsfenster mit zusammenschraubbaren Flügeln. Die Holzsprossen befinden sich im äusseren Flügel. Von innen sehen sie aber wie Fenster mit Sprossen in Aspik aus.

  • Die beiden Stuben im 3. Obergeschoss:

    Die beiden Stuben wurden beim letzten Umbau durch Herausnahme der Zwischenwand vereinigt. An der Form der beiden Bogenlinien erkennt man die einstigen Stuben, die voneinander wahrscheinlich durch eine Bohlenwand getrennt waren:

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    Die vereinigten Stuben mit Blick auf die St. Laurenzenkirche.

    In die Fehlstelle zwischen den beiden Decken wurde ein den historischen Balken entsprechender Balken eingebaut. An der Breite der Fehlstelle kann man bestimmen, ob hier einst nur eine Bretter-, Bohlen- oder Fachwerkwand bestand. Aus statischen Gründen kommt eine Bretterwand nicht in Frage, und bei einer Fachwerkwand müsste die Fehlstelle breiter sein als bei einer Bohlenwand. Deshalb vermute ich Letzteres. Damals erst wurden auch die beiden Reihenfenster rekonstruiert, wo bis anhin zwei hohe Einzelfenster bestanden.

    Die beiden Decken sind gewölbt, wobei die jetzt vereinigten Decken eine merkwürdige Form einnehmen. Beiden scheint am Rand ein Feld zu fehlen, was die asymmetrische Form erklären würde. Tatsächlich fehlt links ein ganzes Feld, das in der Haustrennwand verschwunden ist. Die rechte Decke besteht aber noch vollständig, wobei die asymmetrische Bogenform durch eine Senkung in die Fassadenmitte verursacht wurde. Der Boden und die rekonstruierten Reihenfenster liegen waagrecht, was den schiefen Eindruck der Decke noch unterstreicht.

    Tatsächlich findet man auch auf einer Fassadenansicht dieselben Setzungen:

    Turmgasse 6 west entz
    Entzerrter Ausschnitt aus der Reklamepostkarte oben mit Eintragung sichtbarer Fachwerkkonturen.

    [...]
    Bemerkenswert sind auch die Durchbiegungen am 2. und 3. Obergeschoss.

    Die beiden Balkenköpfe über dem 3. Obergeschoss (hier noch mit den Einzelfenstern aus dem 19. Jahrhundert) zeigen genau dieselbe schiefe Lage gegen die Fassadenmitte hin. Die Durchbiegung scheint schon im 2. Obergeschoss zu beginnen und wurde dann durch die unklar konstruierte Auskragung noch unterstützt.

    Ich schliesse daraus, dass die Schwelle der giebelseitigen Auskragung lediglich auf den beiden Balkenköpfen an den Enden auflag und sich in der Mitte somit durchbog. Nun war aber die mutmassliche Bohlenwand zwischen den Stuben nicht nur im Bundständer der auskragenden Giebelwand verankert, sondern sie lag auch auf der Aussenwand des 2. Obergeschosses auf. Darunter wird sich schon immer ein Fenster befunden haben, und falls die Gefache des 2. Obergeschosses aus Bohlen bestanden, hätte sich hier ein grosses Setzmass ergeben. Dasselbe würde auch bei Lehm-/Flechtwerkausfachungen passieren; diese würden samt allen horizontal liegenden Balken bei Überlastung durchbiegen. Man muss auch beachten, dass ein grosser Teil des Dachstuhls samt Halbwalm ebenfalls auf der auskragenden Giebelwand lastete.

    Das ganze tönt jetzt kompliziert, aber es wiederspiegelt die heikle Statik eines Fachwerkbaus, insbesondere wenn diese durch Umbauten und Aufstockungen verändert wird. Die Besichtigung der Stuben und des darüber liegenden Dachstuhls hat geholfen, diese Zusammenhänge vor Ort zu verstehen. Natürlich braucht es auch die Kenntnis analoger Bauten und Bauteile, damit mutmassliche Rückschlüsse getätigt werden können.

    Nun aber wieder zurück zu den Stuben:

    turmgasse 6 3.og 04.03.2026 5816x
    Nördliche Stubendecke gegen die Rückwand.


    turmgasse 6 3.og 04.03.2026 5814x
    Südliche Stubendecke gegen die Rückwand.

    Heute liegen die Decken rückseitig auf einem verkleideten Unterzug, in dem sich möglicherweise noch die oberste Bohle erhalten hat. Bohlen-/Balkendecken waren nicht nur an ihrer Längsseite in die Bohlenwände eingenutet, sondern auch an ihren Enden. Damit beim Umbau die gewölbte Form der Decken erhalten blieb, müsste die Bohle also hinter der Verkleidung noch existieren.

    Genau genommen handelt es sich hier aber um zwei Bretter-/Balkendecken, denn gemäss der Holzmaserung bestehen zwischen den Balken Halbrift- und Seitenbretter. Dies im Gegensatz zur Bohlen-/Balkendecke im 1. Obergeschoss:

    In die Zwischenräume der Balken wurden Bohlen eingeschoben. Solche Decken werden 'Bohlen-/Balkendecken' genannt. Man erkennt an der Holzmaserung, dass es nicht Bretter sind, sondern Bohlen aus halbierten Baumstämmen.

    Bei Bohlen ist oft das Herz eines Stammes sichtbar, was im 3. Obergeschoss nicht der Fall ist.

    Die Rückwand wurde 1965/66 um einen halben Meter nach hinten versetzt, damit sie statisch auf die unteren Wände zu stehen kam. Jedenfalls zeigen die Befunde klar, dass die Grundrisse in 'Das Bürgerhaus der Schweiz' exakt gezeichnet sind: zwei gleichgrosse Stuben mit achtfeldrigen Bretter-/Balkendecken, deren Rückwände gegenüber der Wand darunter verschoben waren. Wie die Stube im 1. Obergeschoss dürften auch diese beiden Stuben einst komplett aus Bohlenwänden bestanden haben.


    Vergleichbare Stuben aus derselben Zeit wurden an der Schwertgasse 23 dokumentiert und restauriert. Der Erhaltungsgrad an Originalsubstanz ist dort mit 95% aussergewöhnlich hoch! Der Kernbau mit einer komplett aus Bohlen gezimmerten Stube und Nebenstube im 1. Obergeschoss wurde 1529 als zweigeschossiger ausgemauerter Fachwerkbau errichtet. Die Bohlen der Stuben erhielten aussen beim Bau eine Vormauerung mit hochkant liegenden Backsteinen, sodass eine gleiche Optik wie bei den voll ausgemauerten Fachwerkpartien entstand.

    Das Baudatum für Turmgasse 6 wird mit 1523 angegeben, auch wenn ich vermute, dass dieses Datum nur für das 3. Obergeschoss und das Dach zutrifft. So können die Stuben im 3. Obergeschoss durchaus mit jenen an der Schwertgasse verglichen werden. Einziger Unterschied: Bei Schwertgasse 23 sind es Bohlen-/Balkendecken, und die Decke der Nebenstube ist flach. Bei Turmgasse 6 sind es Bretter-/Balkendecken. Wie komplex die dazu erforderlichen Verbindungen aussehen, kann man in folgenden Detailskizzen sehen:

    Schwertgasse 23 Details 1. OG farbig
    Schwertgasse 23, 1. Obergeschoss, Detailskizzen zu den Bohlenstuben:
    A = Aussenansicht des Kreuzstockfensters der Nebenstube, D = Ansichten der Verbindungstür, a = Schnitt durch das Kreuzstockfenster der Nebenstube mit eingenuteter Decke, b = Schnitt durch den Fenstererker der Hauptstube mit eingenuteter Decke, c = Schnitt durch das Seitenfenster der Hauptstube mit eingenuteter Decke, d = Schnitt durch die Verbindungstür mit eingenuteten Decken, unten Grundriss der beiden Stuben im Fassadenbereich.

    Noch eine kurze Bemerkung zu den Skizzen der Bohlen-/Balkendecken von Schwertgasse 23 (Schnitt c und d): Die Randbohlen einer Decke wurden meistens mit Brettern anstelle mit Bohlen ausgeführt, da sich diese besser mit den Wandbohlen verbinden liessen. Auch in der Mitte einer Decke wurde meistens ein Brett satt eingefügt, damit die Decke eine Spannung erhielt, was mit einer Bohle nur schwerlich gelänge.

  • Eigentlich müsste jetzt noch ein Abschnitt zum Dachstuhl folgen, doch der Zusammenhang der Bohlenstuben im 3. Obergeschoss mit der auskragenden Fachwerkkonstruktion gegen Westen weckte jetzt mein besonderes Interesse. Mir ist bis jetzt noch nicht klar, wie diese Auskragung funktioniert oder eben nicht funktionierte. Die Auskragung trägt auch das Gewicht es Daches mit. Heute scheint ein Eichenbalken oder eine verkleideter Eisenträger die Auskragung zu unterstützen, der mit der Fachwerkkonstruktion irgendwie verschraubt ist.

    Zum Dachstuhl sei soviel schon im Voraus festgehalten: Es handelt sich um ein zweigeschossiges Sparren-Pultdach mit Halbwalm, das auf einem einfach stehenden Stuhl (Mittelpfette) ruht. Der Stuhlpfosten im Giebeltrapez bildet zugleich die linke Kante des heutigen Fensters und reicht bis zur Unterkante der Giebelverschalung. Die Halbwalmfläche wurde um 1870 beim Neubau des Vorgängergebäudes des Schulhauses angehoben und auf gleiche Höhe gebracht. Die heutige Verschalung rührt erst von dieser Erhöhung her. 1965/66 blieb diese Dachfläche bestehen und ist somit ein Überbleibsel der Bauphase von 1870.

    Ein erster Rekonstruktionsvorschlag für die Giebelseite und nordwestliche Ecke basiert auf der entzerrten Postkartenansicht von 1900 und auf Analogien:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Westfassade
    1. Rekonstruktionsversuch für die Westfassade. Die mutmasslichen Bohlenausfachungen sind blass-rot eingefärbt. Diese müssten gemäss der Archivalie von 1523 von Anfang an mit Tonplatten verdeckt worden sein.

    Die in der Ansicht eingefärbten mutmasslichen Bohlen sollen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese einst sichtbar waren, so wie das bei Restaurierungen oft fälschlicherweise gemacht wird. Hier dient die Einfärbung lediglich der Visualisierung. In der Literatur ist die Rede von Bohlen, die mit Tonplatten zugedeckt waren.

    Erste Überlegungen erforderte die südliche Gebäudetrennwand zum Schulhaus, denn diese ist wohl um 1870 und 1965/66 verändert worden. Im 1. und 2. Obergeschoss müsste diese gleich schief stehen wie die nördliche Seitenfassade zur Turmgasse. Es ist möglich, dass diese beim Neubau um 1870 erneuert wurde, denn der Neubau erfolgte durch die Familie Schlatter, denen ja auch Turmgasse 6 gehörte. Bei der Auskragung des 3. Obergeschosses ist eine unklare Abdeckung eines Balkenkopfs erkennbar. Vermutlich kragte das 3. Obergeschoss innerhalb der Trennwand ebenfalls aus. Die Beobachtungen gehen mit der Einzeichnung einer schief stehenden Trennwand mit Auskragung auf.

    Der fünfteilige Fenstererker am 1. Obergeschoss beruht auf analogen Beispielen (Gallusstr. 29, Schmiedgasse 5, beide rekonstruiert). Die Gefache des 2. Obergeschosses bleiben vorerst leer, bis mehr Wissen zu diesen vorliegt. Generell ist in St. Gallen wenig über die Ausfachungsart der Aussenwände an Ständerbauten aus dem 15. Jahrhundert bekannt. In Frage kommen am ehesten Lehm-/Flechtwerkausfachungen oder dünnere Bohlen als bei den Stuben (ca. 9 cm anstatt ca. 14 cm). Entsprechend der Seitenansicht bestanden hier ursprünglich wohl ein Zwillingsfenster und zwei Brüstungspföstchen. An der Rückseite des Kernbaus von Löwengasse 4 aus der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts bestanden einige Brüstungspföstchen, die wohl noch auf die Bauzeit zurückgingen und dort somit Bohlen ausschliessen.

    Zur besseren Beurteilung über die Art und Weise der Auskragung des 3. Obergeschosses sind die auskragenden Bauteile mit Schatten versehen. Die Frage, ob die beiden Reihenfenster ursprünglich als Fenstererker ausgebildet waren, kann mit dem heutigen Kenntnisstand nicht beantwortet werden.


    Die Einfügung eines Schnittes durch die Stuben in die rekonstruierte Fassadenansicht hilft bei der Beurteilung der konstruktiven Zusammenhänge zwischen Bohlen und der Fachwerkkonstruktion:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Westfassade Bohlenstuben
    1. Rekonstruktionsversuch für die Westfassade. Gelb hineinkopiert sind die Schnitte durch die Bohlenstuben.

    Das Thema wäre sehr interessant, führte aber im Rahmen dieses Forums zu weit. Jedenfalls müssen die Schwundmasse von Bohlen mitberücksichtigt werden. Bohlen können statisch wie eine Tafel wirken, sofern sie mit Holznägel untereinander verbunden sind, so wie beim Blockbau üblich. In St. Gallen konnte ich jedoch noch nie Holznägel nachweisen und traf bei schiefstehenden Bohlenwänden immer Verschiebungen an. Die drei Bohlenseitenwände der Stuben im 3. Obergeschoss könnten eine Tafelwirkung entfalten und somit die Auskragung mittragen, aber nur solange die Fachwerkkonstruktion intakt bleibt. Das Schwinden der Bohlen und Feuchteschäden am Fachwerk liessen das System bereits versagen. Hier halfen mir vor allem die Resultate aus der Untersuchung von Schwertgasse 23 mit.

    Am 1. Obergeschoss nahm ich eine gewölbte Form der Decke an, auch wenn dazu kein Nachweis vorliegt, sondern lediglich das stichbogenförmige Zierprofil am Fenstersturz einen Hinweis dazu gibt.


    Schliesslich folgt zum Fassaden-/Schnittplan noch die Seitenansicht aus 'Das Bürgerhaus der Schweiz', wo die Bohlenstuben gelb hervorgehoben sind:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Westfassade Nordfassade Bohlenstuben
    Dieselbe Ansicht wie oben, aber in Kombination mit der Ansicht der Nordfassade aus 'Das Bürgerhaus der Schweiz'. Die Bohlenstuben sind gelb hervorgehoben.

  • Aufgrund der Ansichten im letzten Beitrag machte ich mir nochmals Gedanken, ob die unteren drei Stockwerke nicht doch vor 1523 erbaut wurden und aus jenem Jahr nur das 3. Obergeschoss samt Dachstuhl stammt:

    • Die giebelseitige Auskragung des 3. Obergeschosses ist konstruktiv eine Schwachstelle, was für zwei Bauetappen sprechen könnte.
    • Das 2. Obergeschoss wird traufseitig mit einem doppelten Rähm abgeschlossen. Solche sind in St. Gallen vor allem in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachgewiesen, kommen aber ab etwa 1450 nicht mehr vor. Ein ganz typisches Element des spätmittelalterlichen alemannischen Fachwerkbaus.
    • Die Dielenbretter über der Erdgeschossbalkenlage reichen bis an die Aussenfassade, wo sie sichtbar sind. Dies ist in St. Gallen bisher einmalig, aber ebenfalls ein ganz typisches Element des spätmittelalterlichen alemannischen Fachwerkbaus. Man erkennt dies nur auf der Fotografie von 1889 in diesem Beitrag bei maximaler Vergrösserung des Scans.
    • Die Fuss- und Kopfbänder an den ersten beiden Obergeschossen sind nicht besonders gross und haben einen Neigungswinkel von ca. 60°. Sie entsprechen jenen von Spisergasse 24 aus dem Jahr 1418. Bänder aus dem 16. Jahrhundert sind eher kürzer und schlanker.

    Ich hoffe, dass hier der Spruchbrief von 1523, der vom Neubau des Hauses handelt und die künftige Benutzung der gemeinsamen Haustrennwand mit dem Nachbar regelte, weitere Informationen enthält. Oft ist es eine Interpretationssache, ob von einem Neubau oder Umbau/Aufstockung gesprochen wird. Von diesem Spruchbrief und einem Zusatz von 1819 'die Verschraubung der Stuben betreffend' erhielt ich mittlerweile vom Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen Scans. Die Transkribierung wird aber einige Zeit in Anspruch nehmen.

    Turmgasse 6 Spruchbrief 1523 Ausschnitt
    Spruchbrief von 1523, Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

    Turmgasse 6 Spruchbrief 1819
    Spruchbrief von 1819, Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.


    Verkleidung der Bohlenaussenseiten mit Tonplatten:

    Auf Schlatters Seitenansicht im vorangehenden Beitrag fällt auf, dass er bei allen Bohlenstuben die Brustriegelkette unterbrach und dort Riegel auf halber Geschosshöhe einzeichnete (im Baueingabeplan von 1899 ist dies nicht mehr der Fall). Dies dürfte tatsächlich so gewesen sein, wenn man die entzerrte Fotografie von 1889 mit den durchschimmernden Balken betrachtet:

    Ich vermute, dass hier auf die Bohlenwände dünne Bälkchen aufgenagelt und die Zwischenräume mit ebenfalls aufgenagelten Tonplatten versehen wurden. Nach dem Verputzen der Tonplatten unterschieden sich diese Partien nicht mehr vom restlichen Fachwerk. Dies ist eine frühe Form von vorgetäuschtem Fachwerk oder auch Scheinfachwerk (das ich gern 'Fakework' nenne, auch wenn es den Begriff in der Kunstgeschichte nicht gibt). Darunter fällt auch aufgemaltes Fachwerk, wie beispielsweise solches aus dem 17. Jahrhundert auf den Seitenwänden der Nebenstube von Schwertgasse 23 oder bei Buchstr. 35, wo ein Blockbau von 1613 bei der Aufstockung eines Fachwerkgeschosses im 17./18. Jahrhundert kurzerhand mit aufgemaltem Scheinfachwerk angepasst wurde.

  • Der Dachstuhl:

    Nun konnte ich auch das Innere [des Hauses] besichtigen und kam am Schluss - wie im Voraus befürchtet - ziemlich ernüchtert wieder hinaus. Ausser den drei Stuben und einzelnen Balken im Dachstuhl ist von historischer Substanz nichts sichtbar, geschweige denn spürbar.

    Eigentlich müsste jetzt noch ein Abschnitt zum Dachstuhl folgen

    Bei meinem Besuch des Hauses vor gut zwei Wochen vergass ich, dass es noch ein 2. Dachgeschoss gibt, den Spitzboden. Dort befindet sich auch der Halbwalm. Das war der wahre Grund, weshalb ich dieses Kapitel übersprang. :wink:

    Eine Deckenluke dahin gibt es nicht, sodass - wenn überhaupt - ein Zugang vom Estrich des Schulgebäudes her erfolgen müsste. Also bemühte ich letzten Montag den Schulhauswart nochmals, der sichtlich Freude daran hatte, 'sein' Schulhaus von der geschichtlichen Seite her kennenzulernen.

    Doch die Enttäuschung im Estrich war im ersten Moment wiederum gross - zwischen beiden Dachstühlen besteht eine gemauerte Wand ohne Durchgang. Ganz rechts war versteckt über der Wäschehänge aber ein kleines Loch sichtbar, das einst für eine Elektroleitung herausgeschlagen wurde. Und prompt waren dahinter russgeschwärzte Balken um den einstigen First sichtbar, die sich noch nicht genau zuordnen liessen. Jedenfalls musste dies eine Partie über dem Treppenhaus sein:

    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5847
    Nordwand (Haustrennwand) im Estrich des Schulgebäudes.


    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5874
    Zwei russgeschwärzte Balkenköpfe im ehemaligen Firstbereich von Turmgasse 6, die wohl zur Bauphase von 1523 gehören.

    Trotz dieses kleinen Fundes verliess ich abermals ernüchtert den Estrich. Doch in einer Ecke des Treppenhauses fand sich eine weitere Tür, deren Raum dahinter der Schulhauswart selber noch nie betrat.

    Und schon befanden wir uns in einem kleinen bauforscherischen Paradies, was meine Stimmung um 180° wendete... Doch schön der Reihe nach:


    1. Dachgeschoss:

    Wie bereits in früheren Beiträgen erwähnt, handelt es sich um ein klassisches zweigeschossiges Sparren-Pultdach, das auf einem einfach stehenden Stuhl (Mittelpfette) ruht. Gegen Westen schliesst es mit einem Halbwalm ab, während im Osten ein Aufzugsgiebel über die Traufe stark auskragt. Der Dachstuhl besteht aus vier Bindern, die mit dem Grundriss des 3. Obergeschosses korrespondieren. Die Pfosten sind mit angeblatteten Fuss-, Kopf- und Steigbändern verstrebt. Die Sparren sind mit den Decken- und Kehlbalken ebenfalls verblattet. Die Ausbildung am First ist noch unklar, ebenso auch die Konstruktion der zweigeschossigen Südwand darunter (geschossweise Abzimmerung oder zweigeschossige Ständerbauweise).

    In Satteldächern konnten solche Dachstühle in St. Gallen schon mehrfach dokumentiert und in die Jahre ab 1450 dendrodatiert werden (Goliathgasse 19 und 21, Kugelgasse 5, Schmiedgasse 28a). Pultdächer unterscheiden sich von der Konstruktionsweise von Satteldächern nicht grundsätzlich und können daher baugeschichtlich verglichen werden. Vereinzelt kommt die Konstruktionsweise mit markanten Verblattungen noch bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts vor (Multergasse 3).

    Auch wenn die jetzt folgende Bilderreihe für den Laien nicht besonders interessant sein mag, folgt sie dem Verlauf der Mittelpfette, die Wesentliches zur Abzimmerung des Dachstuhls preisgibt:

    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5820
    Westlicher Raum im 1. Dachgeschoss (gegen St. Laurenzen).

    Die Mittelpfette beginnt in der Giebelfassade und überspannt einen ausgebauten Dachraum bis zur Treppenhauswand. Gegen das starke Durchhängen sind 1966 zwei Streben eingebaut worden. An der Unterseite zeugen Stakenlöcher von einer ehemaligen Fachwerkwand mit Lehm-/Flechtwerkfüllungen. Zudem sind die Blatteinschnitte zweier Kopfstreben sichtbar:

    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5817
    Mittelpfette bei der Giebelfassade mit dem Einschnitt eines Kopfbuges und Stakenlöchern einer ehemaligen Fachwerkwand.

    Im Bereich der inneren Strebe und des Blatteinschnittes zeugt ein Zapfenloch von einem ehemaligen Pfosten. Dieser stand auf der Rückwand der Bohlenstuben und zeigt somit die Lage eines Dachbinders an. Beim Abbund der Balken wurde die Lage des Zapfenlochs für den Pfosten ins Holz eingeritzt, anstatt mit einem Rötel markiert. Hier endet auch die Stakenlöcherreihe, womit der Pfosten zugleich auch die Ecke einer einstigen Dachkammer bildete:

    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5818
    Innere Strebe mit Kopfbugeinschnitt und Zapfenloch samt Einritzung eines Pfostens.


    Der Luftraum des Treppenhauses reicht bis ins 2. Dachgeschoss hinauf:

    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5825
    Treppenhaus im 1. Dachgeschoss mit ins 2. Dachgeschoss reichendem Luftraum.

    Hier verläuft die Mittelpfette hinter einer Verkleidung oberhalb der Einbauschränke weiter. Zwischen dem mittleren und rechten Schrank müsste sich bis 1965/66 ein weiterer Stuhlpfosten (und damit ein weiterer Dachbinder) befunden haben. Die Kehlbalken fehlen. In den Hohlraum oberhalb der Decke müsste der Blick durchs Loch in den ersten beiden Bildern geführt haben. Die linke Tür führt in den vorhin beschriebenen Raum, und die rechte in den Raum mit dem Aufzugsgiebel:

    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5821xsw
    Östlicher Dachraum mit Blick in den Aufzugsgiebel.

    Rechts über der Eckverschalung besteht ein weiterer Blatteinschnitt einer einstigen Kopfstrebe. Bemerkenswert für mich sind die drei kleinen Einschnitte in beiden Kehlbalken oben sowie in der Mittelpfette. Diese stammen wahrscheinlich von der ehemaligen Aufzugsvorrichtung.


    turmgasse 6 1.dg 04.03.2026 5822
    Entgegengesetzter Blick zum Luftraum der Dachkammer.

  • 2. Dachgeschoss:

    Das 2. Dachgeschoss besteht als nutzbarer Raum nur noch über der westlichen Dachkammer. In der Mitte bildet es seit 1966 die Lufträume über dem Treppenhaus über dem östlichen Raum mit dem Aufzugsgiebel. Zum Raum über der westlichen Dachkammer schrieb ich im letzten Beitrag:

    Und schon befanden wir uns in einem kleinen bauforscherischen Paradies, was meine Stimmung um 180° wendete


    Die folgenden Bilder wiederspiegeln die Arbeit eines Bauforschers auf seiner Entdeckungstour - die Augen immer im 360°-Modus:

    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5881
    Estrichraum im 2. Obergeschoss über der westlichen Dachkammer. Die Zugangstür befindet sich in der Haustrennwand.

    Nach dem Durchschreiten der Zugangstür zum Estrichraum findet man sich plötzlich von sehr altertümlicher Bausubstanz umgeben - und zeitlich wahrscheinlich exakt 503 Jahre zurück versetzt! Das Gefühl, Jahrhunderte zurück versetzt zu sein, überkommt einen hier viel mehr als in einem perfekt restaurierten Raum aus derselben Zeit. Der Geruchsmix aus altem Holz, Staub und Russ - in einem aufgeräumten Estrich eigentlich immer ein guter - sowie Spinnenweben tragen das Ihre dazu bei.

    Das Bild zeigt die Innenseite der Haustrennwand in Richtung Osten, mit dem Rücken zum Halbwalm, und im Hintergrund die Ziegelwand des Treppenhauses von 1965/66 (hinter der grauen Fläche oben befindet sich der Hohlraum über dem Treppenhaus, in welchen man durch das Loch in den ersten beiden Bildern im letzten Beitrag hineinblickt). Die beiden unteren Gefachfelder beidseits der Strebe weisen einen Verputz auf, der wahrscheinlich noch von 1523 stammt. Unter der Rotfassung der Balken und den Begleitbändern auf dem Verputz besteht noch eine ältere graue Fassung mit schwarzen Begleitlinien.



    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5883
    Blick auf die Haustrennwand in Richtung Halbwalm.

    Die Wandpartie rechts des Pfostens mit der Strebe zeigt einen andern Verputz und nur weisse Kalkanstriche, auch auf den Balken. Der Kniestock unter dem Halbwalm ist die Partie, die an der Aussenseite mit einem Leistenschirm verschalt ist.

    Ganz spannend war natürlich der Blick ins offene Gefach nach unten, wo es zwischen der Ziegelwand von 1965/66 und der Fachwerkwand etwa zwei bis drei Geschosse in die Tiefe geht. An der Aussenseite prangen immer noch die Dachpappenbahnen, die beim Abbruch des Nachbarhauses als Schutz angebracht wurden. Auch wenn dadurch die historische Bausubstanz verdeckt ist, stimmt der Blick zuversichtlich, dass sie mindestens bis ins 3. Obergeschoss hinunter noch erhalten ist.



    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5891
    Das Ende der Firstpfette, wo der Halbwalm beginnt.

    Im Bereich dieser Fachwerkwand befindet sich auch der Übergang vom First zum Halbwalm. An einem Punkt treffen sieben Balken aus drei Bauetappen aufeinander! Wie sich bei der baugeschichtlichen Auswertung ergab, reichte die Firstpfette ursprünglich über ein Sparrenfeld weiter nach rechts. Die Halbwalmfläche wurde 1870 also nicht nur an ihrem Fuss angehoben, sondern auch ihre obere Spitze um ein Sparrenfeld nach Osten verschoben. Seither liegt sie viel flacher als die Ursprüngliche und nahm die Dachschräge des Neubaus von 1870 auf.

    Die Brettertafeln, die oben fast bis zur Firstpfette hinauf reichen, sind auf dem übernächsten Bild ganz zu sehen.



    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5878
    Gratsparren des Halbwalms.

    Die linke Dachfläche ist der Halbwalm von 1870 über dem zeitgleichen Kniestock, der aussen mit einem Leistenschirm verkleidet ist. Die ursprüngliche Halbwalmfläche von 1523 lag auf dem Balken auf Bodenhöhe auf. Die rechte Dachfläche ist die Pultdachfläche von 1523.



    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5885
    Grisaille-Malerei auf einer Brettertafel zwischen zwei Sparren.

    Diesen Blick erhält man als Erstes, wenn man den Estrichraum betritt... die Malerei zeigt frühbarocke Züge und entstand wohl im 17. Jahrhundert.



    turmgasse 6 2.dg 16.03.2026 5887
    Fuss der Brettertafel, wo die Malerei auf ein kleines Mauerstück übergeht.

    Der Künstler muss diese Fläche bei schlechten Lichtverhältnissen und am Boden liegend bemalt haben. Sparren, Brettertafel und das verputzte Mauerstück gehören zusammen und liegen in situ, was man am grauen Begleitband mit schwarzem Filet (Begleitlinie) erkennen kann. Das Mauerfeld liegt auf der Mittelpfette darunter. Die graue Farbe überzieht auch die Sparren, wo in den Nachbarfeldern Konturen weitere entfernte Brettertafeln bezeugen. Die Sparren sind später im oberen Bereich rot überstrichen worden, so wie auch die Balken der Fachwerkwand gegenüber.

    Die Fehlstelle rührt wahrscheinlich von einem entfernten Balken her, der bei der Bemalung bereits vorhanden war und später entfernt wurde. Das graue Begleitband mit schwarzem Filet berücksichtigte diesen Umstand. Just darunter befand sich die Ecke der Dachkammer mit den Lehm-/Flechtwerk-Fachwerkwänden und könnte damit in einem Zusammenhang gestanden haben.


    Turmgasse 6 Haustrennwand Halbwalm farbig
    Skizze zur Dokumentation der baugeschichtlichen Beobachtungen. Rot = 1523, blau = 1870, grün = 1965/66.

    Bei so vielen baugeschichtlichen Hinweisen innerhalb eines Raumes ist es unerlässlich, noch gleichentags eine Skizze davon anzufertigen. Auch wenn mit Fotos alles festgehalten wird, so gibt es oft Details, die nicht mit abgelichtet wurden oder in einem Schatten lagen. Darstellungsmässig kann eine solche Skizze noch einige Ungereimtheiten enthalten (gestrichelte Linien für drei unterschiedliche Aspekte wie verdeckte, angenommene Bauteile, Farbkonturen und rekonstruierte Bauteile sowie die korrekte Darstellung der geschnittenen Sparren oben, die hier wie eine Balkenlage aussehen). Hauptsache ist, dass eine solche Aufnahmeskizze als Erinnerungshilfe gemacht wird!


    Beim Rundgang durch das Haus konnten nun so viele Informationen beschafft werden, die genügend Anhaltspunkte für einen isometrischen Rekonstruktionsversuch des Fachwerkgefüges des 3. Obergeschosses und des Dachstuhls enthielten:

    Turmgasse 6 Dachstuhl
    Isometrischer Rekonstruktionsversuch des 3. Obergeschosses und Dachstuhls im Zustand von 1523. Rot = zugehörige Dachkanten, grün = rückwärtige Aussenkanten der Balkenlage für das 3. Obergeschoss, blau = heutige Halbwalmfläche mit Kniestock von 1870.
    (Spitzfindiges Detail: Bei einer Weiterbearbeitung müssten die grünen Linien durch eine andere Farbe ersetzt werden, da grün in der vorangehenden Wandansicht bereits für die Bauphase von 1965/66 verwendet wird.)

    Der besseren Übersichtlichkeit halber sind einzelne Sparren, Decken- und Kehlbalken nicht vollständig eingezeichnet. Dasselbe gilt auch für die Südwand und alle Streben in Wänden und Dachstuhl. Die Holzverbindungen im Schwellenkranz und die Verbindung der Sparren mit den Decken- und Kehlbalken sind in diesem kleinen Massstab noch nicht eingezeichnet.


    Turmgasse 6 Dachstuhl farbig
    Isometrischer Rekonstruktionsversuch des 3. Obergeschosses und Dachstuhls im Zustand von 1523 mit eingefärbten Dachflächen. Die Lage der dekorativ bemalten Brettertafel ist lila markiert.

    Werden die Dachflächen transparent eingefärbt, wirkt die Isometrie bereits anschaulicher.

  • Damit man das Dach auch mal von aussen sieht, bietet sich ein Bild vom Sommer 2025 in Markus' Galerie mit Ansichten vom benachbarten St. Laurenzen-Kirchturm aus an:

    st_laurenzen_rundblick_16_P1320312_turmgasse_6.jpg

    Der Blickt fällt auf das Dach von Turmgasse 6 in Richtung Osten. Rechts benachbart folgt der Schulhausneubau von 1965/66. Das 'Durchblickloch' auf den ersten beiden Bildern des vorletzten Beitrags befindet sich unter dem unteren Ende des rot gestrichenen Blechstreifens im oberen Bildbereich. Der Blechstreifen ist die Firstabdeckung des Pultdachs. Die Bilder aus der Dachkammer im letzten Beitrag entstanden im vorderen Bereich der Dachflächen mit dem Walmgrat. Auf dem Bild erhält man auch eine Vorstellung der Lage der Haustrennwand, die vom Blechstreifen bis zur vorspringenden Seitenwand des Schulhauses reicht.


    Nun kann man die Isometrie weiter ausreizen, indem man die wesentlichen Befunde oder die beschriebenen Räume einzeichnet. Weiter könnte man auch die unteren drei Geschosse ergänzen. Die einzelnen Geschosse könnten auch wie in einer Explosionszeichnung auseinandergezogen werden, sodass man in jedes einzelne Geschoss einen besseren Einblick erhielte. Doch vorher müsste die Isometrie mit leicht veränderten Winkeln nochmals neu angefertigt werden, da mit den jetzt gewählten Ansichtswinkeln zu viele Ost-West-verlaufende Balken hintereinander zu liegen kommen.

    In die folgende Isometrie sind nun mehrere beschriebene Ergebnisse eingetragen:

    - gelb die beiden Bohlenstuben im 3. Obergeschoss (mit den gewölbten Balken-/Bretterdecken)
    - grün das heutige Treppenhaus
    - lila die einstige Dachkammer im 1. Dachgeschoss (mit den Fachwerkwänden mit Lehm-/Flechtwerkfüllungen)
    - blau-lila die dekorativ bemalte Bretttafel im 2. Dachgeschoss
    - Plan mit der Haustrennwand im 2. Dachgeschoss.


    Turmgasse 6 Dachstuhl Raummodell 1
    Isometrischer Rekonstruktionsversuch des 3. Obergeschosses und Dachstuhls im Zustand von 1523 mit farbig eingetragenen Räumen und Befunden.

    Das Treppenhaus (grün) passt als einziges Element nicht in die Fachwerkstruktur des 3. Obergeschosses. Von der Breite her hätte es genau zwischen den beiden Bindern ein Balkenfeld weiter rechts Platz gehabt. Dafür wurde es zwischen die beiden Bundständer des 1. und 2. Obergeschosses eingepasst, die auf einem andern Grundrissraster stehen als das 3. Obergeschoss. Das heutige Treppenhaus ist in der folgenden, weiter oben bereits gezeigten Ansicht nun auch eingetragen:

    Turmgasse 6 Rekonstruktions 1 Westfassade Nordfassade Bohlenstuben Treppenhaus
    1. Rekonstruktionsversuch der Westfassade und die Nordfassade (Bürgerhaus) mit den eingetragenen Bohlenstuben und dem Treppenhaus.

    Man sieht nun auf den letzten beiden Ansichten, weshalb 1965/66 die beiden Bohlenstuben im 3. Obergeschoss um das weisse Zwischenfeld vergrössert wurden, da sonst ein gangähnlicher Raum übrig geblieben wäre.


    Die Isometrie oben ist nun mit Farben ziemlich überladen, weshalb dieselbe Ansicht ohne Einfärbung der Dachflächen folgt:

    Turmgasse 6 Dachstuhl Raummodell 2
    Isometrischer Rekonstruktionsversuch des 3. Obergeschosses und Dachstuhls im Zustand von 1523 mit farbig eingetragenen Räumen und Befunden.

    Das Haus würde sich als Demonstrationsobjekt für die Darstellung und Erläuterung der Fachwerkbauweisen im 15. und frühen 16. Jahrhundert bestens eignen, da es auf kleinem Grundriss viele Elemente wie Bohlenstuben, Halbwalm, Aufzugsgiebel etc. besitzt, die sich alle innerhalb eines klaren Grundgerüsts einfügen.

    Hier möchte ich die baugeschichtliche Betrachtung von Turmgasse 6 aber unterbrechen, bis ich die beiden Spruchbriefe von 1523 und 1819 (siehe hier) transkribiert habe. Auch möchte ich zuerst die beiden 'Urtypen' von Wandständerbauten aus dem 15. Jahrhundert in St. Gallen vorstellen, die man bei Umbauten und bauhistorischen Untersuchungen immer wieder antrifft (siehe Karte im ersten Beitrag dieses Stranges). Ebenso folgt ein Beitrag über die (nur fünf!) bekannten Halbwalmdächer und auch über die Pultdächer in der Altstadt.

  • Nun habe ich doch noch ein Detail entdeckt, das im Zusammenhang mit dem Spruchbrief von 1819 in Zusammenhang stehen könnte und deshalb hier noch festgehalten werden soll. Es unterstützt auch meine Vermutung, dass die Bohlen-/Balkendecke der Stube im 1. Obergeschoss ursprünglich gewölbt war:

    Im Eckständer auf dem ersten Bild im Zitat sitzt ganz oben ein kleiner Flick. Im ersten Moment erschien er mir als Indiz für eine einst gewölbte Form der Decke, aber er schien mir zu weit oben zu liegen, sodass die gewölbte Form zu gering wäre. Gegen eine gewölbte Decke spricht auch, dass sie die Zierfase im Eckständer beinahe berühren würde. Auf folgendem Bild sieht man den Flick besser:

    turmgasse 6 1.og 04.03.2026 5808
    Nordwestlicher Eckständer in der Stube im 1. Obergeschoss.

    Nun hilft aber das Wissen, wie eine solche Decke genau konstruiert ist, weiter. Jedenfalls ist mir auf der Rekonstruktionsansicht der Westfassade mit den hineinkopierten Bohlenstuben aufgefallen, dass ich dort die Decke zufällig bereits auf Höhe dieses Flicks und auch in seiner schrägen Lage eingezeichnet hatte:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Westfassade Bohlenstuben Markierung
    1. Rekonstruktionsversuch für die Westfassade. Die Lage des Flicks im Eckständer ist grün markiert.

    Zuäusserst an einer Bohlen-/Balkendecke ist meistens ein Brett anstelle einer Bohle angebracht. Dieses ist jeweils längs in die Bohlenwand und in den ersten Deckenbalken eingenutet (wahrscheinlich ist ein Brett leichter mit einer Bohlenwand zu verbinden als eine Deckenbohle). Beim Schwinden der Wandbohlen in den ersten Jahren nach der Erbauung macht das Brett diese Bewegung nach unten mit. Der Eckpfosten hingegen bleibt in seiner Position, weshalb dieses Brett nicht in den Ständer genutet sein darf, da es sonst reissen würde. Und tatsächlich sieht man, dass das äusserste Brett der Decke genau in der Verlängerung der Seitenfläche des Eckständers gerissen ist! Weshalb und ob hier aber das Brett doch in den Ständer eingenutet war, bleibt offen. Bei der Höherversetzung der Decke konnte das Brett dann wieder gerade eingebaut werden. Vielleicht gibt der Spruchbrief von 1819, der von der 'Verschraubung der Stuben' handelt, mehr preis.

    In den Detailskizzen zu den beiden Stuben in Schwertgasse 23 (am Schluss dieses Beitrags samt Beschreibung) sieht man dieses Detail ebenfalls so. In keinen der Eckständer waren die Randbretter eingenutet und konnten sich so frei bewegen.

  • Die Archivalie von 1819 liess sich leichter transkribieren als anfänglich gedacht. Es handelt sich nicht um einen Spruchbrief, da in ihm kein Urteil oder Entscheid festgehalten ist. Er ist vielmehr eine Information für künftige Hausbesitzer, wie das Haus 1813 ans Nachbarhaus angebunden wurde und was bei künftigen Bauarbeiten beachtet werden muss.

    Turmgasse 6 Spruchbrief 1819
    Archivalie in den Hausbriefen von Turmgasse 6 im Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

    "Zur Nachricht eines jeweiligen Besizzers des Ekhauses hinter dem St. Lorenzen thurn, welches unten den Kaufladen hat, u mit der breiteren Seite gegen Speisergass steht, sey hiemit angezeigt, dass dieses Ekhaus, beym Bau unsers neuen Hauses daneben Anno 1813. Zur Befestigung dieses alten Hauses, dasselbe, mit mehreren eisernen Bändern u. Schrauben an das Neue Haus befestiget wurde. Sollte nun dieses alte Haus früher oder später gebaut oder abgerissen werden, so könnte das Neue durch gewaltsames Reissen beschädigt werden, wenn nicht vorher obbenante Bänder u Schrauben welche Schmid Haid auf dem Espen mit einem Schlüssel angeschrauben hat, aufgelöst würden. Die zwey Bänder auf der vorderen Seite gegen der Kirche im 2ten u dritten Stock sind von Aussen leicht zu sehen u los zu machen, daneben sind aber im 2ten Stock in der Kammer eine u auf der Laube auch eine starcke Schraube welche beyde Häuser zusammen hält, dann auch oben im Aufzug u in der Kammer wieder 2 Schrauben, welche mit grosser Kraft aufgeschraubt oder abgefeilt werden müssten, damit das Getäfel u die Gipsdecken im neuen Haus nicht durch gewaltsames Reissen Noth h[ä]tten. Ich war dabey als sie eingeschraubt wurden, werde schwerrlich dabey seyn wenn sie ausgeschraubt werden. Darum verfertigt diese Nachricht u bittet selbige zu den Briefen des Hauses zu legen, Eure Mutter

    Anna Schlatter-Bernet.

    St. Gallen d 6 Febr 1819."

    Nun muss man das Geschriebene interpretieren. Vor allem bin ich erstaunt, dass von einem Neubau des Nachbarhauses 1813 die Rede ist.

    Zur Familie Schlatter:
    Anna Schlatter-Bernet war die zweite Frau des Hektor Schlatter (1766-1842). Hektors Vater, Johannes Schlatter (1729-1813) war der Gründer des 'Kolonialwarengeschäfts Schlatter himterm Turm' und brachte das Haus 1764 für mehrere Generationen in Familienbesitz. Salomon Schlatter stand in der fünften Generation dieser Familie.

    Zum Nachbarhaus:
    Vor dem heutigen Schulhaus stand das um 1870 errichtete Vorgängergebäude, welches durch die Familie Schlatter erbaut wurde. Wahrscheinlich war Salomons Vater Theodor Schlatter, Zimmermeister, der Bauherr. Vor 1870 standen dort zwei Gebäude, die ebenfalls zeitweise(!) in Schlatterschem Besitz waren. Wenn das nördliche von ihnen tatsächlich 1813 neu gebaut wurde, wäre es bereits nach 57 Jahren wieder ersetzt worden.


    Nun ist es eine Interpretationssache, ob 1813 effektiv neu- oder nur umgebaut wurde. Wenn Anna Schlatter-Bernet weiter schreibt 'Sollte nun dieses alte Haus früher oder später gebaut oder abgerissen werden [...]', so kann man sich fragen, was mit 'gebaut' gemeint ist. Auf einen Abriss folgt doch ein Neubau; folglich könnte sie mit 'gebaut' auch 'umgebaut' gemeint haben. Also auch der Nachbarbau könnte 1813 nur umgebaut anstatt neugebaut worden sein. Diese Fragestellung stellt sich bei historischen Urkunden immer wieder. So bin ich auf den genauen Wortlaut im Spruchbrief von 1523 besonders gespannt.

    Eine weitere Interpretationssache ist der Begriff 'Stock'. Leider gibt es keine genaue Definition zu den Begriffen wie Stock, Stockwerk, Geschoss, Etage etc. Im Umgang mit regionalen Archivalien bin ich zu folgendem Schluss gekommen:
    1. Stock = Erdgeschoss
    2. Stock = 1. Obergeschoss
    3. Stock = 2. Obergeschoss usf.
    Wenn Anna Schlatter-Bernet schrieb 'Die zwey Bänder auf der vorderen Seite gegen der Kirche im 2ten u dritten Stock sind von Aussen leicht zu sehen u los zu machen', dann meinte sie wohl im 1. und 2. Obergeschoss. Tatsächlich sind auf der Ansichtskarte von 1900 zwei solche Bänder auf Deckenhöhe zu sehen, auch wenn rechts bereits der Neubau von 1870 steht, und nicht mehr der erwähnte Neubau von 1813:

    Turmgasse 6 west Ausschnitt
    Zwei Eisenbänder am rechten Eckpfosten halten Turmgasse 6 an den Neubau von 1870. Ausschnitt aus der hier beschriebenen Ansichtskarte.

    Ein näherer Blick aufs südliche Nachbarhaus Kugelgasse 17 ist angezeigt, da auch über dieses in der Literatur der letzten hundert Jahre immer wieder eine Fehlinterpretation abgeschrieben und weitergegeben wurde, bis in den aktuellen Online-Sammlungskatalog des Kulturmuseums St. Gallen.

  • Es ist ein besonderer Umstand, dass es diese Abbildung überhaupt gibt. Im Gebiet der heutigen, parallel zur Turmgasse verlaufenden Zeughausgasse bestand seit 1587 die sogenannte Freiheit, ein Asylbereich zwischen Kloster und Stadt für leicht Straffällige. Dieser war mit vier 'Freiheitssteinen' ausgewiesen. Eine Kopie eines solchen Steines hängt heute als östliche Begrenzung am Schlössli Spisergasse 42. Ein weiterer hing bis 1870 am Vorvorgängerbau von Kugelgasse 17, der heute im Arkadenhof des Kulturmuseums St. Gallen eingemauert ist. Anstelle des Vorgängerbaus von 1870 standen zwei Häuser, die in einzelnen Stockwerken ineinander übergriffen, was auch archivalisch belegt ist.

    Dies veranlasste wohl Karl Stähelin 1863 zu einer Zeichnung des Hauses:

    Kugelgasse 15:17 Karl Staehelin 1863 HVM
    'Stadt St. Gallen. Baustyl eines Wohnhauses im 16. Jahrhundert, mit einem Freiheitsstein.' Aquarellmalerei von Karl Stähelin 1863, Kulturmuseum St. Gallen.

    Nun gibt es eine weitere Malerei mit der Ansicht desselben Hauses, aber als Vorgängerbau von Gallusstr. 38 bezeichnet! Beide Ansichten sind in 'Die Baudenkmäler der Stadt St. Gallen', wo Salomon Schlatter das Kapitel über die privaten Wohnhäuser schrieb, abgebildet. Aber auch ihm ist dies offenbar nicht aufgefallen. Jedenfalls wird bis heute davon ausgegangen, dass die obere Abbildung das Haus an der Kugelgasse zeigt.


    Gallusstrasse 38 C. Elser 1863 KB
    Bernet'sches Haus an der Gallusstr. 38, dahinter Gallusstr. 40, das etwa 1855 erbaut wurde, nachdem 1839 der 'Grüne Turm' abgebrochen worden war. Gallusstr. 38 wurde um etwa 1870 durch die heutige 'Herberge zur Heimat' ersetzt. Aquarellmalerei von C. Elser 1863, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Dass beide Bilder dasselbe Haus zeigen, ist unbestritten. Das Fachwerk sieht bei Elser authentisch aus, was man bei Stähelin nicht sagen kann. Stähelin hat demnach wohl von Elser abgemalt. Dass die Ansicht Elsers sehr wahrheitsgetreu ist, zeigt links das an der Rückseite von Gallusstr. 40 (Haustrennwand) angedeutete Fachwerk. Das klassizistische Haus ist tatsächlich aus Fachwerk errichtet, aber schon bei seinem Bau um 1855 verputzt worden. Die Haustrennwand wurde wohl im Hinblick auf weitere, direkt anstossende Neubauten nur notdürftig verputzt und gekalktä, sodass das Fachwerk als Relief sichtbar blieb. Um 1870/71 verschwand dann dieses durch den heute noch erhaltenen Nachfolgebau von Gallusstr. 38.

    Stähelin hingegen betitelte seine Ansicht nur mit 'Stadt St. Gallen. Baustyl eines Wohnhauses im 16. Jahrhundert, mit einem Freiheitsstein', ohne aber eine Ortsangabe zu machen. Beide Male verwendete er den unbestimmten Artikel. Ich interpretiere das so, dass Stähelin ein altertümlich aussehendes Haus suchte, mit welchem er eine historisierende Situation bei der 'Freiheit' veranschaulichen konnte. Die Zuordnung an die Kugelgasse beruht wohl auf einer Überinterpretierung der Zeichnung. Auch sieht der linke Hausteil nicht nach einem Neubau (oder Umbau) von 1813 aus, wie es Anna Schlatter-Bernet in ihrem Spruchbrief schrieb. Gemäss einer Urkunde im Stadtarchiv waren die beiden Vorgängerbauten aber tatsächlich ineinander verzahnt, sodass eine Regelung erforderlich war. Eine Verzahnung von zwei Hausteilen bestand aber gemäss der Malerei bei Gallusstr. 38 ebenfalls.

    Heutige Ansicht von Gallusstr. 38 (Haus mit breitem Dreiecksgiebel) in einem sehenswerten Strassenpanorama:

    Google Maps
    Ort mithilfe eines 360°-Fotos kennenlernen.
    maps.app.goo.gl
  • (Am Rande) "Estrich" ist in der Schweiz etwas völlig anderes als in Deutschland, und lt. Wikipedia auch Österreich: nämlich der Dachboden (wie man es in Deutschland nennt). Für Deutsche ist das gewöhnungsbedürftig, denn die kennen Estrich als Zement-Ausgleichsschicht auf den Böden von Räumen unterschiedlicher Größe und Stockwerkslage. https://de.wikipedia.org/wiki/Estrich

  • Ja, das stimmt. Ich frage mich, wie der Begriff 'Estrich' in unserem Sprachgebrauch für Dachboden gekommen ist. Estrich als Unterlagsboden ist seit jeher bekannt, auch bei den Griechen und Römern mit ihren Mosaikböden, die ebenfalls in einen Estrich gelegt sind. Bei bauhistorischen Untersuchungen kann man aber oft feststellen, dass Dachböden bis ins 18. Jahrhundert oft mit Tonplattenböden belegt wurden. Insofern gab es also im Dachboden oben einen Estrich als Bodenbelag. In der Schweiz hört man oft als Synonym für Estrich 'd'Windi' (die Winde), also der Raum mit der Aufzugswinde.

  • Amtsdeutsch vor 500 Jahren:

    Es folgt nun ein Transkript des Spruchbriefs von 1523. Einige Wörter sind unsicher zu entschlüsseln und zur Kennzeichnung unterstrichen. Satzzeichen wurden nur spärlich verwendet und sind so belassen worden. Die Gross- und Kleinschreibung ist der heutigen Grammatik angepasst worden.

    Und... es ist Schriftdeutsch und kein Schweizerdeutsch :wink:

    [...] Ich hoffe, dass hier der Spruchbrief von 1523, der vom Neubau des Hauses handelt und die künftige Benutzung der gemeinsamen Haustrennwand mit dem Nachbar regelte, weitere Informationen enthält. Oft ist es eine Interpretationssache, ob von einem Neubau oder Umbau/Aufstockung gesprochen wird. [...]

    Turmgasse 6 Spruchbrief 1523 Ausschnitt


    Turmgasse 6 Spruchbrief 1523
    Spruchbrief von 1523, Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen.

    Zitat

    Wir Bürgermeister und Räte der Statt zu Sandt Gallen thund Kundt allermemgklich mit diesem Briefe, als sich denn etwas Spenn und Irrungen erhept und gehalten habend zwüschen den wirdigen from und ersamen Herren Ulrichen Gyrtanner Priester und Caplan Sandt Francisten Altars in unnser Pfarrkirchen zu Sandt Lorenzen hie zu Sandt Gallen an ainetn und Frow Madalena Kromin wylent dess ersamen und wysen Hannsen am Graben unsers Bürgers selige elich nachgelassner Wittwen und Petern Grafen unnserm Ratsfründ irem rechtgeordnetten Vogt am anndern Thaile. Da sich dann bemelter Herr Ulrich Girtanner beclagt wie die bemelt Frow am Graben ir Egghus hinder bemelter Sandt Lorenzen Pfarrkirchen nechst an seiner Pfrundhus gelegen nidergebrochen und damit im auch etlich Wand an seinem Pfrundhus dannen gethon und ain anders wider uffzeführen und dasselbig uff die gemainen Mur so zwischen iren Hüser ist zesezen wollen hett, da er nu achte das sy an dem und uff söllicher Mur gegen seinem Hus zeserr faren wolt das er uss Pflichten so er seiner Pfrund verbunden were, zugestatten oder nachzulassen nit Macht hette, sonder zubesorgen wo die Frow am Graben irem Anclag nach bis in das Thach hinuf faren wurd es gedachtem seinem Pfrundhus in den obern Gemachen noch mer Abbruch geperen und legt damit zünerlesen dar ainen alten pirmenten besigelten Briefs von den Inhabern obberürter irer baider Hüser ufgericht begerende by demselben und sins Hus Gerechtigkeit zebeliben und gehanthapt zewerden, dargegen aber die Frow am Graben sampt irem Vogt vermaint das sy annders nit zebuwen understanden denn sy nach Innhalt beriirts Briefs wol fug und Macht het söllicher Buw wurd auch Herr Ulrichs Pfrundhus dehain schaden sonnder Nutz bringen, als sy hoffte so der Buw ufgefüret wurd man söllichs erstechen mit Beger das man sy mit söllichem Buw fürfaren wölte lassen so das gesthech und der Buw volstreckt und denn besichtigt wölte sy erwarten was denn mit recht erkent wurd hieruf und nachdem sollicher buw volstreckt ist worden habend wir unsern Buwmaister sampt etlichen unsern Radtsfründen und den geordnetten zu den Buwen besthanden uff die Stöss zegen mit benelh die aigentlich zebesichtigen, auch baid Tail in irem Fürtrag auch Brief und annder Gwarsam was Not ist Feuerhören und darauf die Parthien söllichs Spans in unnserm Namen zeentscheiden das sy geton und uff Besichtigung des Spans verhörung obangezaigs Briefs und allen Fürtrag zu Recht erkennt habend das Herr Ulrich Girtanners Brief in Krefften beliben dargegen so sölle die Frow am Graben by der Wand wie sy die in nuw Sul gewandet hatt beliben doch das die Wand gemein sin also das Herr Ulrich ald wer sin Hus inhat in sölch Wand ouch nülten und naglen mögen nach ir Notturfft von der Frowen am Graben und wer ir Hus innhat ungesumpt und ungeirrt in all weg, des zu erkund habennd unnser Statt se.... Insigel doch uns gemain unnser Statt und Nachkomen unschedlich offen...ch lassen hemken an disen Brief der geben ist uff Donstag vor dem hailigen Pfingstag nach Cristi gepurt gezalt fünffzehenhundert zwanzig und drei Jar.

    Der Inhalt solcher Spruchbriefe und auch Urkunden ist oft nur schwer verständlich und mit vielen Floskeln 'garniert'. Dann ist Interpretation gefragt. Zuerst muss aber überprüft werden, ob sich der Spruchbrief überhaupt auf die heutigen Häuser Turmgasse 6 und Kugelgasse 17 bezieht.

    Der Spruchbrief ist wohl zusammen mit andern Briefen direkt von der Familie Schlatter ans Stadtarchiv übergegangen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass über Jahrhunderte hin in einer Familie ein Brief eines andern Hauses aufbewahrt worden wäre. Aufgrund der Namen und Ortsangaben darf man daher ausgehen, dass mit dem erwähnten Gebäude wirklich Turmgasse 6 gemeint ist. Hinter St. Laurenzen gibt es einzig die Kreuzung Turmgasse / Kugelgasse mit folgenden Eckhäusern:

    • Turmgasse 6
    • unter gleicher Nummer der Schulhaustrakt von 1965/66 anstelle des Vorgängerbaus Kugelgasse 17. Dieser wiederum ersetzte um 1870 im Norden das Pfrundhaus und im Süden eine Apothke. Das Pfrundhaus soll 1813 gemäss Spruchbrief von 1819 neugebaut worden sein. Das Pfrundhaus wird in mehreren Urkunden in nachbarrechtlichen Angelegenheiten erwähnt, weshalb seine Lage als gesichert gelten darf.
    • Kugelgasse 16, schon vor dem 1878/79 erfolgten Neubau von Spisergasse 12 mit seiner vorspringenden Ecke ein Eckhaus. Erst der Neubau von Spisergasse 12 machte Kugelgasse 16 zu einem wirklichen Eckhaus, weil damals die Kugelgasse, die bis dahin hier nur ein schmaler Personendurchgang war, verbreitert wurde und die alte Rückfassade von Spisergasse 12 entlang der Turmgasse weiter zurück stand. Eine Verwechslung des im Spruchbrief erwähnten Eckhauses mit Kugelgasse 16 kann ausgeschlossen werden, da dessen Besitzergeschichte weit zurück bekannt ist.


    Turmgasse 6 2026 1863Stadtplan 2026: Die doppelt gestrichelte Linie unterhalb der Ziffer '6' ist die Haustrennwand, von der im Spruchbrief die Rede ist. Grün sind die historische Baufluchten von Spisergasse 12 bis 1878. Stadtplan 1863: Nr. 780 ist Turmgasse 6, Nrn. 781 (Pfrundhaus) und 782 sind die um 1870 abgebrochenen Vorgängerbauten von Kugelgasse 17.

    Mich interessiert nun aber besonders, ob es sich bei der Streitsache von 1523 um einen Neubau oder eine Aufstockung gehandelt hatte. Den Inhalt des Briefs zusammengefasst und in verständlicheres Deutsch gebracht:

    "Der Bürgermeister und Rat der Stadt St. Gallen verkündet, dass sich einerseits zwischen Herr Ulrich Girtannner, Priester und Kaplan zu St. Laurenzen, und andererseits Magdalena Kromm, Witwe des Hans am Graben, verbeiständet durch unseren Ratsfreund Peter Graf, Streitigkeiten ergeben haben. Herr Girtanner beklagt sich, weil Frau am Graben ihr Eckhaus hinter der St. Laurenzen-Pfarrkirche, neben seinem Pfrundhaus, 'niedergebrochen' und etliche Wände entfernt hatte, und ein anderes wieder aufführen und auf die gemeinsame Mauer zwischen ihren Häusern setzen wollte. Er achte (oder beobachte) nur, dass sie an und auf dieser Mauer zu sehr(?) abstützen(?) wollte, und dass er aus Pflichten aus seiner Pfrund nicht die Macht habe, das zu gestatten, sondern besorgt sei, dass Frau am Graben bis ins Dach hinauffahren möchte und es dann in seinem Pfrundhaus noch mehr Abbrüche geben wird. Er legt einen Siegelbrief vor, der die Inhaber beider Häuser verpflichtet, die Rechte des einen und andern Hausbesitzer zu wahren und anzuwenden. Frau am Graben samt ihrem Vogt vermeint aber, dass es nicht anders geht. Der Bau würde dem Pfrundhaus nicht schaden, sondern Nutz bringen. Sie hoffe, man solle nach Fertigstellung und Besichtigung des Baus feststellen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Nach Vollendung des Baus besichtigte der Stadtbaumeister und weitere Ratsherren und Baubeigeordnete offenbar das Haus und stellten schliesslich einen Vertrag aus, dass Girtanners alter Brief in Kraft bleiben und die neue Wand beiden Hausbesitzern und ihren Nachfolgern gehören soll. Donnerstag vor Pfingsten 1523."

    (Das Pfingstwochenende steht ja gerade bevor, womit dieser Spruchbrief genau 503 Jahre alt wird. Ich habe jedoch noch keine verlässliche Datumsberechnung gefunden, aber es muss der 21. oder 24. Mai 1523 gewesen sein.)

    So ganz eindeutig klar ist der Inhalt immer noch nicht. Wichtig ist folgende Passage:
    'wie die bemelt Frow am Graben ir Egghus hinder bemelter Sandt Lorenzen Pfarrkirchen nechst an seiner Pfrundhus gelegen nidergebrochen und damit im auch etlich Wand an seinem Pfrundhus dannen gethon und ain anders wider uffzeführen und dasselbig uff die gemainen Mur so zwischen iren Hüser ist zesezen wollen hett'

    damit zwingend ein Neubau gemeint sein, oder könnte es sich auch um eine Aufstockung handeln, für welche vorgängig der alte Dachstuhl entfernt wurde? Weiter heisst es:

    'sonder zubesorgen wo die Frow am Graben irem Anclag nach bis in das Thach hinuf faren wurd es gedachtem seinem Pfrundhus in den obern Gemachen noch mer Abbruch geperen'

    Offenbar wollte sie den Neubau höher bauen lassen, was aber bei einer Aufstockung auch der Fall gewesen wäre, und Girtanner befürchtete noch weitere Abbrüche. Auch nach mehrmaligem Lesen des Spruchbriefs wird nicht klar, ob von einem Neubau oder einer Aufstockung geschrieben wird, obwohl der Wortlaut eher auf Ersteres hinweist. Insofern ist es also verständlich, dass Salomon Schlatter aus diesem Spruchbrief ableitete, dass das Haus 1523 neu gebaut wurde und spätere Autoren diese Meinung übernahmen.

    Wenn man aber Kenntnisse über andere Spruchbriefe, Bauprotokolle etc. und vor allem über deren Formulierungen hat, liegt eine Aufstockung anstelle eines Neubaus immer noch im Raum. Gerade beim kompletten Ersatz von bestehenden Bauten, was bis vor 150 Jahren eher die Ausnahme war, ist im Allgemeinen die Formulierung 'von Grund auf'üblich, was bei Turmgasse 6 nicht der Fall ist.

    Jedenfalls bleibt es spannend, bis eine allfällige Dendrodatierung von Turmgasse 6 Klarheit über die Baugeschichte geben wird. Vorläufig sind aber keine Umbauabsichten bekannt, bei der das Balkenwerk für Probenentnahmen freigelegt wird, aber ich hoffe, dass Turmgasse 6 nicht ewig als Dependance für ein Schulhaus herhalten muss.

  • Zum Abschluss folgt eine Bilderreihe, welche das Haus im Zustand seit seiner Entstehung bis heute zeigt:


    1. Hälfte 15. Jahrhundert:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Nordfassade Westfassade 15.Jh
    Rekonstruktionsversuch bei einem hypothetischen Kernbau aus dem 15. Jahrhundert für die Nord- und Westfassade.

    So etwa hätte das Haus ausgesehen, wenn die unteren drei Geschosse effektiv älter als 1523 wären. Aufgrund des doppelten Rähms (hier verdeckt durch die ausladende Dachtraufe) gehe ich von einer Bauzeit in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus, als die Dächer normalerweise einen Neigungswinkel von 25 - 30 Grad aufwiesen und mit Brettschindeln gedeckt waren. Der letzte Stadtbrand vom 20. April 1418 und das häufige Aufkommen von steileren Dächern mit 40 - 45 Grad Neigungswinkel ab 1450 mit gleichzeitigem Verschwinden der doppelten Rähme grenzen den Zeitraum ein. Ein um 90 Grad gedrehtes Satteldach, wie man es bei diesem Bautyp eher erwarten würde, kann ausgeschlossen werden. Der doppelte Rähm dient als Auflager für die Rafen und zeigt somit die Traufseite an.


    1523:

    Turmgasse 6 Rekonstruktion 1 Nordfassade Westfassade
    1. Rekonstruktionsversuch für die Nord- und Westfassade im Zustand von 1523.

    Aus allen bisher beschriebenen Details resultiert nun dieser Rekonstruktionsversuch für beide Fassaden im Zustand von 1523. Für die genaue Fensteranordnung gibt es im jetzigen Zustand keine Hinweise, aber sie wurden aus analogen Fachwerkbauten in der Stadt übernommen. Insbesondere in der linken Hälfte der ersten beiden Obergeschosse sind die Einzel- und Zwillingsfenster nur eine Annahme und können variieren. Jedenfalls stammt die heutige axiale Fensteranordnung mit hochformatigen Einzelfenstern, welche die originalen Brustriegel durchschneiden, erst aus dem 19. Jahrhundert.


    1800 bis 1899:

    Spisergasse Turmgasse Brunnen 1886 Rietmann KB VSRG 73554 Ausschnitt
    Turmgasse 6 in einem Ausschnitt aus einer Fotografie von 1886. Foto O. Rietmann, Kantonsbibliothek St. Gallen.

    Turmgasse 6 west
    Turmgasse 6. Bild auf einer Reklamepostkarte von 1900, Sammlung Riegel.

    Die Fassaden waren 1886 noch nicht verputzt, sondern geschlämmt, wodurch das Fachwerk in seiner Struktur sichtbar blieb. Die Fensteröffnungen aus dem 19. Jahrhundert zerschnitten die originalen Brustriegel. Der Halbwalm wurde um 1870 beim Neubau des Nachbarhauses abgeändert.


    1900 bis 1965:

    Ak Turmgasse 6 Zumbühl
    Turmgasse 6 im Zustand von 1900 bis 1965. Ansichtskarte um 1940/50, Fotograf A. Zumbühl, Sammlung Riegel.

    Der Umbau von 1899/1900 gab den bis dahin immer noch spätmittelalterlich anmutenden Fassaden ein historistisches Erscheinungsbild, wobei die Balken mit Brettern aufgedoppelt und das Balkenbild stellenweise verändert und vereinheitlicht wurde. Das Erdgeschoss erfuhr eine weitgehende Erneuerung samt Tieferlegung des Bodens.


    Ab 1966 bis heute:

    turmgasse 6 30.09.2016 2007


    turmgasse 6 27.08.2025 4698

    Beim Umbau von 1965/66 wurde das Haus 'Hinterm Turm' zum Annexbau des benachbarten Schulhausneubaus degradiert, nachdem es während rund 500 Jahren als Wohnhaus gedient hatte. Die Zusammenlegung beider Bauten und der Einbau eines Treppenhauses führten vor allem im mittleren Bereich zu einem grossen Substanzverlust.

    Die Fassaden erfuhren teilweise Vereinfachungen, die ihren historistischen Ausdruck ein bisschen abmilderten. Insbesondere am 3. Obergeschoss wurden dafür die beiden Reihenfenster der Bohlenstuben rekonstruiert. Die gegenüber den Balken zurückliegenden Putzflächen wurden balkenbündig neu verputzt, sodass das Fachwerk seither beinahe wie eine Tapete wirkt.


    Ich möchte damit die baugeschichtliche Betrachtung von Turmgasse 6 abschliessen. Auch wenn die Baugeschichte nicht so interessant ist wie jene anderer Bauten in der Altstadt (Schwertgasse 23 beispielsweise birgt fünfzehn Bauetappen!), so ist dieses Haus für die Bauforschung wichtig, da es viele interessante, teilweise noch unveränderte Bauteile innerhalb eines Objekts birgt: Wandständerkonstruktion, Auskragungen, Bohlenstuben, Halbwalmdach, Pultdach, Aufzugsgiebel. Auch das hohe Alter und die reichhaltige Dokumentation - auch wenn verstreut - zeichnen Turmgasse 6 als Forschungsobjekt besonders heraus.